Über den Fall Ilan Pappe
von Ilan Pappe
14.05.2002 — ZNet
Liebe Freunde,
heute hat mich ein Brief erreicht, in dem ich aufgefordert werde, mich vor einem Tribunal meiner Universität zu verantworten - der Universität von Haifa. Die 'Staatsanwaltschaft', repräsentiert durch den Fakultätsvorstand, verlangt meinen Rauswurf von der Universität und zwar wegen meiner Haltung in der Affäre Katz. Die 'Staatsanwaltschaft' verlangt vom Tribunal, "Dr. Pappe für die Verstöße, die er begangen hat, zu verurteilen und dabei die zu Gebrauch stehenden rechtlichen Mittel voll auszuschöpfen, das heißt, Dr. Pappe von der Universität zu entfernen".
Diese 'Verstöße' bestehen, kurz gesagt, in meiner Kritik am Verhalten der Universitätsleitung in der Affäre Katz - eines MA-Studenten, der das 'Tantura-Massaker' von 1948 aufgedeckt hat u. deswegen disqualifiziert wurde. Der Grund, weshalb die Universität (in meinem Fall) so lange gewartet hat, ist, daß die Zeit in Israel erst jetzt reif ist, die Akademische Freiheit mundtot zu machen.
Mein Vorhaben, im nächsten Jahr ein Seminar über den 'Nakbah'* abzuhalten sowie meine Unterstützung für einen Boykott gegen Israel, haben die Universität wohl zu dem Schluß gebracht, daß ich nur durch einen Rauswurf zu stoppen bin.
Davon ausgehend wie in früheren Fällen verfahren wurde, ist das hier wohl keine bloße Vorladung sondern bereits mein Urteil. Das hängt natürlich auch mit der Stellung der betroffenen Person an der Uni zusammen u. damit, wie solche Dinge in der Vergangenheit bereits gehandhabt wurden.
Nicht einmal der Schein eines 'fairen Prozesses' ist hier ja gegeben, und ich hege daher keinerlei Verlangen, an dieser Scharade im McCarthy-Stil teilzunehmen.
Ich appelliere an Sie - und zwar nicht in meinem eigenen Interesse. In diesem Stadium der Angelegenheit, bevor das endgültiges Urteil (über mich) gefällt wird, bitte ich Sie vielmehr dringend, äußern Sie Ihre Meinung zu diesem Fall - und zwar in jeder Weise, die Ihnen möglich ist bzw. auf jeder Ihnen zugänglichen Ebene.
Es geht mir gar nicht darum, meinen Rauswurf doch noch zu verhindern (ich vermute, so wie die Stimmung derzeit in Israel ist, wäre mein Rauswurf sowieso früher oder später gekommen; der ganze Akademische Betrieb hier in Israel hat sich ja praktisch geschlossen hinter die Regierung (Scharon) gestellt u. gibt sich dazu her mitzuhelfen, jede kritische Stimme zum Schweigen zu bringen). Alle, die interessiert sind, fordere ich auf, diesen Fall als typisches Beispiel einzuordnen - in ihre Gesamteinschätzung der (derzeitigen) Situation in Israel - und ihre Haltung entsprechend zu modifizieren.
Ich denke auch, daß mein Beispiel dazu angetan ist, Licht in die Debatte zu bringen, ob Israelische Universitäten nun boykottiert werden sollen oder nicht.
Dieser Brief - das betone ich nochmals - stellt keinen Appell dar um persönliche Hilfe. Meine Situation ist ja um einiges besser als die meiner Kollegen in den 'Besetzten Gebieten' - die unter den tagtäglichen Schikanen u. der Brutalität der Israelischen Armee zu leiden haben.
Was mir im Moment passiert, stellt aber eine Art Eröffnungs-'Gambit'** dar, u. viele meiner Kollegen - besonders die Palästinensisch-Israelischen Kollegen - könnten schon bald die nächsten sein.
In welch traurigem Zustand sich meine Universität derzeit befindet, beweist allein schon die Tatsache, daß es völlig sinnlos wäre, diesen Brief auf der internen Uni-Website zu verbreiten. Alle meine Kollegen haben in der Vergangenheit ja immer einen Rückzieher gemacht, wenn es ernst wurde - aus verständlichen Gründen - sie haben einfach das Gefühl, mir nicht helfen zu können, ohne gleichzeitig selbst Gefahr zu laufen, ihre Anstellung (an der Uni) zu verlieren.
Ich denke, viele von Ihnen haben weltweiten Medienzugang. Sie können also mithelfen, den Vorhang vom ohnehin düsteren Bild Israels zu lüften u. den falschen Anspruch Israels zerstören, die 'einzige Demokratie in Nahost' zu sein.
Ihr Ilan Pappe
* Nakbah - auch 'Al Nakbah' (Katastrophe); das Trauma der Palästinenser - die Vertreibung / Flucht Hunderttausender nach dem 1947/48 Krieg, den die Arabischen Armeen gegen Israel verloren hatten
** Gambit - Spieleröffnung beim Schach, bei der ein oder mehrere Bauern aus taktischen Gründen geopfert werden
INFORMATION
Die Akademische Freiheit in Israel ist generell in Gefahr, wie auch die Reaktion der Israelischen Regierung auf das Statement (plus Unter- schriften) von 250 Universitätsprofessoren zur Unterstützung der 'Refuseniks' zeigt ( Neve Gordon / 'The Nation' vom 9. Mai 2002).
Biografisches zu Ilan Pappe
Ilan Pappe hat einen BA-Abschluß von der 'Hebrew Universität' u. einen PhD-Titel von Oxford. Er ist Dozent für 'Politikwissenschaft' an der 'Haifa University' u. Akademischer Direktor des 'Research Institute for Peace' (Friedensforschungs- institut) in Givat Haviva. Einige seiner neueren Bücher sind: 'The Making of the Arab-Israeli Conflict, 1948-1951' (Wie der Arabisch- Israelische Konflikt gemacht wurde, 1948-1951), erschienen New York 1992; 'The Israel/Palestine Question' (Die Israelische/Palästinensische Frage) erschienen London 1999. Pappe gilt als ein revisionistischer oder 'post-zionistischer' Israelischer Historiker.
Weiteres Quellenmaterial
Mit der 'Google'-Suchmaschine gefunden:
- Zusammenfassung des Katz-Falles auf einer linken Israelisch-Palästinensischen Site ('Between the Lines': http://www.between-lines.org/archives/2001/jan/ BTL_Teddy_Katz.htm)
- Gleichfalls downloaden können Sie einen längeren Artikel von Ilan Pappe über Israelische Historik mit dem Titel: 'Israeli Historians Ask: What Really Happened Fifty Years Ago?' von der Website von AMEU ('Americans for Middle East Understanding' (http://www.ameu.org/))
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