Leiste Widerstand
von John Pilger
13.03.2003 — ZNet
Wie sind wir an einem Punkt angelangt, an dem zwei westliche Regierungen uns in einen illegalen und unmoralischen Krieg gegen ein geplagtes Land führen, mit welchem wir keinen Streit haben und welches für uns keine Gefahr darstellt: ein Akt der Aggression, der von fast jedem abgelehnt wird und dessen Scharade transparent ist?
Wie können sie in unserem Namen ein Land angreifen, das schon seit 12 Jahren von einem Embargo, welches sich hauptsächlich gegen die Zivilbevölkerung wendet, von welcher 42% Kinder sind, schwer getroffen wird, einer mittelalterlichen Belagerung, welche mindestens einer halben Million Kinder das Leben nahm und vom früheren humanitären Koordinator für den Irak der Vereinten Nationen als genozidähnlich beschrieben worden ist.
Wie können jene, die behaupten "Liberale" zu sein, ihre Verlegenheit und Scham verbergen, während sie ihre Unterstützung für den von George Bush vorgeschlagenen Abschuss von 800 Raketen in zwei Tagen als "Befreiung" rechtfertigen? Wie können sie Studien der Vereinten Nationen ignorieren, welche zeigen, dass einige 500.000 Menschen in Gefahr sein werden. Hören sie nicht ihr eigenes Echo in den berühmten Worten des amerikanischen Generals, welcher von einem vietnamesischen Dorf, das er gerade dem Erdboden gleich gemacht hat, sagte: "Wir mussten es zerstören um es zu retten"?.
"Wenige von uns", schrieb Arthur Miller einst, "können unseren Glauben, dass die Gesellschaft irgendwie Sinn machen muss einfach aufgeben. Der Gedanke, dass der Staat seinen Verstand verloren hat und so viele unschuldige Menschen straft ist unerträglich. Und so müssen die Beweise im Kopf geleugnet werden".
In unserer Zeit trifft Millers scharfsinnige Bemerkung auf eine Minderheit von Kriegsführern und Apologeten zu. Seit dem 11. September 2001 ist das Gewissen der Mehrheit stärker geworden. Das Wort "Imperialismus" ist vor der Abteilung Agitprop gerettet worden und in den normalen Sprachgebrauch zurückgekehrt. Der amerikanische und britische Raub der irakischen Ölfelder, historischen Vorgängern folgend, wird sehr gut verstanden. Die falschen Wahlmöglichkeiten des kalten Krieges sind offensichtlich, und Millionen von Menschen machen sich wieder einmal bemerkbar. Mehr und mehr von ihnen sehen die amerikanische Macht jetzt, wie Mark Twain schrieb, "mit ihrem Banner des Prinzen des Friedens in der einen Hand und ihrem Plünderkorb und Schlächtermesser in der anderen".
Was ermutigend ist, ist der augenscheinlich Niedergang des "Anti-Amerikanismus" als ein anerkanntes Mittel, um das Erkennen und die Analyse des amerikanischen Imperialismus zu unterdrücken. Intellektuelle Treueschwüre, ähnlich jenen, die im Dritten Reich aktuell waren, funktionieren nicht länger. In Amerika selbst füllen nun viel zu viele Antiamerikaner die Straßen: jene, welche Martha Gellhorn die "lebensrettende Minderheit" nannte, welche "ihre Regierung in moralischen Begriffen beurteilt, welche Menschen mit einem wachen Bewusstsein sind, auf die man sich verlassen kann".
Vielleicht wird nun der Amerikanismus als Ideologie das erste Mal seit den späten 40ern wieder mit denselben Begriffen wie jede andere habgierige Machtstruktur identifiziert; und wir können Bush und Dick Cheney und Donald Rumsfeld und Condoleezza Rice dafür danken, obwohl ihre Akte internationaler Gewalt noch nicht jene vom "Liberalen" Bill Clinton übertroffen haben. "Meine Vermutung", schrieb Norman Mailer kürzlich, "ist, ob man es mag oder nicht, oder will oder nicht, dass wir in einen Krieg ziehen werden, weil das die einzige Lösung ist, die Bush und Cheney und seine Leute sehen können. Der trübselige Ausblick, der sich eröffnet, ist daher, dass Amerika eine Mega-Bananen-Republik wird, in welcher die Armee eine immer größere Wichtigkeit in unseren Leben haben wird. Und bevor alles vorüber ist, wird die Demokratie, erhaben und zerbrechlich wie sie ist, verschwinden ... Tatsächlich ist die Demokratie ein besonderer Zustand, und wir werden aufgerufen sein, diesen in den kommenden Jahren zu verteidigen. Das wird außerordentlich schwierig sein, weil die Kombination von Aktiengesellschaft, Militär und dem ganzen Zirkus mit der Flagge und den Massensportarten bereits eine vor-faschistische Atmosphäre in Amerika geschaffen hat.
In der Militärplutokratie, die der amerikanische Staat ist, mit ihrem nicht gewähltem Präsidenten, ihrem käuflichem obersten Gericht, dem stillen Kongress, der verwässerten Bill of Rights und den gehorsamen Medien, macht Mailers "vor-faschistische Atmosphäre" sehr viel Sinn. Der amerikanische Dissident und Autor William Rivers Pitt verfolgt dies weiter. "Kritiker der Bushverwaltung", schrieb er, "spielen mit dem Wort 'Faschist', wenn sie von George sprechen. Das Bild, das dieses Wort aufruft, ist das von Nazi-Sturmtruppen, die im Gleichklang für Hitlers Endlösung marschieren. Das trifft so nicht zu. Es ist besser, was dies betrifft, die Bush Verwaltung durch die Augen von Benito Mussolini zu betrachten. 'Der Vater des Faschismus' genannt, definierte Mussolini das Wort in einer viel treffenderen Weise. 'Faschismus', sagte er, 'sollte viel eher Korporatismus genannt werden, da es eine Vereinigung von staatlicher und korporativer Macht ist.'".
Bush selbst zeigte am 26. Februar ein dahingehendes Verständnis, als er beim jährlichen Abendessen des American Enterprise Institute [AEI]sprach. Er zollte "einigen der edelsten Denkern unserer Nation" Tribut, welche "an einigen der schwierigsten Herausforderungen für unsere Nation arbeiten. Sie machen so gute Arbeite, dass meine Verwaltung 20 solcher Denker ausgeborgt hat. Ich will Ihnen für diesen Dienst danken".
Diese "20 solcher Denker" sind Krypto-Faschisten ganz nach der Definition von William Pitt Rivers. Das Institut [AEI] ist Amerikas größte, wichtigste und reichste 'Denkfabrik'. Ein typisches Mitglied ist John Bolton, Staatssekretär für Rüstungskontrolle, der Bush-Beamte, welcher am meisten für die Demontage des ABM-Vertrages von 1972 verantwortlich ist, von dem man wohl behaupten kann, dass er das wichtigste Rüstungsbeschränkungsabkommen des späten 20. Jahrhunderts ist. Die stärksten Bindungen hat das Insitut mit dem extremen Zionismus und dem Regime von Ariel Sharon. Letzten Monat war Bolton in Tel Aviv, um Sharons Meinung darüber zu hören, welches Land in der Region nach dem Irak angegriffen werden sollte. Für die Expansionisten, die Israel regieren, ist der Hauptgewinn nicht so sehr die Eroberung des Iraks, sondern die des Irans. Ein beachtlicher Teil der israelischen Luftwaffe ist bereits in der Türkei stationiert, in Sichtweite des Iran, und wartet auf einen amerikanischen Angriff.
Richard Perle ist der Star des Instituts. Perle ist der Vorsitzende des mächtigen Defence Policy Boards des Pentagon, und der Autor der wahnsinnigen Politik des "Totalen Kriegs" und der "Kreativen Zerstörung". Wobei letztere dazu gedacht ist, den Nahen Osten endgültig zu unterwerfen, beginnend mit der 90 Milliarden Dollar Invasion des Iraks.
Perle half dabei mit, eine andere krypto-faschistische Gruppe zu gründen, das 'Project for the New American Century' ['Projekt für das Neue Amerikanische Jahrhundert']. Unter den anderen Gründern sind der Vizepräsident Cheney, der Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und der Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz. Der "Missionsbericht" des Instituts, 'Rebuilding America's Defences: strategy, forces and resources for a new century' ['Wiederaufbau der Amerikanischen Verteidigung: Strategie, Streitkräfte und Ressourcen für ein neues Jahrhundert'], ist ein ungenierter Plan für die Eroberung der Welt. Und noch bevor Bush an die Macht kam, empfahl er eine Erhöhung des Militärbudgets um 48 Milliarden Dollar, so dass Amerika "gleichzeitig mehre größere Kriege führen kann". Das ist geschehen. In dem Bericht heißt es, dass die nukleare Kriegsführung die Priorität erhalten sollte, die sie verdient. Das ist geschehen. Er besagt, dass der Irak ein primäres Ziel sein sollte. Und so ist es. Und er schob das Thema der "Massenvernichtungswaffen" Saddam Husseins als bequeme Ausrede beiseite, was den Tatsachen entspricht.
Dieser Leitfaden, geschrieben von Wolfowitz, überträgt die Verantwortung zur Erstellung einer "Neuen Ordnung" im nahen Osten dem Pentagon, unter unangefochtener Autorität der USA. Ein "befreiter" Irak wird geteilt und beherrscht, wahrscheinlich von drei amerikanischen Generälen, und nach einem furchtbaren Angriff, genannt 'Shock and Awe' ['Schock und Ehrfurcht'].
Vladimier Slipchenko, einer der führenden Militäranalysten der Welt, sagt, dass das Testen neuer Waffen ein "Hauptmotiv" beim Angriff des Iraks ist. "Niemand sagt irgendetwas darüber", bemerkte er letzten Monat. "Im Mai 2001 sprach Bush in seiner ersten Ansprache als Präsident über die Notwendigkeit der Vorbereitung auf zukünftige Kriege. Er betonte, dass die Streitkräfte auf dem letzten Stand der Technik und fähig sein müssen, Kriegshandlungen in der 'no-contact' Methode durchzuführen. Nach einer langen Serie von Experimenten in der Realität - 1999 im Irak, in Jugoslawien, in Afghanistan - erzielten viele Unternehmen riesige Gewinne, unter dem Strich etwa 50 bis 60 Milliarden Dollar pro Jahr."
Er sagt, dass die Amerikaner, abgesehen von neuen Typen von Clusterbomben und Cruisemissiles, ihre ungetestete Pulsbombe testen werden, welche als Mikrowellenbombe bekannt ist. Sie entlädt zwei Megawatt Strahlung, welche auf der Stelle jede Kommunikation, Computer, Radios und sogar Hörgeräte und Herzschrittmacher außer Betrieb setzt. "Stell dir vor, dein Herz explodiert!", sagte er.
In der Zukunft wird diese 'Pax Americana' mit atomaren, biologischen und chemischen Waffen gesichert , welche "präventiv" genutzt werden, sogar in Konflikten, die nicht direkt mit US-Interessen zu tun haben. Im August wird die Bush-Verwaltung ein geheimes Treffen in Omaha, Nebraska abhalten, um den Bau einer neuen Generation von Atombomben zu besprechen, auch "Mini-Atombomben", "Bunker-Brecher" und Neutronenbomben. Generäle, Regierungsminister und Nuklearwissenschaftler werden auch die angemessene Propaganda besprechen, um die amerikanische Öffentlichkeit von der Notwendigkeit der neuen Waffen zu überzeugen.
So sieht Mailers vor-faschistischer Staat aus. Wenn Appeasement ['Beschwichtigungspolitik'] heute irgendeine Bedeutung hat, dann hat es wenig mit einem regionalen Diktator sondern viel mehr mit den offensichtlich gefährlichen Männern in Washington zu tun. Es ist unglaublich wichtig, dass wir ihre Ziele und ihren Grad an Rücksichtslosigkeit verstehen. Ein Beispiel: Dem General Pervez Musharraf, dem pakistanischen Diktator, ist es letztes Jahr von Washington bewusst erlaubt worden, bis an den Rand eines Atomkrieges mit Indien zu kommen - und weiterhin Nordkorea mit nuklearer Technologie zu versorgen - weil er sich bereit erklärte, al-Quaeda Führer auszuliefern. Erst kürzlich hat John Howard, der australische Premierminister und Sprachrohr von Washington, Musharraf - den Mann, der beinahe den Westen Asiens in die Luft sprengte - für seine "persönliche Courage und außergewöhnliche Führerschaft" gelobt.
1946 sagte Richter Robert Jackson, der Hauptankläger in Nürnberg: "Das besondere Wesen der Nürnberg-Charta ist, dass Individuen internationale Pflichten haben, die größer sind als ihre nationale Verpflichtung zur Gehorsamkeit dem Staate gegenüber."
Jetzt, da der Angriff auf den Irak fast eine Gewissheit ist, haben die Millionen, die die Straßen Londons und anderer Hauptstädte am Wochenende des 15.-16. Februars füllten, sowie die Millionen, die sie bejubelten, jene überragenden Pflichten. Der Bush-Gang und Tony Blair darf nicht erlaubt werden, den Rest von uns als Gefangene ihrer Besessenheiten und Kriegspläne zu halten. Die Spekulation über die politische Zukunft Blairs ist belanglos; er und die roboterhaften Jack Straw und Geoff Hoon müssen jetzt gestoppt werden, aus den auf diesen Seiten lang dargelegten Gründen sowie auf hundert anderen Plattformen.
Und es sollte niemand, nebenbei bemerkt, von den letzten opportunistischen Possen [der Labour-Parlamentarierin] Clare Short abgelenkt werden, deren mechanische Anspielungen auf "Rebellion", denen ihre voraussehbare Untätigkeit folgt, Blair dabei geholfen haben, die Zeit zu gewinnen, die er braucht, um die UNO zu unterminieren.
Es gibt jetzt nur eine Form von Opposition: das ist ziviler Ungehorsam, die zu dem führt, was die Polizei zivile Unruhe nennt. Und letztere wird von undemokratischen Regierungen jeden Schlages gefürchtet.
Die Revolte hat schon begonnen. Im Januar haben schottische Zugfahrer sich geweigert, Munition zu transportieren. In Italien haben Menschen dutzende Züge blockiert, die amerikanische Waffen und Personal transportierten, und Hafenarbeiter haben sich geweigert, Waffenlieferungen aufzuladen. Militärbasen der USA sind in Deutschland blockiert worden und Tausende haben bei der Shannon-Basis demonstriert, welche trotz Irlands Neutralität dazu genutzt wird, um Flugzeuge auf ihrem Weg in den Irak aufzutanken.
"Wir sind eine Gefahr geworden, aber können wir es schaffen?" fragen Jessica Azulay und Brian Dominick von der amerikanischen 'Resist'-Bewegung. "Politiker debattieren gerade eben, ob sie unseren Widerspruch beachten müssen oder nicht. Jetzt müssen wir ihnen klar zeigen, dass es politische und wirtschaftliche Auswirkungen haben wird, wenn sie sich entscheiden, uns zu ignorieren".
Meine eigene Sichtweise ist, dass der Erfolg kein Traum bleiben braucht, wenn die Widerstandsbewegung sich als Weltmacht, als Ausdruck eines wahren Internationalismus, sieht. Das hängt davon ab, wie weit Menschen zu gehen bereit sind. Die junge weibliche Angestellte des ist Gloucestershire ansässigen und streng geheimen Government Communications Headquarters (GCHQ), welche diesen Monat dafür angeklagt worden ist, Informationen über die schmutzigen Tricks und Operationen Amerikas gegen die Mitgliedern des Sicherheitsrates enthüllt zu haben, zeigt uns die notwendige Courage.
Inzwischen sind die neuen Mussolinis auf ihren Balkonen, mit ihren virtuosen Redeschwallen und leidenschaftlicher Unehrlichkeit. Darauf reduziert, in einem aussichtlosen Versuch uns zum Schweigen zu bringen, mit ihren Fingern zu drohen, sehen sie zum ersten mal Millionen von uns, wissend und fürchtend, dass wir nicht zum Schweigen gebracht werden können.
Twitter
RSS Feed
