Die Entwicklung der Basisökonomie in Venezuela - Teil II
von Jan Ullrich
27.05.2009 — Venezuelanalysis.com
2007 begannen zehn organisierte Gemeinden in verschiedenen Bundesstaates Venezuelas, die Idee der lokalen Tauschnetzwerke ('Trueques'*) in die Praxis umzusetzen, unterstützt durch das 'Nationale Institut zur Entwicklung von Kleinbetrieben' (INAPYMI), die Zentralbank von Venezuela (BCV) und die Trueques-Bewegungen in Kolumbien und Argentinien. Bis heute haben sich fast 2000 Menschen den Netzwerken angeschlossen, um in ihren Gemeinden ein neues Verhältnis zwischen Konsum und Produktion zu etablieren. In Teil 2 meiner Studie beschreibe ich die ersten Erfahrungen mit den Trueques in Venezuela und gehe der Frage nach, inwiefern dieser Ansatz zur Neuausrichtung der Beziehung zwischen Produzenten und Konsumenten einen Beitrag zu einer neuen, demokratischen und partizipativen Ökonomie leisten kann.
Boconó
Boconó ist eine Kleinstadt (aus der Kolonialzeit) in Venezuelas Andenstaat Trujillo. Juan Carlos Godoy ist einer von rund 60 'Prosumidores' (Konsument UND Produzent) aus Boconó. Er beteiligt sich am örtlichen Trueque-Markt, wo er Empanadas für einen halben Momoy verkauft. Momoy ist der Name der lokalen Währung: "Wir haben unsere kommunale Währung nach einem Anden-Kobold benannt, der in unserer lokalen Geschichte dafür bekannt war, jene Leute zu bestrafen, die unsere Umwelt zerstören", erklärt er. Die Währung Momoy wurde in Zusammenarbeit mit der Zentralbank (BCV) entwickelt, um Imitationen zu verhindern. Die registrierten Prosumidores in der Region erhielten je 100 Momoy. Die Währung ist nur auf dem Gebiet des hiesigen Tauschringes gültig und nicht konvertibel. Ab dem dritten Jahr wird ein Negativzins (Steuer) von 3% erhoben, um jeglicher Akkumulation einen Riegel vorzuschieben. Die Trueque-Mitglieder haben ein Komitee gewählt, das die Registrierung der Prosumidores überwacht und Kommerzielle sowie Zwischenhändler vom Markt ausschließt.
"Für uns ist der Trueque eine Alternative", fährt Juan Carlos fort. "Er wird den normalen Markt nicht ersetzen, aber er kann uns helfen, eine regionale Identität zu entwickeln - eine Identität, die es uns ermöglicht, unsere Arbeit und das, was wir produzieren, zu schätzen, unsere Beziehungen in der Gemeinde zu stärken und zwar nicht nur die wirtschaftlichen Beziehungen."
Natürlich ist der Trueque-Markt dieser Region eine komplementäre Form des Handels - parallel zum regulären Markt. So müssen beispielsweise die Süßwarenhersteller die meisten ihrer Grundzutaten auf dem normalen Markt einkaufen.
Zweimal pro Woche kommen die Kleinbauern der Region mit Gemüse und Früchten, um mit der Stadtbevölkerung Boconós in Tauschhandel zu treten. Die Stadtbevölkerung bietet Süßigkeiten, verarbeitete Nahrungsmittel und Handwerkliches (beispielsweise die Erzeugnisse eines Teppich-Workshops) an. Die Preise orientieren sich in etwa an den üblichen Marktpreisen. Ein gewähltes Gremium - der 'Rat für Preise und Qualität' - überwacht potentiellen Missbrauch und Preisgefälle. Allerdings kann beispielsweise ein Kleinbauer, der organisch produziert, seine Erzeugnisse zu höheren Preisen anbieten, wenn er darlegen kann, dass die höheren Produktionskosten die Qualität seiner Produkte verbessern.
Im Hochland des Bundesstaates Trujillo - rund um die Stadt Boconó - produzieren die meisten Bauern Bananen bzw. Kochbananen. Die übermäßige Versorgung mit diesen Erzeugnissen bringt den Trueque-Markt aus dem Gleichgewicht. Die Trueque-Aktivisten gehen daher den nächsten Schritt und versuchen, auch das Tiefland des Bundesstaates miteinzubeziehen. Auf diese Weise wollen sie die Palette der angebauten Früchte- und Gemüsesorten erweitern. "Das Trueque-Netzwerk ist zudem ein Ort, an dem wir über die Probleme der chemischen Düngemittel sprechen können und darüber, wie man eine nachhaltige Produktion entwickelt, die unser empfindliches Andenhochland nicht zerstört", erklärt Juan Carlos.
Villa Rosario
Die Stadt Villa Rosario liegt im westlichen Bundesstaat Zulia. In Villa Rosario befindet sich der größte Trueque-Markt Venezuelas. 400 bis 600 Menschen tauschen hier jedes Wochenende eine Reihe von Erzeugnissen. Die Region wird Sierra de Perija genannt. Hier leben die indigenen Gemeinschaften der Wayuu, der Yukpa und der Bari. Sie stellen einen Großteil der Bevölkerung. Es ist eine der ärmsten und konfliktreichsten Regionen Venezuelas. Die Trueque-Aktivisten haben hier von Anfang an versucht, ein großes, kulturell und ökonomisch vielfältiges Gebiet, das aus indigenen und nichtindigenen Gemeinden besteht, zu integrieren.
Trueque-Mitglieder von den Küsten des Maracaibo-Sees bieten verschiedene Gemüse- und Obstsorten für den Trueque-Markt an. Gemeinden aus der Sierra im Süden und Gemeinden aus dem Norden, wo die indigenen Wayuu-Gemeinden leben, steuern handwerkliche Erzeugnisse bei - wie Hängematten, Schmuck oder Bekleidung. Auch Arbeiter staatlicher Betriebe der Region, wie beispielsweise die Arbeiter einer Milch- und Joghurtfabrik bei Machiques, beteiligen sich an dem Projekt. In logistischer Hinsicht erhält der Trueque-Markt Unterstützung durch die örtlichen Verwaltungen.
Die rasche Ausweitung dieses Trueque-Marktes - durch eine ambitionierte Informationskampagne der Mitglieder der beteiligten regionalen Gemeinden - hat zu einer Reihe von Problemen geführt. Es gibt Probleme beim Transport (der nicht allein auf Grundlage einer solidarischen Praxis zu organisieren ist). Ein weiteres Problem sind die mangelnden Überwachungsmöglichkeiten durch die verschiedenen Organisationskomitees. Den 600 Mitgliedern fehlt es an Möglichkeiten zur direkten Kommunikation. "In den vergangenen Wochen gab es so viele Anschuldigungen über angeblich überteuerte Produkte, schlechte Qualität und Prosoumidores, die für ein Ungleichgewicht sorgten, indem sie mehr Produkte mitnahmen, als sie in den Markt einbrachten", sagt Minerva Barroso. Sie gehörte zu den Initiatorinnen des Trueque im Bundesstaat Zulia. "Die Idee, möglichst viele Gemeinden und deren Produkte in einen Markt zu integrieren, hat uns an die Grenzen unserer organisatorischen Möglichkeiten gebracht. Selbst wenn wir noch mehr Leute in die Organisationskomitees wählen würden - was uns vorläufig bei der Lösung unserer drängendsten Probleme helfen könnte -, werden wir den Trueque in Zukunft teilen müssen", erläutert Minerva.
Der 'Sprecherrat der Trueques' habe beschlossen, so Minerva, dass die nördlichen Gemeinden und die südlichen der Sierra de Perija eigene Märkte bekommen sollen. Die gemeinsame Währung (der Rélampagos de Catatumbo) soll hingegen bleiben. Das Problem, dass die meisten Gemüse- und Obstwaren in den südlichen Gemeinden angebaut werden, wollen einige der gewählten SprecherInnen dadurch lösen, dass ein permanenter Markt in Villa Rosario eingerichtet werden soll, auf dem alle Trueque-Mitglieder ständig untereinander Handel treiben können.
Urachiche
Eine permanente Austauschbörse für Dienstleistungen und Wissen wurde in dem Dorf Urachiche geschaffen. Das Dorf liegt im zentralen venezolanischen Bundesstaat Yaracuy. Lucindo ist Mitglied einer bäuerlichen Kooperative. Er erklärt, in Urachiche werde der direkte Tauschhandel - auf solidarischer Basis - schon seit langem praktiziert. "Unsere Lokalwährung, der Maria Leonza, macht es uns jetzt jedoch möglich, noch mehr Güter und Dienstleistungen mit noch mehr Leuten aus der Gemeinde zu tauschen. So gibt es in der Gemeinde beispielsweise einen Schmied, der Workshops anbietet, eine Krankenschwester und Taxis, bei denen man mit (der Währung) Maria Leonza zahlt". Aufgrund des fruchtbaren Bodens und der reichen Palette an landwirtschaftlichen Produkten kann der Trueque-Markt in Urachiche die Grundbedürfnisse seiner 40 Mitglieder fast vollständig befriedigen.
Die Mitglieder des Trueque-Marktes von Urachiche haben ihre Währung und ihr Tauschsystem nicht auf die benachbarten Kleinstädte ausgeweitet. Stattdessen richteten sie im Bundesstaat Lara einen normalen Markt ein - ausgestattet mit einem Trueque-Netzwerk. Auf diesem Markt gibt es ein reichhaltiges Angebot an Kleidung und handwerklichen Erzeugnissen. Die landwirtschaftlichen Erzeuger aus Urachiche handeln direkt mit den Leuten vor Ort. Eine überregionale Währung ist nicht vonnöten. Im Grunde braucht es überhaupt keine Währung.
Konsequenzen für die Trueques in Venezuela
Eine Evaluierung der hier beschriebenen unterschiedlichen drei Beispiele erlaubt vielleicht eine gewisse Vorhersage über die Entwicklung und das Potential des Trueque-Systems in Venezuela (als einer Methode der Neuorganisierung von Produktion und Konsum in lokalen Netzwerken). Ich argumentiere, dass eine erfolgreiche Verwirklichung der Trueques in hohem Maße von den Bedingungen abhängig ist, die in den jeweiligen Gebieten vorherrschen und von den interpersonellen Bezügen in den beteiligten Gemeinden bzw. von den Beziehungen zwischen den Gemeinden.
Urachiche ist ein Beispiel für jene kleinen, ländlichen Gemeinden Venezuelas, die über eine breite landwirtschaftliche Anbaupalette und über direkte zwischenmenschliche Bezüge verfügen. Beides sind wahrscheinlich die besten Voraussetzungen für die Verwirklichung eines lokalen Selbstversorgertauschhandels. Zwischenhändler können unter diesen Bedingungen erfolgreich ausgeschlossen werden. Mit Hilfe einer Dorfwährung können Tausch von Dienstleistungen und Wissen effektiviert und institutionalisiert werden. Die kleine Zahl an Mitgliedern ermöglicht eine direkte Kommunikation zwischen den Bedürfnissen der Konsumenten und den Möglichkeiten der Produzenten. Dass hier Verbindungen zu anderen, auf Solidarität basierenden Tausch-Netzwerken in der Region hergestellt wurden, um durch einen direkten (geldlosen) Handel die Produktpalette zu erweitern (als Alternative zu einer Ausweitung des eigenen Einzugsgebiets) scheint sich, unter Berücksichtigung der regionalen Umstände, zu bewähren.
Ein Handel mit Dienstleistungen und Wissen, auf der Grundlage einer kommunalen Währung, wäre wahrscheinlich auch auf die präkarisierten urbanen Gemeinden Venezuelas übertragbar, da deren soziale und ökonomische Praktiken charakteristischerweise mit denen Urachiches vergleichbar sind.
In Zulia und Boconó wird der Erweiterung der Palette an Früchte- und Gemüsesorten am Markt Priorität eingeräumt. Diese Notwendigkeit zeigt gleichzeitig die Grenzen der Trueque-Netzwerke auf. In Zulia führte die Einbeziehung (vieler) unterschiedlicher Gemeinden über ein weites Territorium zwar zu einem größeren Marktangebot an landwirtschaftlichen Erzeugnissen, gleichzeitig nahmen jedoch die organisatorischen Probleme zu. In Boconó könnten sich ähnliche organisatorische und logistische Probleme wie in Zulia ergeben, obgleich die Einbeziehung landwirtschaftlicher Erzeugnisse aus dem ländlichen Tiefland des Bundesstaates Trujillo vielleicht hilfreich bei der Diversifizierung des Marktes sind.
Wenn also ein auf Solidarität beruhender Handel über den Austausch innerhalb lokal umgrenzter Gemeindenetzwerke hinausgehen soll, stößt der Trueque als Tauschsystem auf Grenzen. Konsumenten-Kooperativen und -Netzwerke sind deshalb unabdingbare komplementäre Praktiken zur lokalen Neuorganisierung des Verhältnisses zwischen Produktion und Konsum - auch in größerem Umfang. Dabei ist beispielsweise die kollektive Distribution bzw. der kollektive Konsum über Lebensmittelkooperativen ein effizienterer Weg (gegenüber den Trueque-Märkten), um die Beziehungen zwischen ländlichen Kleinbauern und städtischen Konsumenten demokratischer zu organisieren.
Demokratisierung der Wirtschaft bedeutet deshalb die Koexistenz vieler verschiedener Praktiken des Tausches. Diese sollten sich an den jeweiligen Bedingungen der Gemeinden und an deren Stärken ausrichten. In ländlichen Gemeinden stärkt das Trueque-System mit Sicherheit die zwischenmenschlichen Beziehungen, es führt zu einem nachhaltigerem Einsatz der Ressourcen und schafft eine neue kommunale Identität. Das Trueques-System kann hier zudem eine adäquate Form des Handels sein, bei der die Macht der Zwischenhändler gebrochen wird und das ökonomische Potential vor Ort sich ungestört entfalten kann. Ein Beispiel: Weil die Bananenbauern von Boconó im Trueque-System Erfahrungen mit regionaler Überproduktion sammelten, bieten sie nun auch geröstete Bananen, Bananenbrei und Bananenchips an. Die Trueque-Erfahrungen leisten deshalb in Venezuela einen Beitrag für ein neues Verhältnis von Produktion und Konsum - innerhalb der Entwicklung der venezolanischen Basisökonomie. Aber auch dort, wo der Trueque an seine Grenzen stößt, gilt: Lokale Märkte statt Globale Märkte sind Grundlage einer pluralen und demokratischen Ökonomie - nicht nur in Venezuela.
* wörtlich: Verkaufsringe
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