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Die "Pilgerreise" des Papstes

Im Sumpf der Politik

von Jonathan Cook

15.05.2009 — ZNet

Nazareth. An seinem ersten Tag in Israel schmiss Papst Benedikt XVI den Terminplan. Er verließ ein interkonfessionelles Treffen in Jerusalem, nachdem ein führender muslimischer Kleriker ihn aufgefordert hatte, das "Abschlachten" von Frauen und Kindern beim jüngsten (israelischen) Angriff auf Gaza zu verurteilen. Das Treffen hatte am frühen Montagmorgen stattgefunden.

Der Papst sei hinausgegangen, so ein Sprecher, da Sheikh Tayseer Taminmis Rede eine "direkte Negierung" eines Dialogs gewesen sei und die "Bemühungen" des Papstes um "Frieden" schädige.

Bevor er in der Region eintraf, hatte der Papst erklärt, er komme als "Pilger des Friedens". Sein Stab betonte, die Rolle des Papstes sei eine spirituelle und keine politische.

In Wahrheit steckte der Besuch von Papst Benedikt von Anfang an im politischen Sumpf - von dem Augenblick an, als er der Einladung des israelischen Präsidenten Shimon Peres folgte, in die zerrissene Konfliktregion zu reisen.

Die beiden Päpste, die vor Benedikt in das 'Heilige Land' reisten, scheinem diesem Aspekt mehr Rechnung getragen zu haben.

Der Erste war Papst Paul VI. Er absolvierte 1964 eine schnelle 12-Stunden-Tour, um die Messe in Nazareth zu halten. Während dieser Reise sprach er das Wort 'Israel' nicht aus und traf sich nicht formell mit israelischen Offiziellen. Erst nach dieser Zeit nahmen Vatikan und Israel diplomatische Beziehungen auf.

Der Zweite war Johannes Paul II. Seine Reise ins 'Heilige Land' stand unter einem radikal anderen Stern. Das Jahr 2000 war das Jahr der Jahrtausendwende, und die Hoffnungen für den Friedensprozess (zwischen Israelis und Palästinensern) noch sehr hochgesteckt. Einige Jahre zuvor hatte der Papst Israel anerkannt. Er arbeitete hart daran, die alten jüdischen Vorbehalte gegen die katholische Kirche zu besänftigen.

Papst Johannes Paul II wird den Palästinensern unter anderem in Erinnerung bleiben, weil er einen mutigen Besuch im Flüchtlingslager Deheisheh absolvierte - gemeinsam mit Palästinenserführer Jassir Arafat. Dort zitierte der Papst mehrere UNO-Resolutionen gegen Israel und beschrieb in äußerst drastischer Weise die "entwürdigenden Bedingungen", unter denen die Palästinenser lebten.

10 Jahre später sind die entwürdigenden Bedingungen der Besatzung noch schlimmer geworden und die Hoffnungen auf Frieden vergangen. Angesichts dieser Situation fragen sich manche Palästinenser, welchen Zweck der neue Papstbesuch verfolgt.

"Allein der Akt, hierher zu kommen, ist ein politischer Akt, im Interesse Israels", bemerkt Mazin Qumsiyeh. Er ist ein bekannter Friedensaktivist und Dozent an der Universität von Bethlehem, der einzigen katholischen Universität der Westbank.

"Im Vergleich zu (den Besuchen) seiner Vorgänger bringt dieser Papstbesuch nichts Neues - außer seiner Entscheidung, sich neben den (israelischen Premierminister) Benjamin Netanyahu zu stellen und eine extrem rechtsgerichtete Regierung zu legitimieren."

Auch israelische Offizielle sind nicht von der Behauptung des Papstes überzeugt, er werde sich nicht in die Politik vor Ort hineinziehen lassen. Ein Berater der israelischen Regierung sagte gegenüber Haaretz: "An so vielen Orten rund um den Globus gelten wir inzwischen als Parias. Die Förderung des Papstbesuches in diesem Staat ist Teil des Versuches, etwas daran zu ändern".

Israel hat für den Besuch des Papstes das größte Pressezentrum in der Geschichte des Landes aufbauen lassen. Die Polizei vereitelte Versuche von palästinensischen Organisationen in Jerusalem, den Journalisten ein anderes Bild zu vermitteln.

Der Versuch einer sorgfältigen Inszenierung begann schon in dem Moment, als das Flugzeug des Papstes am Montag in Tel Aviv landete. Bei der Begrüßung stand der Papst zwischen Premier Netanyahu und Präsident Peres. In dieser Position hörte er die israelische Nationalhymne, aber auch 'Jerusalem of Gold'. Letzteres wurde populär als Lied der israelischen Soldaten, die im Krieg 1967 Ost-Jerusalem einnahmen.

Der Liedtext beleidigt die Palästinenser, und er beschreibt eine Stadt, die - vor der Ankunft der Juden - leer und verwahrlost gewesen sei.

Entsprechend begrüßte Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat den Papst dezidiert in der "Hauptstadt Israels und des jüdischen Volkes". Diese Beschreibung Jerusalems entspricht nicht internationalem Recht.

Papst Benedikt versäumte es, zu widersprechen. Freudig zogen israelische Medien daraus den Schluss, die israelische Besatzung Jerusalems habe den päpstlichen Segen.

Hinzu kommt der Zorn der Palästinenser - von denen 100 000 (christliche) Beziehungen mit Rom haben - über das offizielle Treffen des Papstes mit den Eltern des entführten israelischen Soldaten Gilad Shalit. Tausende Palästinenser sind in Israel inhaftiert. Die Tatsache, dass der Papst, keiner Mutter und keinem Vater eines dieser Palästinenser diese humanitäre Geste entgegenbrachte, machte die Geste gegenüber den Eltern von Shalit für sie zu einer politischen Geste.

Viele Palästinenser anerkennen, dass der Papst - aufgrund seiner unglücklichen Verbindung zu Nazi-Deutschland, für die er offensichtlich nichts kann -, sehr vorsichtig ist, um keine israelischen Gefühle zu verletzen. Allerdings entsprach seine Rede in Yad Vashem auch nicht den hohen Erwartungen der Israelis.

Manche Palästinenser sind der Meinung, der Papst berichte der Welt zuwenig über das Leid der Palästinenser.

Unter dem Druck der Israelis weigerte sich der Papst, nach Gaza zu reisen, obwohl die dortige kleine, belagerte katholische Gemeinde sehr leidet.

Um Israel möglichst wenig zu blamieren, taten die Vatikanoffiziellen gestern alles, um dem Papst den Blick auf die Besatzungsmauer zu ersparen, die Bethlehem rings umgibt. Allerdings sprach der Papst in einem Flüchtlingslager vor einer UNO-Schule - nur wenige Meter neben der Mauer - mit der Presse.

Wenn der Papst am heutigen Tag nach Nazareth reist, um die Messe zu feiern, wird er sich nicht mit Mazin Ghanaim, dem Bürgermeister der galiläischen Stadt Sakhnin, treffen. Israel hatte Ghanaim als "Unterstützer des Terrors" bezeichnet, weil er die israelische Offensive gegen Gaza kritisiert hatte.

Zumindest privat ist von einigen Führern der palästinensischen Christen zu hören, der Papst stehe nicht nur wegen seiner persönlichen Geschichte unter Druck und tue sich schwer, Kritik an Israel zu üben.

Der wichtigste Punkt ist, dass der Vatikan verzweifelt eine Steuerbefreiung durch Israel für die vielen kirchlichen Ländereien (im 'Heiligen Land') benötigt. Die unbezahlten Steuerbescheide sollen sich mittlerweile auf $70 Millionen belaufen.

Der Vatikan will zudem erreichen, dass Israel seine Politik in mehreren Punkten ändert: Viele Kirchenoffizielle erhalten kein Visum für Israel und Geistlichen wird die Bewegungsfreiheit in den besetzten Gebieten verweigert.

Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Fouad Twal, klagte vor kurzem: "An Straßensperren ist nicht einmal die Priesterkleidung eine Hilfe".

Hinzu kommt, dass der Vatikan seit mehr als einem Jahrzehnt will, dass Israel die Kontrolle über die wichtigsten Pilgerstätten an ihn übergibt - siehe der Berg Tabor oder die Basilika in Nazareth.

Israel ist es nicht gelungen, die 'Message' auf ganzer Linie zu kontrollieren. Bei seinem eintägigen Abstecher nach Bethlehem und in das Flüchtlingslager Aida, anerkannte der Papst gestern das Leid der Palästinenser und die Zerstörung Gazas - auch wenn er nur vage von "großer Unruhe" sprach, "die dieses Land seit Jahrzehnten heimsucht".

Er klagte über die Schwierigkeiten der Palästinenser, an die heiligen Stätten Jerusalems zu gelangen, schien diese Restriktionen aber mit den "ernsten Sicherheitsbelangen" Israels zu entschuldigen.

Der Papst kritisierte den Bau der Mauer rings um Bethlehem, gab jedoch dem "Stillstand" der israelisch-palästinensischen Beziehungen die Schuld am Bau der Mauer.

Eine Version dieses Artikels erschien (im Original) in The National (www.thenational.ae) in Abu Dhabi.

Übersetzt von: Andrea Noll
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