Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Am Schauplatz des Verbrechens - Kriegsverbrechen im Irak
Artikelaktionen

Am Schauplatz des Verbrechens - Kriegsverbrechen im Irak

von Noam Chomsky

04.04.2006 — ZNet

— abgelegt unter:
Als Berater des Weißen Hauses leitete Alberto Gonzales 2002 ein Memorandum der Abteilung für Rechtsfragen des Justizministeriums (OLC, Office of Legal Counsel) an Bush weiter. Der Verfassungsforscher Sanford Levinson bemerkte: "Gemäß dem OLC 'müssen Handlungen von einer extremen Art sein, um als Folter zu gelten [...]. Die physischen Schmerzen bei Folter müssen genauso intensiv sein wie der Schmerz bei einer ernsten physischen Verletzung, wie einem Organversagen, einer Einschränkung des Funktionierens des Körpers, oder sogar dem Versterben'". Levinson zitiert weiters Jay Bybee den Vorstand des OLC: "Die Zufügung von Schmerzen, die nicht so extrem sind, wäre, technisch gesprochen, überhaupt keine Folter. Es wäre lediglich unmenschliches und erniedrigendes Verhalten, ein Thema, dem die Juristen der Bush-Regierung offenbar keinen hohen Stellenwert zuordnen."

Gonzales riet Präsident Bush darüberhinaus, die Genfer Konventionen de facto außer kraft zu setzen, obwohl diese "oberstes Gesetz des Landes" und das Fundament für das heutige internationale Recht sind; denn laut Gonzales enthalten sie Paragraphen, welche "altertümlich" und "obsolet" sind. Die Konventionen außer Kraft zu setzen würde, so informierte er Bush, "die Gefahr von inländischen Kriminalverfahren im Rahmen des Kriegsverbrechergesetzes reduzieren." Dieses wurde 1996 erlassen und sieht schwere Strafen für "gravierende Verletzungen" der Konventionen vor: die Todesstrafe, "falls das Opfer [des Konventionsbruchs] starb". Gonzales wurde später zum Justizminister ernannt und würde wohl für den Obersten Gerichtshof nominiert werden, wenn die Wählerschaft Bushs ihn nicht für "zu liberal" halten würde.

Wie man eine Stadt zerstört um sie zu retten

Gonazales' rechtlicher Ratschlag zum Schutze Bushs vor der Gefahr eines Kriminalverfahrens unter dem Kriegsverbrechergesetzes hat sich schon wenig später als berechtigt erwiesen, in einem Fall der noch viel beachtlicher als die Folterskandale war. Im November 2004 starteten Besatzungstruppen der USA ihren zweiten großen Angriff auf Falludscha. Die Presse berichtete sofort über schwere Kriegsverbrechen, und befürwortete diese. Der Angriff begann mit einer Bombardierung welche alle BewohnerInnen außer den männlichen Erwachsenen aus der Stadt verjagen sollte; Männer zwischen fünfzehn und fünfundvierzig welche aus Falluja fliehen wollten, wurden zurückgedrängt. Die Pläne ähnelten der ersten Phase des Srebrenica-Massakers, aber die serbischen Angreifer fuhren Frauen und Kinder mit Lastwägen aus der Stadt heraus, anstatt sie herauszubombardieren. Während die vorläufige Bombardierung stattfand berichtete die Irakische Journalistin Nermeen al-Mufti aus "der Stadt der Minarette, [welche] einst den Euphrat in seiner Schönheit und Ruhe widerspiegelte; reich an Wasser und üppigen Grünflächen [...] ein Sommererholungsort für Irakis, [wo Menschen] zur Entspannung hinkamen, um im nahen Habbaniya-See zu schwimmen, um ein Kebab zu essen." Sie beschrieb das Schicksal der Opfer des Bombenangriffs, in welchem oft ganze Familien, samt schwangerer Frauen und Babies, getötet wurden, da diese nicht fliehen konnten, und weil die Angreifer, die ihnen befohlen hatten zu fliehen, die Stadt eingezäunt und die Straßen hinaus abgespert hatten.

Al Mufti fragte BewohnerInnen, ob es in Falludscha ausländische Kämpfer gegeben hat. Ein Mann sagte, daß "er gehöhrt hätte, daß arabische Kämpfer in der Stadt seien, aber er hätte nie welche gesehen." Dann hätte er gehört, daß diese weggegangen wären. "Unabhängig von den Motiven dieser Kämpfer haben sie einen Vorwand für die Abschlachtung der Stadt geboten, und wir haben das Recht uns zu wehren." Ein anderer sagte: "einige Arabische Brüder waren bei uns, aber als die Bombardierungen intensiver wurden, baten wir sie zu verschwinden, und das taten sie", und dann fragte dieser: "Warum hat Amerika sich selbst das Recht gegeben, Großbritannien und Australien und andere Armeen um Unterstützung zu bitten, während wir selbst dieses Recht [das Auslandum um Hilfe zu rufen] nicht haben?"

Es wäre interessant zu fragen, wie oft diese Frage in westlichen Kommentaren und Berichten gestellt worden ist; oder wie oft die analoge Frage in den 80ern in der Sowjetischen Presse über Afghanistan gestellt worden ist. Wie oft ist für die einfallenden Armeen ein Ausdruck wie "ausländische Kämpfer" benutzt worden? Wie oft hat sich der Kommentar von der Annahme entfernt, daß die einzig vorstellbare Frage ist, wie gut "unsere Seite" sich macht, und was die Aussichten für "unseren Erfolg" sind? Es ist kaum nötig dem nachzuforschen. Die Annahmen sind in Stein gemeiselt. Selbst sie zur Diskussion zu stellen wäre undenkbar, ein Beweis für "die Unterstützung des Terrors" oder ein Fall dafür, daß jemand "für alle Probleme der Welt Amerika/Russland verantwortlich macht", oder ein ähnlicher Refrain.

Nach mehreren Wochen Bombardierung begannen die Vereinigten Staaten ihren Sturm auf Falludscha. Dieser begann mit der Eroberung des allgemeinen Krankenhauses von Falludscha. Die Titelstory der New York Times berichtete, daß "Patienten und die dort arbeitenden von Soldaten aus den Räumen gejagt und gezwungen wurden, sich auf den Boden zu legen, wo die Soldaten dann ihre Hände hinter am Rücken verbanden." Ein Photo daneben präsentierte die Szene. Das wurde als lobenswerter Sieg präsentiert. "Die Offensive schloß auch, was Offiziere als Propagandawaffe für die Militanten bezeichneten: Das allgemeine Krankenhaus Falludschas, mit dessen fortlaufenden Berichten über zivile Opfer." Natürlich ist so eine Propagandawaffe ein legitimes Ziel, besonders wenn "übertriebene Zahlen von zivilen Opfern" - übertrieben, da unser Führer sie so nannte - "die öffentliche Meinung im ganzen Land aufheizen, und somit die politischen Kosten des Konflikts erhöhen." Das Wort "Konflikt" ist ein üblicher Euphemismus für US-Aggression, so wie wenn wir auf den gleichen Seiten lesen, daß "Amerika nun Ingenieure [ins Land] schickt, die wiederaufbauen werden, was der Konflikt gerade zerstört hat" - nur ein Konflikt, ohne irgendeinen Handelnden, wie ein Hurricane.

Einige hierzu relevante Dokumente werden dabei nicht erwähnt, vielleicht weil sie als altmodisch und obsolet betrachtet werden: zum Beispiel jener Paragraph der Genfer Konventionen, welcher besagt, "stehende Sanitätsanstalten und bewegliche Sanitätsformationen des Sanitätsdienstes dürfen unter keinen Umständen angegriffen werden, sondern sind von den am Konflikt beteiligten Parteien jederzeit zu schonen und zu schützen." Somit berichtete die Titelseite der wichtigsten Zeitung der Welt vergnügt über Kriegsverbrechen, für welche die politische Führerschaft im Lande nach US-Recht zu schweren Strafen verurteilt werden kann, zur Todesstrafe, falls ein Patient der von seinem Bett gerissen und auf dem Flur gefesselt wird in folgedessen stirbt. Diese Fragen wurden nicht für wert erachtet, ihnen nachzugehen oder sie auch nur aufzuwerfen. Die gleichen Mainstreamquellen berichteten, daß das US-Militär "beinahe all seine Ziele mit gutem Vorsprung zum Zeitplan erreicht hat", als "ein Großteil der Stadt aus rauchenden Ruinen bestand". Aber es war kein vollständiger Sieg. Es gab wenig Hinweise auf Tote "Ratten" in ihren "Höhlen" oder auf den Straßen, "ein anhaltendes Mysterium". US-Kräfte fanden aber "den Körber einer Frau auf einer Straße in Falludscha, aber es war unklar, ob sie eine Irakerin oder eine Ausländerin war". Das war offenbar die entscheidende Frage.

Eine weitere Titelstory zitiert einen hohen Marine-Kommandeur, welcher sagte, daß der Angriff auf Falludscha "in die Geschichtsbücher eingehen sollte". Vielleicht sollte er das. Wenn dem so ist, dann werden wir wissen, auf welcher Seite der Geschichte er seinen Platz finden wird. Vielleicht wird Falludscha gerade neben Grosny (der zerstörten Hauptstadt Tschetscheniens) erscheinen, einer Stadt von etwa der selben Größe, und darüber ein Bild von Bush und Putin, wie sie einander ins Gewissen sehen. Jene welche [den Angriff] loben oder auch nur tolerieren, können ihre eigene Lieblingsseite der Geschichte aussuchen.

Ein ausgebrannter Überrest eines Landes

Die Medienberichte des Angriffes waren nicht einheitlich. Das in Katar ansässige Al-Jazeera, der wichtigste Nachrichtensender im arabischen Raum, wurde von hohen US-Beamten dafür kritisiert, während der Zerstörung Falludschas "zivile Opfer betont" zu haben. Das Problem mit unabhängigen Medien wurde später gelöst, indem der Sender, ihm Rahmen der Vorbereitungen für freie Wahlen, aus dem Irak gejagt wurde.

Wenn wir über den US-Mainstream hinausblicken, erfahren wir auch, daß "Dr. Sami al-Jumaili erzählte, wie es war, als US-Militärmaschinen das zentrale Gesundheitszentrum bombardierten, in dem er arbeitete", wobei fünfunddreißig Patienten und vierundzwanzig Behandelnde getötet wurden. Sein Bericht ist von einem irakischen Reporter für Reuters und den BBC bestätigt worden; und auch von Dr. Eiman al-Ani vom allgemeinen Krankenhas von Falludscha, welcher sagte, daß das Gesundheitszentrum, das er kurz nach dem Angriff aufsuchte, auf die Patienten gestürzt sei. Die angreifenden Kräfte sagten, daß der Bericht "unbelegt" ist. In einer weiteren groben Verletzung internationalen humanitären Rechts, oder einfach elementarer Anständigkeit, verweigerte das US-Militär dem irakischen Roten Halbmond den Zugang zu Falludscha. Sir Nigel Young, operatver Chef des Britischen Roten Kreuzes, verurteilte das Vorgehen als "äußert bedeutsam". Das setzt "einen gefährlichen Präzedenzfall", sagte er: "Der Rote Halbmond hatte ein Mandat die Nöte der örtlichen Bevölkerung zu mildern, die sich in einer großen Krise befand". Vielleicht war dieses zusätzliche Verbrechen ein Grund für die ungewöhnliche öffentliche Verurteilung aller Parteien im Irakkrieg für ihre "äußerste Verachtung der Menschlichkeit".

In dem, was der erste Bericht über Falludscha, nachdem die Operation geendet hatte, zu sein scheint, berichtet der irakische Arzt Ali Fadhil, wie er es "vollkommen zerstört" fand. Die moderne Stadt sehe nun "wie eine Geisterstadt aus". Fadhil sah wenige Leichen von irakischen Kämpfern auf den Straßen; diese sind, bevor der Angriff begann, angewiesen worden die Stadt zu verlassen. Ärzte berichteten, daß das gesamte medizinische Personal im größten Krankenhaus eingesperrt worden war, bevor der US-Angriff begann; "gefesselt", gemäß US-Befehlen. "Niemand konnte ins Krankenhaus und Menschen verbluteten in der Stadt." Die Haltung der Invasoren wurde durch eine Botschaft welche mit Lippenstift auf einen Spiegel in einem verwüsteten Haus geschrieben worden war zusammengefasst: "Fuck Iraq and every Iraqi in it." Einige der schlimmsten Verbrechen wurden von Mitgliedern der irakischen Nationalgarde begangen, welche von den Invasoren benutzt wurde, um Häuser zu durchsuchen, diese setzt sich hauptsächlich aus "armen Schiiten aus dem Süden [zusammen ... die] arbeitslos und verzweifelt [sind]", und die wahrscheinlich "einen Bürgerkrieg anfacheln".

Eingebettete Reporter welche einige Wochen später ankamen fanden ein Rinsal an Menschen "nach Falludscha zurückkehren", wo sie "eine desolate Welt von eingestürzten Bauten, zerbombten Häusern, herabhängenden Stromleitungen und gebrochenen Palmen [sahen]". Die ruinierte Stadt von 250.000 Menschen war nun "ohne Elektrizität, fließendem Wasser, Schulen und Handel", unter einer strikten Ausgagngssperre, und von den Invasoren, welche sie, und jene ortsansässigen Kräfte, welche sie zusammengefunden hatte, gerade zerstört hatten, "ohne Versuch dies zu beschönigen, besetzt". Die wenigen Flüchtlinge, die es wagten unter der dichten militärischen Überwachung zurückzukehren, fanden "Seen von Abwässern auf den Straßen. Den Geruch von Leichen aus abgebrannten Häusern. Kein Wasser oder Elektrizität. Lange Wartezeiten und gründliche Durchsuchungen durch US-Truppen bei Checkpoints. Sie wurden gewarnt sich vor Landminen und Sprengfallen in acht zu nehmen. Gelegentliche Schußwechsel zwischen Truppen und Aufständischen."

Ein halbes Jahr später fand der wahrscheinlich erste Besuch eines internationalen Beobachters statt, von Joe Carr, vom Christian Peacemakers Team in Baghdad, der zuvor Erfahrungen in von Israel besetzten Palästinensischen Gebieten gemacht hatte. Als er am 28. Mai ankam, fand er schmerzliche Ähnlichkeiten: viele Stunden Wartezeit vor den wenigen Zugangspunkten, mehr zur Belästigung als für die Sicherheit; regelmäßige Zerstörungen von Produkten, in den zerstörten Resten einer Stadt, wo "die Preise für Nahrungsmittel wegen den Checkpoints dramatisch gestiegen sind"; Die Blockierung von Ambulanzen, welche Menschen für medizinische Behandlung transportieren; und andere Formen willkürlicher Brutalität, wie man sie aus der israelischen Presse kennt. Die Ruinen von Falludscha, schrieb er, sind noch schlimmer als jene von Rafha im Gaza Streifen, welches vom US-unterstützten israelischen Terror so gut wie zerstört wurde. Die Vereinigten Staaten "haben ganze Nachbarschaften dem Erdboden gleichgemacht und beinahe jedes dritte Gebäude ist zerstört oder beschädigt." Nur ein Spital in dem Patienten versorgt werden konnten hatte den Angriff überlebt, aber der Zugang wurde von den Besatzungskräften erschwert, was zu vielen Toten in Falludscha und umliegenden ländlichen Gebieten geführt hat. Er sah wie zwei dutzend Menschen im "ausgebrannten Überrest eines Hauses" lebten. Nur etwa ein Viertel der Familien, deren Häuser zerstört worden waren, bekam irgendeine Entschädigung, üblicherweise weniger als die Hälfte der Kosten für die Materialien die man bräuchte, um sie wiederaufzubauen.

Der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, hat die Truppen der USA und Großbritanniens im Irak beschuldigt, internationales Recht zu brechen, indem [sie] Zivilisten in besetzten Städten Nahrung und Wasser versagen, während sie versuchen Militante aus der Stadt zu jagen". In Falludscha und anderen Städten, welche in den folgenden Monaten von US-geführten Militärkräften angegriffen wurden, "schnitten [jene] den Zugang zu Nahrung und Wasser ab, um die Bewohner dazu zu bringen, vor dem Beginn der Angriffe zu fliehen", informierte er die internationale Presse, womit die USA "Hunger und Wasserentzug als Waffe gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt hat, [in] flagranter Verletzung" der Genfer Konventionen. Der Öffentlichkeit in den USA wurde die Nachricht erspart.

Auch abgesehen von solchen großen Kriegsverbrechen wie dem Angriff auf Falludscha gibt es genug Beweise um die Schlußfolgerung eines Professors für strategische Studien beim Naval War College zu stützen, daß das Jahr 2004 "für einen unglücklichen Irak ein äußerst furchtbares und brutales war". Der Hass auf die Vereinigten Staaten, führte er fort, ist in einem seit Jahren von Sanktionen bedrückten Land nun ungezügelt, Sanktionen, welche bereits zur "Zerstörung der irakischen Mittelschicht, dem Kollaps des säkularen Erziehungswesens und dem Wachstum von Analphebetismus, Verzweiflung und Anomie geführt haben, [was] ein Irakisches religiöses Revival [unter] einer großen Zahl von Irakis begünstigte, welche in der Religion Hilfe suchen." Grundlegende Einrichtungen verschlechterten sich noch mehr als unter den Sanktionen. "Spitälern mangelt es immer wieder an den einfachsten Medikamenten [...] die Einrichtungen sind in einem furchtbaren Zustand, [und] eine Vielzahl von SpezialistInnen und erfahrenen ÄrztInnen verlässt das Land, weil sie fürchten, Ziele der Gewalt zu werden, oder weil sie genug von ihren substandard-Arbeitsbedingungen haben."

Inzwischen "ist die Rolle der Religion im politischen Leben des Iraks immer wichtiger geworden, seitdem die US-Militärs Mr. Hussein im Jahr 2003 gestürzt haben", berichtet das Wall Street Journal. Seit der Invasion "wurde nicht eine politische Entscheidung" ohne die "stillschweigende oder ausdrückliche Zustimmung von Großayatollah Ali al-Sistani" getroffen, sagen Regierungsbeamte, während der "früher weitgehend unbekannte junge rebellische Kleriker" Muqtada al-Sadr "eine politisch-militärische Bewegung gestaltet hat, welche im Süden und in den ärmsten Slums Baghdads hunderttausende Anhänger angezogen hat."

Ähnliche Entwicklungen finden in sunnitischen Gebieten statt. Die Abstimmung über den Entwurf der Irakischen Verfassung im Herbst 2005 wurde zu einem "Kampf zwischen den Moscheen"; die Abstimmenden folgten großteils religiösen Edikten. Wenige Irakis haben das Dokument je gesehen, weil die Regierung kaum Kopien verteilt hat. Die neue Verfassung, so bemerkt das Wall Street Journal, hat "viel festere islamische Grundsätze als die alte, [die ein] halbes Jahrhundert früher [geschrieben worden war], und die auf [säkularem] französischem Recht basierte"; diese gab Frauen "fast die gleichen Rechte" wie Männern. All dies wurde nun unter der US-Besatzung reversiert.

Kriegsverbrechen und Opferzählungen

Die Folgen von Jahren westlicher Gewalt und Strangulierungen sind für zivilisierte Intellektuelle im Irak unendlich frustrierend, welche verblüfft darüber sind von Edward Luttwak zu erfahren, daß "die große Mehrheit der Irakis", eifrige Moscheebesucher sind und bestenfalls sehr mäßig lesen und schreiben können", und einfach nicht "glauben [können], was für sie vollkommen unbegreiflich ist: daß Ausländer selbstlos ihr eigenes Blut und ihre eigenen Mittel einsetzen, um ihnen zu helfen." Per Definitionem, sind keine Beweise hierfür notwendig.

Kommentatoren haben beklagt, daß die Vereinigten Staaten "von einem Land, welches Folter veruteilt und ihre Anwendung verbietet, zu einem [Land] geworden ist, für welches es normal ist, zu foltern." Die tatsächliche Geschichte noch unerfreulicher. Aber Folter, wie furchtbar auch immer, ist mit den Kriegsverbrechen bei Falludscha oder anderswo im Irak, oder mit den allgemeinen Auswrkungen der Invasion der USA und Großbritanniens kaum vergleichbar. Eine Illustration, welche in den USA nebenbei bemerkt und schnell wieder vergesssen worden ist, ist die sorgfältige Studie durch prominente Spezialisten der USA und des Iraks, welche im Oktober 2004 weltweit wichtigsten medizinischem Journal, dem Lancet, veröffentlicht worden ist. Die Folgerungen der Studie, welche auf recht konservativen Annahmen beruht, war: "die Zahl der Toten durch die Invasion und die Besatzung des Iraks liegt wahrscheinlich bei 100.000 Menschen, und möglicherweise viel höher." Die Zahlen beinhalten laut eines Schweizer Reviews jene fast 40.000 Irakis, die als direktes Resultat von Kämpfen oder Gewaltakten getötet worten sind. Eine Studie vom Iraq Body Count kam auf 25.000 getötete Zivilisten in den ersten zwei Jahren der Besatzung - in Baghdad einer von 500 Bewohnern; in Falludscha einer von 136. Die US-geführten Militärs töteten 37%, Kriminelle 36% und "anti-Besatzungskräfte" 9%. Die Ermordungen verdoppelten sich im zweiten Jahr der Besatzung. Viele Tode wurden durch Sprengkörper verursacht; zwei drittel von diesen durch Luftangriffe. Die Schätzungen von Iraq Body Count basieren auf Medienberichten, und liegen daher sicherlich weit unter den tatsächlichen Zahlen, obwohl sie schon schockierend genug sind.

Diese Berichte, zusammen mit dem UNDP "Iraq Living Conditions Survey" vom April 2005, untersuchend, schloß der Britische Analyst Milan Rai, daß die Ergebnisse größtenteils konsistent sind; die anscheinenden Variationen der Zahlen resultieren vorwiegend aus den unterschiedlichen Bereichen die untersucht wurden und den Zeitabschnitten um die es ging. Diese Schlußfolgerungen bekommen etwas Unterstützung von einer Studie des Pentagons, welche schätzt, daß seit Jänner 2004 26.000 Irakische Zivilisten und Sicherheitskräfte von Aufständischen getötet worden sind. Der New York Times Bericht über die Pentagonstudie erwähnt auch mehrere andere Studien, aber lässt die wichtigste aus, nämlich jene von Lancet. Sie bemerkt nebenbei, daß "keine Zahlen für die Zahl der von den von Amerika geführten Truppen getöteten Irakis angegeben wurde." Die Story der Times erschien sofort nach dem Tag, welcher von internationalen AktivistInnen zum Gedenktag für alle irakischen Toten gemacht worden ist, am ersten Jahrestag des Erscheinens des Lancet-Berichts.

Das Ausmaß der Katastrophe im Irak ist so extrem, daß es kaum berichtet werden kann. Journalisten sind hauptsächlich in der befestigten Grünen Zone in Baghdad, oder unter schwerer Bewachung unterwegs. Es hat einige wenige regelmäßige Ausnahmen in der Mainstreampresse gegeben, wie Robert Fisk und Patrick Cockburn [von der britischen Zeitung Independent], welche sich extremen Gefahren aussetzen, und es gibt gelegentliche Hinweise auf die Meinung der Irakis. Einer war ein Bericht über ein nostalgisches Treffen von westlich gebildeten Eliten Baghdads, wo die Diskussion auf die Eroberung Baghdads durch Hülegü Khan und dessen furchtbaren Gräueltaten kam. Ein Philosophieprofessor kommentierte, daß "Hülegü, verglichen mit den Amerikanern, human war", was Gelächter hervorrief, aber "die meisten Gäste wollten die Themen Politik und Gewalt vermeiden, welche hier das Alltagsleben bestimmen." Anstattdessen beschäftigten sie sich mit vergangenen Versuchen eine irakische nationale Kultur zu schaffen, welche die alten ethnisch-religiösen Spaltungen, in welche Baghdad heute unter der Besatzung wieder "verfällt", überwindet; eine Tragödie, wie sie seit den Invasionen der Mongolen nicht stattgefunden hat.

Weitere Auswirkungen der Invasion sind das Fallen des Durchschnittseinkommens der Irakis von $255 im Jahr 2003 auf $144 im Jahr 2004, wie auch "ernste Landesweite Mängel an Reis, Zucker, Milch und Babynahrung", wie das UN World Food Program feststellt, das schon vor der Invasion gewarnt hatte, daß es das effiziente Rationierungssystem der Saddamzeit nicht nachmachen werden könne. Irakische Zeitungen berichten, daß die neuen Rationen oft Metall enthalten, eine Konsequenz der riesigen Korruption unter der US-UK-Besatzung. Akute Mangelernährung verdoppelte sich innerhalb von sechzehn Wochen Besatzung auf das Level von Burundi, weit schlimmer als in Haiti und Uganda, eine Zahl welche sich in "etwa 400.000 irakische Kinder" übersetzt, "welche unter 'wasting' leiden, einem Zustand, welcher von chronischem Durchfall und gefährlichem Proteinmangel gekennzeichnet ist." Das ist ein Land, in welchem hunderttausende Kinder bereits als Folge der von den Vereinigten Staaten und Großbritannien geführten Sanktionen gestorben sind. Im Mai 2005 veröffentlichte UNO-Sonderberichterstatter Jean Ziegler einen Bericht des Norwegischen Instituts für Angewandte Sozialwissenschaft, welcher diese Zahlen bestätigt. Die relativ gute Nahrungsversorgung der Irakis in den 70ern und den 80ern, auch während dem Krieg mit dem Iran, begann sich während der Dekade der Sanktionen stark zu verschlechtern, mit einem weiteren disaströsen Einbruch nach der Invasion im Jahr 2003.

Inzwischen kommt die Gewalt gegen die Zivilisten nicht mehr nur von den Besatzern und den Aufständischen. Anthony Shadid und Steve Fainaru, Reporter der Washington Post, berichteten, daß "schiitische und kurdische Milizen, häufig als Teil von Sicherheitskräften der irakischen Regierung agierend, eine Reihe von Entführungen, Ermordungen und anderen Akten der Einschüchterung begangen haben, und damit ihre Kontrolle über Gebiete im nördlichen und südlichen Irak gefästigt haben, und die Spaltung des Landes entlang ethnischer und sektarischer Linien verschlimmern." Ein Indikator für das Ausmaß der Katastrophe ist die große Flut an Flüchtlingen, welche "der Gewalt und den wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu entkommen versuchen", allein während der US-Invasion flohen eine Million nach Syrien und Jordanien , die meisten von ihnen "Personen mit guter Ausbildung und säkulare Moderate, welche von gutem Nutzen für die Wiederingangbringung des Landes wären."

Die Schätzung von wahrscheinlich 100.000 Toten bis Oktober 2004 durch die Lancet-Studie führte zu ausreichend viel Diskussion in England, daß die Regierung eine peinliche Leugnung aussprechen mußte, aber in den Vereinigten Staaten herrschte Stille vor. Die gelegentlichen dunklen Verweise beschreiben ihn üblicherweise als den "umstrittenen" Bericht, daß "mehr als 100.000" Irakis als Folge der Invasion gestorben sind. Die Zahl 100.000 war die wahrscheinlichste Schätzung, auf konservativen Annahmen basierend; es wäre zumindest genauso wahrheitsgemäß gewesen, ihn als den Report zu bezeichnen, laut welchem "zumindest 100.000" gestorben sind. Obwohl der Report während der intensivsten Wahlkampfzeit veröffentlicht worden ist, scheint, daß keiner der wichtigsten Präsidentschaftskandidaten jemals öffentlich darüber befragt worden ist.

Die Reaktion folgt dem allgemeinen Muster, wenn große Gräueltaten von der falschen Seite durchgeführt werden. Ein beachtliches Beispiel sind die Indochina-Kriege. In der einzigen Umfrage (von der ich weiß), in welcher Menschen gebeten wurden zu schätzen, wieviele Vietnamesische Tote es gegeben hat, war die übliche Schätzung 100.000, etwa 5% der offiziellen Zahl; die echte Opferzahl ist unbekannt, und von nicht mehr Interesse, als die ebenso unbekannte Zahl der Opfer von chemischer Kriegsführung der USA. Die Autoren der Studie bemerken, daß dies damit vergleichbar wäre, wenn Deutsche Uni-StudentInnen die Toten des Holocausts mit 300.000 schätzen würden, wonach man dann schließen könnte, daß es einige ernste Probleme in Deutschland gibt - und wenn Deutschland die Welt beherrschen würde, wären das recht ernste Probleme.

Anmerkungen

Noam Chomsky ist Autor von vielgelesenen politischen Schriften. Er lebt in Lexington, Massachusetts, und ist Professor an der Fakultät für Linguistik und Philosophie am MIT.

Leser welche den Quellenangaben für Informationen und Zitate die hier gegeben worden sind nachgehen wollen, werden auf Noam Chomskys Buch Failed States: The Abuse of Power and the Assault on Democracy (New York: Metropolitan Books, 2006) verwiesen.

Übersetzt von: Matthias Hammerl
Artikelaktionen