Antikriegsdemonstration in San Francisco und in anderen Orten der USA
Tausende marschieren
von Jim Doyle
28.10.2007 — San Francisco Chronicle / ZNet
Market Street: Jemand bläst in ein Bullenhorn. Es ist das Signal für tausende Demonstranten, sich auf die Straße zu legen - in einem symbolischen "Die-in". Diese Aktion war Teil der Proteste, die in San Francisco und überall im Land* gegen den Krieg im Irak stattfanden.
Die Demonstranten blieben circa drei Minuten auf dem Pflaster liegen.
Sie lagen stellvertretend für mehr als 1 Million Iraker, die seit Kriegsbeginn 2003 starben, so die Organisatoren. Anschließend setzten die Demonstranten ihren Marsch fort. Er führte von San Franciscos Civic Center zum Dolores Park.
Die Organisatoren sprechen von 30 000 Teilnehmern - Junge, Alte, Arbeiter, Studierende, religiöse Führer. Die Polizei verweigerte offizielle Schätzungen. Beobachter sprechen von definitiv mehr als 10 000 Demonstranten. Market Street war über mehrere Blocks voller Menschen. Bringt die US-Soldaten heim, riefen sie und trugen Transparente, auf denen der Krieg verurteilt wurde.
Am Kopf des Zuges marschierte eine Trommlergruppe aus Native Americans. Der beständige, harte Rhythmus war begleitet vom Ruf der Demonstranten: "No more war!"
Vor Beginn des Marsches hatten sich die Protestierenden vor der City Hall versammelt und den Rednern zugehört, die die Bush-Administration kritisierten und die Amerikaner dazu aufriefen, sich gegen den Krieg zu erheben. Einer der Gründe für den Protest, so die Organisatoren, sei der fünfte Jahrestag, seit der US-Kongress in einer Abstimmung grünes Licht für US-Gewalt gegen den Irak gegeben hat.
"Schweigen ist Komplizenschaft", sagte Nicole Davis zu der Menge (bei der Veranstaltung in San Francisco). Sie leitet eine Gruppe des Campus Anti-War Network. Organisiert wurden die Veranstaltungen zum 27. Oktober von einem Bündnis aus verschiedenen Gruppen - unter ihnen ANSWER (Act Now To Stop War and End Racism). "Wenn Sie mit diesem Krieg nicht einverstanden sind", so Davis, "ist es Ihre Pflicht, aufzustehen und es der Welt zu sagen".
Sarah Sloan ist Sprecherin von ANSWER. Sie sagt, ihre Gruppe habe die Anzahl der Demonstranten "anhand der Blocks - circa sieben, - die der Marsch auffüllte und anhand der Dichte der Menschenmenge" geschätzt.
In New York demonstrierten Tausende im Regen. Ziel des Marsches war Foley Square. In Chicago versammelten sich nach Schätzungen 10 000 Demonstranten im Union Square Park und marschierten zur Federal Plaza. Die Antikriegs-Märsche, so die Organisatoren, wurden landesweit von einem Bündnis aus verschiedenen Gruppen gesponsert - unter Führung von United for Peace & Justice. Auch in Seattle, Salt Lake City, Jonesborough (Tennessee), Philadelphia, Orlando, Los Angeles, New Orleans, Boston und anderen Städten im ganzen Land gab es Veranstaltungen.
"Es wäre die eine Sache, wenn es nur hier, in San Francisco, wäre", so Jim Haber, Vertreter von United for Peace & Justice der Bay Area, "aber dem ist nicht so", sagte Haber gegenüber dem Francicso Chronicle zum Thema landesweites Ausmaß der Proteste.
"An Orten wie Jonesborough in Tennessee oder Salt Lake City haben wir den Organisatoren geholfen, ihre Gemeinden zu mobilisieren. Diese Orte würde man nicht typischerweise mit Antikriegsdemonstrationen in Verbindung bringen. Dies unterstreicht, wie breit die Opposition gegen den Irakkrieg ist".
Im Dolores Park (von San Francisco) wurden Hunderte Stiefel in einer Reihe auf den Rasen gestellt - zum Gedenken an die US-Soldaten, die im Irak starben. An jedem Stiefelpaar war der Name (eines toten Soldaten) befestigt. In vielen Stiefeln steckten Blumen.
Im Park angekommen, hörten die Demonstranten einige Redebeiträge. Unter den Rednern war auch Dennis Banks, Führer des American Indian Movement sowie Cindy Sheehan, die für den Kongress kandidiert. Sheehan forderte die Menschen dazu auf, für sie zu stimmen und nicht für die Gegenkandidatin Nancy Pelosi.
Banks: "Wenn ich mir die Menge so ansehe, dann sehe ich viele junge Leute. Das macht mir große Hoffnung." In den späten 60gern, während des Vietnamkrieges, so Banks, seien es die Jungen und die Studenten gewesen, die auf die Straße gingen und die USA unter Druck setzten, den Krieg zu beenden.
Anne Roesler, von Military Families Speak Out, sprach über ihren Sohn, der als US-Soldat dreimal in den Irak verlegt worden sei - bis er mit einer posttraumatischen Störung zurückgekommen sei. "Dieser Krieg ist der Krieg des Kongresses", sagte Roesler. "An deren Händen klebt das Blut dieses Krieges - sie bauen ihre politischen Karrieren aus dem Blut unserer Lieben und dem der Iraker auf".
Clarence Thomas war früher Gewerkschaftssekretär/Kassenwart der Gewerkschaft 'International Longshore and Warehouse Union Local 10'. Er sagte: "Wir müssen von der Bürgerrechtsbewegung lernen. Wir müssen aufwachen und begreifen, dass wir in dieser Sache alle zusammenhalten müssen".
Im Demonstrationszug von San Francisco waren auch drei Mitglieder der Gruppe Code Pink. Eine war als Lady Liberty verkleidet und rief: "Ich werde 'Down by the Riverside' singen, bis die Welt frei ist!" Eine Gruppe nannte sich 'Raging Grannies' (wütende Großmütter). Sie unterhielt die Menge mit selbstverfassten Reimen zu Klassikern wie 'Anchors Away'. Vor allem die Gewerkschaften hatten sich bemüht, ihre Mitglieder auf die Beine zu bringen. Und hunderte Arbeiter kamen - Lehrer, Dachdecker, Krankenschwestern, Schilderinstallateure, Sicherheitsangestellte, Mitarbeiter aus dem Kommunikationsbereich usw..
Sharon Cornu, Gewerkschaftssekretärin/Kassenwartin von Alameda Labor Council, sagte, dies sei das erstemal, dass sieben Gewerkschaften der Bay Area - San Francisco, Monterey Bay, North Bay, South Bay, San Mateo, Contra Costa und Alameda - kooperierten, um ihre Mitglieder zu einer Demonstration aufzurufen.
Zwar hätten sich Gewerkschaftsmitglieder der Bay Area schon zuvor an Antikriegsprotesten beteiligt, so Cornu, aber noch nie in solchem Ausmaß. "Immer mehr Gewerkschaftsmitglieder sehen die Auswirkungen des Krieges auf unsere Schulen, auf das Transport- und Gesundheitswesen - denn das Geld, das hier eingesetzt werden könnte, wird im Ausland ausgegeben".
"Wir sind arbeitende Menschen - wir leisten die Dinge im Land, wir wollen gehört werden", sagt der Dachdecker Leroy Cisner (in seiner Rede) und bestätigte Cornus Worte. Er sprach davon, wie dringend Investitionen in Bildung und Gesundheit nötig seien.
Zu den Demonstranten gehörte auch die Krankenschwester Wendy Bloom. Sie arbeitet am Children's Hospital in Oakland. "Unsere Prioritäten sind verzerrt", sagt sie. "Anstatt in die Gesundheitsversorgung investieren wir Milliarden in einen unnötigen Krieg".
In den Tagen vor dem Protest hatten die Organisatoren das Internet genutzt, um ihre Antikriegs-Message in Videobotschaften zu verbreiten. Eine dieser Botschaften war ein Zwei-Minuten-Spot von Brave New Foundation aus Culver City, in dem dazu aufgefordert wird, bringt "eure Familie, die Nachbarn und eure Hunde" mit zur Demo.
In einer anderen Videobotschaft mit dem Titel 'Confront the War President' werden Schnappschüsse von Kriegstoten und Sterbenden im Irak gezeigt, von trauernden Angehörigen und Verletzten. Dazwischen Interviewausschnitte mit Präsident Bush. In einem Ausschnitt aus dem Jahr 2006 sagt er: "Zu unterstellen, ich wollte Krieg, ist schlicht falsch". Doch in einem Interview zuvor - im Jahr 2004 - sagte er: "Ich bin ein Kriegspräsident. Ich treffe, hier, im Oval Office, außenpolitische Entscheidungen und habe dabei den Krieg im Hinterkopf".
Mails an den Autor: jdoyle@sfchronicle.com oder
ssward@sfchronicle.com
Anmerkung der Übersetzerin
* am 27. Oktober
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