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Die Mauer am Ende der Geschichte

Brief aus Abu Dis, in der besetzten Westbank

von Phyllis Bennis

03.08.2008 — The Nation / ZNet

— abgelegt unter:

Die Seidenstraße endet in Abu Dis. Die Straße führt heute nicht mehr durch Jerusalem und erreicht nicht mehr das Meer. Eine düstere Sackgasse voller Müll markiert das Ende einer 2202 Jahre alten Geschichte.

Die Geschichte der Seidenstraße beginnt circa 100 Jahre vor Christi. Auf der Seidenstraße wurden Güter und Reisende von China nach Zentralasien transportiert. Die Straße verlief durch Persien und Mesopotamien und über Palmyra in Syrien. Dann verzweigte sie sich. Eine Route führte Richtung Süden und durch das in der Bibel erwähnte Dorf Betanien, das in den Außenbezirken Jerusalems liegt. Von Jerusalem führte sie weiter nach Yoppa (heute Jaffa), bis ans Mittelmeer.

Betanien heißt heute Abu Dis. Noch immer liegt es in den Außenbezirken von Jerusalem, und noch immer führt die historische Strecke in diesen Ort. Die staubige Straße mit den großen Schlaglöchern windet sich durch das Zentrum dieser palästinensischen Kleinstadt. Die Straße ist zu beiden Seiten von Autoschrotthöfen und kleinen, schäbigen Läden gesäumt, in denen Gemüse und Möbel verkauft werden. Die Straße endet abrupt vor einem turmhohen, mit Grafiti übersäten Abschnitt der israelischen Trennmauer aus Beton.

Heute endet die Seidenstraße in Abu Dis. Die Straße führt nicht mehr durch Jerusalem. Die Straße schafft es nicht mehr bis zum Meer. Eine düstere Sackgasse voller Müll markiert das Ende einer 2202 Jahre alten Geschichte.

Als Israel die Palästinensergebiete im Juni 1967 besetzte, war Abu Dis eine bevölkerungsreiche Kleinstadt in der Westbank, vor den Toren Jerusalems gelegen. Nach dem Krieg erweiterte Israel die Stadtgrenzen (Jerusalems) und begann bald darauf, große Stücke der palästinensischen Westbank-Territorien zu enteignen und zu annektieren. Vom "Größeren Jerusalem" war rasch die Rede. Bevölkerungsreiche palästinensische Regionen wurden ausgeklammert, so dass Israel eine jüdische Bevölkerungsmehrheit von 70 Prozent - gegenüber 30 Prozent - sicherstellen konnte.  Abu Dis wurde ausgegrenzt.

Seit langem beharrten die Palästinenser auf ihr Recht, das israelisch besetzte Ost-Jerusalem zur Hauptstadt ihres künftigen Staates zu machen. Im Jahre 2000 - im Vorfeld der Gespräche von Camp David, die noch im selben Jahr stattfanden -, unterbreitete der damalige israelische Premierminister Ehud Barak ein, seiner angeblichen Meinung nach, großzügiges Angebot: Israel würde Jassir Arafat erlauben, Abu Dis zur Hauptstadt Palästinas zu machen - an Stelle von Ost-Jerusalem. (Jerusalem heißt auf Arabisch "al-Quds"). Barak sagte, man werde den Palästinensern erlauben, ihre Flagge über der kleinen ausgetrockneten Stadt Abu Dis zu hissen und "sie al-Quds zu nennen". Er tat so, als wäre dies ein Geschenk. Es war ungefähr so, als würde man über New York City verhandeln, und einer würde Newark als Alternative anbieten: "Ihr dürft es auch New York nennen".

Damals schrieb die New York Times: "Abu Dis wirkt wie ein Dorf. Das Abwasser fließt offen im Rinnstein der Straßen, so dass es wie auf dem Dorf riecht. Kein Palästinenser würde Abu Dis jemals mit Jerusalem selbst verwechseln. Sollten die Israelis vorhaben, es als alternative Hauptstadt für einen Palästinenserstaat anzubieten - und Mr. Baraks Worte der letzten Woche lassen darauf schließen -, so würden die Palästinenser dies als Beleidigung empfinden, als Witz und als Vertragsbruch".

2002 begann Israel mit dem Bau der Trennmauer. Einer der ersten Abschnitte entstand in Abu Dis. Die Mauer verlief nicht etwa zwischen Abu Dis und Jerusalem sondern mitten durch Abu Dis. Die kleine Stadt wurde in zwei Hälften geteilt. Plötzlich konnten Lehrer und Schüler ihre Schulen nicht mehr erreichen, Patienten konnten nicht mehr in die Klinik, und niemand konnte  mehr zum Gebet in eine Jerusalemer Moschee. Zuerst war die Mauer nur acht Fuß hoch. Wo heute die Straße endet, bestand damals ein inoffizieller Übergang. Internationale Film-Teams drehten, wie alte Frauen - in ihren traditionellen bestickten Gewändern oder in Ganzkörperroben - über die Mauer kletterten, halb gehoben und halb geschoben. Heute ist die Mauer in Abu Dis 8 Meter hoch. Das ist die Höhe, mit der sich die Mauer heute überall durch die großen Städte der Westbank - über Palästinenserland - schlängelt: 8 Meter und 24 Fuß. Niemand klettert mehr darüber.

Die Situation in Abu Dis könnte durchaus schlimmer sein - sieht man sich das generelle Schema des palästinensischen Lebens unter Okkupation an. In der Westbank liegt die Arbeitslosenrate bei 49%, im belagerten Gazastreifen bei über 79%. Die Menschen in Abu Dis können sich in ihrer Stadt bewegen (auch wenn sie die Stadtgrenze von Jerusalem nicht überschreiten dürfen), die rund 5000 Palästinenser in Ni'lin bei Ramallah hingegen mussten vor kurzem vier Tage und Nächte Ausgangssperre und Abriegelung durch das israelische Militär ertragen, als sie gewaltlos gegen die Trennmauer protestierten. Die meisten Menschen von Abu Dis können ihre Stadt meistens verlassen, die 40 000 Palästinenser von Qalqilya - einer Stadt in der nördlichen Westbank - sind seit Jahren rundum von der Mauer eingeschlossen, und es gibt nur ein Tor.

Ja, sie könnten es schlimmer haben, die Einwohner von Abu Dis. Doch diese Menschen sind ein Präzedenzfall. Der Bau der Trennmauer begann erst 2002. Zwei Jahre zuvor hatte Israel die Kontrolle über die Stadt offiziell an die Palästinenserbehörde übergeben. Damals schrieb die Times: "... selbst die Einwohner hegen die Befürchtung, dass ein Grenzzaun errichtet werden wird, um sie von Jersusalem abzuschneiden, so dass sie und das palästinensische Volk die Nasen gegen den  Rost pressen werden: So nah und doch so fern". "Der Muezzin Abdul Rahman al-Shamali, der die Muslime von einer der fünf Moscheens dieser konservativen, religiösen Stadt aus zum Gebet versammelt, sagte: "Wir sind Jerusalem so nahe wie nie. Aber wenn ich ehrlich bin, so bin ich traurig"", zitiert ihn der Artikel. ""Ich fürchte, es wird hier enden. Ich fürchte, mein Herz wird geteilt werden. Jerusalem ist mein Herz".

Es sollte sich bewahrheiten. Die Palästinenser von Abu Dis - oder Betanien -  sind Jerusalem nicht näher gekommen, auch wenn sie die al-Aqsa-Moschee und den Felsendom von den höchsten Punkten ihrer Stadt aus sehen können. Das staubige, müde Abu Dis ist der Ort, an dem die Geschichte endet - zumindest die Geschichte der sagenumwobenen Seidenstraße.

Übersetzt von: Andrea Noll
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