Die Mauer in Palästina
Sicherheit dient als Vorwand zur Rechtfertigung von Enteignung
von Jamal Juma
18.08.2003 — ZNet
Wir hier in Palästina haben das Treffen zwischen dem palästinensischen Premier Abbas und dem israelischen Premier Scharon in Washington mit großer Verzweiflung mitverfolgt. Denn im Schatten der Verhandlungs-Rhetorik arbeiten über 100 Bulldozer nonstop - Tag für Tag - weiter, sie bauen an der Mauer. Hier wird deutlich, welchen Weg die „Roadmap“ (Straßenkarte) tatsächlich ebnet.Präsident Bush hat recht, wenn er die Mauer als “ein Problem“ bezeichnet; es sei “eine Mauer, die sich wie eine Schlange durch die Westbank windet“. Vor Ort jedenfalls kein Hinweis darauf, dass gestoppt wird, was manche als das größte “Projekt“ bezeichnen, das Israel je durchgezogen hat.Auf diesem Hintergrund scheint der Verhandlungsprozess völlig bedeutungslos bzw. wie ein Nebelvorhang, der verhüllt, was vor Ort vor sich geht.Neuesten Berechnungen zufolge, wird die Mauer - die wohl 600 kmlang wird -, die Kontrolle Israels über fast die Hälfte der Westbank konsolidieren. Man geht davon aus, das hier wird der größte Landraub, seit Israel 1967 Westbank und Gaza okkupierte.Schon jetzt schlängelt sich die Mauer bis zu 6 km innerhalb des Westbank-Lands. Mancherorts könnte sie sogar bis zu 15 km tief in die Westbank eindringen. Ihr Verlauf ist konsequent so, dass durch sie ein Maximum an (jüdischen)Siedlungen annektiert wird bzw. sehr viel palästinensischesLand kontrolliert werden kann.
Die Mauer (missverständlicherweise oft als “Sicherheitszaun“ bezeichnet)nimmt verschiedene - horrende - Formen an.In manchen Gebieten handelt es sich bei ihr um ein 8m hohes Betonkonstrukt mitbewaffneten Beobachtungstürmen, die sich über Wohngebiete erheben. In anderen um eine Abfolge von Elektrozäunen u. Pufferzonen (Gräben, Patrouillenpfade, Sensoren, Kameras). Aber unabhängig von den jeweiligen strukturellen Unterschieden - die Wirkung ist stets dieselbe. Das Leben in einem solchen Gefängnis ohne Dach ist unerträglich.Man sperrt Palästinenser in das Gefängnis eines ummauerten Gettos - in dem sie ihrer fundamentalsten Menschenrechte beraubt sind.In den Regionen, in denen die Mauer derzeit gebaut wird, ist dieses Elend,diese Unterdrückung, bereits manifest.Schon in der “ersten Phase“ des Mauerbaus sind etwa 10 Prozentder Westbank durch Zerstörung in Mitleidenschaft gezogen. Im Zuge desMauerbaus wurde/wird landwirtschaftliche Nutzfläche dem Erdboden gleichgemacht, Bewässerungssysteme beschädigt, Wasserquellen isoliert; Wohnhäuser werden zerstört, Geschäfte unddie Infrastruktur der Gemeinden. Durch alltägliche Unterdrückungsmaßnahmen - wie Abriegelung, Ausgangssperre, Belagerung - sind die Menschen für ihr Überleben ja besonders auf ihr Land angewiesen, nur, sie gelangen nicht mehr darauf. Das fruchtbare Land von 51 Dörfern wurde durch die Mauer entweder konfiziert oder isoliert (so dass man es nicht mehr betreten kann).
Kürzlich wurden drei “Übergänge“ eröffnet. Sie und die zerschnittenenpalästinensischen Ländereien verdeutlichen einmal mehr wie institutionaliert dieserLandraub durch die Mauer ist. Noch nicht ganz einen Monat sind die Tore „offen“, schon wurdenLeute angeschossen, verprügelt, gedemütigt, oder sie dürfen nicht mehr auf ihrLand.Diese Szenen sind Teil der ganz alltäglichen palästinensischen Szenerie israelischer Okkupation bzw. der Szenerie rund um die Mauer. Die Mauer und ihre sogenannten “Übergänge“ - sie sind ebenso inhuman wie illegal. Wir - das heißt, alle, die Zeugen dieser Vorgänge sind -, sehen in derMauer nichts weniger als die kollektive Schlinge, die sich um die palästinensischen Gebiete und das palästinensische Volk zusammenzieht.In Qalqiliya steht der Mauerbau kurz vor seiner Vollendung.Fast 15 Prozent der Bevölkerung (die Stadt hat 41 600 Einwohner) waren jetzt schon zur Abwanderung gezwungen; die Leute wußten nicht mehr, wie sie überleben sollten. Die Bewohner bezeichnen das hier als Apartheid-Käfig. In Palästina bezeichnet man die Mauer als „Apartheid-Mauer“ - auch verschiedene Solidaritätsgruppen tun das -, die Mauer sei Teil eines kolonialen Projekts u. dieVerkörperung einer Langzeitstrategie mit dem Ziel der Besatzung, Diskriminierungund Vertreibung. Und die Mauer ist Garant, dass ein freier undsouveräner Staat Palästina niemals zustandekommt.Da klingt es besonders zynisch, wenn der israelische Premier Scharonu. US-Präsident Bush, wie neulich, die Begriffe “lebensfähig“ und “Staat“gebrauchen - leere Worte.Je mehr sie diesen “Staat“ beschwören, desto mehr wird er verunmöglicht. Das läuft parallel. Das Schicksal des palästinensischen Volks als Enteignete im Getto, es wird besiegelt.Eine der wichtigsten öffentlichen Forderungen in Palästina ist die nach einem Stopp des Mauerbaus. Bitte, stimmen Sie mit uns ein in diesenDringlichkeitsappell.
Der Autor, Jamal Juma, ist „Coordinator of the Palestinian EnvironmentalNGOs Network“ (www.pengon.org), jenes Netzwerk, das die Kampagne gegen die Apartheid-Mauer anführt. Es handelt sich dabei um eine palästinensischeNichtregierungsorganisation, eine Graswurzel-Initiative, die zum Mauerstoppaufruft. Die Kampagne gibt ein Buch (Englisch) heraus: „The Wall in Palestine“ (Erscheinungsdatum: 1. August).
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