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Dankesrede von Hollman Morris (Träger des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises 2011)

von Hollman Morris

03.11.2011 — Menschenrechtsbüro der Stadt Nürnberg

Lateinamerika: ‘Ein Volk ohne Beine, das läuft’

 

Der hier zu Ihnen spricht, kommt aus einem Viertel der Welt, das sich Lateinamerika nennt.

In meinen Adern läuft Mischlingsblut: von Indios, von Europäern und Afrikanern. Schon in seinen Genen trägt unser Volk die Erinnerung an Tragödien, an Leiden, Träume und Hoffnungen. Ein lateinamerikanisches Gedächtnis zu haben, bedeutet, zu wissen, dass wir eines Tages Immigranten sein werden, die sich über Grenzen schleichen, unerwünschte Besucher, Prostituierte, Exilierte, Verschwundene. Wir haben Erfahrungen mit populistischen Regierungen und mit grausamen Diktaturen. Aber Teil unserer Tradition ist es auch, die Probleme unermüdlich anzugehen und auf Krisen mit Einfallsreichtum zu reagieren.

Alle Menschen in dem Weltviertel, aus dem ich komme, teilen die gleichen Probleme und Hoffnungen.

Davon möchte ich Ihnen erzählen: Gegenwärtig erhebt sich im Süden des Kontinents eine wunderbare Bewegung der chilenischen Studenten, die nach mehr und besserer staatlicher Bildung verlangen. Ihre Forderung ist in ganz Lateinamerika berechtigt. Auf unserem Kontinent ist der Zugang zu einem mittleren Bildungsniveau und zur Gesundheitsversorgung kein angestammtes Recht, sondern eine Ware, die gehandelt wird, wie jede andere. Die chilenischen Jugendlichen haben sich dagegen verwehrt, dass man ihnen das Wenige an Bildung, das sie haben, auch noch wegnimmt oder dass diese noch teurer für sie wird und so gelang es ihnen diese Reform aufzuhalten.

Wenden wir uns nun nach Norden, gehen wir nach Mexiko, dort erhebt sich eine Bürgerbewegung gegen die Gewalt der Drogenhändler, gegen die Herren über den Tod und gegen die Korruption einer maroden Regierung. Mexiko lebt heutzutage unter dem Terror des Bandenkriegs der Drogenbarone und die Regierung tut nichts weiter, als mit noch mehr Gewalt zu reagieren, nutzt die Situation aus, um die gesellschaftlichen Führer zu verfolgen und die Korrupten zu decken.

Aber jetzt gibt es die Karawanen des Friedens, sie ziehen durch das ganze Land, hören sich die Schilderungen der Familien der Mordopfer und der gewaltsam Entführten an und zeigen so, dass es sich bei diesen Opfern nicht um Einzelfälle handelt. Sie erinnern unermüdlich an ihre Freunde und Angehörigen, bewahren die Erinnerung und senden eine Botschaft des Friedens aus.

Überall auf dem Kontinent erinnern uns die Bewegungen der Ureinwohner daran, dass man in dieser Welt nicht alles kaufen kann, dass nicht alles einen materiellen Preis hat. Dass ein Mensch nicht nach dem bewertet werden kann, was er herstellt oder konsumiert. Sie erinnern uns ständig daran, dass der Maßstab für die Beziehungen in den Gesellschaften unserer Urvölker das WIR war und nicht das ICH.

Wenn heute der Bergbau wieder einen neuen Boom erlebt, erinnern uns unsere Vorfahren an die Geschichte, die vor über 500 Jahren geschah: an die Geschichte der EROBERER von “EL DORADO”. El Dorado, diese goldene Stadt, von der unsere Vorfahren sprachen und die die Eroberer in der Kolonialzeit im blindem Wahn suchten.

Bei ihrer Suche haben die Eroberer Reiche dem Erdboden gleich gemacht, die Einheimischen hingemordet und für immer die Beziehungen innerhalb des Gemeinwesens verändert. Heutzutage sind das ‘EL Dorado’ die großen Kupfervorkommen in Chile, das Gas in Bolivien, die Kohle in Argentinien, das Gold in Peru und Kolumbien. Heute sind die mächtigen Unternehmen hinter diesen mit dem gleichen blinden Wahn her wie damals vor fünf Jahrhunderten.

Aber anders als die großen Indianerführer wie Atahualpa oder die Kazikin Gaitana, machen es die heutigen Führer unserer Länder den großen Bergbauunternehmen sehr leicht und einfach unsere Rohstoffe abzubauen. Der Wahn der Suche nach dem großen Gold ‚Dorado‘ geht weiter und verursacht eine Welle der Menschenrechtsverletzungen und immer mehr Gewalt auf dem gesamten Kontinent.

Wir werden nicht müde, das anzuprangern, aber man muss auch noch einen Schritt weiter gehen. Es darf nicht sein, dass die großen Unternehmen weiter arbeiten und die schweren sozialen Konflikte ausnutzen, die Schwäche der Regierungen, die Habsucht und das falsche demokratische Gehabe einiger lateinamerikanischer Führer. Man darf das nicht weiter ausnutzen, um die Lebensgrundlage und die Umwelt der Völker, Regionen und Länder zu vernichten.

Eine Frau aus dem Bananenanbaugebiet Kolumbiens, wo der Multi Chiquita sowohl rechts als auch linksextreme Gruppierungen finanzierte und dadurch dem Mord an tausenden von Bauern Vorschub leistete – sagt: “Hier gibt es keine Bananenstaude, die nicht mit einer Leiche gedüngt ist”. Wenn man dieses Bild aufnimmt, muss man sagen, dass es in Lateinamerika kein Öl gibt, an dem nicht Blut klebt; keine Kohle, die nicht weite Sumpfgebiete vergiftet hat; kein Gold, das nicht die Lebensgrundlage und Ressourcen der Indiogemeinschaften auf diesem Kontinent, genannt Lateinamerika, zerstört hätte.

Aber dennoch - unser einsamer Kampf reicht nicht aus. Genau wie bei der anderen schlimmen Plage, dem Drogenhandel, muss auch beim Bergbau konsequent der Grundsatz der gemeinsamen Verantwortung angewendet werden. Wir können die Kosten dieses Kampfes in Menschenleben, im sozialen und Umweltbereich nicht länger alleine tragen. Die Länder der ersten Welt müssen Maßnahmen ergreifen, um die Nachfrage nach diesen Produkten zu regeln. Wir sind zur Zusammenarbeit bereit, aber wir brauchen empörte Bürger in den Industrieländern, die Fragen nach dem woher und wie dieser vielen natürlichen Rohstoffe stellen. Wir sind es müde mit Toten für den Fortschritt bezahlen zu müssen.

Ich möchte diese Reise durch unseren Kontinent nicht abschließen, ohne noch zwei weitere besorgniserregende Fälle zu nennen. In Guatemala ist die Wahl eines ehemaligen Militärs zum Präsidenten sehr wahrscheinlich, der in der Vergangenheit unzählige Male gegen die Menschenrechte verstoßen hat. Gleichzeitig ist es ein Skandal, wie viele Journalisten in Honduras ermordet werden, deren aktuelle Lage ist extrem besorgniserregend.

Obwohl es bei der Demokratie einige Verbesserungen gegeben hat, wenn man die Situation heute mit der von vor einigen Jahrzehnten vergleicht, als die gesamte Region unter autoritären Regierungen litt, liegt doch immer noch ein sehr langer Weg vor uns, den wir weiter verfolgen müssen, um die Menschenrechte zu verteidigen. Das muss ein grundlegender Bestandteil unserer Agenda bleiben.

Wenn heute der Bergbau wieder einen neuen Boom erlebt, erinnern uns unsere Vorfahren an die Geschichte, die vor über 500 Jahren geschah: an die Geschichte der EROBERER von “EL DORADO”. El Dorado, diese goldene Stadt, von der unsere Vorfahren sprachen und die die Eroberer in der Kolonialzeit im blindem Wahn suchten.

Bei ihrer Suche haben die Eroberer Reiche dem Erdboden gleich gemacht, die Einheimischen hingemordet und für immer die Beziehungen innerhalb des Gemeinwesens verändert. Heutzutage sind das ‘EL Dorado’ die großen Kupfervorkommen in Chile, das Gas in Bolivien, die Kohle in Argentinien, das Gold in Peru und Kolumbien. Heute sind die mächtigen Unternehmen hinter diesen mit dem gleichen blinden Wahn her wie damals vor fünf Jahrhunderten.

Aber anders als die großen Indianerführer wie Atahualpa oder die Kazikin Gaitana, machen es die heutigen Führer unserer Länder den großen Bergbauunternehmen sehr leicht und einfach unsere Rohstoffe abzubauen. Der Wahn der Suche nach dem großen Gold ‚Dorado‘ geht weiter und verursacht eine Welle der Menschenrechtsverletzungen und immer mehr Gewalt auf dem gesamten Kontinent.

Wir werden nicht müde, das anzuprangern, aber man muss auch noch einen Schritt weiter gehen. Es darf nicht sein, dass die großen Unternehmen weiter arbeiten und die schweren sozialen Konflikte ausnutzen, die Schwäche der Regierungen, die Habsucht und das falsche demokratische Gehabe einiger lateinamerikanischer Führer. Man darf das nicht weiter ausnutzen, um die Lebensgrundlage und die Umwelt der Völker, Regionen und Länder zu vernichten.

Eine Frau aus dem Bananenanbaugebiet Kolumbiens, wo der Multi Chiquita sowohl rechts als auch linksextreme Gruppierungen finanzierte und dadurch dem Mord an tausenden von Bauern Vorschub leistete – sagt: “Hier gibt es keine Bananenstaude, die nicht mit einer Leiche gedüngt ist”. Wenn man dieses Bild aufnimmt, muss man sagen, dass es in Lateinamerika kein Öl gibt, an dem nicht Blut klebt; keine Kohle, die nicht weite Sumpfgebiete vergiftet hat; kein Gold, das nicht die Lebensgrundlage und Ressourcen der Indiogemeinschaften auf diesem Kontinent, genannt Lateinamerika, zerstört hätte.

Aber dennoch - unser einsamer Kampf reicht nicht aus. Genau wie bei der anderen schlimmen Plage, dem Drogenhandel, muss auch beim Bergbau konsequent der Grundsatz der gemeinsamen Verantwortung angewendet werden. Wir können die Kosten dieses Kampfes in Menschenleben, im sozialen und Umweltbereich nicht länger alleine tragen. Die Länder der ersten Welt müssen Maßnahmen ergreifen, um die Nachfrage nach diesen Produkten zu regeln. Wir sind zur Zusammenarbeit bereit, aber wir brauchen empörte Bürger in den Industrieländern, die Fragen nach dem woher und wie dieser vielen natürlichen Rohstoffe stellen. Wir sind es müde mit Toten für den Fortschritt bezahlen zu müssen.

Ich möchte diese Reise durch unseren Kontinent nicht abschließen, ohne noch zwei weitere besorgniserregende Fälle zu nennen. In Guatemala ist die Wahl eines ehemaligen Militärs zum Präsidenten sehr wahrscheinlich, der in der Vergangenheit unzählige Male gegen die Menschenrechte verstoßen hat. Gleichzeitig ist es ein Skandal, wie viele Journalisten in Honduras ermordet werden, deren aktuelle Lage ist extrem besorgniserregend.

Obwohl es bei der Demokratie einige Verbesserungen gegeben hat, wenn man die Situation heute mit der von vor einigen Jahrzehnten vergleicht, als die gesamte Region unter autoritären Regierungen litt, liegt doch immer noch ein sehr langer Weg vor uns, den wir weiter verfolgen müssen, um die Menschenrechte zu verteidigen. Das muss ein grundlegender Bestandteil unserer Agenda bleiben.

vielmehr, dass der Frieden aus strukturellen Reformen besteht; in der Umverteilung der Reichtümer des Landes, seiner Erde; im Zugang zur medizinischen Versorgung und zur Bildung und in der Chancengleichheit.

Ich fordere von der Guerilla, dass sie die Entführungen einstellt, die eine wahre Geißel sind, dass sie alle Entführten freilässt und deutliche Zeichen eines festen Willens zum Frieden sendet. Mit diesen Forderungen stehe ich nicht allein. Ich spreche im Namen vieler, die die eigentlichen Adressaten dieser Auszeichnung sind. Diejenigen, die in der Einsamkeit der Gräber ihrer Lieben auf Gerechtigkeit warten oder derer, von denen wir nie wieder etwas gehört haben, diejenigen, die unter der Folter stöhnten und weiter leiden im Schmerz ihrer Familien; diejenigen, denen der Terrors und die Angst alles genommen hat.

Die Entgegennahme dieser Auszeichnung ist für mich keine passive Handlung; ganz im Gegenteil, ich werde ihn in den Dienst des Friedens für Kolumbien stellen; in den Dienst der Meinungsfreiheit und der Menschenrechte; damit mehr Bürger ganz unterschiedliche Ansichten äußern können. Wir glauben, dass besser informierte Bürger, unabhängiger und freier sind. Wir glauben an den Frieden und die freie Meinungsäußerung als Grundrechte für alle Frauen und Männer auf der ganzen Welt.

Ich möchte dem Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg, Herrn Ulrich Maly, dem Menschenrechtsbüro der Stadt Nürnberg und seiner Leiterin, Frau Martina Mittenhuber, sowie Frau Doris Groß danken, sowie allen, die in der Stadtverwaltung dafür gearbeitet haben, dass dieser Preis vergeben werden kann. Ich danke Ihnen auch dafür, dass sie den Blick wieder auf Lateinamerika gerichtet haben.

Ich danke meinem Team von der Sendung Contravía, das mit mir zusammen davon überzeugt ist, dass die Armut und das Leid ein Gesicht haben, das die Gesellschaft kennen muss. Wir sind auch überzeugt, dass man die Stimmen der Opfer deutlicher hören muss als die der Bewaffneten und Mächtigen, dass sie lauter sein muss als die Schüsse der Gewehre.

Es ist die Aufgabe des Journalismus dafür zu sorgen, dass die Stimme der Schwächsten und Ärmsten lauter erklingt.

Ich darf hier auch die hunderte Menschen nicht unerwähnt lassen, die in Kolumbien und aus dem Ausland unsere journalistische Arbeit unterstützt haben, insbesondere das Open Society Institute mit seinem Media Program.

Ich bin denen unendlich dankbar, die immer noch daran glauben, dass in unserem großen Weltviertel Lateinamerika noch nicht alles verloren ist. Unseren Arbeitern, Studenten, Bauern und Intellektuellen, die uns Tag für Tag beweisen, was unsere Künstler gesagt haben: ‚Lateinamerika ist ein Volk ohne Beine, aber es läuft’.

Schließlich danke ich meiner Frau Patricia und meinen Kindern Daniela und Felipe, die in ihren kurzen Leben schon schlimme Dinge sehen und harte Zeiten durchleben mussten, die aber auch wissen, dass die Arbeit für die Menschen und der Kampf für eine bessere Welt auch Momente des Glücks und der Anerkennung bringen.

Es ist noch ein langer Weg, bis wir ihnen die Welt hinterlassen, die sie verdienen. Eine menschlichere Welt, dafür arbeiten wir.

Ich beende meine Rede mit einem Satz, der bei uns schon zur Volksweisheit geworden ist: „Weil wir uns erinnern, schwimmen wir weiter gegen den Strom”

Lasst uns weiter machen!

ANMERKUNG: Die Veröffentlichung dieses urheberrechtlich geschützten Textes erfolgt mit Genehmigung des Menschenrechtsbüros der Stadt Nürnberg. Jede Veröffentlichung, Veränderung und Vervielfältigung,
auch auszugsweise, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Menschenrechtsbüros der Stadt Nürnberg

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