ABC der Wall Street-Kernschmelze
von Walden Bello
10.10.2008 — Focus on the Global South/Znet
(25. September 2008) – An der Wall Street sind viele noch dabei, die überwältigenden Ereignisse der letzten zehn Tage zu verdauen:
• Vermögenswerte im Wert von 1 – 3 Billionen Dollar vernichtet.
• Wall Street praktisch verstaatlicht, Federal Reserve und Finanzministerium tonangebend bei allen wichtigen strategischen Enscheidungen im Finanzsektor, US-Regierung nach Rettung der American International Group (AIG) größter Versicherungskonzern weltweit.
• Größte Rettungsaktion seit der Weltwirtschaftskrise, Paket im Umfang von 700 Milliarden US-Dollar eiligst zur Rettung des globalen Finanzsystems geschnürt.
Die üblichen Erklärungen reichen nicht mehr aus. Außerordentliche Ereignisse verlangen außerordentliche Erklärungen. Aber zuallererst ....
Ist das Schlimmste vorbei?
Nein, wenn irgend etwas klar ist nach den widersprüchlichen Schritten der letzten Woche – dass man Lehman Brothers kollabieren ließ, während man gleichzeitig AIG übernahm und die Übernahme von Merrill Lynch durch die Bank of America einfädelte – es gibt keine Strategie für den Umgang mit der Krise, nur taktische Antworten, wie die Reaktion der Feuerwehr auf einen Großbrand.
Das 700 Milliarden-Dollar-Paket für den Aufkauf der mit schlechten Hypothekenkrediten besicherten Wertpapiere der Banken ist keine Strategie, sondern in erster Linie ein verzweifelter Versuch, Vertrauen in das System zu stützen, die Erosion des Vertrauens in die Banken und andere Finanzinstitutionen zu verhindern und so einen massiven Ansturm auf die Banken zu verhindern, wie er die Weltwirtschaftskrise von 1929 ausgelöst hat.
Was verursachte den Kollaps des Nervenzentrums des globalen Kapitalismus? War es Habgier?
Gute altmodische Habgier spielte eine Rolle. Darauf zielte Klaus Schwab ab, der Organisator des Weltwirtschaftsforums, des jährlichen Treffens der Weltelite in den Schweizer Alpen, als er seiner Klientel zu Jahresbeginn in Davos sagte: „Wir müssen für die Sünden der Vergangenheit zahlen.“
Hat sich die Wall Street selbst ausgetrickt?
Auf jeden Fall. Die Finanzspekulanten tricksten sich selbst aus, indem sie immer kompliziertere Finanzprodukte schufen, wie Derivate, die alle möglichen Risiken durch Verbriefung besichern und Gewinn bringen würden, – inklusive exotische Instrumente für Termingeschäfte als „Kreditausfall-Swaps“, die den Investoren erlauben, darauf zu wetten, dass die institutionellen Kreditnehmer der Banken selbst nicht in der Lage sein würden, ihre Schulden zu bezahlen! Das ist der unregulierte zig-Billionen-Dollar-Handel, welcher der AIG das Genick brach.
In der Preisrede vom 17. Dezember 2005 sagte (das Bankfachmagazin; d. Ü.) International Financing Review (IFR) anlässlich der Bekanntgabe seiner Preise für 2005 – in einem der prestige-trächtigsten Awards-Programme des Effektensektors: „[Lehman Brothers] behielt nicht nur insgesamt seine Marktpräsenz bei, sondern führte auch den Vorstoß auf dem Gebiet der Vorzugsaktien an, indem ... sie neue Produkte enwickelten und Transaktionen auf die Bedürfnisse der Kreditnehmer zuschneiderten ... Lehman Brothers waren die innovativsten auf dem Sektor der Vorzugspapiere, sie taten Dinge, wie man sie sonst nirgends sieht.“
Kein Kommentar.
War eine fehlende Regulierung schuld?
Ja – alle räumen nun ein, dass die Fähigkeit der Wall Street, immer innovativere und ausgeklügeltere Finanzinstrumente zu schaffen, die regulatorische Macht der Regierung weit hinter sich gelassen hatte, nicht weil die Regierung unfähig war zur Regulierung, sondern weil die vorherrschende neoliberale laissez-faire-Haltung die Regierung davon abhielt, effektive Regulationsmechanismen zu entwickeln.
Aber passiert da nicht noch etwas anderes? Etwas, was im System selbst angelegt ist?
Nun gut, George Soros sah die Krise kommen und sagt, dass wir gerade die Krise des Finanzsystems durchlaufen, die Krise des „gigantischen Zirkulationssystems“ eines „globalen kapitalistischen Systems, das ... am Auseinanderbrechen ist.“
Um auf die Einsicht dieses Erzspekulanten näher einzugehen, wir sehen hier das Anwachsen einer der zentralen Krisen oder Gegensätze des globalen Kapitalismus, nämlich die Krise der Überproduktion, auch bekannt als Überakkumulation oder Überkapazität.
Tendenziell baut der Kapitalismus gewaltige Produktionskapazitäten auf, die die Konsumkapazitäten der Bevölkerung aufgrund sozialer, die allgemeine Kaufkraft einschränkende Ungleichheiten übersteigen. So wird die Profitabilität ausgehöhlt.
Was hat nun die Krise der Überproduktiuon mit den jüngsten Ereignissen zu tun?
Sehr viel. Um die Verbindungen zu verstehen, müssen wir in das sogenannte Goldene Zeitalter des zeitgenössischen Kapitalismus zurückgehen, in die Jahre von 1945 bis 1975.
Das war eine Periode jähen Wachstums, sowohl in den Wirtschaftszentren als auch in den unterentwickelten Ökonomien, – eines Wachstums, das zum einen von dem massiven Wiederaufbau in Europa und Fernost nach dem verheerenden zweiten Weltkrieg ausgelöst wurde und zum anderen von neuen sozio-ökonomischen Strukturen, die in dem neuen keynesianischen Staat institutionalisiert wurden. Entscheidend dabei waren eine strenge staatliche Kontrolle des Marktes und seiner Aktivitäten, eine aggressive Anwendung von Fiskal- und Geldpolitik zur Minimierung von Inflation und Rezession und ein Regime verhältnismäßig hoher Löhne zur Stimulierung und Aufrechterhaltung der Nachfrage.
Was ist also schief gegangen?
Nun, diese Periode hohen Wachstums ging Mitte der siebziger Jahre zu Ende, als die Wirtschaftszentren von einer Stagflation, also gleichzeitig niedrigem Wachstums und hoher Inflation, heimgesucht wurden, was nach der neoklassischen Wirtschaftslehre nicht hätte passieren dürfen.
Die Stagflation war aber nur ein Symptom einer tiefer sitzenden Ursache: der Wiederaufbau in Deutschland und Japan und das rasche Anwachsen von sich industrialisierenden Ökonomien wie Brasilien, Taiwan und Südkorea sorgten für sehr große neue Produktionskapazitäten und eine weltweit anwachsende Konkurrenz, während soziale [Ungleichheit] innerhalb eines Landes und zwischen den Ländern weltweit das Anwachsen von Kaufkraft und Nachfrage behinderten und so die Profitabilität aushöhlten. Der massive Anstieg des Ölpreises in den siebziger Jahren verschlimmerte das Ganze.
Wie versuchte der Kapitalismus, die Krise der Überproduktion zu lösen?
Das Kapital versuchte auf dreierlei Art, diesem Problem zu enkommen: durch neoliberale Umstrukturierung, Globalisierungung und Finanzialisierung.
Um was ging es bei der neoliberalen Umstrukturierung?
Im Norden zeigte sich die neoliberale Umstrukturierung in der Form des Thatcherismus und Reaganismus und im Süden in Form der Strukturanpassungsmaßnahmen. Das Ziel war eine Belebung der Kapitalakkumulation, was erreicht werden sollte durch 1) einen Abbau der staatlichen Restriktionen für Wachstum, Verwendung und Fluss von Kapital und Reichtum und 2) durch eine Einkommensumverteilung von den Armen und der Mittelschicht hin zu den Reichen, basierend auf der Theorie, dass das die Reichen motivieren würde, zu investieren und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln.
Das Problem mit dieser Formel lag darin, dass durch die Einkommensumverteilung hin zu den Reichen die Einkommen der armen und Mittelschichten ausgehöhlt und dadurch die Nachfrage behindert wurde, während gleichzeitig die Reichen dadurch nicht notwendigerweise dazu motiviert wurden, mehr in die Produktion zu investieren.
Tatsächlich führte die neoliberale Umstrukturierung, die in den achtziger und neunziger Jahren im Norden und im Süden allgemein durchgesetzt wurde, nur zu einem geringem Wachstum: im Durschschnitt betrug die Wachstumsrate weltweit in den neunziger Jahren 1,1 Prozent und in den achtziger Jahren 1,4 Prozent. Dagegen lag es, als staatliche Interventionen an der Tagesordnung waren, in den 1960ern durchschnittlich bei 3,5 und in den siebziger Jahren bei 2,4 Prozent. Durch neoliberale Umstrukturierung konnte also die Stagnation nicht abgeschüttelt werden.
Wie sollte die Globalisierung eine Antwort auf die Krise darstellen?
Der zweite Fluchtweg für das globale Kapital aus der Stagflation war die „extensive Akkumulation“ oder Globalisieurng oder eine schleunige Integrierung halbkapitalistischer, nicht-kapitalistischer oder vorkapitalistischer Regionen in den Weltmarkt. Rosa Luxemburg, die berühmte deutsche revolutionäre Ökonomin, beschrieb dies vor langer Zeit als notwendigen Schritt, um die Profitrate in den Ökonomien der Metropolen abzustützen. Wie sollte das nun gehen? Durch Schaffung von Zugang zu billiger Arbeitskraft, Erschließung neuer, wenn auch begrenzter, Märkte, durch Zugang zu neuen Quellen für billige Agrarprodukte und Rohstoffe und durch Schaffung neuer Gebiete für Investitionen in Infrastruktur. Die Integration wird erreicht über eine Liberalisierung des Handels, den Abbau der Einschränkung für die Mobilität des globalen Kapitals und den Abbau der Schranken für ausländische Investitionen.
China ist natürlich das prominenteste Beispiel für die Integrierung eines nicht-kapitalistischen Landes in die globale kapitalistische Wirtschaft in den vergangenen 25 Jahren.
Um den sinkenden Profiten zu begegnen, verlegte eine beträchtliche Anzahl der 500 von Fortune gelisteten Firmen einen bedeutenden Teil ihrer Geschäfte nach China, um von dem so genannten „China-Preis“ – dem Kostenvorteil von Chinas scheinbar unerschöpflicher billiger Arbeitskraft – zu profitieren. Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts stammten ungefähr 40 bis 50 Prozent der Profite von US-amerikanischen Firmen aus ihren Geschäften und Verkäufen im Ausland, speziell China.
Warum wurde die Krise nicht durch die Globalisierung überwunden?
Dieser Weg aus der Stagflation ist deshalb problematisch, da durch ihn das Problem der Überproduktion verschärft wird, da auf diese Art die Produktionskapazität vergrößert wird. In den vergangenen 25 Jahren wurde in China das Herstellungspotential enorm vergrößert, was einen negativen Effekt auf Preise und Profite hatte. Nicht überraschend hörten um 1997 herum die Profite der US-Firmen auf zu steigen. Einem Index zu Folge fiel die Profitrate der 500 in Fortune gelisteten Unternehmen von 7,15 in den Jahren von 1960 – 69 auf 5,30 von 1980 – 90 und auf 2,29 bzw. 1,32 in den Jahren 1990 – 99 bzw. 2000 – 2002.
Was ist mit der Finanzialisierung?
Angesichts der begrenzten Profite beim Ausgleich der depressiven Auswirkungen der Überproduktion mittels neoliberaler Umstrukturierung und Globalisierung kam der Finanzialisierung als drittem Fluchtweg zum Erhalt und zur Erhöhung der Profitabilität besondere Bedeutung zu.
In der idealen Welt der neoklassischen Wirtschaftspolitik ist das Finanzsystem der Mechanismus, der die Sparer oder jene mit überschüssigem Geld mit den Entrepreneurs verbindet, die dieses Geld für Investitionen in die Produktion benötigen. In der realen Welt des Spätkapitalismus, in der Investitionen in Industrie und Agrarwirtschaft aufgrund der Überproduktion nur geringe Profite erzielen, zirkulieren große Mengen von überschüssigem Geld, das im Finanzsektor investiert und reinvestiert wird – das heißt, der Finanzsektor zieht sich auf sich selbst zurück.
Das Ergebnis ist ein wachsendes Auseinanderklaffen zwischen einem hyperaktiven Finanzsektor und einer stagnierenden Realwirtschaft. Wie ein führender Finanzexperte feststellte, „fand in den vergangenen Jahren eine wachsende Entkoppelung der Finanz- von der Realwirtschaft statt. Die Realwirtschaft ist gewachsen ... aber bei weitem nicht so wie die Finanzwirtschaft – bis sie implodierte.“
Dieser Beobachter sagt uns dabei aber nicht, dass die Entkoppelung der Real- von der Finanzwirtschaft nicht zufällig geschieht – dass die Finanzwirtschaft genau zu dem Zweck explodierte, um einen Ausgleich für die Stagnation der Realwirtschaft aufgrund der Überproduktion zu schaffen.
Welche Probleme gab es mit der Finanzialisierung als Fluchtweg?
Das Problem mit Investitionen in Operationen auf dem Finanzsektor ist, dass das Ganze darauf hinausläuft, aus schon geschaffenem Wert noch einmal Wert herauszupressen. Das mag zwar Profit schaffen, aber es schafft nicht neuen Wert – nur Industrie, Agrarwirtschaft, Handel und Dienstleistungen schaffen neuen Wert. Weil der Profit nicht auf geschaffenem Wert basiert, werden Investmentoperationen sehr schwankungsfreudig und die Preise für Aktien, Wertpapiere (Bonds) und andere Investmentformen können sehr weit von ihrem realen Wert abweichen – wie zum Beispiel die Aktien der Internet-Startups, die steigen und steigen, angetrieben hauptsächlich von nach oben kletternden Schätzwerten, und dann zusammenkrachen. Profite sind dann abhängig davon, dass die Abweichung der Preise nach oben vom realen Wert der Waren ausgenutzt wird, und vom Verkauf derselben, bevor die Realität eine „Korrektur“ erzwingt, das heißt einen Absturz auf den Realwert. Der radikale Anstieg der Preise eines Vermögenswertes weit über den realen Wert hinaus nennt man die Entstehung einer Blase.
Warum ist Finanzialisierung so schwankungsfreudig?
Da die Profitabilität von spekulativen Coups abhängig ist, überrascht es nicht, dass der Finanzsektor von einer Blase zur anderen, oder von einer Spekulationsmanie zur anderen torkelt.
Weil der finanzgetriebene Kapitalismus von Spekulationsmanien angetrieben wird, gab es seit der Deregulierung und Liberalisierung der Kapitalmärkte in den 1980ern viele Finanzkrisen.
Vor der jetzigen Kernschmelze an der Wall Street waren die schlimmsten Krisen die mexikanische Finanzkrise 1994 – 95, die asiatische Finanzkrise 1997 – 1998, die russische Finanzkrise 1996, der Zusammenbruch des Aktienmarktes an der Wall Street 2001 und der finanzielle Zusammenbruch Argentiniens 2002.
Bill Clintons Finanzminister, der Wall Streeter Robert Rubin, sagte vor fünf Jahren voraus, dass „Finanzkrisen zukünftig so gut wie unvermeidlich sind und sogar noch ernster sein können.“
Wie entstehen, wachsen und platzen Blasen?
Nehmen wir zunächst die asiatische Finanzkrise von 1997 – 98 als Beispiel.
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Erstens, Liberalisierung der Kapitalbilanzen und Finanzmärkte auf Drängen von IWF und US-Finanzministerium;
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Dann Auftreten ausländischer Fonds auf der Suche nach schnellen und hohen Gewinnen, was bedeutet, Eindringen derselben auf den Immobilien- und Aktienmarkt;
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Überinvestitionen, infolgedessen Verfall der Aktien- und Immobilienpreise, darausfolgend panischer Abzug von Geld – 1997 wurden innerhalb weniger Wochen 100 Milliarden US-Dollar aus den ostasiatischen Ökonomien abgezogen;
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Rettung ausländischer Spekulanten durch den IWF;
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Zusammenbruch der Realökonomie – 1998 Rezession in ganz Ostasien;
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Trotz massiver Destabilisierung wurden Bemühungen auf staatlicher und internationaler Ebene zur Regulierung des Finanzsystems aus ideologischen Gründen abgelehnt.
Und nun zur gegenwärtigen Blase: Wie ist sie entstanden?
Der gegenwärtige Zusammenbruch an der Wall Street hat seinen Ursprung in der Technologie-Blase der späten 1990er, als die Aktienpreise der Internet-Startups in den Himmel schossen, dann zusammenbrachen und das Ganze in einem Vermögensverlust im Wert von sieben Billiarden US-Dollar und der Rezession von 2001 – 2002 endete.
Die lockere Geldpolitik der Fed unter Alan Greenspan hatte die Technologie-Blase begünstigt. Als diese nun in einer Rezession zusammenbrach, versuchte Greenspan einer langen Rezession dadurch zu begegnen, dass er im Juni 2003 den Leitzins auf ein Prozent senkte, den niedrigsten Stand in 45 Jahren. Er hielt ihn ein Jahr lang auf diesem Niveau, was die Entstehung einer neuen Blase begünstigte – der Immobilienblase.
Schon 2002 warnten progressive Ökonomen wie Dean Baker vom Center for Economic Policy Research vor der Immobilienblase. Aber noch 2005 führte Ben Bernanke, damals Vorsitzender des Council of Economic Adviser und heute Chef der Federal Reserve, den Preisanstieg auf dem US-Immobilienmarkt statt auf spekulative Aktivitäten auf ein „starkes ökonomisches Fundament“ zurück. Ist es also verwunderlich, dass er im Sommer 2007 von der US-Immobilienkrise vollkommen überrascht wurde?
Und wie ist die Blase gewachsen?
Hören wir, was George Soros, eine Schlüsselperson, sagt: „Hypothekenanstalten ermutigten Hypothekennehmer, ihre Hypotheken zu refinanzieren und das überschüssige Geld abzuziehen. Sie verringerten die Vergabevorschriften und führten neue Produkte ein, wie zinsvariable Hypotheken, „nur Zinsen“-Hypotheken und werbewirksame Lockzinsen. Das alles förderte die Spekulation mit Privatimmobilien. Hauspreise begannen in zweistelligen Raten zu wachsen. Das wiederum verstärkte die Spekulation und der Anstieg bei den Immobilienpreisen ließ die Hausbesitzer sich reich fühlen. Das Ergebnis war ein Konsumboom, der die Wirtschaft in den letzten Jahren am Laufen gehalten hat.“
Bei näherer Betrachtung des Vorgangs sieht man, dass die US-Immobilienkrise kein Fall ist von einem Angebot, das größer war als die tatsächliche Nachfrage. Die „Nachfrage“ wurde zum größten Teil durch die Spekulationsmanie der Immobilienmakler und Finanziers fabriziert, die aus ihrem Zugang zu ausländischem Geld, das in den letzten zehn Jahren in die USA geflossen war, große Profite machen wollten. Millionen von Leuten, die es sich eigentlich nicht leisten konnten, wurden große Hypotheken verkauft, indem man niedrige „Lock“zinsen bot, die später angepasst wurden und so die Zahlungen der neuen Hausbesitzer in die Höhe trieben.
Aber wie konnten diese faulen, problematisch gewordenen Hypotheken zu einem so großen Problem werden?
Weil diese Vermögenswerte anschließend mit anderen Vermögenswerten mittels komplizierter Verbriefungen „besichert“ wurden, so genannter „forderungsbesicherter Wertpapiere“ (CDOs), und zwar von den ursprünglichen Kreditgebern, die mit verschiedenen Ebenen von Mittelsleuten arbeiteten. Diese wiederum unterbewerteten das Risiko dieser Wertpapiere, um sie so schnell wie möglich an andere Banken und Finanzinstitutionen los zu werden. Diese Institutionen verkauften sie dann wieder an andere Banken und ausländische Finanzinstitutionen.
Als die Zinssätze der Subprime-Darlehen, zinsvariable Hypotheken und andere Immobiliendarlehen, angehoben wurden, war das Spiel aus. Soros schätzt, dass ungefähr sechs Millionen Subprime-Hypotheken ausstehen, von denen in den nächsten zwei Jahren 40 Prozent wahrscheinlich nicht erfüllt werden.
Und im Laufe der nächsten Jahre werden noch einmal fünf Millionen zinsvariable Hypotheken und andere „flexible Darlehen“ nicht erfüllt werden. Aber Wertpapiere im Wert von Billiarden Dollar waren schon, wie ein Virus, in das globale Finanzsystem injiziert worden. Der gigantische Kreislauf des globalen Kapitalismus war tödlich infiziert.
Wie konnte es geschehen, dass Wall Street-Titanen wie ein Kartenhaus zusammenbrachen?
Bei Lehman Brothers, Merill Lynch, Fannie Mae, Freddie Mac und Bear Stearns überstiegen die Verluste aufgrund dieser gefährlichen Wertpapiere ganz einfach die Reserven und brachten sie so zu Fall. Wahrscheinlich werden noch mehr zusammenbrechen, sobald die Bücher – viele dieser Vermögenswerte sind „aus der Bilanz“ ausgelagert – korrigert sind und den tatsächlichen Umfang dieser Vermögenswerte widerspiegeln.
Und es werden noch viele andere hinzukommen, wenn weitere spekulative Operationen wie Kredtikarten und verschiedene Risikoversicherungen ausfallen. Der American International Group (AIG) wurde ihr massives Engagement im unregulierten Sektor der Kreditderivate zum Verhängnis, Derivaten, die es einem Investor erlauben, auf dieMöglichkeit zu wetten, dass Unternehmen ihre Kredite nicht zurückzahlen können. Solche Wetten auf Kreditausfälle bilden nun einen völlig unregulierten Markt im Wert von 45 Billiarden Dollar. Das ist über fünfmal so viel wie der gesamte US-amerikanische Markt für Staatsanleihen. Dieser unvorstellbare Umfang an Vermögenswerten, die verloren gehen könnten, sollte AIG zusammenbrechen, veranlassten Washington zu einem Meinungswechsel und zur Rettung von AIG, nachdem man Lehman Brothers zusammenbrechen ließ.
Was wird nun passieren?
Nun, da sich ausländische Banken und Institutionen ihren US-amerikanischen Pendants anschließen, können wir mit Sicherheit sagen, dass es weitere Bankrotte und Übernahmen durch Regierungen geben wird, dass sich die Zusammenbrüche an der Wall Street häufen werden und sich die Rezession in den USA verlängern wird und dass eine US-amerikanische Rezession in Asien und anderswo eine Rezession auslösen wird, oder noch etwas Schlimmeres. Der Grund für letzteres liegt darin, dass Chinas Hauptexportmarkt die USA sind und China wiederum aus Japan, Korea und Südostasien Rohstoffe und Zwischenprodukte importiert, die es für seine Exporte in die USA verwendet. Die Globalisierung hat eine „Abkoppelung“ unmöglich gemacht. Die USA, China und Ostasien sind wie drei Gefangene, die in einer Sträflingskolonne aneinandergekettet sind.
Kurz gesagt...?
Die Kernschmelze an der Wall Street ist nicht nur der Habgier und der fehlenden staatlichen Regulierung eines hyperaktiven Sektors zuzuschreiben. Der Zusammenbruch der Wall Street hat letztlich seinen Ursprung in der Krise der Überproduktion, die den Kapitalismus weltweit seit Mitte der siebziger Jahre plagt.
Finanzialisierung von Investmentaktivitäten war ein Fluchtweg aus der Stagnation, die anderen beiden waren neoliberale Umstrukturierung und Globalisierung. Da neoliberale Umstrukturierung und Globalisierung nur begrenzt Erleichterung brachten, wurde Finanzialisierung als Mechanismus zur Abstützung der Profitabilität attraktiv. Aber Finanzialisierung hat sich als gefährlicher Weg herausgestellt, der Spekulationsblasen produziert, die einige vorübergehend reich machen, aber letztlich zum Zusammenbruch von Unternehmen und in der Realökonomie in die Rezession führen.
Die Schlüsselfragen sind nun: Wie tief und lang anhaltend wird diese Rezession sein? Braucht die US-amerikanische Wirtschaft eine weitere Spekulationsblase, um sich selbst aus dieser Rezession zu holen? Und wenn das der Fall ist, wo wird sich die nächste Blase bilden? Einige sagen, die Militärindustrie wird die nächste sein, oder der „Katastrophen-Kapitalismus-Komplex“, den Naomi Klein beschreibt, aber das ist eine andere Geschichte.
/Walden Bello, Fellow des Transnational Institute <http://www.tni.org/>, ist Professor für Soziologie an der Universität der Philippinen, Präsident der Freedom of Debt Coalition und leitender Analyst bei Focus on the Global South./
URL: http://www.zcommunications.org/znet/viewArticle/19077
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