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Amira Hass erhält Medienpreis für ihr Lebenswerk

von Amira Hass

21.10.2009 — Democracy Now!

Preisrede (20. Oktober) und Interview mit Democracy Now! (21. Oktober) in New York

Amira Hass ist die einzige israelische Journalistin, die seit mehreren Jahren in Gaza bzw. der Westbank lebt und von dort berichtet. Sie schreibt regelmäßig für die israelische Tageszeitung Haaretz. Am vergangenen Dienstag wurde sie mit dem '2009 Lifetime Achievement Award' der Organisation 'International Women's Media Foundation' ausgezeichnet. Zu Amira Hass' Büchern zählen 'Drinking the Sea of Gaza: Days and Nights in a Land under Siege', 'Reporting from Ramallah: An Israeli Journalist in an Occupied Land' sowie 'Diary of Bergen-Belsen, 1944-1945'.*

Christiane Amanpour beschreibt Hass als "eine der größten Wahrheitssucherinnen". Unser Gast ist Amira Hass. Sie spricht mit uns über ihre Berichterstattung im israelisch-palästinensischen Konflikt, über den Goldstone-Report und den israelischen Angriff auf Gaza (und die Notwendigkeit, dieses Thema im Kontext der bestehenden Militärbesatzung zu sehen).

Anjali Kamat:

Noch hartnäckiger verweigert Israel sich nun den Forderungen nach einer unabhängigen Untersuchung des Krieges gegen Gaza, der im letzten Winter stattfand. Verteidigungsminister Ehud Barak verhinderte am Dienstag eine geplante Debatte im israelischen Parlament, bei der es um die Frage der Zulassung einer internen Untersuchung über den Krieg gehen sollte. Stattdessen stellten die Minister ein Lobby-Team gegen den UN-Report zusammen. Der (Goldstone-)Report beschuldigt die Israelische Armee, Kriegsverbrechen begangen und Zivilisten bewusst angegriffen zu haben.

Der Report des südafrikanischen Juristen Richard Goldstone wurde vergangene Woche vom UN-Menschenrechtsrat (Human Rights Council) angenommen. Der Report wirft auch der Hamas vor, ziellos Raketen abgefeuert zu haben. Die Empfehlung des Reports lautet: Der UN-Sicherheitsrat solle die Angelegenheit vor den Internationalen Strafgerichtshof bringen, falls es den beiden Konfliktparteien innerhalb von sechs Monaten nicht gelinge, auf ihrem jeweiligen Territorium eine glaubwürdige Untersuchung durchzuführen.

Auf einer internationalen Konferenz in Jerusalem, die am Dienstag stattfand, bezeichnete der israelische Präsident Shimon Peres, Terrorismus als das größte Kriegsverbrechen.

Präsident Peres (übersetzt/eingeblendet):

Die Völker, die nicht von Autobomben und Raketen getroffen werden - abgeschossen auf ihre Zivilbevölkerung -, machen sich nicht bewusst, welche Zerstörungen der Terror anrichtet, welchen Preis er kostet und welche Komplexität er schafft. Indem man den Terrorismus bekämpft, sagt man ja zu gutnachbarschaftlichen Beziehungen. Der Terrorkrieg ist das schlimmste Kriegsverbrechen, das es gibt.

Anjali Kamat:

Wenden wir uns nun einer der mächtigsten israelischen Stimmen des Widerspruchs zu, der Journalistin und Autorin Amira Hass (...)

Amira hat den Preis der 'International Women's Media Foundation' für ihr Lebenswerk erhalten. Die Zeremonie fand vergangenen Dienstag in New York statt.

Wir werden gleich zu ihrer Rede kommen, mit der sie den Preis entgegennahm. Hier zuvor der Kommentar von Christiane Amanpour (CNN), die Amira Hass als "eine der größten Wahrheitssucherinnen" vorstellte.

Christiane Amanpour (eingeblendet):

Amira überwacht die Macht, indem sie das Leben von durchschnittlicher Menschen mitverfolgt, die in den Intrigen der Macht gefangen sind, (und) sie ist vor Ort, hört zu und sammelt die Aussagen. Und, wie gesagt, jene von uns, die mit der Story nicht so gut vertraut sind oder manchmal nicht in der Lage, dorthin zu gehen, wohin sie (Amira) geht, versorgt sie oft mit Material, damit wir ihr folgen können.

Sie schreibt, wie die palästinensischen Journalisten über die Führung ihres Landes denken, das, was sie sich nicht getrauen, selbst zu sagen. Sie schreibt, was israelische Bürger, ihrer Meinung nach, über ihre Führung wissen sollten, aber nicht wissen wollen.

Einige nennen sie Verräterin. Es ist unbequem, die Wahrheit zu hören. Und es ist sehr unbequem, die Wahrheit zu sagen. Einige nennen sie die einzige Stimme der Wahrheit in einem polarisierten Konflikt. Seit zwanzig Jahren hat sie sich um keines der Lager geschert, sondern ist ihren eigenen Weg gegangen. Amira weiß, was Irena gerade gesagt hat: Diktatoren mögen keine Journalisten, aber häufig mögen auch Demokratien keine Journalisten.

Amy Goodman:

Christiane Amanpour von CNN stellte die israelische Journalistin Amira Hass bei der Preisverleihung vor. Darauf folgte Amiras Preisrede:

Amira Hass:

Shalom, marhaba.

Gestatten Sie mir, mit einer Korrektur zu beginnen. "Oh, wie unhöflich", werden Sie zurecht denken. Doch uns Israelis wird weit Schlimmeres vergeben als Unhöflichkeit. Die 'International Women's Media Foundation' spricht großzügig von meinem "Lebenswerk". Das muss ich korrigieren; es ist kein Werk sondern ein Scheitern. Ein gescheitertes Leben. Wenn ich so nachdenke, sollte auch das Wort "Lebens..." mit dem gleichen Fragezeichen versehen werden. Nur rund ein Drittel meines Lebens - mehr nicht - habe ich dem Journalismus gewidmet. Und sollte Ihnen das Wort "Lebenswerk" den Eindruck vermitteln, dass ich demnächst in Rente gehe, muss ich dies ebenfalls korrigieren. Ich plane keineswegs, das, was ich tue, demnächst nicht mehr zu tun.

Aber was tue ich eigentlich? Im Allgemeinen definiert man mich als eine Reporterin, die sich mit Palästinenser-Themen befasst. In Wirklichkeit geht es in meinem Berichten um die israelische Politik und um die israelische Gesellschaft, um Herrschaft und Intoxikation. Die Quellen, die ich benutze, sind keine Geheimpapiere oder Notizen, die heimlich durchsickern, wenn Mächtige und Amtspersonen sich treffen. Meine Quelle ist jene Unverhohlenheit, mit der die Unterdrückten ihrer Rechte enteignet werden (weil sie Menschen sind, haben sie gleiche Rechte).

Es gibt noch vieles über Israel zu lernen - über meine Gesellschaft und die Leute, die in Israel Entscheidungen fällen und sich Einschränkungen, wie die folgenden, einfallen lassen: Studenten aus Gaza ist es nicht erlaubt, an einer Universität in der Westbank zu studieren, die rund 70km von ihrem Wohnort entfernt liegt. Ein anderes Verbot lautet: Kinder über 18 Jahren dürfen ihre palästinensischen Eltern in Gaza nicht besuchen, vorausgesetzt, die Eltern sind gesund und munter. Sollten die Eltern aber im Sterben liegen, würden israelische Offizielle, die sich treu an Befehle halten, eine Ausnahme machen. Auch falls die Kinder jünger als 18 sind, ist ein Besuch erlaubt. Andererseits ist es Verwandten zweiten Grades nicht erlaubt, Verwandte in Gaza zu besuchen - seien sie nun gesund oder sterbenskrank. Nicht nur in journalistischer Hinsicht eine knifflige Frage sondern auch in philosophischer. Machen Sie sich ein paar Gedanken. Was stört das israelische System wohl so sehr an relativ gesunden Vätern und Müttern? Was stört das System so daran, dass junge Menschen eine bessere Ausbildung haben wollen beziehungsweise bekommen? Dies sind nur zwei Verbote - auf einer langen Liste mit Verboten durch Israel.

Wenn ich über das palästinensische Territorium in der Westbank schreibe, das immer mehr verkleinert und fragmentiert wird, schreibe ich nicht nur über die Menschen, die den Besitz und die Existenzgrundlage ihrer Familien verlieren. Es geht mir nicht nur um die sinkenden Chancen der Menschen in den überfüllten, voneinander getrennten Enklaven. Im Grunde ist es eine Story über findige israelische Architekten. Auf diese Weise erfährt man, wie die israelischen Planungen vor Ort im Widerspruch zu den offiziellen Proklamationen stehen - ein Phänomen, das allen Taten israelischer Regierungen, in Vergangenheit und Gegenwart, gemein war und ist.

Um es kurz zu machen: Ich habe noch so viel zu tun, dass ich dafür ein zweites Leben bräuchte - oder zumindest den Rest meines jetzigen. Doch, wie gesagt, die eigentliche Korrektur betrifft etwas anderes. Wir sollten an dieser Stelle nicht über mein 'Werk' sprechen - sondern über das Scheitern: Gescheitert, die israelische und internationale Öffentlichkeit dazu zu bringen, die richtigen Wörter und Begriffe zu gebrauchen bzw. zu akzeptieren - jene Worte, die die Realität widerspiegeln, im Gegensatz zu dem 'Neusprech' (Orwell), das seit 1993 aufblüht und von den Leuten, in deren Interesse es liegt, clever verbreitet und diktiert wird. Es herrscht die Terminologie des Friedensprozesses. Sie trübt die Wahrnehmung der tatsächlich stattfindenden Prozesse: Es gibt eine besondere israelische Variante für 'Militärbesatzung', 'Apartheid', 'Kolonialismus', 'eingeschränkte palästinensische Selbstverwaltung in den Enklaven' und 'Demokratie der Juden'.

Meine Rolle als Journalistin sehe ich nicht darin, meine israelischen/jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, dazu zu bringen beizustimmen, dass diese Prozesse unmoralisch und gefährlich unklug für uns alle sind. Meine Rolle besteht darin, das Recht auf Pressefreiheit zu praktizieren, um Informationen zu beschaffen und Menschen zu informieren. Doch wie ich in all den Jahren schmerzlich erkennen musste, ist das Recht auf Information keine Pflicht. Tausende meiner Artikel und Zigmillionen meiner Wörter haben sich in Luft aufgelöst. Sie unterlagen im Wettstreit mit der offiziellen Sprache, die von den Massenmedien so gern angenommen wird und genutzt, um die Wirklichkeit zu verzerren. Die offizielle Sprache ermutigt die Menschen zum Nichtwissen. Für eine Journalistin ist das ein bemerkenswertes Scheitern.

Amy Goodman:

Die israelische Journalistin Amira Hass hielt diese Rede anlässlich der Verleihung des '2009 Lifetime Achievement Award' der 'International Women's Media Foundation'. Die Preisverleihung fand am Dienstag in New York statt.

Amira Hass ist nun hier in unserem Firehouse-Studio in New York.

Wieder einmal: Willkommen bei Democracy Now!, Amira. Gratulation zu Ihrem Preis!

Amira Hass:

Danke.

Amy Goodman:

Was sollten Menschen, Ihrer Meinung nach, am dringendsten über Israel, Gaza und die Westbank, wo sie derzeit leben, erfahren - jetzt, im Moment?

Amira Hass:

Dass wir es nicht mit symmetrischen Machtverhältnissen zu tun haben: Israelis gegen Palästinenser oder der Staat Israel gegen den Staat Palästina. Wir reden von einem Besatzungsregime, das zu sämtlichen Methoden greift, um den Palästinensern einen Deal der Niederlage aufzuzwingen, der meilenweit entfernt ist von jenen internationalen Lösungen für den Konflikt, die, zumindest in der Vergangenheit, akzeptiert wurden, die, zumindest in der Vergangenheit, proklamiert wurden. Es handelt sich um international proklamierte Lösungen für diesen Konflikt - siehe die Zwei-Staaten-Lösung auf Grundlage der Grenzen von 1967.

Israel war in den letzten zwanzig Jahren sehr erfolgreich - durch Separation, indem es Gaza von der Westbank abtrennte, durch Zermürbung und Verführung sowie durch militärische Angriffe - sehr üble Angriffe, sowohl auf die Westbank als auch auf Gaza -, durch alle möglichen anderen Mittel, durch Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, wobei wir manchmal das Gefühl haben, dass diese Einschränkungen weitaus schlimmer sind, als jene damals gegen die Schwarzen während der Apartheid in Südafrika.

Anjali Kamat:

Amira Hass, das große aktuelle Thema sind die Reaktionen auf den Goldstone-Report - in Israel und rund um die Welt. Der israelische Premierminister hat wiederholt erklärt, der Report werde sich negativ auf den Friedensprozess auswirken.

Amira Hass:

Mm-hmmm

Anjali Kamat:

Richter Goldstone weist dies zurück.

Amira Hass:

Ja.

Anjali Kamat:

Wie ist Ihre Einstellung dazu? Wie will die...

Amira Hass:

(Der israelische Außenminister) Lieberman hat das gesagt, stimmt's?

Anjali Kamat:

Ja, Lieberman, aber ich glaube, Premierminister Benjamin Netanjahu hat es am Wochenende auch gesagt.

Amira Hass:

Ja. Vor wenigen Wochen - vor ein oder zwei Wochen - sagte Lieberman, niemand solle in naher Zukunft mit einer Friedenslösung rechnen. Was für eine Art von... ich meine, was soll das heißen: Wird die Lösung anstatt für die nächsten zwanzig Jahre für die nächsten dreißig blockiert sein? Was will er damit sagen?

Sehen Sie, das ist doch ein Witz. Der Friedensprozess und die Verhandlungen sind meiner Ansicht nach seit nahezu 15 Jahren ein Witz - zumindest seit zehn Jahren. Wir glauben nicht, dass die Israelis ihren Kurs beim Thema Frieden ändern werden, dass sie plötzlich im Verhandlungsprozess Dingen zustimmen werden, denen sie nie zugestimmt haben: der Auflösung aller (jüdischen) Siedlungen und nicht nur der ungenehmigten Außenposten, einem Stop der skandalösen ethnischen Säuberungen in Jerusalem, in Ost-Jerusalem; oder Gaza wieder in die besetzten Gebiete zu integrieren... sodass es den Menschen von Gaza möglich wird, wieder in Kontakt zu ihren Brüdern in der Westbank zu stehen.

Ich sehe keinen Wandel - keinen Wandel in der israelischen Gesellschaft und in der israelischen Politik, der den Verhandlungen jene Essenz geben würde, die ihnen bislang fehlte.

Amy Goodman:

Sprechen wir über Richter Goldstone und seine bedeutende Vergangenheit. Ein Südafrikaner...

Amira Hass:

Ja.

Amy Goodman:

Der Richter, der den Report leitete, er ist als Zionist bekannt. Seine Tochter gab dem israelischen Radio ein Interview...

Amira Hass:

Mm-hmmm- mm-hmmm

Amy Goodman:

... indem sie sagte: "Mein Vater liebt Israel. Er ist Zionist".

Amira Hass:

Ja, er ist jüdisch - ich meine, Zionist. Doch für mich ist wichtig, was er über sich selbst sagt: Als Jude fühle er sich verpflichtet, sich an die Fakten zu halten - an jene Fakten - und zu verurteilen, was er als Verbrechen erachtet sowie seine Mitjuden in Israel zu alarmieren, zu alarmieren. Ich denke, das sagt viel mehr - denn, was heißt schon Zionist, wenn er immer noch in.... ich meine, anstatt nach Israel zu gehen, ist er umgezogen. Er lebt heute - zumindest zeitweise - in New York. Was für eine Art Zionist ist er also? Er unterstützt den Staat Israel, okay, die Existenz des Staates Israel, aber er blieb ein Bürger Südafrikas. Er hat sich nicht für die Immigration (nach Israel), nicht für die Aliyah** entschieden. Für mich ist die Tatsache, dass er Jude ist, sehr wichtig. Aus der jüdischen Tradition stammt seine Alarmiertheit, wenn es um grobe Verstöße gegen das Recht - gegen das Menschrecht - geht.

Anjali Kamat:

Amira Hass, können Sie für uns den Status des Goldstone-Reports*** nachvollziehen? Und welche Rolle spielte Mahmoud Abbas vor einigen Wochen? Er wurde ja von vielen Fraktionen der Palästinenser und von den Menschen in den Straßen der Westbank und Gazas verurteilt. Die USA verurteilen den Report, doch das Human Rights Council hat ihn in der vergangenen Woche angenommen.

Amira Hass:

Ja.

Anjali Kamat:
Können Sie für uns nachvollziehen, was da passiert ist? Welchen Status hat der Report im Moment? Was erwarten Sie, passiert als Nächstes?

Amira Hass:

Ich bin nicht gut, wenn es um diese Statusdinge geht. Doch ich glaube, da er (der Report) durch den Menschenrechtsrat angenommen wurde, wird er an den UN-Sicherheitsrat weitergeleitet - oder vielleicht zunächst an die UNO-Vollversammlung und dann erst an den Sicherheitsrat, wo dann abgestimmt wird? Wir gehen davon aus, dass Amerika ein Veto einlegen wird oder dass Amerika die Empfehlungen des Goldstone-Reports, Israel um eine offene, unabhängige Untersuchung zu den Vorwürfen zu bitten, nicht akzeptieren wird. Wenn innerhalb von sechs Monaten keine befriedigende, ausreichende Reaktion von Israel - oder auch von der Hamas - erfolgen wird, kann er (der Report) an die Staatsanwaltschaft des Internationalen Strafgerichtshofes weitergeleitet werden. So lauten Goldstones Empfehlungen.

Amy Goodman:

Welche Bedeutung hätte eine solche Weiterleitung an den Internationalen Strafgerichtshof?

Amira Hass:

Bedeutung? Es wäre vorbei mit Israels Gefühl der Straffreiheit - was sein ganzes Verhalten gegenüber den Palästinensern betrifft. Es ist das erste Mal...

Anjali Kamat:

Wie groß stehen die Chancen für eine internationale Untersuchung?

Amira Hass:

Wissen Sie, ich kann die Wahrheit nicht erraten. Ich kann nicht herumraten. Ich kann nicht... Wir hören unterschiedliche Bemerkungen - von unterschiedlichen israelischen Offiziellen. Aber, sehen Sie, der Goldstone-Report ist wichtig, denn seit sechs Monaten sind soviele Informationen über den Angriff im Umlauf. Seit Januar veröffentliche ich zu diesem Thema in der Haaretz - fast seit Januar - seit ich damals nach Gaza zurückgekehrt bin. Ich veröffentlichte, und die Haaretz druckte meine Berichte - es war ja so viel. In ein oder zwei Wochen wäre ich nicht damit zu Rande gekommen. Nach den Angriffen, nach dem Gemetzel in Gaza, blieb ich für fünf Monate dort. Übrigens benutze ich das Wort "Krieg" nicht, ich halte es nicht für korrekt. Es war kein Krieg zwischen symmetrischen Parteien. Ich sehe es als kriegerische Handlung... als Attacke. Übrigens, noch etwas zu 'Breaking the Silence':****Was den Leuten bei ihren Gesprächen mit den Soldaten auffiel, war, dass es sich wohl um ein massives nasses Manöver gehandelt hat - wir nennen das nasses Trainingsmanöver der israelischen Streitkräfte.

Amy Goodman:

Was bedeutet "nass"?

Amira Hass:

Mit scharfer Munition. Es handelte sich also um ein massives Manöver. Ich glaube, es war eine massive Übung für künftige Kriege - nicht im Hinblick auf vergangene Kriege - sondern für künftige Kriege. All diese ausgeklügelten Waffen, Waffensysteme - fast schon Science Fiction - die Israel hat, wurden gegen Indianer (native Americans) mit Pfeil und Bogen auf der anderen Seite eingesetzt. Ich wurde um einen Vergleich gebeten - das ist mein Vergleich. Darum kann ich auch das Wort "Krieg" nicht benutzen.

Amy Goodman:

Sie sagen also, dass...

Amira Hass:

Ich sage "Gemetzel", "Angriff" und...

Amy Goodman:

Aber was ist mit den palästinensischen Raketen?

Amira Hass:

Sehen Sie, meiner Meinung nach sind diese Raketen der... in diesem Punkt weiche ich von der Sprache der Menschenrechtler ab. Ich streite mit ihnen zum einen über moralische Fragen und zum andern über den Nutzen (von Raketen) im Kampf für die Befreiung. Haben sie Nutzen oder nicht? Meiner Meinung nach ist die Sache mit den Raketen ein einziges Theater, ein Popanz für den internen Gebrauch, für den internen palästinensischen Gebrauch - um sagen zu können: "Oh, wir kämpfen gegen die Besatzung". Die Menschen bekommen einen total falschen Eindruck. Die Hamas hat es nicht geschafft, das Leben der Menschen zu verbessern, also ziehen sie sich in ein Reich der Fantasie zurück und auf einen eingebildeten Kampf, einen eingebildeten Befreiungskampf. Sie vergleichen sich mit der Hisbollah - was jeder faktischen Grundlage entbehrt. Ich meine, das ist doch nur gelogen, das heißt nicht, dass ich...

Die Sache ist die: Wenn wir uns so sehr auf die Raketen konzentrieren, vergessen wir völlig die israelische Gewalt gegenüber den Palästinensern - täglich - ach was, täglich - stündlich, minütlich. Wenn Grenzen geschlossen werden, wenn alle Aus- und Eingänge nach Gaza geschlossen werden, so ist das Gewalt, tägliche Gewalt. Wenn Kinder keine Füller und Bleistifte und kein Papier für die Schule haben, ist das Gewalt. Alle sprechen über Lebensmittel. Lebensmittel sind nicht das Problem. Das Problem ist das Recht der Palästinenser, etwas herzustellen, zu produzieren, zu exportieren, zu reisen. Dies wird ihnen schon seit zehn Jahren verwehrt - schon bevor die Raketen aus Gaza abgeschossen wurden.

Der Goldstone-Report hat Israel gezwungen, die Aussagen und Beweise, die es schon die ganze Zeit über gab, zur Kenntnis zu nehmen. Davor war es leicht, sie zu ignorieren, denn es hieß: "Oh, es sind alles nur diese Journalisten und diese randständigen Journalisten. Bis jetzt haben unsere Soldaten den Mund absolut gehalten, also werden alle unserer Version glauben". Das Ausmaß, das die Angriffe gegen den Goldstone-Report angenommen haben, ist ein Beleg dafür, dass sie ihn ernst nehmen.

Amy Goodman:

Wir sind im Gespräch mit Amira Hass, die gestern in New York einen Preis für ihr Lebenswerk von der 'International Women's Media Foundation' entgegengenommen hat. Sie stand vor 500 Menschen - überwiegend Frauen. Die Preisverleihung fand im Waldorf Astoria statt. Amira, Sie sind in den USA gelandet, gerade als sich Human Rights Watch eine große interne Schlacht lieferte.

Amira Hass:

Ja.

Amy Goodman:

Ich meine die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Der Begründer dieser Organisation, der diese 20 Jahre  lang geleitet hat und heute ihr Gründungsehrenvorsitzender ist, heißt Robert Bernstein. Er schrieb in der New York Times einen Op-ed-Artikel...

Amira Hass:

Ja.

Amy Goodman:

... in dem er sich sehr kritisch mit seiner Organisation auseinander gesetzt hat. Ich möchte Ihnen kurz daraus zitieren. Er sagt, führende Mitglieder seiner Organisation "wissen, dass die Hamas und die Hisbollah beschlossen haben, Kriege auf dichtbesiedeltem Gebiet zu führen (und so) bewusst Viertel in Schlachtfelder zu verwandeln. Sie wissen, dass immer mehr und bessere Waffen nach Gaza und in den Libanon fließen und sind entschlossen, erneut zuzuschlagen. Sie wissen, dass diese Militanz den Palästienensern auch weiterhin jede Chance auf ein friedliches, produktives Leben, das sie verdienen, vorenthält. Dennoch ist Israel - das wiederholte Opfer von Aggression -, dem größten Teil der Kritik von Human Rights Watch ausgesetzt". Bernstein fährt fort: "Um es klarzustellen, selbst die Opfer von Aggression sind an das Kriegsrecht gebunden und müssen ihr Möglichstes tun, um zivile Opfer zu vermeiden. Dennoch besteht ein Unterschied zwischen falschen Dingen, die im Rahmen der Notwehr geschehen und jenen, die man bewusst tut".

Soweit die Worte von Robert Bernstein, der seine eigene Organisation - Human Rights Watch - kritisiert. Wie lautet Ihre Antwort darauf, Amira Hass?

Amira Hass?

Das klingt sehr, sehr nach Orwell. Die Palästinenser werden doch von Israel angegriffen! Nun, ich habe den Artikel gelesen. Das Wort 'Besatzung' taucht nicht einmal darin auf. Er schreibt, Israel sei eine Demokratie, bestehend aus circa sieben Millionen israelischen Bürgern und vergisst dabei die vier Millionen Palästinenser, die sich in die israelischen Bevölkerungsregister eintragen lassen müssen, um überhaupt zu existieren. Alle Palästinenser sind registriert. Diese vier Millionen vergisst Bernstein einfach. Was für eine Demokratie ist das, in der vier Millionen, für die das Israelische Innenministerium zuständig ist, sich registrieren lassen müssen? Und anschließend kann Israel entscheiden, ob sie existieren? Wie kann man von Demokratie reden, wenn die Hälfte - ein Drittel, zu dem noch eine Million israelische Palästinenser hinzukommen - über keine Rechte verfügt, das heißt, nicht über dieselben Rechte? Was für eine Art Demokratie ist das? Die Tatsachen werden wirklich verdreht. Ich war erstaunt, als ich den Artikel las, denn er klingt - vieles darin klingt - wie Propaganda von offizieller israelischer Seite, ich meine, Teile des Artikels, nicht der ganze.

Zudem ist es so, dass Human Rights Watch in den 70ger Jahren gegründet wurde. Sie war damals Teil der Menschenrechtsdiskussion, die sich gegen die Sowjetunion und den Osten richtete. Von "nicht offenen Gesellschaften" sprach er (Bernstein). Seither haben sich die Dinge geändert. Ich will nicht behaupten, dass, nur weil diese Gruppe im Kalten Krieg angeheuert wurde, es ungerechtfertigt war, jenen Gesellschaften einen Mangel an Demokratie vorzuwerfen. Aber wir haben uns weiterentwickelt. Wir wissen heute, dass die Demokratie, dass Rechte, nicht nur in nicht offenen Gesellschaften angegriffen werden, in abgeschirmten Gesellschaften.

Und wir haben gelernt, dass wir mehr von einer Gesellschaft fordern sollten, die sich als demokratisch bezeichnet.

Potenziell hat jeder amerikanische Jude mehr Rechte in Israel als jeder Palästinenser, der dort geboren wurde und dort lebt oder das Kind palästinensischer Eltern ist, die vertrieben wurden. Das gilt für alle amerikanischen Juden. Meiner Ansicht nach ergibt sich daraus für Human Rights Watch die Pflicht, Israel unter die Lupe zu nehmen. Was ich meine, ist: Kein Amerikaner hat potenziell automatisch das Recht, Bürger Saudi-Arabiens oder Chinas zu werden. Das gibt es nur in Israel. Es verpflichtet Human Rights Watch, ein Auge auf Israel zu haben, im Sinne von: Bis zu welchem Grad hält sich Israel an international akzeptierte Verpflichtungen und an die Menschenrechte bzw. verteidigt dieses Dinge. Das wurde total vergessen und vieles mehr. Ich meine, es gäbe viele Fakten und Dinge, über die sich mit ihm (Bernstein) streiten ließe - auch was Werte betrifft. Aber ich bin sicher, dass viele Leute reagieren werden.

Anjali Kamat:

Zum Schluss, Amira, sagen Sie uns bitte: Welche Vision sehen Sie für die Zukunft von Israel, der Westbank und Gaza? In der Presse gibt es Gerüchte über eine Dritte Intifada. Sie leben derzeit in Ramallah. Was glauben Sie?

Amira Hass:

Wissen Sie, israelischen Journalisten, die etwas mit dem Militär zu tun haben, sprechen immer von einer dritten Intifada. Sie sind wie Nachrichtenleute - wie der Wettermann: "Okay, wir sehen einige Wolken. Es wird Regen geben, oder es wird keinen Regen geben". Eine echte soziologische Analyse steckt absolut nicht dahinter - ganz zu schweigen von einer Analyse, die darauf basiert, dass man versteht, was Besatzung und Unterdrückung heißt. Ich denke, es ist fast ein Naturgesetz, dass auf Unterdrückung früher oder später eine Explosion folgt, die sich gegen diese Unterdrückung richtet. Wird diese Explosion Erfolg haben? Ist sie clever? Intelligent? Dumm? Wir wissen es nicht.

Die Zweite Intifada war ein Desaster - aus vielen Gründen. Wir haben jetzt keine Zeit darüber... aber der Hauptgrund war: Die Intifada spiegelte die Wut der Menschen gegen die Diskrepanz wider - gegen diese schreckliche Diskrepanz zwischen dem, was offen gesagt wurde, im offiziellen Sprachgebrauch, und der Realität. In der Realität gab es keine Rechte, keine. Übrigens war es wirtschaftlich gesehen klug - nicht schlecht, sondern gut. Es geschah aber nicht nur aus strikt ökonomischen Gründen, sondern aus folgenden: Man verspricht dir Libertas, man verspricht dir die Freiheit. Man verspricht dir einen Staat. Man verspricht dir die Unabhängigkeit. In Wirklichkeit bekommst du Bantustans, und die israelischen Siedlungen wachsen, und Gaza wird von der Westbank abgetrennt. Folglich kam es zu der Explosion. Aber dann wurde der Aufstand militarisiert. Das hatte interne Gründe. Arafat nutzte den Aufstand, um die Kritik an Arafat zum Schweigen zu bringen. Die Israelis eskalierten die Situation - durch den exzessiven Einsatz von Stärke, tödlicher Stärke. Sie setzen tödliche Stärke ein - und schossen in die Luft - um Demonstrationen aufzulösen, die zuvor extrem gutartig gewesen waren. Das nutzten dann wiederum die Hamas und andere, um zu zeigen, dass sie... sie nutzten es im internen Wettkampf der Palästinenser um Popularität. Es kam zu einem Wettstreit: Wer kann die meisten Juden töten. In meinen Augen war es ein immenses Scheitern. Aber der Aufstand selbst begann aus ursprünglichen Gründen.


Und weil die israelische Kontrolle über jeden Schritt, den ein Palästinenser in seinem Leben tut, weitergeht und noch schlimmer geworden ist, wird es zum nächsten Aufstand kommen - aufgrund dieser Diskrepanz. Und die Welt weiß es nicht. Die Menschen bringen das israelische Regime nicht mit furchtbaren Einschränkungen der Bewegungsfreiheit in Verbindung - anders als damals in Südafrika. Damals wussten alle, dass es ein Pass-System gibt - zu jener Zeit, während der Apartheid in Südafrika. Heute wissen die Leute nicht Bescheid. Eine sehr nette Jüdin, die (der israelischen Friedensgruppe) Peace Now nahesteht, fragte mich einmal: "Gibt es eigentlich irgendwelche Palästinenser, die (auf israelischer Seite) tun, was Sie tun - in Israel leben und über Israel berichten?" Ich sagte: "Ich wünschte, sie könnten es, aber Israel würde ihnen noch nicht einmal erlauben, herüberzukommen, um über eine Pressekonferenz in Jerusalem zu berichten; von einem Aufenthalt in Israel ganz zu schweigen". Ich meinte damit die Palästinenser aus Westbank und Gaza. Sie war ganz verblüfft. Die Menschen begreifen nicht, wie weit mangelnde Bewegungsfreiheit gehen kann. Es ist das Allerschlimmste. Das Leben schrumpft komplett zusammen. Ganz zu schweigen von Gaza, das ein großes - wie soll ich sagen -, Gefangenenlager für anderthalb Millionen Menschen ist, die sich in den letzten zehn, zwölf Jahren nicht weiter als 30km oder 40km weit entfernen konnten.

Amy Goodman:

Amira Hass, vielen Dank, dass Sie bei uns waren. Amira Hass schreibt regelmäßig für die israelische Tageszeitung Haaretz. Sie hat den '2009 Lifetime Achivement Award' der 'International Women's Media Foundation' verliehen bekommen. Ihr neuestes Buch handelt von ihrer Mutter, einer KZ-Überlebenden, die später nach Israel ging: 'Diary of Bergen-Belsen, 1944-1945'.

Amira Hass:

Es ist eigentlich das Buch meiner Mutter.

Amy Goodman:

Amiras Mutter hat es geschrieben. Damit geht dieser Teil unserer Sendung zu Ende. Danke, Amira.

Amira Hass:

Danke.

Anmerkung d. Übersetzerin

*Auf Deutsch erschienen: ‚Bericht aus Ramallah’ (2004), ‚Gaza’ (2003), ‚Morgen wird es noch schlimmer' (2006)      

Das Tagebuch ihrer Mutter Hanna Levy-Hass trägt den Titel ‚Tagebuch aus Bergen-Belsen’ (2009)

** Aliyah ist das besondere Einwanderungsrecht des Staates Israel, das allen Juden der Welt ein automatisches Recht auf Staatsbürgerschaft zuerkennt (siehe wikipedia)

***Goldstone-Report: http://www2.ohchr.org/english/bodies/hrcouncil/specialsession/9/FactFindingMission.htm

****Breaking the Silence http://www.shovrimshtika.org/index_e.asp

Übersetzt von: Andrea Noll
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