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Plädoyer gegen Alan Dershowitz

‘Public Committee Against Torture in Israel’ gegen Dershowitz

von Regan Boychuk

15.04.2005 — ZNet

— abgelegt unter:
Alan Dershowitz ist ein berühmter Rechtsanwalt und Professor an der Rechtsfakultät der Universität Harvard, zudem ein profilierter Autor, der regelmäßig in den Medien auftritt. Vor allem beim Thema Israel pflegt Dershowitz kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Von bestimmten Kreisen im nordamerikanischen Mainstream wird er zu diesem Thema sehr ernst genommen - ob er es verdient hat, sei dahingestellt. Vor kurzem sprach Herr Dershowitz in der York University von Toronto und wiederholte dabei viele der kontroversen Behauptungen seines neuen Buches[1]. Eine davon erschien mir - selbst nach Dershowitz-Maßstäben - etwas extrem. Dershowitz behauptete, die israelischen Behörden foltern keine Palästinenser mehr. Er behauptete, in diesem Zusammenhang ein langes Gespräch mit der israelischen Menschenrechtsorganisation Public Committee Against Torture in Israel (PCATI) geführt zu haben. Anlässlich dieses Gesprächs habe PCATI zum einen eingeräumt, dass es inzwischen (in Israel) keine Folter mehr gibt, der sie nachgehen müssten, zum andern hätte PC ATI zugegeben, den Organisationsnamen nicht ändern zu wollen weil er helfe, Medieninteresse auf sich zu lenken[2]. Die Organisatoren der Dershowitz-Lesung trugen arrogante T-Shirts mit dem Aufdruck: ‘Dersh knows more than you’ (Dershowitz weiß mehr als ihr). Dennoch beschloss ich, seine Behauptung zu überprüfen. Als Erstes ging ich auf die Website von PCATI (www.stoptorture.org.il). Sofort stieß ich auf einen PCATI-Bericht aus dem Jahr 2003, in dem 48 eidesstattliche Zeugenaussagen belegen, dass Palästinenser weiterhin von israelischen Behörden gefoltert werden. Mehr als 3 Jahre nach Prof. Dershowitz Behauptung, die Folterpraxis habe aufgehört, berichtet PCATI: “Jeden Monat kommt es in Dutzenden - möglicherweise noch mehr - Fällen zu einer Misshandlungspraxis, die bis zur Folter reicht - gemäß internationaler Rechtsdefinition. Anders gesagt - in Israel ist Folter wieder Routine”[3]. Prof. Dershowitz hatte behauptet, PCATI habe eingeräumt, es gäbe keine Folter mehr. PCATI aber berichtet: “Die Fälle von Folter und Misshandlung, dass Gefangene ohne Möglichkeit der Kommunikation gehalten werden sowie exzessive Gewalt gegen die (palästinensischen) Inhaftierten nehmen zu, sowohl quantitativ als auch was den Schweregrad anbelangt”, “Verhörende und Folterer sowie deren Kommandeure und Vorgesetzte genießen Immunität”[4]. Die PCATI-Berichte waren nicht dazu angetan, Prof. Dershowitz Story zu untermauern. Also beschloss ich als Nächstes, PCATI wegen der Vorwürfe direkt zu kontaktieren. Orah Maggen von PCATI erklärte mir: “Die Behauptung von Dershowitz, er habe lange Gespräche mit PCATI geführt und wir hätten ihm gesagt, es gibt keine Folter mehr in Israel, ist völlig falsch. Wir haben uns nie mit ihm getroffen oder direkt mit ihm gesprochen. Ich selbst bin ihm in der Knesset (dem israelischen Parlament) begegnet, als er vor dem Ausschuss für Recht und Verfassung (Law and Constitution Committee) sprach. Ich und Vertreter anderer Menschenrechts-NGOs waren vor allem empört über das, was er bezüglich Folter, die Rolle der Menschenrechte, über NGOs, usw. sagte”.

Ich konfrontierte Prof. Dershowitz mit PCATIs Zurückweisung (der Vorwürfe). Seine Antwort: “Während meines Gesprächs in der Knesset fragte ich die Vertreterin dieses Komitees (Orah Maggen), warum sie denn ihren Namen beibehielten, obwohl sie zugeben, dass Folter kein signifikantes Thema mehr ist. Sie antwortete - und daran kann ich mich noch glasklar erinnern: “Sie wissen ja gar nicht, wie schwierig es in diesem Land ist, Aufmerksamkeit für irgendein Menschenrechtsthema zu erzeugen. Den Namen unserer Organisation - mit dem Wort ‘Folter’ - beizubehalten ist wichtig, um die nötige Aufmerksamkeit zu erzielen”. Über diese Taktik hatte ich einen langen Streit mit ihr - wobei es mir vor allem um die internationalen Auswirkungen ging. Die Bezeichnung führe im Ausland doch zu Missverständnissen. Ich bin sicher, sie kann sich an die Unterhaltung noch erinnern, denn sie war sehr hitzig und fand vor zahlreichen Zeugen statt”.

Ich konfrontierte PCATI per E-mail mit Prof. Dershowitz “glasklarer” Erinnerung. Frau Maggen antwortete, ja, es stimmt, es gab ein hitziges Wortgefecht, bei dem auch andere anwesend waren, aber “alle anderen Aussagen von Professor Dershowitz sind offensichtlich falsch und vollkommen lächerlich. Weder ich noch ein anderer Vertreter von PCATI haben eingeräumt, gesagt oder sonst wie behauptet, Folter sei kein signifikantes Thema mehr. Ganz im Gegenteil, wir stellen die Behauptung auf, dass systematische Folter in großem Stil und Misshandlungen von palästinensischen Gefangenen und Inhaftierten bis heute andauern”. Zudem schreibt Frau Maggen: “Weder ich noch ein anderer PCATI-Vertreter hat je gesagt, wir behielten unseren Namen (nur), um “Aufmerksamkeit zu erzielen”, warum auch immer. In Anbetracht der Tatsache, dass Folter noch immer weitverbreitet ist und (wir bei) PCATI alle Hände voll zu tun haben, gegen Folterungen und Misshandlungen palästinensischer Gefangener (und anderer) durch die israelischen Behörden zu kämpfen, ist diese Behauptung über angeblich gemachte Aussagen bezüglich des Namens unserer Organisation völlig absurd”.

Zum Schluss schreibt sie, Dershowitz Behauptung sei “schockierend in ihrer Unverfrorenheit”. Nun, das entspricht dem Niveau der Dershowitz-Behauptung in seinem neuen Buch ‘Plädoyer für Israel’: Die israelische Regierung habe eine “insgesamt superbe Menschenrechtsakte” vorzuweisen, “Israels Menschenrechtsakte zählt zu den besten in der Welt”. (5)

“Glasklar” ist nach dieser kleinen Episode vor allem eines: Alles, was Herr Dershowitz sagt, ist schwer verdaulich (should be taken with a mountain of salt).

Anmerkungen

Regan Boychuk ist Doktorandin im Fach Politikwissenschaft an der York University von Toronto. Sie mag’s nicht, wenn Leute mit Lügen davonkommen.

[1] Alan Dershowitz, ‘The Case for Israel’ (erschienen bei John Wiley & Sons) Deutsch: ‘Plädoyer für Israel’ (im März 2005 im Europa-Verlag erschienen (als Replik auf das neue Buch von Noam Chomsky: ‘Keine Chance für Frieden’))
[2] Alan Dershowitz anlässlich einer öffentlichen Lesung in der Osgoode Hall Law School der University of York, Toronto/Ontario, Kanada. Die Lesung fand am 14. März 2005 statt.
[3] Public Committee Against Torture in Israel: ‘Back to a routine of torture: Torture and ill-treatment of Palestinian detainees during arrest, detention, and interrogation’, Juli 2003, S.11
[4] Public Committee Against Torture in Israel: ‘Preventing torture: Legal advocacy, legislative activism & public outreach: A narrative report’ (Entwurf) 2004, Seiten 204, 199
[5] Alan Dershowitz, ‘The Case for Israel’, S.204, S.199

Von Norman G. Finkelstein erscheint demnächst ‘Beyond Chutzpah: On the misuse of anti-Semitism and the abuse of history’ (Berkeley, CA: University of California; angekündigt für Juni 2005); das Buch verspricht eine äußerst kritische Auseinandersetzung mit Dershowitz ‘The Case for Israel’ zu werden. Alan Dershowitz hat massivst versucht, die Veröffentlichung des neuen Finkelstein-Buchs zu verhindern.

Übersetzt von: Andrea Noll
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