Akademischer Boykott: Unterstützung für Paris VI
von Tanya Reinhart
04.02.2003 — ZNet
Die Autorin, Tanya Reinhart, ist Linguistik-Professorin an der Universität Tel Aviv. Sie gehört zu den israelischen Unterzeichnern der britischen Boykott-Petition (siehe unten). Reinhart ist Autorin von: „Detruire La Palestine - ou comment terminer la guerre de 1948', erschienen bei La Fabrique, 2002; „Israel/Palestine - How to end the war of 1948', erschienen bei Seven Stories, NY 2002.* In Frankreich u. England kam es erstmalig im April 2002 - im Anschluss an Israels Dschenin-„Operation“- zu Initiativen für einen institutionellen „akademischen Boykott“ israelischer Universitäten. In der britischen Petition wurde zum Einfrieren der EU-Verträge mit israelischen Universitäten aufgerufen - solange Israel die derzeitige Politik aufrechterhalte. Was Frankreich anbelangt: Dort entwickelte sich aus dem ursprünglich isolierten Aufruf einiger besorgter Akademiker eine formale Uni-Resolution. Das Administrativ-Konzil (Verwaltungsrat) der renommierten Marie-Curie-Universität - Paris VI - brachte in seiner Sitzung vom 16. Dezember 2002 folgende Resolution heraus:
“Die israelische Okkupation von Gebieten der Westbank u. Gazas macht es unseren palästinensischen Kollegen im Bereich der höheren Bildung unmöglich, ihrer Lehr- u. Forschungstätigkeit nachzugehen: Die Neuauflage des „European Union-Israel Association Agreement“, sonderlich im Bereich Forschung (siehe Sechstes Rahmenprogramm „Community“ RTD), würde eine Form der Unterstützung für die gegenwärtigen politischen Strategien des Staats Israel darstellen. Somit käme diese Neuauflage einem Verstoß gegen Artikel 2 des Abkommens gleich (der das Verhältnis zwischen den Parteien sowie sämtliche Vereinbarungen des Abkommens regelt, die auf der Einhaltung der Menschenrechte u. demokratischer Prinzipien als Leitlinie der Innen- u. Außenpolitik basieren - ein Schlüsselbereich des Abkommens).“ (Pressestelle der Paris VI Universität).
Die Entscheidung löste in Frankreich wahre Prosteststürme aus. Mehrere Organisationen, angefangen von der Jüdischen Lobby bis hin zu konservativen Parteien, griffen zum Standard-Repertoire der Antisemitismus-Bezichtigung. “Mehrere hundert Demonstranten, darunter die Philosophen Bernard Henri-Lèvy u. Alain Finkielkraut - Letzterer ein führender Pariser Politiker - Rechtsanwalt u. Nazijäger Arno Klarsfeld sowie Roger Cukier, Präsident der jüdischen Dachorganisation CRIF, schwenkten Fahnen u. skandierten Slogans vor dem Eingang zum Campus“ (Guardian, vom 07. Jan. 2003).
Offizielle Regierungsstellen drohten der Universität mit Budgetkürzungen u. weiteren möglichen Konsequenzen, sollte sie ihre Entscheidung aufrechterhalten. Unter diesem Druck fand Anfang dieser Woche eine erneute Sitzung statt, auf der zum zweitenmal über die Resolution diskutiert wurde. Aber Paris VI hielt dem Druck stand. In der Vorstandssitzung vom Montag (27. Jan. 2003) bestätigte die Universität ihre vorangegangene Resolution - mit überwältigender Mehrheit. Inzwischen haben zwei weitere französische Universitäten vergleichbare Resolutionen verabschiedet - die eine in Grenoble, die andere in Montpellier. Hier meine eigene Unterstützungsbotschaft, die ich an Le Monde gesandt habe:
Ich bin eine israelische Akademikerin, daher fällt es mir heute gewiss nicht leicht, einen Boykottaufruf gegen akademische Institutionen in Israel zu unterstützen. Die israelischen Universitäten zahlen ebenso wie die andern Segmente unserer israelischen Gesellschaft den Preis für Israels Krieg gegen die Palästinenser - durch massive Budgetkürzungen u. sich verschlechternde Forschungsbedingungen. Eine Einfrierung der EU-Gelder würde zweifellos zur Verschlimmerung dieser Situation führen. Ich begreife daher durchaus, dass der israelische Akademiebetrieb gegen jeden dieser Boykott-Versuche sofort seine Truppen in Stellung bringt. Es ist begreiflich, gerechtfertigt ist es nicht. Die meisten israelischen Gelehrten - ebenso wie ihre französischen Kollegen - unterstützten damals den Boykott gegen das Apartheidsregime in Südafrika. Der Boykott trug zum Ende der Apartheid bei. Was bedeutet: grundsätzlich betrachten die israelischen Akademiker „Boykott“ sehr wohl als legitimes Mittel einer internationalen Gemeinschaft zur Herbeiführung eines Wandels - im Falle gravierender Verstöße gegen moralische u. zivile Prinzipien nämlich. Die Frage ist nur, ob der Vergleich zwischen Israel u. dem südafrikanischen Apartheidsregime korrekt ist.
Meiner Ansicht nach hat Israel schon lange vor seinen momentanen Gräueltaten die südafrikanische Apartheid als Modell betrachtet. Während man geblendet war durch den Osloer “Friedensprozess“, hatte Israel die Palästinenser der „besetzten Gebiete“ in immer kleinere u. voneinander isolierte Enklaven abgedrängt: eine direkte Kopie des Bantustan-Modells. Aber was Südafrika damals nicht schaffte, Israel erreicht es nach wie vor, nämlich, seine politische Taktik als großen Friedenskompromiss zu verkaufen. Unterstützt durch Bataillone kooperierender Intellektueller des sogenannten „Friedenslagers“, war es Israel möglich, der Welt weiszumachen, ein Palästinenserstaat ohne Landreserven, ohne Wasser, ohne den Hauch einer Chance auf wirtschaftliche Unabhängigkeit, ein Staat, bestehend aus isolierten, umzäunten Gettos, mit (jüdischen) Siedlungen, Umgehungsstraßen u. israelischen Armeeposten, könnte existieren - ein virtueller Staat, der lediglich einem Zweck dient: Separation (gleich: Apartheid). Was Israel sich allerdings jetzt unter Scharon leistet, stellt die Verbrechen des weißen südafrikanischen Regimes noch weit in den Schatten. Das Ganze hat inzwischen die Form von systematischen „ethnischen Säuberungen“ angenommen - was Südafrika nie versucht hat. Seit April letzten Jahres (seit der „Operation“ in Dschenin) erleben wir unsichtbare Tötungen auf alltäglicher Basis: Man enthält den Verletzten u. Kranken notwendige medizische Hilfe vor, die Schwachen sind unter den Bedingungen der neuen Armut ihrer Überlebenschancen beraubt, u. viele Palästinenser stehen am Rand des Hungertods. Die USA unterstützen Israel, u. die europäsischen Regierungen hüllen sich in Schweigen. Daher ist es das moralische Recht, ja die moralische Pflicht, der Menschen dieser Welt, zu tun, was immer sie aus eigener Anstrengung vermögen, um Israel zu stoppen u. die Palästinenser zu retten. Ein Boykott der israelischen Wirtschaft, israelischer Institutionen sowie der israelischen Gesellschaft ist bereits in vollem Gange, u. die Sache wächst weiter: Konsumentenboykotte, Tourismusboykotte, Kulturboykotte, Divestment-Bewegungen an US-Universitäten. Erinnern wir uns an Südafrika; dort stellte der akademische Boykott zwar nur eine (spezifische) Form des Boykotts dar - aber eine sehr aufsehenerrende. Die dieser Debatte hier zugrundeliegende Frage aber lautet: Gibt es etwas, was den israelischen Akademiebetrieb derart auszeichnet, dass man ihn von dem jetzigen General-Boykott ausnehmen sollte - etwas, was ihn massiv vom weißen Akademiebetrieb in Apartheid-Südafrika damals unterscheidet?
Der universitäre Geist - in traditionellem Sinne - verlangt Intellektuellen Verantwortlichkeit ab, u. dazu zählt eben auch das schützende Eintreten für moralische Prinzipien. Es wäre ein Argument dafür, den israelischen Akademiebetrieb von einem Boykott auszunehmen, könnten israelische Institutionen nachweisen, sie hätten sich in diesem Sinne starkgemacht. Aber dieser Nachweis wird ihnen nicht gelingen. Nie ist es vorgekommen, dass der Senat irgendeiner israelischen Universität eine Resolution verabschiedet hat, die sich beispielsweise gegen die ständigen Schließungen palästinensischer Universitäten wandte, ganz zu schweigen von Protesten gegen Verwüstungen während der jüngsten Aufstände. Es ist ja noch nicht mal so, dass es Initiativen in diese Richtung gibt - die nur leider keine Mehrheit finden. Es existiert keine einzige Initiative in diese Richtung - nicht im gesamten israelischen Akademiebetrieb. Selbst die Schließung der Al-Quds-Universität in Jerusalem im letzten Juli hat niemanden im israelischen Akademiebetrieb sonderlich interessiert. Ein Akademiebetrieb jedoch, der sich selbst in Extremsituationen - in denen Menschenrechte sowie moralische Prinzipien extrem verletzt werden -, weigert, Kritik zu üben u. Stellung zu beziehen, kollaboriert mit dem System der Unterdrückung.
Andererseits existieren innerhalb des israelischen Akademiebetriebs - individuell gesehen - durchaus immer wieder Cluster des Widerstands u. der Opposition - so wie in der übrigen israelischen Gesellschaft eben auch. Fast 400 israelische Akademiker (von insgesamt mehreren zehntausend) unterzeichneten beispielsweise eine Petition zur Unterstützung von Wehrdienstverweigerern aus Gewissensgründen. Aber hier geht es nicht um die Haltung Einzelner. Schließlich richtet sich der Boykott ja auch nur gegen Institutionen (ich wende mich gegen den Boykott Einzelner - dass man beispielsweise im Ausland nicht mehr mit einzelnen israelischen Gelehrten zusammenarbeiten will). Was den israelischen Akademiebetrieb aber als Ganzes betrifft, so ist dieser keineswegs besser als der des damaligen weißen Südafrika. Hier wie dort gab bzw. gibt es immer wieder Dissidenten. Es gibt Zeiten, wo es geradezu Markenzeichen des/der Intellektuellen ist, sich für Dissens zu entscheiden. Nichtsdestotrotz: diese Dissidenten repräsentieren keineswegs unseren Akademiebetrieb. Ihren Dissens verdanken sie nicht dem Mainstream-Akademiebetrieb - sie haben ihn dem Mainstream-Akademiebetrieb vielmehr abgetrotzt. Einige - echte - Dissidenten an israelischen Universitäten durchleiden konstante Schikanen vonseiten ihrer Universitätsleitung - offen oder hinter den Kulissen.
Will man zusätzliche Beweise, wie weltfremd der israelische Akademiebetrieb inzwischen ist, wie weit weg von unserer Apartheid-Realität, dann braucht man sich nur die Gegenargumente der israelischen Gegner des Boykotts anzuhören. Nehmen wir nur mal den Jerusalemer Professor Idan Segev. Er ruft die Intellektuellen, die gegen die Okkupation sind, dazu auf, mitzuhelfen “einen offenen Dialog zwischen israelischen u. palästinensischen Universitäten einzurichten“. Statt uns zu boykottieren, so Segev, sollte uns die EU lieber “helfen, einen internationalen Wissenschaftskongress in einer der Westbank-Universitäten zu organisieren“ (Liberation, 07. Jan. 2003). Obgleich der Campus seiner Jerusalemer Universität nur 15 Fahrminuten vom Gefängnis Westbank entfernt liegt, so scheint es mir, hat Prof. Segev nicht die geringste Ahnung, was in diesem Zuchthaus vor sich geht. Ihm scheint entgangen zu sein, dass der palästinensiche Akademiebetrieb sogut wie zum Erliegen gekommen ist, dass die Dörfer u. Städte abgeriegelt u. isoliert sind u. dass dort die meiste Zeit Ausgangssperre herrscht. Ja glaubt er denn ernsthaft, in dieser ländlichen Abgeschiedenheit könnte soetwas wie eine Wissenschaftskonferenz stattfinden, die zum Dialog führt? Ich sage, der erste Schritt in Richtung Dialog ist der Rückzug der israelischen Panzer von den Eingängen der palästinensischen Universitäten.
Anmerkung d. Übersetzerin
*Auf Deutsch ist aktuell (2002) Tanya Reinharts Buch „“Operation Dornenfeld“. Die israelische Strategie zur Zerschlagung Palästinas“ erschienen.
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