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Der Saddam in Rumsfelds Wandschrank

von Jeremy Scahill

02.10.2002 — ZNet

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Fünf Jahre vor Saddam Husseins mittlerweile berüchtigtem Gasangriff auf die Kurden im Jahre 1988 fand in Bagdad ein Schlüsseltreffen statt, das eine bedeutenden Rolle in der Vertiefung der engen Bindungen/Beziehungen zwischen Saddam Hussein und Washington spielen sollte. Es ereignete sich zu einer Zeit zu der Saddam zum ersten Mal verdächtigt wurde, chemische Waffen gebraucht zu haben. Das Treffen im späten Dezember 1983 ebnete zugleich den Weg für eine offizielle Wiederherstellung der Beziehungen zwischen dem Irak und den USA, die seit dem arabisch- israelischen Krieg 1967 abgebrochen waren.

Präsident Ronald Reagan schickte aufgrund des eskalierenden Iran – Irak Krieges seinen Nahostgesandten, einen früheren Verteidigungsminister, mit einem handgeschriebenen Brief für den irakischen Präsidenten Saddam Hussein und mit der Nachricht nach Bagdad, dass Washington willig sei, diplomatische Beziehungen jederzeit wiederaufzunehmen.

Dieser Gesandte war Donald Rumsfeld.

Rumsfelds Visite in Bagdad am 19./20. Dezember machte ihn zum hochrangigsten U.S. Offiziellen, der den Irak in sechs Jahren besucht hatte. Er traf Saddam und sie diskutierten laut dem irakischen Außenministerium „Themen von beiderseitigem Interesse“. „[Saddam] stellte klar, dass der Irak nicht daran interessiert ist auf der Welt Unfug anzustellen“, wie Rumsfeld den New York Times später berichtete. „Es erschien uns nützlich, Beziehungen zu haben, da wir schließlich daran interessiert sind, die Probleme des Nahen Ostens zu lösen.“

Gerade einmal 12 Tage nach jenem Treffen, am 1. Januar 1984, berichtete die Washington Post, dass die Vereinigten Staaten „in einer Verlagerung ihrer Politik, alle freundschaftlich gesinnten Nationen am Persischen Golf darüber informierten, dass eine Niederlage des Irak im drei Jahre andauernden Krieg mit dem Iran „den U.S. Interessen widerspräche“ und dass (die USA) einige Schritte unternommen haben, um das zu verhindern.“

Im März 1984, als der Iran – Irak Krieg täglich an Brutalität zunahm, kehrte Rumsfeld nach Bagdad zurück, um mit dem damaligen irakischen Außenminister Tariq Aziz zusammen zu treffen. Am Tag der Visite, dem 24. März, berichtete UPI von den Vereinten Nationen: „Senfgas ,mit einem Schuß Nervengas, so schlussfolgerte ein Team von U.N. Experten, ist im 43 Monate andauernden Krieg am Persischen Golf zwischen Iran und Irak auf iranischen Soldaten angewandt worden... .“ Währenddessen führte der Präsidialgesandte Donald Rumsfeld, der die irakische Hauptstadt Bagdad anschließend in unbestimmte Richtung verließ, mit Außenminister Aziz Gespräche über den Golfkrieg.

Am Tag zuvor behauptete die iranische Nachrichtenagentur, dass der Irak einen weiteren Angriff mit chemischen Waffen an der südlichen Kampflinie lancierte ( einleitete ) , bei dem 600 iranische Soldaten verletzt wurden. „Chemische Waffen in Form von satellitengesteuerten Bomben sind in denGebieten, die von SpezialistInnen untersucht worden sind, verwendet worden“, so ist dem U.N. Bericht zu entnehmen. „Die chemischen Bestandteile, die verwendet worden sind, waren Dichlordiäthylsulfid, auch bekannt als Senfgas, und Ethyl N, N- dimethylphosphoramidcyanid, ein Nervengas, das als Tabun bekannt ist.

Noch bevor der U.N. Bericht veröffentlicht wurde, hat das U.S. Außenministerium am 5. März ein Stellungnahme herausgegeben in der es heißt, dass „verfügbare Beweise aufzeigen, dass der Irak tödliche Chemiewaffen angewandt hat“.

Als U.S. Botschafter Jeane J. Kirkpatrick den U.N. Bericht kommentierte, ist er von den New York Times mit den folgenden Worten zitiert worden: „Wir denken, dass der Gebrauch von chemischen Waffen eine sehr ernste Angelegenheit ist. Wir haben das im Allgemeinen und im Besonderen deutlich gemacht.“

Verglichen mit der Rhetorik der gegenwärtigen Regierung, die auf Spekulationen über das, was Saddam möglicherweise besitzen könnte, basieren, ist Kirkpatricks Reaktion wohl kaum eine Handlungsaufforderung.

Das Auffälligste ist, dass sich Donald Rumsfeld im Irak befand als der U.N. Bericht herausgegeben wurde und, trotz der „Beweise“ des Außenministeriums, nicht zu den Behauptungen über den Gebrauch von chemischen Waffen Stellung nahm. Im Gegenteil teilten die New York Times aus Bagdad am 29. März 1984 mit, dass „ amerikanische Diplomaten ihre Zufriedenheit über die Beziehungen zwischen dem Irak und den Vereinigten Staaten erklären und andeuten, dass normale diplomatische Bindungen, ausgenommen ihres Rufs, wiederhergestellt sind“.

Eineinhalb Jahre später, im Mai 1984, trat Rumsfeld zurück. Im November desselben Jahres sind die diplomatischen Beziehungen auf allen Ebenen zwischen dem Irak und den USA vollständig wiederhergestellt gewesen. Weitere zwei Jahre danach listete der Chicago Tribune in einem Artikel über den Ehrgeiz Rumsfelds für die 1988er Präsidentennominierung der Republikaner zu kandidieren bei seinen Erfolgen seine Hilfe bei „der Wiederaufnahme der Beziehungen zum Irak“ auf. Allerdings versäumte der Tribune zu erwähnen, dass diese Hilfe zu einem Zeitpunkt kam, als, gemäß dem Außenministerium, der Irak aktiv chemische Waffen benutzte.

Während des Zeitraums in dem Rumsfeld Reagans Nahostgesandter gewesen ist, kaufte der Irak rasend Hardware/Eisenwaren von amerikanische Konzernen, die vom Weißen Haus dazu bevollmächtigt wurden. Der Kaufwahnsinn begann sofort nachdem der Irak 1982 von der Liste der vermeintlichen Terrorsponsoren gestrichen wurde. Im Los Angeles Times Artikel vom 13. Februar 1991 steht dazu folgendes:

„Das Erste auf Husseins Einkaufsliste waren Helikopter – er kauft 60 Hughes Helikopter und Ausbilder ohne irgendeine Kenntnisnahme. Eine zweite Order (Auftrag) von 10 Bell „Huey“ Helikopter, die jenen, die im Vietnamkrieg verwendet wurden, um Kampftruppen zu transportieren, ähneln, weckte im August 1983 jedoch Widerspruch im Kongress... .Trotzdem ist der Verkauf genehmigt worden.“

1984 hat das Außenministerium, entsprechend den LA Times, im Name der „erhöhten amerikanischen Durchdringung des extrem umkämpften zivilen Flugzeugmarktes“ den Verkauf von 45 Bell 214ST Helikopter an den Irak durchgepeitscht. Die Hubschrauber im Wert von knapp 200 Millionen Dollar wurden ursprünglich für militärische Zwecke entwickelt. Die New York Times berichteten dann auch später, dass Saddam „viele, wenn auch nicht alle [Helikopter], seinem Militär zuwies“.

1988 griffen dann irakische Streitkräfte kurdische Zivilisten mit Giftgas von Hubschraubern und Flugzeugen aus an. U.S. Geheimdienstquellen teilten den LA Times 1991 mit, dass sie davon ausgingen, dass sich die amerikanischen Helikopter unter jenen befanden, die die tödlichen Bomben abwarfen“.

Als Reaktion auf den Gasangriff verabschiedete der U.S. Senat einstimmig überrollende Sanktionen, die dem Irak den Zugang zu dem Großteil der U.S. Technologie verwehrt hätten. Die Maßnahmen wurde vom Weißen Haus untersagt.

Führende Offizielle erzählten ReporterInnen später, dass sie zu dieser Zeit nicht auf Bestrafung des Iraks beharrten, weil sie Iraks Fähigkeiten, die er benötigte, um den Krieg gegen Iran fortführen zu können, stützen wollten. Weitreichende Untersuchungen enthüllten keine öffentlichen Stellungnahmen von Donald Rumsfeld in denen er öffentlich, wenn auch nur entfernt, Bedenken gegenüber der Anwendung und dem Besitz von chemischen Waffen zum Ausdruck gebracht hätte, bis zu der Woche im Jahre 1990, in der der Irak in Kuwait eingefallen ist und er im ABC Nachrichten Spezial erschien.

Acht Jahre später unterschrieb Donald Rumsfeld einen „offenen Brief“ an Präsident Clinton mit dem er dazu aufgefordert wurde „die Bedrohung, die von Saddam ausgeht“ zu eliminieren. Zudem drängte m. Clinton in dem Brief „für einen Führungsstil zu sorgen, der uns und die Welt vor der Geißel Saddams und der Massenvernichtungswaffen, auf die er sich weigert zu verzichten, bewahrt“.

Im Jahre 1984 befand sich Donald Rumsfeld in einer Position, die er hätte nutzen können, um die Aufmerksamkeit der Welt auf Saddams chemisches Bedrohungspotential zu lenken. Er war in Bagdad als die U.N. schlussfolgerten, dass chemische Waffen gegen den Iran verwendet wurden. Er war mit einer neuen Mitteilung vom Außenministerium, die „verfügbare Beweise“ für den irakischen Gebrauch von chemischen Waffen besaß, bewaffnet. Aber Rumsfeld sagte nichts.

Washington spricht jetzt von der Bedrohung durch Saddam und den Konsequenzen unterlassendem Handelns. Und trotz der Tatsache, dass die Regierung versäumt hat auch nur einen winzigen Zettel mit konkreten Beweisen für eine Verbindung zwischen dem Irak und AL Qaeda oder für die Wiederaufnahme der Produktion chemischer oder biologischer Kampfstoffe vorzulegen, besteht Rumsfeld darauf, dass „das Fehlen von Beweisen nicht der Beweis für die Abwesenheit [der Waffen] ist“.

Allerdings gibt es Beweise für die Abwesenheit von Donald Rumsfelds Stimme genau in dem Moment als die Vermutung, dass der Irak eine vermeintliche Bedrohung für die internationale Sicherheit sei, zum ersten Mal auftauchte. Und in diesem Fall ist die Abwesenheit von Beweisen tatsächlich ein Beweis.

Jeremy Scahill ist ein unabhängiger Journalist. Er arbeitet häufig für „Free Speech Radio News“ und „Democracy Now!“. Im Mai und Juni 2002 berichtete er aus dem Irak. Er ist unter der folgenden e- Mail Adresse zu erreichen: jeremybgd@yahoo.com .

Übersetzt von: Christian Stache
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