Eine Augenzeugin berichtet aus Gaza
von Ewa Jasciewicz
08.01.2009 — ZNet
Als ich ankomme, hängen schon junge, männliche Teenager an den geschlossenen Toren zum Krankenhaus von Beit Hanoun herum. Die Menge drängt hinein. Das ist ein Zeichen, dass irgendwo ein Angriff erfolgt ist. Das Krankenhaus hinter den Toren ist voll. Eltern, Ehefrauen, Cousins - emotional traumatisierte, überwältigte Menschen beugen sich über ihre verwundeten Angehörigen.
Ein israelischer Apache-Hubschrauber hatte um 15.15 Uhr angegriffen. Laut Augenzeugenberichten feuerte er zwei Raketen in die Straße von Hay al Amel, das im Osten von Beit Hanoun liegt. Das Gebiet liegt nahe der Grenze zu Israel. Da es Gerüchte über einen immanenten Einmarsch gab, wurde die ohnedies öde Gegend schnell zum Niemandsland, das man, aus Furcht vor israelischen Kampfjet-Angriffen, lieber rasch durchquert.
Anders verhält es sich mit Boura. Die engen Straßen, auf denen emsige Betriebsamkeit herrscht, entgehen den immer öfter erfolgenden Luftangriffen selten.
Laut Augenzeugen spielten Kinder auf der Straße und warteten auf ihre Eltern, die in der nahen Moschee ihr Gebet beendeten. "Wir konnten es klar erkennen, es war so nah, wir sahen hoch, dann rannten alle. Wer es nicht geschafft hat, lag sofort flach auf dem Boden", sagt Khalil Abu Naseer. Er gehört zu den Glücklichen, die der Rakete entkommen sind.
"Schauen Sie sich das an, nehmen Sie es!" drängt mich ein Mann auf der Straße und überreicht mir faustgroße Bruchstücke der Rakete. Die Ränder sind gezackt.
"Durch den Einschlag flogen alle Fenster heraus, auch unsere Türen, überall war Glas", erläutert ein Nachbar. Es waren diese Raketensplitter, Steine und herumfliegenden Glassplitter, die den Leuten in Arme und Beine fuhren, in Bäuche, Rücken und Köpfe. 16 Personen, darunter 2 Kinder, wurden an diesem Donnerstagnachmittag in die Klinik von Beit Hanoun eingeliefert.
Fadi Chabat, 24, arbeitete in seinem Laden. Sein Geschäft war eine kleine Blechhütte, ein Gemeindetreffpunkt, wo man Süßigkeiten, Zigaretten und Kaugummi kaufen konnte. Als die einschlagende Rakete explodierte, erlitt er multiple Verletzungen. Er starb am Freitagmorgen im Kamal-Adwahn-Hospital in Dschabaliya. Gestern kamen Frauen in sein Haus, um im Trauerzimmer zu kondolieren. Plötzlich brachen israelische F-16-Kampfjets durch den Himmel und warfen 4 weitere Bomben auf das Ödland nahe der Grenze ab. Zwei ältere Frauen - in ihren traditionellen, mit Stickereien umsäumten schwarzen oder roten Gewändern und kleinen schwarzen Plastikeinkaufstaschen - rannten so schnell sie konnten. Andere verschwanden hinter den Mauern ihrer Häuser oder in Hinterhöfen.
Im Haus von Fadi Chabat war die Trauer noch frisch. Fast alle Frauen weinten. Es war eine kollektive Totenklage - ein Ausbruch. Der rauhe Schmerz ließ den Tränen freien Lauf.
"Er betete fünfmal am Tag, er war ein guter Muslim, er war bei keiner Gruppe - weder bei Fatah noch bei Hamas - in keiner, in keiner von ihnen, er war ein guter Student. Er war anders", sagt eine seiner Schwestern. Sie bringt mich zu Fadis jüngerem Bruder. Er wurde bei demselben Luftangriff verletzt. Omar ist 8 Jahre alt. Er sitzt allein auf einer Schaumstoffmatratze im abgedunkelten Schlafzimmer. Ein Gazeverband auf seinem Rücken dedeckt die Wunden.
"Er war Zeuge, er hat alles mitangesehen", erklärt seine Schwester. "Er sagte dauernd, "ich sah die Rakete, ich sah es, Fadi wurde von einer Rakete getroffen"".
Die Erinnerung bringt Omar wieder zum Weinen. Seine Schwestern, die Mutter und Tanten stimmen mit ein und brechen zusammen.
Ismaeel ist 9 Jahre alt. Er befand sich mit seinen Schwestern Leema, 4 und Haya, 12, auf der Straße. Er hatte gerade den Müll herausgebracht, als die Raketen einschlugen.
Ismaeel atmete noch, als er ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Ärzte glaubten, er würde es schaffen. Aber er erlag seinen inneren Verletzungen.
In den letzten 6 Tagen starben in Beit Hanoun allein 7 Menschen, 3 davon Kindern. Eine der Toten war Mutter von 10 kleinen Kindern. 75 Menschen wurden verletzt, davon 29 Kinder und 17 Frauen.
Es gab Tote und Verletzte, und es entstand Sachschaden. Hunderte von Häusern haben keine Fenster mehr und wurden durch Schrapnells und herumfliegende Trümmer beschädigt.
Zwei Häuser sind total zerstört. Die Gebäude zweier Organisationen in der Nähe, sind nur noch Ruinen. In einem war eine Wohltätigkeitsorganisation, die der Hamas nahesteht, untergebracht, die 'Söhne der Stadt-Wohltätigkeit'. Das Gebäude wurde durch zwei Raketen, die von einem Apache abgefeuert wurden, zerstört. Auch eine benachbarte Wohnung wurde getroffen, und im Krankenhaus von Beit Hanoun zerbarsten bei diesen Angriffen mehrere Fenster.
Die 'Assoziation für Kulturelle Entwicklung' und die Büros der 'Populären Front für die Befreiung Palästinas' wurden durch Bomben aus F-16-Jets völlig zerstört.
Es fällt schwer, sich vorzustellen, was die israelischen Piloten in ihren Flugzeugen aus so großer Höhe sehen. Sehen sie Menschen, die auf der Straße gehen oder herumstehen und sich unterhalten? Sehen sie Kinder mit Stöcken in der Hand, die sich zum Spaß jagen? Oder sind die Gestalten digitalisiert, Mikromenschen, vielleicht nur blinkende Punkte auf dem Bildschirm?
Was immer auf den Datenschirmen zu sehen ist, die Opfer unten sind normale Menschen. Am Donnerstagabend gingen Freiwillige des Palästinensischen Roten Halbmondes aus Beit Hanoun auf die Straße, um Leben zu retten. Wie alle Menschen der medizinischen Nothilfe-Teams von Gaza riskieren sie ihr Leben. Sie arbeiten, wenn Ausgangssperre herrscht oder wenn es zu nächtlichen Gefechten kommt. Bei jedem Malstrom einer israelische Invasion sind sie helfend zur Stelle.
Ich begleitete Yusri in seiner Ambulanz. Die Stromversorgung war an diesem Abend unterbrochen. Es herrschte völlige Finsternis. Yusri ist ein alter Hase. Er macht seinen Job seit über 14 Jahren und hat mehrere israelische Einmärsche in den Bezirk Beit Hanoun in Gaza erlebt. Er ist ein energischer, geselliger Mann über 40, mit einem Schnauzbart - und er ist ein lokaler Held. In seiner Gemeinde gilt er als einer, der kaum schläft. Er ist ein Frontsanitäter. Er flitzt durch die Straßen Gazas, um so schnell wie möglich zu den Opfern zu gelangen; seine Sirene heult auf, und er fordert die Neugierigen und Verdutzten per Megaphon auf, den Weg freizumachen.
"Wo war der Angriff?" fragt Yusri die Anwohner, während wir uns einen Weg durch das in Trümmern liegende, qualmende 'Wohltätigkeitsbüro' und die Trümmer des Hauses der Familie Tarahan bahnen. Ihr Heim, das in der Pufferzone lag, ist nur noch ein Sandwich aus Beton. Es gab 6 Verletzte. Wie durch ein Wunder wurde niemand ernstlich verletzt.
Das Hospital von Beit Hanoun ist ein einfaches lokales Krankenhaus mit einer 48-Betten-Kapazität. Es hat keine Intensivstation. Die Metallbahren sind verschlissen, die Betten wackelig. In einem einfachen Büro trinke ich Tee mit einer bunten, redseligen Truppe aus Hals-Nasen-Ohren-Ärzten, Chirurgen und Kinderärzten. Das Gespräch dreht sich um Politik. Ob sie wohl planen, Gaza mit Ägypten zu vereinigen? Israel wolle die Hamas nicht auslöschen, glaubt man hier. Die Hamas diene ihnen, um Palästina weiterhin geteilt zu halten. Sie (die Israelis) wollten eine geschwächte Hamas, entfremdet von der Westbank.
Das Gespräch wird unterbrochen. Immer wieder lauscht man gespannt auf das Radio. Die verrauschten Nachrichten kommen von Sawt Al Shab ('Die Stimme des Volkes'), Gazas Graswurzel-Radiosender. Fast alle hier hören diesen Sender: Taxifahrer, Familien, die sich in ihren Häusern um den Holzofen scharen oder unter ihren Decken liegen. An den Straßenecken sieht man Gruppen von Männern, die sich um ein Transistorradio scharen.
Das Radio liefert Nachrichten über die neuesten Widerstandsaktionen. Dazwischen sendet es politische Ansprachen unterschiedlicher Führer und Kampfmusik (dröhnende, tiefe Männerbässe, die gemeinsam pathetische Kampflieder singen (Parolen: aufstehen, al-Quds (Jerusalem) beanspruchen, die neuen Märtyrer rächen, nicht nachgeben)).
Nachrichten über die Operationen der bewaffneten Flügel der verschiedenen politischen Gruppen, die in Gaza aktiv sind, sickern durch: die Qasam (Hamas), die Abu-Ali-Mustapha-Märtyrerbrigade (PFLP), die Al-Aqsa-Märtyrerbrigade (der Fatah nahestehend) und die Saraya-al-Quds (Islmaischer Dshihad). Generell ist man der Überzeugung, dass der Angriff auf Gaza alle bewaffneten Widerstandsgruppen zusammengebracht hat. Doch, so fügen die Leute trocken hinzu, "sobald das alles vorbei ist, werden sie sich wieder zerstreuen".
Einer der Chirurgen fragt mich, ob ich keine Angst habe, ob ich glaube, weil ich Ausländerin bin, sei ich geschützt. Ich antworte ihm ausführlich. Ich spreche von Israels Verantwortung, die Notfall-Dienste zu schützen. Israel trage die Verantwortung für einen Waffenstillstand, es trage die Verantwortung für bessere Bewegungsfreiheit, Israel müsse die Genfer Konvention respektieren - auch den Schutz von Zivilisten und verwundeter Kombatanten. Der Chirurg ist ein intelligenter Mann, Ende 40, sehr respektiert in seiner Gemeinde. Er nimmt sich viel Zeit, mir zu erklären, dass alles, was die Menschen in Gaza erleben - alle Beweise - darauf hindeuteten, dass Israel sich so verhalte, als stehe es über dem Gesetz. Daher sei Schutz nicht gewährleistet. Die Gesetze und Konventionen scheinen für Israel nicht zu gelten, meint er. Israel halte sich nicht daran. Ich sollte Angst haben, sagt er, große Angst, denn die Menschen in Gaza hätten Angst.
Er erzählt mir von der Invasion im November 2006, bei der es mehr als 60 Tote gab. An einem einzigen Tag sei eine ganze Familie ausgelöscht worden. Rund 100 Panzer seien in Beit Hanoun eingefahre. Jeder Eingang nach Beit Hanoun sei durch einen Panzer blockiert worden - 6 Tage lang. Er erinnert sich, wie das Rote Kreuz Wasser und Lebensmittel hereingebracht und den Müll weggeschafft habe. Es habe keine Koordination mit der Palästinensischen Autonomiebehörde gegeben, da die Verbindung unterbrochen wurde. Diesmal werde es genauso laufen, glaubt er und sagt dies deutlich. Er erinnert sich an einen bestimmten Ambulanzfahrer - sein Name sei Yusri, er trage einen Schnauzbart. Dieser Draufgänger, dieser Held, habe den Panzern die Stirn geboten und Verwundete evakuiert. Alle liebten ihn, sagt er, das Krankenhauspersonal, die Gemeinde. Yusri sei einfach auf die Panzer zugefahren, habe seinen Lautsprecher eingeschaltet: "Bewegt euch, um der Liebe Gottes willen, ich habe einen Verwundeten". Er sei einfach um die Panzer herum gefahren, auf und davon.
Yusri hat die Verletzten und Toten jeder Invasion der letzten 14 Jahre transportiert. Er zeigt mir seine Beinverletzung: Ein Panzer hatte einmal seine Ambulanz gerammt. Ein Journalist hatte das Geschehen mit der Kamera festgehalten. Die Sache wurde zum Fall. Die Besatzungstruppen mussten sich verantworten. Das Urteil lautete, die Armee hätte sich korrekt verhalten. Es sei Selbstverteidigung gewesen.
"Schauen Sie in den rückwärtigen Teil meiner Ambulanz. Wieviele Menschen haben dort wohl Platz, was glauben Sie? Einmal, nach einer Invasion, habe ich 10 Leichen gleichzeitig transportiert. Ein Mann lag hier, in zwei Stücken. Es war der Horror. Aber man macht weiter. Ich will meinem Land dienen", sagt er.
Während jener sechstägigen Invasion gab es - über längere Zeit - keinen Strom. Ventilatoren konnten nicht betrieben werden. Mit einer Handpumpe beatmeten Ärzte einen Patienten vier Stunden lang und versorgten ihn auf diese Weise mit Sauerstoff. Erst danach war eine Verlegung möglich. Die Straßen waren durch Bulldozer aufgerissen, die Ambulanzen durften nicht losfahren, Tote lagen tagelang in ihren Häusern. Wenn die Erlaubnis zum Leichentransport endlich kam, mussten Sanitäter die Toten auf Handbahren über die Haupststraße tragen.
Heute sind die Menschen in Gaza verzweifelt, dass diese Ereignisse sich wiederholen könnten - oder dass es noch schlimmer kommt. Die Menschen in Gaza fühlen sich kollektiv im Stich gelassen. Die Massaker der letzten Woche, die willkürlichen Angriffe, die überfüllten Krankenhäuser, die Tatsache, dass jeder jederzeit an jedem Ort angegriffen werden kann - das alles hat die Menschen völlig erschüttert. Niemand wagt es, an die Zukunft zu denken. Was wird aus ihnen werden - in dieser schwierigen, unvorhersehbaren Zeit? In Gaza sagt man: "Bein Allah" - Gott entscheidet.
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"Sehen sie (die Piloten) Menschen, die auf der Straße gehen oder herumstehen...?"
Die brauchen die Menschen garnicht zu sehen, die wollen die auch garnicht sehen, denn wer aus großer Höhe eine Stadt bombardiert, der weiß natürlich ganz genau, dass er Zivilisten umbringt. Das ist seit Guernika, Rotterdam, Dresden, Beirut etc.etc. jedem Piloten geläufig.Genauso geläufig, dass er damit Kriegsverbrechen begeht!
Warum wohl gibt es immer wieder Piloten (auch in Israel) die sich weigern wissentlich zu Mördern zu werden und darum ihren Dienst quittieren.(Die israelischen Soldaten, die diesen Mut aufbringen, bewundere ich ganz besonders).
Der Bombenterror gegen eine Zivielbevölkerung ist eine seit Jahrzehnten beliebte und immer wieder gern gebrauchte Taktik um ein ganzes Volk fertig zu machen, es in Panik zu versetzen, es zu foltern bis es zusammenbricht - seine Widerstandskraft und seinen Lebenswillen zu brechen. Bombenterror ist angewandte Folter gegen ein ganzes Volk.
Es ist unbegreiflich, dass das palästinensische Volk diesem Terror nun seit 60 Jahren standhält, aber es hat ja keine Ausweichmöglichkeit in diesem Ghetto Gaza, dass die Mörder/Folterer hermetisch absperren und jeden massakrieren der rein oder raus will, besonders wenn er den Gefolterten Erleichterung schaffen will, wie die LKW-Fahrer die gestern für die UN nach Gaza wollten.
Und Ägypten hält seinen Teil des Zaunes um Gaza auch geschlossen und beteiligt sich an diesem Verbrechen, unfassbar!
Es wäre mal interessant zu erfahren was Mr. Obama von den Verbrechen in Gaza hält. Kann es sein, dass er den Israelis sein OK für diesen Terror gegeben hat, denn es ist nicht vorstellbar, dass die Israelis Alleingänge von dieser Dimension machen würden. Auch wenn er noch nicht im Amt ist, ohne ihn kann die Bush-Gang solche Entscheidungen nicht mehr treffen, bin ich überzeugt!
Eigentlich ist diese Frage rhetorisch, denn ich ahne bereits die Antwort...
Wer sich wundert, dass ich von Völkermord oder schleichendem Völkermord rede, und wer nicht weiß, dass ich jahrelang darum gerungen habe ob ich dieses Wort im Zusammenhang mit dem von mir einst bewunderten Israel in den Mund nehmen könnte/müsste, dem empfehle ich unbedingt die Arbeit von Frau Ellen Rohlfs zu lesen, die sich mit diesem Thema (schleichender Völkermord)ausführlich und mit großer Überzeugungskraft auseinandersetzt. Frau Rohlfs ist für mich eine integere Persönlichkeit die den nötigen Sachverstand hat um von ihr lernen zu können, wenn man nicht selbst vor Ort gehen kann.
http://net-news-global.de/pdf/Voelkermord.pdf
"Die Wahrheit auszusprechen, ist der erste revolutionäre Schritt" sagte Rosa Luxemburg - und lebensgefährlich, wie in ihrem Falle!
Und Herr Möllemann hat seine Freimütigkeit auch nichtüberlebt.
Aber mit Herrn Niedecken muß man wohl sagen: Arsch hu - Zäng usenanner!
C.Pichlo