Leben nach dem Kapitalismus
von Michael Albert
14.10.2004 — ZNet
Die nachfolgende Rede hielt Michael Albert in Rimini bei der Konferenz des Pio Manzu Instituts zum Anlaß der Verleihung der Medaille des Präsidenten der Rebublik Italien für seine Arbeit an Parecon. Ihm wurde die Medaille mit folgenden Worten überreicht:
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Medaille des Präsidenten der Republik Italien
Verliehen an Michael Albert durch das Internationale Wissenschaftliche Komittee des Pio Manzu Zentrums
Der höchst produktive amerikanische Ökonom Michael Albert ist der Autor einer kühnen, innovativen Wirtschaftstheorie welche es sich als Ziel setzt den egoistischen Wettbewerg in der Wirtschaft durch egalitäre Kooperation zu ersetzen.
Zusammen mit seinem Koautor Robin Hahnel, Wirtschafsprofessor an der American University in Washington D.C., hat er ein radikales Wirtschaftsmodell entwickelt und an die Öffentlichkeit gebracht, welches als partizipative Wirtschaft bekannt ist, und welches sowohl eine Alternative zum Kapitalismus bietet, als auch zum sowjetischen Modell des Realen Sozialismus.
In einer partizipativen Wirtschaft übernimmt Solidarität den Platz der Konkurrenz und Bezahlung für Arbeitszeit, Anstrengung und Unangenehmheit der Arbeit ersetzt Bezahlung für Besitz, Macht oder Produktionszahlen. Ebenso ersetzen Methoden der Selbstverwaltung autoritäre Entscheidungsstrukturen und eine neue Methode der Allokation genannt partizipative Planung ersetzt Märkte.
Um dieses Projekt der radikalen Veränderung [des derzeitigen] Produktionssystems von Privatunternehmen, welches höchst ineffizient ist, zu verwirklichen, setzt Michael Albert darauf, daß ArbeiterInnen und KonsumentInnen in Versammlungen gemäß den Prinzipien der partizipativen Selbstverwaltung agieren.
Das Pio Manzu Zentrum erkennt es an, daß diese radikale neue Theorie dieses amerikanischen Ökonoms die kraftvollste und am vollständigsten ausformulierteste Herausforderung für das derzeitige Modell des sozioökonomischen Denkens darstellt, und daß Alberts hervorragendste Bedeutung in der Tatsache liegt, daß er einen neuen Weg der wirtschaftlichen Organisation als umsetzbaren Vorschlag bietet.
Mikhail Gorbachev, Präsident des wissenschaftlichen Komitees
17. Oktober 2004
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Warum habe ich viel Zeit und Kraft der Beschreibung eines Wirtschaftsmodells gewidmet, das den Kapitalismus ersetzen soll?
Was hat dieses Modell für Eigenschaften, wie unterscheidet es sich von anderen Modellen, und was für Konsequenzen ergeben sich daraus.
Der Grund weswegen ich mich mit wirtschaftlichen Visionen befasse erklärt sich in den Worten des großen Ökonomen John Maynard Keynes so:
[Der Kapitalismus] ist kein Erfolg. Er ist nicht intelligent, er ist nicht schön, er ist weder gerecht noch tugendhaft und er liefert nicht die Güter [die wir brauchen]. Um es kurz zu fassen: Wir mögen ihn nicht, und wir beginnen ihn zu hassen. Aber wenn wir uns fragen durch was wir ihn ersetzen können, wissen wir nichts darauf zu antworten.
Ich befasse mich mit wirtschaftlichen Visionen, um diese Ratlosigkeit überwinden zu helfen.
Kapitalismus ist Diebstahl.
Die harte und untergeordnete Arbeit des Großteils der BürgerInnen bereichert, in unglaublicher Weise, einige Wenige, die überhaupt nicht arbeiten müssen. In der Regel bekommen diejenigen weniger, die länger und härter arbeiten müssen. Wer kürzer und weniger hart arbeitet bekommt mehr.
Auf der Upper West Side von New York City trennt kaum eine Meile zwei Nachbarschaften, in der armen liegt das durchschnittlich verfügbare Einkommen bei 5.000 Dollar im Jahr, in der reichen bei ungefähr 500.000 Dollar im Jahr.
Die reichsten Menschen in den USA sind mehr wert als die Bevölkerungen ganzer Länder. Die ärmsten Menschen in den USA schlafen unter Brücken, von schäbigem Pappkarton geschützt, oder sie hören überhaupt auf zu leben.
Diese Kluft hat nichts mit Eifrigkeit oder Talent zu tun. Sie stammt aus sozialen Beziehungen welche die Vielen zwingt die Wenigen zu bereichern.
Kapitalismus ist Entfremdung, Kapitalismus ist asozial.
Im Kapitalismus sind es finanzielle Motive, die unsere Hanldungen bestimme, egoistische Motive, und keine sozialen Motive. Wir suchen nach Glück für uns allein, zum Schaden von anderen.
Es ist daher kaum überraschend, daß so eine asoziale Welt entstand, in welcher nette Menschen die Überreste bekommen.
In Spitälern in den USA sterben im Jahr etwa eine halbe Million Menschen an Krankheiten, die sie nicht hatten, als sie ins Krankenhaus gekommen waren. Das hat hauptsächlich mit Hygiene, und anderen Dingen die man verbessern könnte, zu tun.
Aber es gibt keine massive Kampagne um diese Leben zu retten. Das wäre nicht profitabel.
Hungertote in der Dritten Welt gibt es aus dem selben Grund: die Armen zu ernähren ist nicht so profitable wie die Reichen zu mästen.
Wie gesund wir sind, was für Nahrung wir zu uns nehmen, was für Stätten wir bewohnen, ergibt sich nicht daraus, daß versucht wird allen Gesundheit, ausreichend Nahrung und eine Wohnstätte zugänglich zu machen, sondern aus individuellem Profitstreben.
Die Logik der Wirtschaft sucht den Profit, nicht die soziale Gerechtigkeit. Etwaige Nischen für Schwache ergeben sich lediglich als unbeabsichtigtes Nebenprodukt, nicht weil das gewollt wäre, und sie entstehen nur selten.
Wie Keynes es ausgedrückt hat: Kapitalismus ist die verblüffende Überzeugung, daß die schlechtesten Menschen die schlechtesten Dinge zum größten Nutzen aller tun.
Kapitalismus ist autoritär.
In kapitalistischen Produktionsstätten haben diejenigen, die langweilige und abstumpfende Tätigkeiten durchführen, so gut wie gar keinen Einfluß auf ihre Arbeitsbedingungen, darauf, was produziert wird, und auf die Entscheidung, welchem Zweck ihre Anstrengungen dienen sollen.
Diejenigen, die Besitz haben, oder sich in machtvollen Positionen befinden, können beinahe ganz allein entscheiden.
Nicht einmal Stalin kontrollierte, wann es Menschen erlaubt ist Pausen zu machen, etwas essen können, oder das WC aufsuchen dürfen. Besitzer von Korporationen sind es heute gewohnt selbst diese Dinge zu regulieren.
Korporationen vernichten die Demokratie.
Kapitalismus ist ineffizient.
Im Kapitalismus werden die produktiven Fähigkeiten von etwa 80% der Bevölkerung verschwendet, indem sie dafür ausgebildet werden, sich an Langeweile zu gewöhnen, und Befehle auszuführen. Es wird nicht versucht ihre größten Talente zu entwickeln.
Es werden unzählbare Ressourcen dafür verschwendet, Verkaufsmaterial zu produzieren, das niemandem nützt. Es wird unglaublich viel Zeit dafür aufgewandt, die Durchführung der Arbeiten zu erzwingen, deren Einteilung aufgezwungen wird, und welcher daher Widerstand entgegengesetzt wird.
Kapitalismus ist rassistisch und sexistisch.
Rassismus und Sexismus sind zwar keine prinzipiellen Bestandteile dieser Wirtschaftsordnung, werden aber in der Folge von Konkurrenz auf Märkten von den Besitzenden verstärkt, wenn sie bestehende Rassen- und Geschlechtshierarchien ausnutzen.
Wenn die Durchsetzungskraft mancher durch außerwirtschaftliche Bedenken geschwächt wird, gibt das den Kapitalisten die Möglichkeit, ihre Ungerechtigkeiten noch zu verstärken.
Kapitalismus ist gewalttätig.
Das kapitalistische Streben nach Marktbeherrschung macht Länder zu Feinden.
Wer genug Waffen hat nutzt die Ressourcen und Bevölkerungen jener aus, welche sich nicht wehren können, und das führt oft genug zum Krieg.
Kapitalismus kennt keine Zukunft.
Märkte drängen auf kurzfristige Berechnungen, und Müll anderen aufzubürden, um Kosten zu vermeiden, ist in ihrer Welt ein unumgänglicher und einfacher Weg zu höherem Gewinn.
Deswegen können die Geldgierigen sich unaufhörlich bereichern, und ignorieren und verzerren nicht nur die Konsequenzen für die Arbeitenden und die Konsumierenden, sondern auch die Effekte auf die Umwelt und die Ressourcen von Morgen.
Wir sehen was so der Luft, dem Wasser und dem Boden angetan wird, und diese werden nur durch Umweltbewegungen geschützt, wenn sie ein vernünftigeres Verhalten erzwingen.
Ich könnte damit fortfahren, den morbiden Charakter des Kapitalismus detailliert vorzuzeigen, aber ich glaube nicht, daß das notwendig ist.
Im Jahr 2004 sind nur relativ wenige Menschen, durch ihre bevorzugte Stellung, so unmoralisch gemacht worden, oder durch ihre ausgeklügelte Erziehung so ignorant gemacht worden, oder von den Medien so erfolgreich verwirrt worden, daß sie nicht sehen, daß der Kapitalismus heute ein gigantisches Massaker durch die Kräfte der Ungerechtigkeit ist, unmenschlich in jeder Hinsicht.
Wie John Stuart Mill es formulierte: Ich gebe zu, daß mich das Lebensideal jener, welche glauben, daß der gewöhnliche Zustand menschlicher Wesen der des Kampfes ist, nicht entzückt; [das Ideal jener, welche finden,] daß das gegenseite Niedertrampeln und Wegstoßen welches das momentane soziale System prägt, das wünschenswerteste Schicksal für die Menschheit darstellt.
Aber was wollen wir sonst?
Partizipative Wirtschaft, oder Parecon [für participatary economics], baut auf vier institutionellen Prinzipien auf.
Erstens werden die Menschen in Parecon am wirtschaftlichen Leben durch inenandergeschachtelte Versammlungen teilnehmen, als Produzierende und Konsumierende, [Versammlungen von jener Art] wie sie immer wieder entstanden sind, wenn Menschen versucht haben ihre Wirtschaft selbst zu organisieren, was kürzlich in Argentinien geschah.
Was Parecon hier neues bringt, ist, daß die Versammlungen sich selbst verwalten.
Menschen sollten Entscheidungen in dem Maße beeinflussen, in welchem sie von ihnen betroffen sind.
Manchmal ist die geeignetste Variante von Selbstverwaltung, Wahlen durchzuführen, in welchen jede Person eine Stimme hat, und manchmal wird vielleicht eine andere Abstimmungsart verwendet, und manchmal wird die Entscheidung im Konsens getroffen werden, und manchmal wird vielleicht nur ein Teil der Bevölkerung über etwas abstimmen.
In Parecon hängt die Art, in welcher ein Beschluß gefasst wird, davon ab, wie die Selbstbestimmung aller Beteiligten am ehesten ermöglicht wird.
Solche selbstverwalteten Produzenten- und Konsumentenversammlungen haben natürlich wenig mit den hierarchischen Firmen zu tun welche wir heute ertragen müssen.
Zweitens wird die Entlohnung in Parecon von der Anstrengung abhängig gemacht, und nicht davon wieviel produziert wird oder wie mächtig man ist.
In einem Parecon verdienen wir mehr, wenn wir länger arbeiten, wenn wir härter arbeiten, oder wenn wir unter unangenehmeren oder gefährlicheren Bedingungen arbeiten.
Parecon lehnt es ab, daß jemand dafür bezahlt wird ein Privileg in der Tasche zu haben. Dafür gäbe es keine moralische Rechtfertigung, und wirtschaftlichen Anreiz böte dies auch nicht.
Parecon lehnt auch eine Rüpelwirtschaft ab, in welcher Menschen bekommen, was sie im Stande sind sich zu nehmen, wie in einer Marktwirtschaft.
Etwas kontroversieller, lehnt es Parecon auch ab, daß Menschen aus einer Wirtschaft soviel nehmen können sollten, wie sie selbst in Form persönlicher Arbeit beigetragen haben.
Wieviel wir produzieren hängt von vielen Faktoren ab, die wir nicht kontrollieren können: daß wir besseres Werkzeug haben, daß wir in einem produktiverem Umfeld arbeiten, oder daß wir etwas produzieren, was höher bewertet wird, oder daß wir angeborene Eigenschaften haben, welche unsere Produktivität erhöhen.
Wirtschaftliche Anreize müssen zur produktiven Arbeit verleiten wenn diese unangenehm ist. Bezahlung für Anstrengung macht moralisch und ökonomisch Sinn. Das Glück zu jene zu belohnen, die besseres Werkzeug oder bessere Gene haben, macht [moralisch, und auch wirtschaftlich] keinen [Sinn].
Drittens braucht die partitzipative Wirtschaft eine neue Art von Arbeitsteilung.
Wenn eine neue Wirtschaftsordnung den privaten Gewinn beseitigen würde und selbstverwaltende Versammlungen und Entlohnung für Anstrengung nutzen würde, aber zugleich die momentane Arbeitsaufteilung wie sie in Firmen und Korporationen geschieht beibehalten würde, wäre sie wenig weit gegangen.
Wenn 20% der arbeitenden Bevölkerung ein Monopol an Machtpositionen und angenehmer Arbeit haben, und 80% untergeordnete Funktionen zu erfüllen haben, die langweilig, verblödend und anstrengend sind, garantiert dies, daß erstere Gruppe welche ich die KoordinatorInnenklasse nenne - über die zweite arbeitende Klasse herrschen wird.
Auch wenn Selbstverwaltung formell als Grundprinzip akzeptiert würde, würden die KoordinatorInnen aufgrund der Arbeit welche sie machen in jeder Diskussion bereits die Themen festgelegt haben, in Besitz der relevanten Informationen sein, geübte RednerInnen sein, und das Selbstvertrauen und die Energie verkörpern, welche notwendig sind um sich an der Entscheidungsfindung stark zu beteiligen.
Im Kontrast dazu würden die Arbeitenden aus der zweiten Klasse, ermüdet durch die Art von Tätigkeit welche sie auszuführen haben, zu den Versammlungen nur erschöpft und mit einem Gefühl der Machtlosigkeit kommen.
KoordinatorInnen würden die Entscheidungen treffen, und sich auch dafür entscheiden, sich selbst mehr zu bezahlen, die Versammlungen automatisierter ablaufen zu lassen, schließlich auch dafür die zweite Klasse auszuschließen, und die Wirtschaft ihrem Interesse gemäß zu orientieren.
Es geht schließlich um Klassen.
Im Kapitalismus bestimmen die EigentümerInnen über die Produktionsmittel. Sie stellen LohnsklavInnen an und entlassen sie wieder. Aber durch die Beendigung dieser Beziehung wird noch keine klassenlose Gesellschaft geschaffen.
Eine andere Gruppe als die BesitzerInnen, die auch durch ihre Positon in der Wirtschaft definiert ist, kann fast uneingeschrängkte Macht ausüben und sich selbst zu Lasten des Großteils der Arbeitenden stärken.
Um die Herrschaft einer Koordinierenden über die Arbeitenden zu vermeiden, ist es notwendig, die Aufteilung der Tätigkeiten, wie sie heute in Firmen und Korporationen stattfindet, mit neuen Ideen für die zur Festlegung von Arbeitsrollen zu ersetzen.
Parecon nennt dieses dritte institutionelle Prinzip ausgeglichene Arbeitsfelder.
Jeder in einer Gesellschaft wird unausweichlich irgendwelche Aufgaben erfüllen, ihre oder seine Arbeit.
Wenn die Wirtschaft eine hierarchische Arbeitsaufteilung einsetzt, werden unsere Aufgaben entweder mit sehr viel Macht verbunden sein, oder nicht einmal, oder kaum, Mitspracherechte bieten.
Im Kontrast dazu kombiniert eine partizipative Wirtschaft Tätigkeiten so zu Jobs, daß die mit einem Job verbundene Macht und Verantwortung genausoviel ist wie jene die mit irgendeinem anderen Job verbunden ist.
Wir kennen keine Aufteilung ManagerInnen und Untergebene mehr, keine Aufteilungen in MagazinherausgeberInnen und SekretärInnen, keine Aufteilungen in ChirurgInnen und KrankenpflegerInnen. Die Aufgaben welche diese Personen heute erfüllen werden in Parecon weiterhin erfüllt werden, aber die Arbeit wird anders aufgeteilt.
Natürlich werden manche Personen andere Menschen operieren und die meisten werden das nicht tun, aber jene welche ihr Skalpel schwingen werden auch Betten reinigen und den Boden aufwischen, oder bei anderen Spitalsaufgaben mithelfen.
Die im ganzen mit den neuen Aufgaben der Chirurgin verbundene Verantwortung, und das Gefallen welches man an diesen Tätigkeiten finden kann, wird durch ihre Ausgewogenheit im gesellschaftlichen Durchschnitt liegen. Sie hat jetzt ein ausgeglichenes Arbeitsfeld welches ihr die gleiche Verantwortung und Macht bietet und genauso interessant ist wie die neuen Aufgaben jener Person welche zuvor nur sauber gemacht hat.
Die Vorherrschaft von jenen welche ich die Koordinierenden nenne über alle anderen Arbeitenden wird nicht dadurch überwunden werden, daß die verantwortungsvollen Aufgaben eliminiert werden, oder dadurch, daß jeder nur noch das gleiche macht. Beide Optionen wären nicht nur irrational sondern auch unmöglich.
Auch wird die Herrschaft der Koordinierenden nicht dadurch gebrochen, daß langweilige und monotone Aufgaben einfach als äußerst wichtig bezeichnet und hoch angesehen werden, was möglich ist und versucht wurde, was aber strukturell nichts ändert.
Was die Herrschaft der Koordinierenden beendet ist die Durchmischung von verantwortungsvollen und langweiligen Aufgaben, so daß alle in der Wirtschaft involvierten Personen sich auch an den Entscheidungsfindungen beteiligen können, ohne durch eine besondere Rolle in der Wirtschaft irgendeinen Vorteil zu erlangen.
Und schließlich, viertens, was wäre wenn wir zwar viele Arbeitsstätten und Gemeinschaften hätten welche durch Produzenten- und Konsumentenversammlungen organisiert wären, welche selbstverwaltende Entscheidungsprozesse nutzen würden, welche alle ausgeglichene Arbeitsfelder hätten und welche nach Anstrengung bezahlen würden, wenn aber die gesamtwirtschaftliche Planung gleichzeitig durch Märkte geregelt werden würde?
Würde das eine beachtenswerte neue Vision sein?
Mit zentraler Planung würden sich die PlanerInnen durch die konzeptuelle und einteilende Art ihrer Arbeit auszeichnen, und sicherlich auch durch akedemische oder andere Titel.
Sie würden versuchen in jeder Arbeitsstätte einen Beauftragten zu haben mit welchem sie kommunizieren könnten und welcher für die Durchsetzung des zentral hergestellten Planes zuständig wäre, das wären Menschen welche ähnliche Sonderpositionen in der Gesellschaft einnehmen würden wie die PlanerInnen und mit ähnlichen Rechten zur Führung anderer ausgestattet wären.
Die Dynamik zentraler Planung ist so, daß die Befehle von oben nach unten kommen, dann die Informationen über die Aussicht diese Befolgen zu können von unten nach oben, darauf die abgeänderten Instruktionen nach unten, dann noch mehr Information hinauf, und schließlich schießen die endgültigen Befehle herab, und von unten kommt Gehorsam.
Es gibt eine Befehlskette, die Struktur ist autoritär, und wie wir in der Sowjetunion gesehen haben, tauchen als Konsequenz die Klassenunterschiede zwischen Koordinierenden und Arbeitenden wieder auf, in jeder Arbeitsstätte und in der gesamten Wirtschaft. Zentrale Plaung macht alle unsere bisherigen Erneuerungen zunichte und so müssen wir sie als ungeignetes Mittel für die Entscheidung der gesamtwirtschaftlichen Fragen betrachten.
Märkte sind ähnlich unzureichend, und es ist noch wichtiger deren Poblematik zu betrachten, da Märkte überall auf der Welt solche Befürwortung bekommen, oft sogar von Linken.
Erstens würden Märkte eine gerechte Belohnung zerstören, weil sie dafür bezahlen wieviel produziert wird oder wie mächtig man ist, und nicht dafür wie anstrengend eine Tätigkeit ist.
Zweitens würden Märkte Käufer und Verkäufer zwingen billig zu kaufen und teuer zu verkaufen, mit dem Ziel eines jeden einen jeden anderen möglichst auszunehmen, im Namen des privaten Glücks und sogar des privaten wirtschaftlichen Überlebens. Märkte untergraben die Solidarität.
Drittens hätten Märkte sogar ein Interesse daran Unzufriedenheit zu schaffen, da nur die Unzufriedenen kaufen, und wieder kaufen, und wieder. Wie der Generaldirektor der Forschungslabors von General Motors, Charles Kettering, es ausdrückte, müssen die Korporationen unzufriedene KonsumentInnen kreieren; ihre Aufgabe ist die organisierte Schaffung von Unzufriedenheit. Seinen eigenen Rat befolgend führte Kettering jährliche Modelländerungen für Autos von General Motors ein so geplant, daß die Autos schnell veraltet sind, und die Käufer mit ihrem Modell rasch unzufrieden werden.
Viertens legen Märkte falsche Preise für Transaktionen fest, welche nur ihre sofortige Wirkung für Käufer und Verkäufer in betracht ziehen, nicht aber jene berücksichtigt welche durch Verschmutzung durch das Produkt betroffen sind, aber andersherum auch keine etwaigen positiven Effekte auf die Umwelt miteinberechnen. Das bedeutet, daß Märkte andauernd dem ökologischen Gleichgewicht und der Nachhaltigkeit zuwiderhandleln.
Fünftens schaffen Märkte eine Umgebung in welcher jeder mit jedem konkurriert, in welcher Produktionszentren Kosten senken und ihre Marktbeherrschung ausweiten müssen egal was das für Konsequenzen für andere hat.
Um zu tun was der Markt sie zu tun zwingt, hätten selbst neu organisierte Produktionsorte, mit selbstverwalteten Versammlungen welche gerechte Entlohnung und ausgeglichene Arbeitsfelder umsetzen wollen, keine andere Wahl, als ihre Einkünfte zu maximieren um mit ihren Konkurrenten gleichzuziehen oder sie zu überholen.
Wir müßten unsere Kosten auf andere abwälzen, wir müßten profitieren indem wir exzessiven Konsum anregen und wir wären gezwungen unsere Produktionskosten zum Schaden der Arbeitenden reduzieren.
Und weil für die Umsetzung solcher Dinge sowohl ein Manager-Denken in Begriffen wie Gewinn und Profit notwendig ist, und es für die Erzwingung solcher Entscheidungen auch notwendig ist, daß man selbst nicht von ihnen betroffen ist, müßten wir Leute anstellen welche gefühllos genug sind und nur die Geld im Kopf haben, Leute wie sie Businessschulen produzieren, und wir würden diesen ManagerInnen Büros mit Klimaanlagen und netten Umgebungen zur Verfügung stellen, und ihnen sagen, daß sie unsere Kosten senken sollen.
Ironischerweise würden wir auf Druck des Marktes uns selbst eine KoordinatorInnenklasse schaffen, nicht aus einem Naturgesetz heraus, und nicht weil wir uns unterwerfen wollen, sondern weil die Märkte uns zwingen Marktanteile zu gewinnen und es primär der Kostendruck ist der unsere Handlungen bestimmt.
Ich sollte vielleicht bemerken, daß alle diese speziellen Übel umso schlimmer werden, je ungehemmter der Markt agieren darf, oder wenn wir die heute bevorzugte Sprechweise benutzen, je freier Märkte sind.
Es hat selten, wenn überhaupt [zu einer anderen Zeit], Märkte gegeben welche so frei waren wie jene von Großbritannien im frühen neunzehnten Jahrhundert. Unter der Herrschaft dieses beinahe vollkommen freien Marktes jedoch, schrieb der Ökonom Robert Solow, arbeiteten sich Kleinkinder bis zu ihrem frühen Tod in den Minen und Fabriken des Black Country ab.
Solow fügt hinzu, daß gut funktionierende Märkte keine Tendenz zeigen hervorragendes [Verhalten] in irgendeiner Form zu fördern. Sie bieten keinen Widerstand gegen Kräfte welche zu moralischem Verfall und einem Abstieg in die kulturelle Barbarei führen.
Märkte können wir daher bei unserer Suche nach einer wünschenswerten Organisation der Wirtschafts aussschließen.
Was ersetzt also Märkte und zentrale Planung um die fundamentalen Eigenschaften der partizipativen Wirtschaft abzurunden?
Parecons Antwort heißt partizipative Planung.
Was wir anstelle von zentraler Planung und Konkurrenz innerhalb von Märkten brauchen, ist, daß informierte, sich selbst verwaltende, ArbeiterInnen und KonsumentInnen mit geeigneter Ausbildung und genug Selbstvertrauen, und mit sozialen Motivationen, miteinander diskutieren und verhandeln wieviel produziert und wieviel konsumiert wird, wobei jeder und jedem gleicher Zugang zu allen Informationen zusteht, und jede Person in jenem Ausmaß mitbestimmen kann, in welchem sie von der Entscheidung betroffen wird.
Was für ein System für die Planung einer Wirtschaft kann diese Forderungen erfüllen?
ArbeiterInnen- und KonsumentInnenversammlungen schlagen vor wieviel sie herstellen bzw. wieviel sie verbrauchen wollen; das machen sie mit den besten Informationen die sich ermitteln lassen, und stellen in diesem Prozeß Bewertungen der vollen sozialen Vorteile und Kosten der verschiedenen Möglichkeiten für alle zur Verfügung.
Die Versammlungen tauschen immer wieder ihre Meinungen aus.
Sie nutzen eine Vielzahl von einfachen Kommunikationshilfsmitteln, wie Preise, Planungsversammlungen, und anderen Mitteln welche es den Beteiligten erlaubt ihre Präferenzen auszudrücken, sie in Einklang zu bringen, und sie im Wissen der neuen Information über die Wünsche der anderen TeilnehmerInnen abzuändern.
Arbeitende und Konsumierende geben sowohl ihre persönlichen Präferenzen, als auch jene der Versammlungen denen sie angehören bekannt. Sie erfahren, was andere vorgeschlagen haben. Sie verändern dementsprechend ihre Präferenzen, in einem Versuch sowohl für sich eine erfüllende Arbeit zu finden, als auch zu einem gangbaren Plan für die ganze Gesellschaft zu kommen.
In jedem Verhandlungsschritt versuchen die Beteiligten ihr eigenes Wohl und ihre persönliche Entwicklung zu fördern, können ihren Komfort aber nur in Übereinkunft mit einem allgemeineren sozialen Fortschritt verbessern, und nicht indem sie andere ausnutzen.
Wie in jeder Wirtschaft berücksichtigen die Konsumierenden was für ein Einkommen sie haben, und wieviel das was sie beanspruchen wollen kostet, und wählen dann aus was sie wollen. Die Arbeitenden geben auf ähnliche Art bekannt, wieviel sie arbeiten wollen, in dem Wissen nach wieviel Arbeit von den Konsumierenden verlangt wird, und unter Berücksichtigung ihrer eigenen Wünsche was die Arbeitszeit betrifft.
Im Kapitalismus müssen wir, wie der berühmte Werbemanager Ernest Dichter sagt moderne Ergebnisse der Motivationsforschung und der Sozialwissenschaften nutzen um Menschen erfolgreich unzufrieden zu machen [...]. Wenn du mit deinem Leben glücklich bist, wenn du dich darüber freust Zeit mit deinen Kindern zu verbringen, mit ihnen zu spielen und mit ihnen zu reden; wenn du die Natur magst [...] wenn du einfach gern mit Menschen sprichst [...] wenn du gerne ein unkompliziertes Leben führst, wenn du kein Bedürfnis danach verspürst mit deinen Freunden und Nachbarn zu konkurrieren was für einen wirtschaftlichen Nutzen hast du dann?
Aber in einem Parecon hat nicht nur niemand ein Interesse daran etwas zu einem zu hohen Preis zu verkaufen, es hat auch niemand ein Interesse daran im Interesse des Einkommens mehr zu verkaufen denn für das Einkommen ist es egal wieviel verkauft wird. Und es gibt keine Konkurrenz um Marktanteile.
Die Motivation ist einfach genug zu machen und die Möglichkeiten zu entfalten ohne etwas zu verschwenden. Wir versuchen herzustellen was von der Gesellschaft akzeptiert wird und nützlich ist und dabei sowohl unsere eigenen Präferenzen als auch jene des Rests der Gesellschaft zu berücksichtigen, da der einzige Weg zu höherem persönlichen Komfort jener über allgemeinen höheren Komfort ist.
Verhandlungen geschehen in einer Folge von Planungsrunden. Alle Beteiligten haben ein Interesse daran die produktiven Potentiale effektiv zu nutzen um den Bedarf zu decken, denn jede und jeder bekommt einen gerechten Anteil des Produzierten und bekommt mehr, wenn insgesamt mehr produziert wird.
Alle Beteiligten haben auch ein Interesse an Investitionen, welche die unangenehmen Arbeiten reduzieren und die Qualität des durchschnittlichen ausgewogenen Arbeitsfeldes erhöhen, denn das ist die Qualität der Arbeit welche eine jede und ein jeder erlebt.
Ich kann bei einer zusammenfassenden Rede wie hier nicht alle Details von Parecon beschreiben, und nicht alle vielseitigen Mechanismen, und nicht zeigen, daß es ein Modell ist welches nicht nur wünschenswert ist sondern auch in die Realität umgesetzt werden kann.
Aber ich behaupte, daß Parecon nicht nur klassenlos ist und nicht nur Solidarität, Vielfältigkeit und Gerechtigkeit fördert, sondern daß Parecon auch alle Arbeitenden und Konsumierenden sogut dies möglich ist bei jeder wirtschaftlichen Entscheidung mitbestimmen läßt.
Paecon reduziert nicht die Produktivität sondern bietet angemessene und richtige Anreize soviel zu arbeiten wie die Menschen verbrauchen wollen.
Es bevorzugt nicht längere Arbeitszeiten, sondern läßt die Menschen selbst die Entscheidung treffen, ob sie mehr oder weniger arbeiten wollen.
Es macht nicht das was gerade am profitabelsten ist, was heute dazu führt, daß die Arbeitenden, die Ökologie, und sogar die Verbrauchenden irrelelevant sind, sondern orientiert die Produktion daran, was wirklich Vorteilhaft ist, wenn die vollen sozialen Kosten und der Einfluß auf die Umwelt berücksichtigt werden.
Parecon verzichtet nicht auf die menschlichen Talente jener welche heute ChirurgInnen sind, Musikstücke komponieren, oder auf andere Art komplizierte Tätigkeiten durchführen, wenn es fordert, daß sie zum Ausgleich auch weniger verantwortungsvolle oder weniger angenehme Tätigkeiten ausüben; sondern diese Bedingung bringt ein unbeschreiblich großes Reservoir an bisher ignorierten Talenten an die Oberfläche, während interessante und langweilige Tätigkeiten nicht nur gerecht aufgeteilt werden, sondern dies auch noch in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Selbstverwaltung und der Klassenlosigkeit geschieht.
Parecon setzt keine sozialen und schon gar keine gottgleichen BürgerInnen voraus. Es ist eher so, daß es einen institutionellen Rahmen schafft, in welchem sogar Menschen welche bisher vollkommen egoistisch und antisozial gelebt haben das allgemeine soziale Wohl fördern müssen, um persönlich voranzukommen.
Im Kapitlismus versuchen Käufer und Verkäufer sich gegenseitig zu betrügen. Der Kapitalismus lernt Menschen asozial zu sein. Um vorwärts zu kommen muß jeder diese Lektion lernen.
Im Kontrast dazu wird durch das wirtschaftliche System genauso Solidarität unter den Menschen gefördert, wie Fahrzeuge, Häuser, Kledigung und Musikinstrumente produziert werden. Aufgrund der Logik der Bezahlung und der Planung stammt mein Vorteil von deinem Vorteil und vom sozialen Vorteil ab, anstatt daß diese Interessen sich gegenseitig Ausschließen.
Und schließlich, was macht die Befürwortung von Parecon für einen Unterschied für unser heutiges verhalten?
Als Margaret Thatcher sagte Es gibt keine Alternative hat sie treffend das zentrale Hindernis des Großteils der Menschen welche eine bessere Welt suchen aufgezeigt.
Wenn eine Person wirklich glaubt, daß es keine bessere Zukunft gibt, dann wird sie verständlicherweise auf Rufe nach einem Kampf gegen Armut, Entfremdung und sogar gegen Krieg antworten, daß man sich ein Leben zulegen soll, aufwachsen soll und die Realität akzeptieren soll.
Jemand könnte sagen, daß man Krieg und Armut nicht bekämpfen kann, daß das eine sinnlose Aufgabe ist. Es ist so als würde man gegen den Wind blasen. Es ist so als wollte man die Schwerkraft abschaffen.
In diesem Kontext ist Parecon eine Vision mit dem Ziel Zynismus durch Hoffnung und Vernunft zu ersetzen. Es versucht klarzumachen, daß Kapitalismus nicht wie die Schwerkraft ist wir können ihn ersetzen.
Bei der Verleihung der Medaille des Präsidenten der Republik Italien, welche ich gestern die Ehre hatte zu empfangen, wurde bemerkt, daß Parecon die kraftvollste und am vollständigsten ausformulierte Herausforderungen für die derzeitigen Modelle des sozioökonomischen Denkens ist, und einen neuen Weg der wirtschaftlichen Organisation als umsetzbaren Vorschlag bietet.
Es scheint mir klar zu sein, daß jeder der diese Meinung über Parecon gewonnen hat, wie verrückt kämpfen sollte, nicht um die derzeitigen Übel des Kapitalismus abzuschwächen, sondern um die Vorteile dieser neuen Art von Wirtschaft klarzumachen.
Wenn wir uns Filme ansehen und mutige Menschen aus der Vergangenheit auf der Leinwand sehen, wie sie gegen Sklaverei, oder gegen die Unterdrückung von Frauen, oder gegen Kolonialismus, oder für Frieden und Gerechtigkeit und gege Diktaturen kämpfen, fühlen wir ganz richtig Sympathie und Bewunderung für diese Taten.
Die BekämpferInnen der Sklaverei, die Menschen welche sich für das Wahlrecht für Frauen einsetzten, die GewerkschaftsorganisatorInnen, die AntiapartheitsaktivistInnen, all jene welche Freiheit und Würde anstreben sind Helden für uns.
Es scheint mir so, als sollten wir nicht etwas bewundern, und dann selbst vermeiden das gleiche zu tun.
Wenn wir es bewundern gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen, sollten wir selbst gegen Ungerechtigkeit kämpfen.
Wenn wir es bewundern wenn Menschen eine bessere Welt anstreben, sollten wir selbst eine bessere Welt anstreben.
Wenn wir es bewundern wenn Ausbeutung, Entfremdung, Beherrschung und deren gewalttätige Aufrechterhaltung abgelehnt werden, sollten wir selbst für ein Wirtschaftsmodell und eine gesellschaftliche Struktur eintreten und für diese kämpfen, welche diese Übel abschaffen wird.
Ich glaube, daß die partizipative Wirtschaft eine solche Wirtschaftsordnung ist, und ein Teil einer neuen Gesellschaft sein sollte.
Danke für ihre Aufmerksamkeit.
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