Die weltliche Priesterschaft und die Gefahren der Demokratie
von Noam Chomsky
01.01.2002 — ZNet Deutschland
Den Ausdruck "weltliche Priesterschaft" habe ich von dem berühmten britischen Philosophen und Intellektuellen Isaiah Berlin übernommen. Er bezog sich damit auf kommunistische Intellektuelle, die die Staatsreligion und die Verbrechen der Mächtigen verteidigten. Sicherlich schlossen sich nicht alle sowjetischen Intellektuellen der weltlichen Priesterschaft an. Es gab die Kommissare, die die Macht verteidigten und verwalteten, und die Dissidenten, die die Mächtigen und ihre Verbrechen herausforderten.
Wir ehren die Dissidenten und missbilligen die Kommissare, berechtigterweise natürlich. Innerhalb der sowjetischen Tyrannei war jedoch - ebenso natürlich - das genaue Gegenteil der Fall.
Die Unterscheidung zwischen "Kommissaren" und "Dissidenten" lässt sich bis in die früheste dokumentierte Geschichte zurückverfolgen. Gleiches gilt für die Tatsache, dass die Kommissare intern häufig respektiert und privilegiert und die Dissidenten verachtet und oftmals bestraft werden.
Man schaue sich das Alte Testament an. Es gibt ein obskures hebräisches Wort, das in westlichen Sprachen als "Prophet" übersetzt wird. Es bedeutet so etwas wie "Intellektueller". Die Propheten boten kritische geopolitische Analysen sowie moralische Kritik und Beratung. Viele Jahrhunderte später wurden sie verehrt; zu ihrer Zeit waren sie nicht wirklich willkommen. Es gab auch "Intellektuelle", die verehrt wurden: die Schmeichler an den Königshöfen. Jahrhunderte später wurden sie als "falsche Propheten" verunglimpft. Die Propheten waren die Dissidenten, die falschen Propheten die Kommissare.
Es gab in jener Zeit und seither unzählige Beispiele. Das wirft eine für uns nützliche Frage auf: Sind unsere eigenen Gesellschaften eine Ausnahme von dieser historischen Regel? Ich denke nicht: Sie entsprechen ihr ziemlich genau. Berlin benutzte den Ausdruck "weltliche Priesterschaft", um die Gruppe der Kommissare des offiziellen Feindes zu verdammen; eine völlig gerechte Verurteilung, aber normal. Ein weiteres universales historisches Prinzip, oder beinahe ein solches, ist, dass wir sehr genau auf die Verbrechen unserer erklärten Feinde schauen und diese energisch anprangern, oft unter Betonung der eigenen Rechtschaffenheit. Der Blick in den Spiegel fällt etwas schwerer. Eine der Aufgaben der weltlichen Priesterschaft in unseren Gesellschaften und anderswo ist, uns vor dieser unangenehmen Erfahrung zu bewahren.
George Orwell ist bekannt für seine wohlartikulierte Denunziation des totalitären Gegners und des skandalösen Verhaltens dessen weltlicher Priesterschaft, am bemerkenswertesten vielleicht in seiner Satire Animal Farm (Die Farm der Tiere). In seiner Einleitung zu diesem Buch, die von "literarischer Zensur" handelt, schrieb er auch über deren Entsprechungen in freien Gesellschaften. Im freien England, schrieb er, ist die Zensur "weitgehend freiwillig. Unpopuläre Ideen können zum Schweigen gebracht und unbequeme Fakten im Dunkeln gelassen werden, ohne jedes offizielle Verbot." Das Ergebnis: "Jeder, der die vorherrschende Orthodoxie herausfordert, wird mit erstaunlicher Effektivität zum Schweigen gebracht." Er machte nur einige wenige Bemerkungen über die Methoden, die benutzt wurden, um dieses Ergebnis zu erzielen. Dazu gehört, dass die Presse in den Händen von "reichen Männern [ist], die gute Gründe haben, in bestimmten wichtigen Dingen unehrlich zu sein" und unerwünschte Stimmen zum Schweigen zu bringen. Ein zweites Mittel ist eine gute Erziehung, die die "allgemeine stillschweigende Übereinkunft [einflößt], dass es'nicht gut ankommen würde', eine bestimmte Tatsache zu erwähnen".
Die Einleitung zu Animal Farm ist nicht so bekannt wie das Buch selbst. Der Grund dafür ist, dass sie nicht veröffentlicht wurde. Sie wurde 30 Jahre später in Orwells Unterlagen gefunden und mit großer Ankündigung veröffentlicht. Dennoch bleibt sie unbekannt.
Das Schicksal des Buches und der Einleitung ist eine symbolische Veranschaulichung des allgemeinen Sachverhalts. Ihre weltliche Priesterschaft ist schlecht, sogar verachtenswert; ihre Dissidenten sind völlig bewundernswert. Zuhause und in den angeschlossenen Kolonien werden die Werte umgedreht. Dasselbe gilt für Verbrechen, die die weltliche Priesterschaft entweder mit Entrüstung verurteilen oder verdrängen und rechtfertigen muss - je nachdem, wer der Täter ist.
Wieder ist es allzu einfach, zu veranschaulichen. Doch Veranschaulichungen sind irreführend. Was wichtig ist, ist ihre überwältigende Beständigkeit - eine Tatsache, die in der Dissidentenliteratur ausführlich dokumentiert ist. Dort kann sie leicht ignoriert werden, wie Orwell in seinem unbekannten Aufsatz über freiwillige Zensur in freien Gesellschaften gezeigt hat.
Obwohl dieser Weg aufgrund der erwähnten Gründe irreführend ist, werde ich nichtsdestotrotz das generelle Muster anhand einiger Beispiele veranschaulichen. Angesichts seiner Beständigkeit sind zeitgenössische Beispiele kaum schwer zu finden.
Dieser Monat unseres Zusammentreffens, November 1999, stellt das zehnte Jubiläum mehrerer wichtiger Ereignisse dar. Eines war der Fall der Berliner Mauer, der dem Sowjetsystem ein Ende bereitete. Ein zweites war das letzte großangelegte Massaker in El Salvador, ausgeführt von US-amerikanischen terroristischen Streitkräften, genannt "die Armee El Salvadors" organisiert, bewaffnet und ausgebildet von der herrschenden Supermacht, die lange Zeit in eben dieser Weise die Region kontrollierte. Die schlimmsten Gräueltaten wurden von Eliteeinheiten verübt, geradewegs aus der US-Ausbildung gekommen, ähnlich wie die indonesischen Kommandos, verantwortlich für schockierende Gräueltaten in Ost-Timor, einmal mehr in diesem Jahr tatsächlich gehen sie weiter in just diesem Moment, in Lagern im indonesischen West-Timor. Die indonesischen Killer waren Nutznießer von US-amerikanischer Ausbildung bis ins Jahr 1998, arrangiert von Präsident Clinton unter Verletzung der klaren Absicht der Gesetzgebung des Kongresses. Gemeinsame militärische Übungen mit US-amerikanischen Streitkräften wurden fortgesetzt bis wenige Tage vor dem Referendum vom 30. August 1999, das - nach einem Jahr der Gräueltaten, die weit über das hinausgingen, was im Kosovo vor dem NATO-Bombardement geschah - eine neue Welle von Armee-geführter Gewalt entfesselte. All das ist bekannt, aber, mit Orwells Worten, "verschwiegen ohne jedes offizielle Verbot".
Kehren wir mit einigen Worten über jedes der beiden Beispiele zurück zu den zehnten Jubiläen, beginnend mit den Gräueltaten in der amerikanischen Dependenzregion von El Salvador im November 1989.
Unter den Ermordeten waren sechs führende lateinamerikanische Intellektuelle, Jesuitenpriester. Einer von ihnen, Vater Ignacio Ellacuria, war Rektor der großen Universität von El Salvador. Er war ein bekannter Schriftsteller, ebenso wie viele andere. Wir können uns nun fragen, wie die US-Medien und intellektuelle Zeitschriften - und westliche Intellektuelle generell - auf den Mord an sechs führenden andersdenkenden Intellektuellen durch US-amerikanische terroristische Streitkräfte reagierten: Wie sie damals reagierten oder wie sie heute, am zehnten Jubiläum, reagieren.
Was heute angeht, ist die Antwort simpel. Die Antwort war Schweigen. Eine elektronische Durchsuchung der US-Medien brachte keine Erwähnung der Namen der sechs ermordeten jesuitischen Intellektuellen. Weiterhin würde praktisch kein amerikanischer Intellektueller ihre Namen kennen, oder würde etwas von ihnen gelesen haben. Soweit ich weiß gilt dies weitgehend ebenso für Europa. In krassem Gegensatz dazu kann jeder die Namen von Osteuropäischen Dissidenten herunterrasseln, die unter erbarmungsloser Unterdrückung litten - allerdings in der Zeit nach Stalin, nicht vergleichbar mit den Schrecken, die das alltägliche Leben in den Einflussbereichen Washingtons bestimmten.
Dieser Gegensatz ist erhellend. Er lehrt uns eine Menge über uns selbst, wenn wir denn lernen wollen. Er veranschaulicht gut, was Orwell beschrieb: freiwillige Unterordnung unter die Macht seitens der weltlichen Priesterschaft in freien Gesellschaften - inklusive der Medien, wenngleich diese nur das deutlichste Beispiel sind.
Es wäre angemessen zu sagen, dass die jesuitischen Intellektuellen doppelt ermordet wurden: Erst erschossen, dann zum Schweigen gebracht von denen, die die Waffen in die Hände der Mörder gaben. Diese Praxis sollte hier bekannt sein. Als Antonio Gramsci eingesperrt wurde, fasste die faschistische Regierung seinen Fall mit den Worten zusammen: "Wir müssen dieses Gehirn für zwanzig Jahre davon abhalten, zu funktionieren." Die heutigen Klienten des Westens gehen auf Nummer sicher: Die Gehirne müssen für immer davon abgehalten werden, zu funktionieren, und ihre Gedanken müssen ebenfalls eliminiert werden - inklusive dem, was sie über den Staatsterror zu sagen hatten, der diese "Stimmen für die Stimmlosen" schließlich zum Schweigen brachte.
Der Gegensatz zwischen Osteuropa zur Zeit nach Stalin und US-Domänen wird außerhalb der Gebiete des privilegierten Westens erkannt. Nach der Erschießung der jesuitischen Intellektuellen bemerkte das Magazin Proceso der Jesuitenuniversität in San Salvador:
Der sogenannte "demokratische Prozess" in El Salvador könnte eine Menge von der Fähigkeit zur Selbstkritik lernen, die die sozialistischen Länder zeigen. Wenn Lech Walesa seine Organisationsarbeit in El Salvador gemacht hätte, hätte er sich längst in die Liste der Verschwundenen eingereiht - durch die Hände der "schwer bewaffneten Männer in Zivilkleidung"; oder er wäre bei einer Dynamitattacke auf das Hauptquartier seiner Gewerkschaft in Stücke gerissen worden. Wenn Alexander Dubcek Politiker in unserem Land wäre, hätte man ihn erschossen wie Héctor Oquelí [der salvadoranische Führer der Sozialdemokraten, erschossen in Guatemala von salvadoranischen Todesschwadronen, laut der guatemaltekischen Regierung]. Wenn Andrei Sakharov hier für die Menschenrechte gearbeitet hätte, hätte ihn dasselbe Schicksal ereilt wie Herbert Anaya [einer der vielen ermordeten Führer der unabhängigen salvadoranischen Menschenrechtskommission CDHES]. Wenn Ota-Sik oder Vaclav Havel ihre intellektuelle Arbeit in El Salvador verrichtet hätten, wären sie eines düsteren Morgens im Innenhof eines Universitätscampus' aufgewacht, ihre Köpfe zerstört von den Kugeln eines Elitebatallions der Armee.
Übertreibt das jesuitische Magazin? Diejenigen, die sich für die Fakten interessieren, können die Antwort finden, allerdings nur, indem sie über die regulären westlichen Quellen hinausgehen.
Was war die Reaktion vor zehn Jahren, als die Intellektuellen samt ihrer Haushälterin und deren Tochter ermordet wurden, sowie eine Unmenge anderer? Auch das ist aufschlussreich. Die US-Regierung war fleißig bemüht, die überwältigenden Beweise zu unterdrücken, die belegten, dass es sich bei den Mördern um US-trainierte Elite-Militärs handelte, auf deren Konto schockierende Gräueltaten gingen. Ziemlich dieselben Hände hatten zehn Jahre zuvor bereits eine andere "Stimme der Stimmlosen", Erzbischof Romero, zum Schweigen gebracht. Wir können uns sicher sein, dass der zwanzigste Jahrestag seiner Ermordung im nächsten März praktisch unbemerkt vorübergehen wird [zum Beweis hinzugefügt: Die Vorhersage wurde bestätigt]. Fakten wurden vertuscht; die Hauptzeugin, eine arme Frau, wurde nach Einschüchterung dazu gebracht, ihre Aussage zurückzunehmen. Der Beamte, der die Vertuschung und Einschüchterung organisierte, war US-Botschafter William Walker, heute zutiefst bewundert für seine heroische Denunziation von serbischen Verbrechen im Kosovo vor Beginn des NATO-Bombardements - ohne Zweifel fürchterliche Verbrechen, aber nicht einmal ein Bruchteil dessen, was geschah, als er salvadoranischer Prokonsul war. Die Presse blieb linientreu, abgesehen von seltenen Ausnahmen.
Einige Monate nachdem die jesuitischen Intellektuellen ermordet worden waren, fand ein weiteres aufschlussreiches Ereignis statt. Vaclav Havel kam in die Vereinigten Staaten und sprach auf einer Kongressversammlung, wo er stehende Ovationen erhielt, als er sein Publikum als "Verteidiger der Freiheit" lobte. Die Presse, und Intellektuelle überhaupt, reagierten mit Ehrfurcht und Entzücken. "Wir leben in einem romantischen Zeitalter", schrieb Anthony Lewis in der New York Times, an der äußersten Grenze tolerierbarer Nonkonformität. Andere linksliberale Kommentatoren beschrieben Havels Bemerkungen als "verblüffenden Beweis" dafür, dass Havels Land eine "Hauptquelle" der "europäischen intellektuellen Tradition" ist, eine "Stimme der Klarheit", die "stark von der Verantwortung, die große und kleine Mächte einander schulden", spricht - die USA und El Salvador, zum Beispiel. Andere fragten, warum es Amerika so völlig an Intellektuellen fehlt, die auf diese Weise "Moralität über Eigeninteresse stellen".
Insofern ist es nicht ganz akkurat zu sagen, dass die jesuitischen Intellektuellen doppelt ermordet wurden. Sie wurden dreifach ermordet.
Wir könnten uns die Reaktion vorstellen, wenn die Situation umgedreht worden wäre. Nehmen wir an, dass im November 1989 tschechische Kommandos, verantwortlich für schreckliche Massaker und Gräueltaten, bewaffnet von Russland und gerade aus erneutem russischen Training kommend, Havel und ein halbes Dutzend anderer tschechischer Intellektueller brutal ermordet hätten. Nehmen wir an, dass kurz darauf ein weltbekannter salvadoranischer Intellektueller nach Russland gereist wäre und dort vor der Duma unter stürmischem Beifall die russische Führung als "Verteidiger der Freiheit" gepriesen hätte, seine Worte leidenschaftlich nachgebetet von der russischen Intellektuellenklasse, ohne je ihre Verantwortung für die Ermordung seiner Kollegen in der Tschechoslowakei zu erwähnen. Wir können die Analogie nicht vervollständigen, betrachten wir die zehntausenden anderer Opfer derselben "Verteidiger der Freiheit" alleine in jenem unglücklichen Land, viele im Verlauf derselben Zerstörungsaktion umgekommen, durch die die Intellektuellen ermordet wurden.
Wir müssen keine Zeit darauf verschwenden, uns die Reaktion vorzustellen. Wir können, wenn wir wollen, die erfundenen Ereignisse mit den echten, damals und jetzt, vergleichen und dabei wieder wertvolle Lektionen über uns selbst lernen.
In einer Linie mit der historischen Praxis werden Intellektuelle, die die Macht des Westens loben und die Verbrechen des Westens ignorieren, im Westen verehrt. Dafür gab es interessante Beispiele, als es vor einigen Monaten notwendig war, einen Weg zu finden, das NATO-Bombardement in Jugoslawien zu rechtfertigen. Dies war keine leichte Aufgabe, da die Entscheidung für die Bombardierung zur massiven Eskalation von Gräueltaten und der Initiierung von großangelegten ethnischen Säuberungen führte, wie es erwartet wurde - eine "völlig vorhersehbare" Konsequenz, wie NATO-General Wesley Clark der Presse mitteilte, als die Bombardierung begann. Das führende amerikanische Intellektuellen-Journal berief sich auf Vaclav Havel, der erneut sein Publikum mit Lob überschüttete und, gewissenhaft alle Beweise ignorierend, erklärte, dass die westlichen Führer eine neue Ära in der Menschheitsgeschichte eröffnet hätten, indem sie zum ersten Mal in der Geschichte für "Prinzipien und Werte" kämpften. Die Reaktion war, erneut, Verehrung für seine Tiefsinnigkeit und Kenntnis.
Es gab einmal einen anderen russischen Dissidenten namens Alexander Solzhenitsyn, der auch einige Dinge zu der Bombardierung zu sagen hatte. Mit seinen eigenen Worten:
Die Aggressoren haben die UN beiseite gestoßen und so eine neue Ära eröffnet, in der Macht gleich Recht ist. Es sollte keine Illusionen geben, dass die NATO darauf zielte, die Kosovaren zu beschützen. Wäre der Schutz der Unterdrückten ihre wahre Absicht, hätten sie zum Beispiel die bedauernswerten Kurden verteidigen können.
"Zum Beispiel", weil das nur ein Fall ist, wenn auch ein ziemlich deutlicher. Solzhenitsyn hat dabei stark untertrieben. Er hat die entscheidende Tatsache nicht hinzugefügt, dass die ethnischen Säuberungen gegen Kurden und andere Gräueltaten, die bei weitem alles übersteigen, was Milosevic im Kosovo angelastet wird, von westlichen Humanisten nicht einfach ignoriert wurden. Vielmehr entschieden sich diese wohlüberlegt dazu, aktiv daran teilzunehmen. Die Verbrechen wurden größtenteils mit amerikanischen Waffen ausgeführt, die 80% des türkischen Arsenals ausmachen. Eine Flut von Waffen wurde verschickt, die ihren Höhepunkt 1997 erreichte, ebenso wie militärisches Training, diplomatische Unterstützung und das große Geschenk des Schweigens, übergeben von den Intellektuellen. In Medien oder Zeitschriften wurde wenig berichtet.
Auch Solzhenitsyn wurde "zum Schweigen gebracht ohne jedes offizielle Verbot", um Orwells Worte aufzugreifen. Wie bemerkt war die Reaktion auf Havel ziemlich anders. Der Vergleich veranschaulicht einmal mehr das bekannte Prinzip: Um den Segen der weltlichen Priesterschaft zu bekommen ist es hilfreich, eine angemessene Ehrfurcht vor der Macht zu demonstrieren.
Die Rolle der USA und ihrer Verbündeten bei den Attacken auf die Kurden zu verheimlichen war kein leichtes Unterfangen, speziell deswegen, weil die Türkei sich der Bombardierung Jugoslawiens anschloss, mit denselben von den USA zur Verfügung gestellten F-16, die bereits so gute Dienste bei der Zerstörung kurdischer Dörfer geleistet hatten. Weiterhin erforderte es bemerkenswerte Disziplin, die Gräueltaten innerhalb der NATO bei der Gedenkfeier zum Jahrestag der NATO im April 1999 in Washington "nicht zu bemerken". Es war kein fröhliches Ereignis, das da im dunklen Schatten der ethnischen Säuberungen, den (erwarteten) Konsequenzen des NATO-Bombardements in Jugoslawien, stattfand. Solche Gräueltaten direkt neben den Grenzen der NATO können nicht toleriert werden, bekräftigte ein Sprecher nach dem anderen. Nur innerhalb der Grenzen der NATO, wo diese nicht nur toleriert, sondern auch gefördert werden müssen, bis 3.500 Dörfer zerstört waren (siebenmal soviele wie im Kosovo unter dem NATO-Bombardement), 2-3 Millionen Flüchtlinge aus ihrer Heimat vertrieben und zehntausende getötet worden waren, mit der Hilfe der Führer, die für ihre selbstlose Hingabe für "Prinzipien und Werte" gelobt werden. Die Presse und andere hatten keinen Kommentar für diese beeindruckende Vorstellung übrig. Sie wurde wiederholt in den letzten Tagen, als Clinton die Türkei besuchte. "Als unermüdlicher Befürworter pluralistischer Gesellschaften", beobachtete die Presse, "nimmt Clinton an Treffen teil, die darauf abzielen, Eintracht unter ethnischen Gruppen zu schaffen, die sich nicht ausstehen können." Er wurde für seinen "Ich-fühle-Euren-Schmerz-Besuch einer Erdbebenstätte" in der Türkei gepriesen. Besonders bemerkenswert war die Darstellung von "Clinton-Charme", als er ein Baby in der jubelnden Menge sah und "das Baby behutsam aus den Armen seiner Mutter hob und es für fast eine Minute dicht bei sich hielt", während das Baby "erstarrt war, dem Fremden tief in die Augen schauend" (Boston Globe, New York Times). Das unangenehme Wort "Kurde" tauchte in diesen Bezeugungen Clintons Charmes nie auf, obwohl es in der Washington Post-Story auftauchte, die vermeldete, dass Clinton die Türkei für ihre Behandlung der Menschenrechte "sanft tadelte" und die Türken sogar "behutsam anstieß ob ihrer Behandlung der Kurden, einer ethnischen Minderheit, die nach Unabhängigkeit strebt und in der Türkei oftmals unter Diskriminierung zu leiden hatte". Ungenannt bleibt die Art der "Diskriminierung", unter der sie litten, als Clinton ihren Schmerz fühlte.
Es gibt eine Menge mehr zum zehnten Jubiläum der Ermordung der jesuitischen Intellektuellen zu sagen, ebenso wie zum bevorstehenden zwanzigsten Jubiläum der Ermordung des Erzbischofs und der Abschlachtung zehntausender Menschen in Mittelamerika in den Jahren dazwischen. Die Täter waren meistens dieselben, und die Verantwortung lässt sich zurückverfolgen bis in die Zentren der Macht in den selbsternannten "aufgeklärten Staaten". Ebenfalls gibt es eine Menge mehr zu sagen über das Verhalten der weltlichen Priesterschaft in diesen schrecklichen Jahren und bis heute. Einige Publikationen, die sich mit den Details auseinandersetzen, erlitten das übliche Schicksal "unpopulärer Ideen". Es macht vielleicht wenig Sinn, sich damit erneut auseinanderzusetzen, zumal die Zeit knapp ist, weshalb ich mich dem zweiten Jubiläum zuwenden möchte: dem Fall der Berliner Mauer.
Auch dieses ist ein sehr breites Thema, das zu seinem zehnten Jahrestag viel Aufmerksamkeit auf sich zog, ganz anders als die Zerstörung Mittelamerikas durch US-Terror. Betrachten wir einige der Konsequenzen des Zusammenbruchs des Sowjetkerkers, denen kaum Aufmerksamkeit zuteil wurde - im Westen, nicht unter den traditionellen Opfern.
Eine Folge des Zusammenbruchs der UdSSR war das Ende der Neutralität. Als zwei Supermächte die Welt regierten - eine global, die andere regional - gab es einen gewissen Raum für Neutralität. Dieser verschwand zusammen mit der regionalen Supermacht. Die Organisationen der neutralen Mächte existieren noch; auch Teile der Vereinten Nationen, die ihre Interessen bis zu einem gewissen Grad vertreten, überleben, wenn auch marginal. Was jedoch die Gewinner angeht, so gibt es für sie noch weniger Gründe, den Sorgen des Südens viel Aufmerksamkeit zu schenken. Ein Anzeichen ist der starke Rückgang von Auslandshilfe seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Der Rückgang war am stärksten im reichsten Land der Welt. US-amerikanische Auslandshilfe ist praktisch verschwunden und ist kaum mehr sichtbar, wenn wir die größte Komponente entfernen, die an einen wohlhabenden westlichen "client state" und strategischen Außenposten geht. Es gibt viele andere Beispiele.
Der Rückgang von Hilfe wird häufig auf "Geber-Müdigkeit" zurückgeführt. Abgesehen vom Timing fällt es schwer, von "Müdigkeit" angesichts trivialer Summen, überwiegend für die Unterstützung des Exports verwendet, beeindruckt zu sein. Der Begriff "Hilfe" sollte ein weiterer Schandfleck für die Wohlhabenden und Privilegierten sein. "Hochgradig unzulängliche Reparationen" wäre ein angemessenerer Name angesichts einer Geschichte, die leicht zu durchschauen ist. Aber Gewinner zahlen keine Reparationen, ebenso wie ihre Kriegsverbrechen nicht untersucht werden oder sie je die Notwendigkeit einer Entschuldigung sähen, die über ein laues Eingeständnis vergangener Fehler hinausginge.
Die Sache wird im Süden sehr genau verstanden. Der malaysische Premierminister Mahathir bemerkte kürzlich, dass
für uns, die wir immer anti-kommunistisch gewesen sind, paradoxerweise die Niederlage des Kommunismus die größte Katastrophe ist. Das Ende des Kalten Krieges hat uns das einzige Druckmittel genommen, das wir hatten - die Möglichkeit des Überlaufens. Jetzt können wir uns zu niemandem hinwenden.
Kein Paradoxon, sondern ein natürlicher Ausdruck jener "Prinzipien und Werte", an denen sich die Politik orientiert. Das Thema ist von großer Wichtigkeit für die breite Mehrheit der Weltbevölkerung, doch in den Bereichen der Privilegierten und Mächtigen im industrialisierten Westen wird wenig darüber diskutiert.Wenden wir uns einer weiteren Konsequenz des Zusammenbruchs der Sowjetunion zu, einer von nicht geringer Wichtigkeit.
Die USA sind eine vergleichsweise ungewöhnlich freie Gesellschaft und verdienen dafür Anerkennung. Ein Element dieser Freiheit ist Zugang zu geheimen Planungsdokumenten. Die Offenheit bedeutet nicht viel: Die Presse, und Intellektuelle generell, halten sich für gewöhnlich an die "allgemeine stillschweigende Übereinkunft, dass es'nicht gut ankommen würde'", zu erwähnen, was sie enthüllen. Doch die Informationen stehen bereit für jene, die sich dazu entscheiden, zu wissen. Ich werde einige Beispiele jüngeren Datums bringen, um einen Eindruck zu geben.
Unmittelbar nach dem Fall der Berliner Mauer verlagerte sich die globale Strategie der USA in einer aufschlussreichen Weise. Man nennt sie "Abschreckungsstrategie", weil die USA lediglich andere "abschrecken" und niemals angreifen. Hier tritt ein weiteres universales historisches Prinzip zutage, oder zumindest etwas Ähnliches: In einem militärischen Konflikt kämpft jede Seite um sich selbst zu verteidigen, und es ist eine wichtige Aufgabe der weltlichen Priesterschaft, auf beiden Seiten, dieses Banner vehement aufrecht zu halten.
Am Ende des Kalten Krieges verlagerte sich die amerikanische "Abschreckungsstrategie": von Russland auf den Süden, die früheren Kolonien. Der Verlagerung wurde sofort formal Ausdruck verliehen in der jährlichen Budget-Benachrichtigung des Weißen Hauses an den Kongress, im März 1990. Der Hauptbestandteil des Budgets ist das Militärbudget, das sich regelmäßig auf etwa die Hälfte der frei verfügbaren Ausgaben beläuft. In dieser Hinsicht unterschieden sich die Anträge vom März 1990 kaum von denen vorheriger Jahre, abgesehen von den Vorwänden. Wir brauchen ein großes Militärbudget, erklärte die Exekutive, allerdings nicht, weil die Russen kommen. Vielmehr ist es das "technologische Raffinement" der Länder der Dritten Welt, das hohe Militärausgaben erfordert, große Waffenverkäufe an unsere Lieblingsgangster und Interventionstruppen vor allem für den Nahen Osten, wo "die Bedrohung für unsere Interessen nicht dem Kreml zugeschoben werden konnte", wie der Kongress informiert wurde, im Gegensatz zu den Jahrzehnten der Lügen und Märchen, die man jetzt ruhen ließ.
Ebenso wenig konnte dem Irak "die Bedrohung für unsere Interessen" zugeschoben werden. Zu jener Zeit war Saddam ein Verbündeter. Seine einzigen Verbrechen waren die Vergasung von Kurden, Folter von Dissidenten, Massenmord und andere Nebensächlichkeiten. Als Freund und wertvoller Handelspartner wurde er in seiner Suche nach Massenvernichtungswaffen und bei anderen Aktivitäten unterstützt. Noch hatte er nicht das Verbrechen begangen, dass ihn plötzlich vom Günstling zur Reinkarnation Hitlers werden lassen sollte: die Verweigerung (oder vielleicht das Missverstehen) von Befehlen. Hier haben wir eine weitere Sache, deren Erwähnung "nicht gut ankommen würde". Jedes Jahr, wenn der Zeitpunkt kommt, das harte Regime der Sanktionen zu erneuern, das die Iraker vernichtet und gleichzeitig ihren brutalen Diktator stärkt, geben westliche Führer eloquente Erklärungen über die Notwendigkeit ab, dieses Monster im Zaum zu halten, das das ultimative Verbrechen beging: Nicht nur hat er Massenvernichtungswaffen entwickelt, er setzte sie auch noch gegen sein eigenes Volk ein! Soweit alles wahrheitsgemäß. Und es würde vollständig zur Wahrheit werden, wenn fehlende Worte hinzugefügt würden: Er beging das schockierende Verbrechen "mit unserer Hilfe und stillschweigendem Einverständnis und anhaltender Unterstützung". Man wird vergeblich nach diesem unbedeutenden Zusatz suchen.
Kehren wir zum Ruf nach einem großen Pentagon-Budget vom März 1990 zurück: Ein weiterer Grund war das Bedürfnis, die "industrielle Verteidigungsbasis" aufrecht zu erhalten, ein beschönigender Ausdruck für die Hi-Tech-Industrie. Die enthusiastischen Reden über die Wunder des Marktes verhüllen die Tatsache, dass die dynamischen Wirtschaftssektoren stark vom riesigen staatlichen Sektor abhängig sind, der dabei behilflich ist, Kosten und Risiken zu verstaatlichen und gleichzeitig Profit zu privatisieren - eine weitere gut belegte allgemeine Aussage über die Industriegesellschaft, die sich bis zur Industriellen Revolution in Großbritannien zurückverfolgen lässt. In den USA wurden diese Funktionen großteils unter dem Deckmantel des Pentagons erfüllt, obwohl die Rolle des Militärs in der ökonomischen Entwicklung tatsächlich bis zu den frühesten Tagen der Industriellen Revolution zurückreicht, nicht nur in den Vereinigten Staaten. Diese Fakten sind Wirtschaftshistorikern wohl bekannt.
Kurz gesagt führte der Fall der Berliner Mauer zu einer wichtigen rhetorischen Verlagerung und zum stillschweigenden Geständnis, dass frühere Vorwände betrügerisch gewesen waren. Eines Tages könnte es sogar möglich sein, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass sich jene Faktoren des Kalten Krieges, die immer wieder herhalten mussten, verschiedenste Verbrechen zu rechtfertigen, bei genauerer Betrachtung als nichtig erweisen: Obwohl er nie völlig verschwand, hatte der Konflikt der Supermächte bei weitem nicht die Signifikanz, die ihm normalerweise nachgesagt wird. Doch jener Zeitpunkt ist noch nicht gekommen. Wenn solche Themen außerhalb der Reihen der weltlichen Priesterschaft auftauchen, werden die Emporkömmlinge ignoriert, oder, wenn bemerkt, angewiesen, sich um ihre eigenen Dinge zu kümmern und für ihre Wiederholung "alter, müder Klischees" die üblicherweise unterdrückt wurden und immer noch werden - lächerlich gemacht.
Bis hierhin habe ich öffentliche Dokumente zitiert, doch da wenig berichtet wurde, sind die Informationen auf kleine Kreise beschränkt, vorwiegend Dissidentenkreise. Wenden wir uns als nächstes den geheimen Planungen der höchsten Ebenen in der Ära nach dem Kalten Krieg zu.
Freigegebene Dokumente des Pentagons beschreiben den alten Feind Russland als "waffenreiche Umgebung". Der neue Feind dagegen ist eine "zielreiche Umgebung". Der Süden, mit seinem angsteinflößenden "technologischen Raffinement", hat viele Ziele, aber nicht viele Waffen, obwohl wir dabei helfen, diese Unzulänglichkeit durch massive Waffengeschäfte zu beseitigen. Der Militärindustrie entgeht diese Tatsache nicht. So verlangt die Firma Lockheed-Martin nach mehr mit Steuergeldern subventionierten Verkäufen ihrer F-16-Kampfflugzeuge und warnt gleichzeitig, dass hunderte von Milliarden Dollar benötigt werden, um weiterentwickelte F-22-Flieger zu entwickeln, um uns vor den F-16 zu beschützen, die wir an die potenziellen "Schurkenstaaten" liefern (gegen den Willen von 95% der Bevölkerung).
Den Süden ins Ziel zu nehmen erfordert neue Strategien. Eine ist "anpassungsfähige Planung", um schnelle Aktionen gegen kleine Länder zu ermöglichen: zum Beispiel 1998 die Zerstörung der halben pharmazeutischen Versorgungskapazität in einem armen afrikanischen Land, durch die vermutlich zehntausende Menschen ums Leben kamen, obwohl wir dies nie genau wissen werden, weil es keine Untersuchung geben wird. Ein kläglicher Versuch, bei den Vereinten Nationen eine Untersuchung zu initiieren, wurde von Washington blockiert, und wenn Untersuchungen im Westen stattfinden, haben sie nie die Öffentlichkeit erreicht. Es gibt gute Gründe, das Thema zu ignorieren: Die Bombardierung war per Definition kein Verbrechen. Der Akteur ist zu mächtig, als dass er Verbrechen begehen könnte; er führt lediglich "edle Missionen" zur Selbstverteidigung aus, obwohl diese manchmal aufgrund von schlechter Planung, Missverständnissen oder dem Unwillen der Bevölkerung, "die Lasten der Weltherrschaft anzunehmen", scheitern.
Neben "anpassungsfähiger Planung" ist technologische Innovation notwendig, wie das Pentagon erklärt: zum Beispiel neue "Mini-Nukes" zum Einsatz gegen schwache und wehrlose Gegner im zielreichen Süden.
Wir erfahren mehr aus einer wichtigen Studie des US Strategic Command (STRATCOM) von 1995, die 1998 teilweise freigegeben wurde. Diese Studie, benannt "Essentials of Post-Cold War Deterrence" ("Wesentliche Elemente der Abschreckung nach dem Kalten Krieg"), betrachtet "die Schlussfolgerungen mehrerer Jahre des Nachdenkens über die Rolle von Nuklearwaffen in der Ära nach dem Kalten Krieg". Die wichtigste Schlussfolgerung ist, dass Nuklearwaffen die Grundlage für Politik bleiben müssen. Die USA müssen daher die wesentlichen Bestimmungen des Atomwaffensperrvertrags (Non-proliferation Treaty, NPT) ignorieren, die redliche Anstrengungen zur Eliminierung von Nuklearwaffen verlangen, und müssen entschieden jedes Verbot eines Erstschlags zurückweisen. Der Rückgriff auf Nuklearwaffen durch die USA kann entweder als Antwort auf eine Aktion, die Washington nicht gefällt, oder "vorsorglich" ("preemptive") erfolgen. Im Widerspruch zu internationalen Konventionen muss die Erstschlagsoption die Möglichkeit eines Angriffs auf nicht-nukleare Staaten, die den Sperrvertrag unterzeichnet haben, beinhalten.
Vor zwei Jahren, im November 1997, stimmte Präsident Clinton in der Presidential Decision Directive 60 (PDD 60; hochgradig geheim, aber selektiv freigegeben) formal diesen Empfehlungen zu. Die Direktive erlaubt den Ersteinsatz nuklearer Waffen und erhält die Dreiergruppe der nuklearen Träger interkontinentale ballistische Raketen (ICBM), von See abschießbare ballistische Raketen (SLBM) und Langstreckenbomber. Diese sollen in "Abschuss-bei-Warnung-Stellung" verbleiben und so das Alarm-Regime der vergangenen Jahre und dessen allgegenwärtige Gefahr für das Überleben fortbestehen lassen. Neue Programme wurden eingeleitet um diese Entscheidungen zu implementieren, unter ihnen die Verwendung ziviler Atomkraftwerke zur Produktion von Tritium für Nuklearwaffen, wodurch die Grenze zwischen ziviler und militärischer Nutzung von Atomenergie, die mit dem NPT gezogen werden sollte, überschritten wird. Das geplante National Missile Defense-System, das den ABM-Vertrag (anti-Ballistic-Missile Treaty) aufhebt, wird wahrscheinlich die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen durch potenzielle Feinde, die das System als Erstschlagswaffe sehen, fördern und so die Bedrohung durch einen ungewollten Atomkrieg erhöhen, wie viele strategische Analysten überzeugend dargelegt haben.
Die STRATCOM-Studie betont das Bedürfnis nach Glaubwürdigkeit: Feinde (auch potenzielle) müssen geängstigt werden. Diesen Punkt kann jeder Mafia-Don erklären. Man erinnere sich daran, dass der "Erhalt von Glaubwürdigkeit" das einzige ernsthafte Argument war, das von Clinton, Blair und ihren Kollegen für die Bombardierung Jugoslawiens vorgebracht wurde. Die weltliche Priesterschaft hat allerdings einer anderen Geschichte den Vorzug gegeben und ethnische Säuberungen und Gräueltaten heraufbeschworen, die sich in den detaillierten Berichten des Außenministeriums, der NATO und anderen westlichen Quellen (die interessanterweise von der Literatur zur Rechtfertigung des NATO-Krieges weitgehend ignoriert worden sind) nicht finden lassen. Ein ziemlich typisches Beispiel dieser bevorzugten Version, aus der International Herald Tribune/Washington Post, ist, dass "Serbien den Kosovo überfiel, um eine separatistische albanische Guerillabewegung zu zerschlagen, dabei aber 10.000 Zivilisten getötet und 70.000 Menschen nach Mazedonien und Albanien vertrieben hat. Die NATO hat Serbien aus der Luft angegriffen, um die Albaner vor ethnischen Säuberungen zu schützen, tötete aber hunderte serbischer Zivilisten und löste einen Exodus von Zehntausenden aus den Städten auf das Land aus." Entscheidend und unzweifelhaft ist, dass die Abfolge der Ereignisse umgekehrt war, aber die Wahrheit ist schwerer mit jenen "Prinzipien und Werten" zu vereinbaren, die ein beruhigenderes Selbstbild vermitteln.
Nuklearwaffen steigern die Glaubwürdigkeit, so erklärt STRATCOM, weil sie "über jede Krise oder jeden Konflikt immer einen Schatten werfen". Sie sind den Massenvernichtungswaffen der Schwachen vorzuziehen, denn "anders als chemische oder biologische Waffen ist die extreme Zerstörung durch eine nukleare Explosion unmittelbar, mit wenigen Linderungsmitteln, wenn überhaupt, um den Effekt einzudämmen". Washingtons nuklear-basierte "Erklärung zur Abschreckung" muss "überzeugend" und "unmittelbar erkennbar" sein. Weiterhin müssen die USA "Zweideutigkeit aufrechterhalten". Es ist wichtig, dass "Planer nicht zu rational sein sollten, wenn sie entscheiden ... was für den Gegner das Wertvollste ist", von dem alles zur Zerstörung anvisiert werden muss. "Es schadet, wenn wir uns als allzu rational und besonnen darstellen." Die "nationale Rolle, die wir beschützen", sollte sein, "dass die USA irrational und rachsüchtig werden könnten, sollten ihre lebenswichtigen Interessen angegriffen werden". Es ist "förderlich" für unsere strategische Haltung, wenn "einige Elemente als potenziell 'außer Kontrolle' erscheinen".
Kurz gesagt, die Welt sollte erkennen, dass wir gefährlich, unberechenbar und bereit sind, auf das, was dem Gegner das Wertvollste ist, mit vorsorglichen ("preemptive") Schlägen unter Verwendung von Waffen mit enormer Zerstörungskraft einzuschlagen, sobald wir es sehen. Dann werden sie sich mit gebührender Angst vor unserer Glaubwürdigkeit unserem Willen beugen.
Das ist die allgemeine Triebfeder derzeitiger strategischer Planung auf höchster Ebene, soweit es der Öffentlichkeit eröffnet wurde. Auch diese Pläne bleiben weitgehend wie zuvor, doch mit einer fundamentalen Veränderung nach dem Zusammenbruch der feindlichen Supermacht. Jetzt "fehlt eine wichtige Beschränkung", wie STRATCOM beobachtet: die sowjetische Abschreckung. Ein Großteil der Welt ist sich dessen sehr wohl bewusst, wie sich z.B. während des NATO-Krieges auf dem Balkan offenbarte. Westliche Intellektuelle stellten ihn generell nach Art Vaclav Havels dar: Ein historisch beispielloser Akt des reinen Anstands. Anderswo wurde der Krieg häufig so wahrgenommen wie Solzhenitsyn ihn schilderte, selbst in US-abhängigen Staaten. In Israel verwiesen Militärberichterstatter unter dem zynischen Deckmantel der "moralistischen Rechtschaffenheit" auf die Praktiken der Kolonialzeit und bezeichneten die NATO-Führer als "Gefahr für die Welt" und warnten, dass diese Praktiken dazu beitragen würden, Massenvernichtungswaffen zu verbreiten und neue strategischen Allianzen gegen die Supermacht entstehen zu lassen, die so wahrgenommen wird, wie es STRATCOM empfiehlt: als "außer Kontrolle". Hardliner unter den strategischen Analysten in den USA haben ähnliche Bedenken geäußert.
Eine weltweit dominierende Supermacht, die "außer Kontrolle" ist, hat beträchtliche Freiheiten, wenn sie nicht von der eigenen Bevölkerung in die Schranken verwiesen wird. Eine wichtige Aufgabe der weltlichen Priesterschaft ist es, solche internen Schranken zu reduzieren. Es ist notwendig, laserartig den Fokus auf Verbrechen derzeitiger Feinde zu lenken und gleichzeitig jene zu meiden, die wir lindern oder beenden könnten - mit so einfachen Mitteln wie der Beendigung unserer Beteiligung. Neue Literatur über die "humanitäre Intervention", ein aufblühendes Genre, veranschaulicht gut die leitenden Prinzipien. Man wird fleißig suchen müssen, bis man einen Hinweis auf die maßgebliche Mitwirkung der USA und ihrer Verbündeten an größeren Gräueltaten und ethnischen Säuberungen findet: innerhalb der NATO selbst oder in Kolumbien, oder Ost-Timor, oder im Libanon, oder allzu vielen anderen Ecken der Welt, wo Menschen in Elend und Unterdrückung leben.
Das Projekt, die Öffentlichkeit uninformiert, passiv und gehorsam zu halten, lässt sich weit in der Geschichte zurückverfolgen, nimmt aber ständig neue Formen an. Dies trifft insbesondere zu, wenn Menschen einen Grad an Freiheit gewinnen und nicht so einfach durch Androhung oder Ausübung von Gewalt unterworfen werden können. England und die Vereinigten Staaten sind die wichtigsten Beispiele im letzten Jahrhundert. Während des Ersten Weltkriegs bauten beide führenden Demokratien hochgradig effektive Agenturen für Staatspropaganda auf. Das Ziel des britischen Informationsministeriums war es, "die Gedanken der Welt zu kontrollieren", insbesondere die Gedanken der amerikanischen Intellektuellen, die - so wurde vernünftigerweise angenommen - hilfreich sein könnten, die USA in den Krieg einzubringen. Um das Erreichen dieses Ziels zu unterstützen, gründete Präsident Woodrow Wilson die erste offizielle Propagandaagentur des Landes, das Kommitee für öffentliche Information - was sich natürlich mit "öffentliche Desinformation" übersetzen lässt. Die Aufgabe des von führenden progressiven Intellektuellen geleiteten Kommitees war es, eine pazifistische Bevölkerung in hysterische Hurrapatrioten und Enthusiasten für den Krieg gegen die grausamen Hunnen zu verwandeln. Diese Bemühungen hatten großen Erfolg, einschließlich skandalöser Lügenmärchen, die lange nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt hatten aufgedeckt wurden, und die oft lange nach ihrer Offenlegung bestehen bleiben.
Der Erfolg beeindruckte viele Beobachter, unter ihnen Adolf Hitler, der spürte, dass Deutschland den Krieg wegen der Überlegenheit anglo-amerikanischer Propaganda verloren hatte, und gelobte, dass Deutschland beim nächstenmal an der Propagandafront paratstehen würde. Ebenfalls tief beeindruckt war die amerikanische Geschäftswelt, die das Potenzial der Propaganda für die Formung von Einstellungen und Überzeugungen erkannte. Die riesigen Industrien für Public Relations (PR), Werbung und Massenkultur sind teilweise Auswüchse dieser Erkenntnis, ein Phänomen von enormer Bedeutung in folgenden Jahren. Der Verlass auf den Erfolg von Propaganda in Kriegszeiten war völlig bewusst. Einer der Begründer der PR-Industrie, Edward Bernays, bemerkte in seinem Industriehandbuch Propaganda, dass "es der erstaunliche Erfolg von Propaganda während des Krieges war, der den intelligenten Wenigen in allen Abteilungen des Lebens für die Möglichkeiten, den öffentlichen Geist zu reglementieren, die Augen öffnete". Als angesehener Wilson-Roosevelt-Kennedy-Liberaler griff Bernays auf seine Erfahrungen als Mitglied in Wilsons Propagandaagentur zurück.
Eine dritte Gruppe, die von den Erfolgen der Propaganda beeindruckt war, war die weltliche Priesterschaft der elitären Intellektuellen, die "verantwortlichen Männer", wie sie sich selbst bezeichneten. Diese Mechanismen der Reglementierung der Gedanken sind "eine neue Kunst in der Ausübung der Demokratie", wie Walter Lippmann beobachtete. Auch er war ein Mitglied von Wilsons Propagandaagentur gewesen und sollte zu einer der bedeutendsten Figuren des Jahrhunderts für den amerikanischen Journalismus werden, ebenso wie einer der am meisten respektierten und einflussreichsten Kommentatoren öffentlicher Angelegenheiten.
Die Geschäftswelt und die elitären Intellektuellen beschäftigten sich mit demselben Problem. "Die Bourgeoisie fürchtete sich vor den ordinären Menschen", beobachtete Bernays. Als Resultat von "allgemeinem Wahlrecht und allgemeiner Schulbildung, ... versprachen die Massen, König zu werden", eine gefährliche Tendenz die mit Hilfe der neuen Methoden um "den Geist der Massen zu formen" kontrolliert und rückgängig gemacht werden könne, riet Bernays.
Dieselbe Bedrohung kam in England auf. In früheren Jahren war die formale Demokratie eine eher begrenzte Angelegenheit gewesen, aber im frühen zwanzigsten Jahrhundert konnte die arbeitende Bevölkerung durch die parlamentarische Arbeitspartei und Organisationen der Arbeiterklasse, die politische Entscheidungen beeinflussen konnten, die politische Bühne betreten.
In Amerika war die Arbeiterschaft mit beachtlicher Gewalt zerschmettert worden, aber das Stimmrecht weitete sich aus und es wurde schwieriger, jenes Prinzip aufrechtzuerhalten, auf dem das Land gegründet wurde: dass die Regierung "die Minderheit der Reichen gegen die Mehrheit beschützen" muss, in den Worten James Madisons, dem wichtigsten Gestalter der Verfassung, die eingerichtet war, um "die dauerhaften Interessen des Landes gegen Innovationen zu schützen", wobei diese "dauerhaften Interessen" Eigentumsrechte seien, so Madison. Von denen "ohne Eigentum oder die Hoffnung, solches zu erlangen, kann nicht erwartet werden, ausreichend mit diesen Rechten zu sympathisieren", warnte er. The breite Öffentlichkeit muss daher zersplittert und marginalisiert werden, während die Regierung in den Händen des "Wohlstands der Nation" ist, "der tüchtigsten Klasse von Menschen", auf die man bei der Sicherung der "dauerhaften Interessen" vertrauen könne. "Die Leute, denen das Land gehört, sollten es regieren", wie das Prinzip von Madisons Amtsbruder John Jay, Präsident der Verfassungsgebenden Versammlung und erster Präsident des obersten Gerichtshofs, formuliert wurde.
Diese Maßnahmen sind ständigen Konfrontationen ausgesetzt, die in den 1920er Jahren ernster wurden. Die britische Konservative Partei erkannte, dass die Gefahr der Demokratie durch "Anwendung der Lehren" der Kriegszeitpropaganda "auf die Organisierung politischer Kriegsführung" eingedämmt werden könne. In der US-Variante forderte Lippmann die "Fabrikation der Übereinstimmung", um es der "intelligenten Minderheit" der "mündigen Männer" zu ermöglichen, die Politik zu bestimmen. "Die Öffentlichkeit muss an ihre Stelle verwiesen werden", mahnte er, damit die mündigen Männer vor "dem Trampeln und Gebrüll der verwirrten Herde" beschützt würden. Die breite Öffentlichkeit besteht aus "unwissenden und lästigen Außenstehenden", deren Rolle in einer Demokratie die der "Zuschauer" ist, nicht die der "Mitwirkenden". Sie sind berechtigt, ihr Gewicht periodisch einem der mündigen Männer zu verleihen - was "Wahl" genannt wird - , dann aber zu ihrem individuellen Streben zurückzukehren.
Das ist gute Wilson-Doktrin, ein Element des "Wilson'schen Idealismus". Wilsons eigene Ansicht war die, dass eine Elite von Ehrenmännern mit "erhöhten Idealen" "Stabilität und Rechtschaffenheit" bewahren muss. Es ist auch gute Lenin-Doktrin; der Vergleich ist es wert, weiterverfolgt zu werden, doch ich werde bei der weltlichen Priesterschaft der westlichen Demokratien bleiben. Diese Ideen sind tief in der amerikanischen Geschichte verwurzelt, ebenso wie in der britischen Geschichte bis zurück zur ersten demokratischen Revolution des siebzehnten Jahrhunderts, die ebenfalls die "Männer von höchster Güte", wie sie sich selbst nennen, verängstigte.
In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Angelegenheiten auch von den akademischen Intellektuellen angesprochen. Die Encyclopaedia of Social Sciences enthielt 1933 einen Artikel über "Propaganda", geschrieben von einem der Begründer der modernen Politikwissenschaft, Harold Lasswell. Er warnte, dass die intelligente Minderheit die "Beschränktheit und Dummheit der Massen" erkennen müsse und nicht "demokratischen Dogmatismen darüber, dass Menschen die besten Richter über ihre eigenen Interessen seien", erliegen dürften. Sie sind es nicht; wir "mündigen Männer" sind die besten Richter. Zu ihrem eigenen Vorteil müssen die beschränkten und dummen Massen kontrolliert werden. In demokratischeren Gesellschaften, wo Gewalt nicht zur Verfügung steht, müssen sich die Führer der Gesellschaft daher "einer völlig neuen Technik der Kontrolle, größtenteils durch Propaganda", zuwenden.
Edward Bernays erklärte in seinem Leitfaden Propaganda von 1925, die "intelligenten Minderheiten" müssten den "öffentlichen Geist genauso stark reglementieren, wie eine Armee die Körper ihrer Soldaten reglementiert". Die Aufgabe der intelligenten Minderheiten, vor allem Wirtschaftsbosse, ist "die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen". Dieser Prozess der "Konstruktion der Übereinstimmung" ist das wirkliche "Wesen des demokratischen Prozesses", schrieb Bernays kurz bevor er 1949 von der American Psychologial Association für seine Beiträge geehrt wurde. Ein großer Teil der modernen angewandten und industriellen Psychologie entwickelte sich innerhalb dieser Rahmenbedingungen. Bernays selbst hatte durch eine Propagandakampagne Ruhm erworben, die Frauen dazu verleitete, Zigaretten zu rauchen, und bestätigte seine Methoden einige Jahre nachdem er seinen Preis erhalten hatte, indem er den propagandistischen Teil der Zerstörung der Demokratie Guatemalas leitete, die ein Terrorregime einsetzte, das über vierzig Jahre folterte und massakrierte. "Gewohnheiten und Meinungen" müssen "intelligent manipuliert werden".
Die Manipulation der Meinungen liegt in der Verantwortung der Medien, Zeitschriften, Schulen, Universitäten und der gebildeten Schichten generell. Die Aufgabe der Manipulation von Gewohnheiten und Einstellungen kommt den populären Künsten, der Werbung und der gewaltigen Public Relations-Industrie zu. Deren Ziel, schreiben Wirtschaftsbosse, ist es, "ewige Gebräuche zunichte zu machen". Eine Methode ist, künstliche Bedürfnisse zu schaffen, eingebildete Erfordernisse, ein Mittel, das seit der frühen industriellen Revolution als effektive Kontrolltechnik begriffen wurde, wie auch später nach der Befreiung der Sklaven. In den 1920er Jahren entstand aus dieser Technik eine große Industrie, und sie hat in den letzten Jahren einen neuen Höhepunkt an Raffinesse erreicht. Handbücher erklären, dass die Industrie eine "Philosophie der Sinnlosigkeit" und das "Fehlen eines Sinns des Lebens" einzuführen versuchen solle. Sie solle Wege finden, "die Aufmerksamkeit des Menschen auf die oberflächlicheren Dinge zu konzentrieren, was einen Großteil des modischen Konsums beinhaltet". Die Leute dürfen dann ihre bedeutungslosen und untergeordneten Leben akzeptieren und sogar begrüßen und lächerliche Ideen von der Handhabung der eigenen Angelegenheiten vergessen. Sie werden ihr Schicksal den mündigen Männern überlassen, den intelligenten Minderheiten, der weltlichen Priesterschaft, die die Macht verwalten und ihr dienen - diese liegt natürlich anderswo, eine versteckte aber entscheidende Voraussetzung.
In der modernen Welt ist die Macht auf einige wenige mächtige Staaten konzentriert, sowie auf die eng mit diesen Staaten verbundenen privaten Tyranneien - die zu ihren "Werkzeugen und Tyrannen" werden, wie Madison vor langer Zeit warnte. Die privaten Tyranneien sind die großen Unternehmen, die das ökonomische, soziale und politische Leben bestimmen. In ihrer internen Organisation kommen diese Institutionen dem totalitären Ideal ungefähr so nahe wie nur irgendetwas, das von Menschen erdacht wurde. Ihre intellektuellen Ausgangspunkte liegen teilweise in neo-Hegelianischen Lehren von den Rechten organischer übermenschlicher Entitäten, Lehren, die auch den anderen bedeutenden Formen modernen Totalitarismus' zugrunde liegen, Bolschewismus und Faschismus. Die Korporatisierung Amerikas wurde von Konservativen - eine heute kaum noch existente Kategorie - als eine Rückkehr zu Feudalismus und einer "Form von Kommunismus" heftig attackiert, nicht in wirklichkeitsferner Weise.
Bis gut in die 1930er Jahre hinein war die Debatte über diese Dinge im Mainstream sehr lebendig. Die Angelegenheiten wurden mit dem Angriff der korporativen Propaganda nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend aus dem öffentlichen Geist getilgt. Die Kampagne war eine Reaktion auf das schnelle Wachstum sozialdemokratischer und radikalerer Engagements während der Depression und der Kriegsjahre. Wirtschaftspublikationen warnten vor "der Gefährdung der Industriellen angesichts der wachsenden politischen Macht der Massen". Um der Bedrohung entgegenzuwirken wurden großangelegte Maßnahmen unternommen, um "Bürger mit dem kapitalistischen Märchen zu indoktrinieren" bis "sie fähig sind, das Märchen mit bemerkenswerter Redlichkeit wiederzugeben", in der Terminologie der Wirtschaftsbosse, die sich "der unaufhörlichen Schlacht um die Gedanken der Menschen" mit neuer Vitalität widmeten. Der Propagandaangriff war enorm in seinen Ausmaßen, ein bedeutendes Kapitel in der Geschichte der Fabrikation der Übereinstimmung. Es gibt ziemlich gute wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema, die den Opfern unbekannt ist.
Dies waren die zu wählenden Methoden in den reichen und privilegierten Gesellschaften. Anderswo standen, wie bereits diskutiert, andere Mittel zur Verfügung, mit einem furchtbaren Preis an Menschenleben. Diese Mittel wurden seit den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs angewandt, um den antifaschistischen Widerstand zu zerstören und die traditionelle Ordnung wiederherzustellen, die durch ihre Verbindung mit dem Faschismus weitgehend diskreditiert war. Sie wurden dann angepasst, um sicherzustellen, dass die Dekolonisierung nicht außer Kontrolle geriet.
Die Unruhen in den 1960er Jahren ließen ähnliche Ängste in ehrenwerten Kreisen aufkommen. Ihren vielleicht deutlichsten Ausdruck fanden sie in der ersten bedeutenden Publikation der Trilateralen Kommission, einer Gruppe, die großtenteils aus liberalen Internationalisten der drei großen Industrieszentren Europa, Japan und USA bestand: Die Carter-Administration rekrutierte sich großtenteils aus ihren Reihen, inklusive des Präsidenten selbst und aller seiner Berater. Die erste Publikation der Kommission war der "Krise der Demokratie" gewidmet, die in den trilateralen Regionen aufgekommen war. Die Krise bestand darin, dass in den 1960er Jahren große Teile der Bevölkerung, die normalerweise passiv und apathisch sind, ihre Interessen und Sorgen auf organisierte Art und Weise zu formulieren und die politische Bühne zu betreten versuchten, um sie vorzutragen: Frauen, Minderheiten, die Jugend, die Älteren etc. tatsächlich praktisch die gesamte Bevölkerung. Ihre "speziellen Interessen" müssen vom "nationalen Interesse" unterschieden werden, ein Orwellianischer Ausdruck, der sich in Wirklichkeit auf die "dauerhaften Interessen" der "Minderheit der Reichen" bezieht.
Die Naiven könnten diese Entwicklungen als Schritt in Richtung Demokratie bezeichnen, aber die weiter Fortgeschrittenen verstehen sie als ein "Übermaß an Demokratie", eine Krise die bewältigt werden muss, indem die "verwirrte Herde" auf den ihr angemessenen Platz zurückgeschickt wird: Zuschauer, nicht Teilnehmer am Prozess. Der amerikanische Berichterstatter der Kommission, ein angesehener Politikwissenschaftler der Harvard-Universität, beschrieb mit einem Hauch von Nostalgie die Welt vergangener Zeiten, als Harry Truman "fähig war, das Land in Zusammenarbeit mit einer relativ kleinen Anzahl von Wall Street-Anwälten und -Bankern zu regieren", ein glücklicher Zustand, der wiedererlangt werden könne, wenn eine "Mäßigung der Demokratie" erreicht wird.
Die Krise löste einen neuerlichen Angriff auf die Demokratie durch politische Entscheidungen, Propaganda und andere Methoden der Kontrolle von Meinungen, Gewohnheiten und Einstellungen aus. Gleichzeitig wurden die Möglichkeiten der öffentlichen Tätigkeit unter dem Regime des "Neoliberalismus" stark eingeschränkt - ein zweifelhafter Begriff; die Taktiken sind weder "neu" noch "liberal", wenn uns irgendetwas dem klassischen Liberalismus Ähnliches vorschwebt. Das "neoliberale" Regime unterminiert öffentliche Souveräntität, indem es die Macht der Beschlussfassung von nationalen Regierungen auf ein "Quasi-Parlament" von Investoren und Geldgebern verlagert, eingerichtet vor allem in korporativen Institutionen. Dieses Quasi-Parlament verfügt durch Kapitalflucht und Angriffe auf die Währung über ein "Vetorecht" über Regierungsplanungen, dank der Liberalisierung von Finanzströmen als Teil der Demontage des 1944 eingerichteten Bretton Woods-Systems. Dies bringt uns zur heutigen Zeit und wirft bedeutende Fragen auf, die ich angesichts der zeitlichen Grenzen widerwillig beiseite legen muss.
Die Ergebnisse und die Methoden, mit denen sie herbeigeführt wurden, sollten als Teil der bedeutendsten Errungenschaften der Macht und ihrer Diener im zwanzigsten Jahrhundert angesehen werden. Sie deuten auch daraufhin, was vor uns liegen könnte immer unter dem Vorbehalt: Wenn wir es erlauben, was eine Entscheidung ist, keine Notwendigkeit.
Anmerkungen
Der Text ist eine vollständige Übersetzung des fünften Kapitels von Noam Chomsky, On Nature and Language, Cambridge: Cambridge University Press, 2002 (S. 162-186). Er steht in keiner inhaltlichen Beziehung zu den übrigen Kapiteln, die sich mit Chomskys minimalistischer Syntaxtheorie und den Errungenschaften der modernen theoretischen Linguistik im Allgemeinen beschäftigen.
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