Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Die Abwässer im Gazastreifen steigen und steigen
Artikelaktionen

Die Abwässer im Gazastreifen steigen und steigen

von Amira Hass

25.12.2008 — Ha'aretz

— abgelegt unter:

Jeder Tag mit Stromsperre vergrößert die Aussicht, dass der Alptraum von Ing. Saadi Ali von der Palästinensischen Wasserbehörde (PWA) wahr wird. Ali, der sich um dass Not-Abwasseraufbereitungsprojekt im nördlichen Gazastreifen kümmern muss, lebt in ständiger Angst, dass sich so eine Katastrophe wie die im März 2007 noch einmal wiederholt, als die schmutzigen Dämme rund um den provisorischen Abwassersee zusammenbrachen und das ausfließende Wasser das in der Nähe liegende Beduinendorf Umm al-Nasser überflutete und dabei 5 Menschen ertranken. Etwa 1000 Menschen mussten aus ihren Unterkünften evakuiert werden, Tiere starben und es entstand beträchtlicher Schaden am Eigentum und an der Ernte.

Das provisorische Überlaufbassin war ursprünglich gebaut worden, um die steigende Wasserhöhe des in der Nähe liegenden riesigen Auffangbeckens zu senken. Im letzten November war der PWA, die direkt der Behörde in Ramallah untersteht, vorgeschlagen worden, den See zu entleeren und die Abwässer ins neue Abwasserbassin 7 km südöstlich fließen zu lassen.

Doch die anfängliche Operation der Pumpstation des Notprojekts hat sich jetzt schon um einen Monat verzögert. Langanhaltende Stromsperren, die Folge von reduzierter Versorgung mit Kraftstoff auf ein Minimum für Gaza und seine Stromwerke haben die Aktivierung des Projekts ernsthaft in Schwierigkeiten gebracht.

Ali und sein Team von Mitarbeitern fühlt sich machtlos gegenüber den bedrohlichen Fakten. Der künstliche Abwassersee umfasst ein Gebiet von 350 Dunum ( 1km lang) und hat einen Inhalt von 2,5 Millionen Kubikmeter von ausströmendem Wasser mit einer Tiefe von 8-13 m. Das Gebiet des Sees betrifft eine bewohnte, landwirtschaftlich genützte Fläche von über 1000 Dunum mit einer Bevölkerung von 10.000 Menschen.

Die schmutzigen Dämme, die den See umgeben, können aus mehreren Gründen brechen: schwerer Regenfall, verirrte Qassam-Raketen, Raketen von der israelischen Seite, Schusswechsel.

Die langen häufigen Stromsperren kommen nicht nur ungelegen. Sie verursachen ernste Umweltschäden, die auch Gazas israelischen Nachbarn betreffen. Die Überflutung des Gebietes rund um den Abwässersee würde nicht nur das Leben vieler Menschen gefährden; sie würde auch Felder und offene Bewässerungsquellen mit Schlamm schädigen, der auch die wasserhaltigen unterirdischen Schichten kontaminieren würde.

Vor etwa einem Monat dauerten die Stromsperren zwischen sechs und acht Stunden und wir versuchten, unser Leben danach auszuführen,“ sagte Ali am Montag bei einem Telefongespräch mit Haaretz. Heute dauert jede Stromsperre 12 Stunden, dann gibt es für 6 Stunden Strom. Da es aber auch eine Kürzung von Naturgas fürs Kochen gibt, verwenden viele Strom – wenn er vorhanden ist. Doch um die Maschinen der Pumpstation laufen zu lassen, ist der Strom zu schwach.“

Das Tony Blair-Projekt

Im lokalen Jargon wird das von Verzögerungen geplagte Not-Projekt einfach Tony Blair-Projekt getauft, eine Bezeichnung, die kürzer ist als der offizielle Name („North Gaza Emergency Sewage Treatment Project, Phase A und die North Gaza-Watewater Treatment Plant, Endphase) Blair wurde durch Anwendung seines Namen geehrt, da er mit diesem Projekt verbunden ist; denn als Botschafter des Quartetts (Das Nahost Friedensforum, das aus den Vertretern der USA, Russland, der UN und der EU besteht) spornte er 2007 die Geberstaaten an, der PA zusätzliche Geldmittel für dieses Projekt zur Verfügung zu stellen, was letztendlich im ganzen $100 Millionen kosten wird.

Doch dieses Zwei-Phasen-Projekt ist aus noch einem wichtigeren Grund einmalig: aus Dutzenden von lebenswichtigen Infrastrukturprojekten, einschließlich der Abwässerbehandlung, der Drainage für Regenwasser und der Erneuerung von Wasserleitungen ist dies die einzige, deren Ausführung Israel für den ganzen Gazastreifen genehmigt hat. NGEST und NGWWTP sind die einzigen Projekte, die Israel als humanitär und lebensrettend definiert hat … die anderen Projekte werden unter „Entwicklung“ eingeordnet.

1976 baute die israelische Zivilverwaltung eine Abwasserkläranlage im nördlichen Gazastreifen. Es war für eine Bevölkerung von 50.000 in Jabaliya-Stadt gedacht, um 5000 Kubikmeter Abwässer täglich zu behandeln. Nach 1994 schlossen die UNWRA und die PA noch mehr Gebiete des nördlichen Gazastreifens dem zentralen Abwässersystem und der Anlage an, die heute einer Bevölkerung von 250.000 dient.

Experten schätzen, dass 18.000 Kubikmeter täglich die Anlage erreichen. Die wachsende Menge schuf zwei Probleme. Das zufließende Wasser ist nicht genügend behandelt und die sich ansammelnde Menge produziert einen künstlichen See, dessen sehr fauler Gestank sich seit Jahr und Tag über ein weites Gebiet ausbreitet. Allein zwischen 2001 und 2004 stieg das Wasser um 2,5 m. In den 90er Jahren ergriffen die UNRWA und die PA vorbereitende Maßnahmen für den Bau einer neuen Kläranlage. Doch ließen die Geberstaaten das Projekt bis 2005 außerhalb ihres Programms.

Es kamen weitere Verzögerungen hinzu: auf Grund der Wahl der Hamasgeführten Regierung im Gazastreifen, der Boykott durch die isr. Regierung, die Entführung des IDF-Soldaten und die Schließung der Grenzen, die militärische Konfrontation zwischen der Hamas und der Fatah.

„Wir würden glücklich sein, wenn wir nach dem Juni 2009 mit dem Bau der Anlage beginnen könnten. Sie wird dann 25 mal größer sein als die Anlage, die 1976 gebaut worden war.“ sagt Ali . „Das Bauen wird mindestens drei Jahre in Anspruch nehmen. Die wichtigste Aufgabe wird jedoch das Leeren des Abwässersees sein, was alleine acht Monate oder länger dauern wird.“

Orginalartikel: Dieser Artikel ist NICHT auf www.zmag.org erschienen!
Übersetzt von: Ellen Rohlfs
Artikelaktionen