Eine Geschichte aus Gaza
Der Junge, der ein künstliches Bein braucht
von Ramzy Baroud
12.06.2009 — ZNet
Sein Zimmer steht bereit. Die Wände sind frisch gestrichen. Meine Kinder haben einen Korb mit Schokolade und anderen Süßigkeiten neben sein Bett gestellt. Sie hängten ein Poster an seine Türe, geschmückt mit Glitzer und bunten Stiften, auf dem steht: "Willkommen, Sobhi!" Ich habe ihnen erklärt, dass Sobhi übersetzt 'Licht des Morgens' heißt. Solange er uns bei uns sein wird, werden wir ihn nicht wie einen Gast behandeln sondern wie einen Bruder, sage ich ihnen. Sie haben eine Liste mit Orten zusammengestellt, an denen man Spaß hat - wie Parks, der Strand und vielleicht die Fähre.
Vor zwei Wochen wurde meine Familie auf die Liste des sehr außergewöhnlichen, speziellen Kinderaustauschprogrammes gesetzt: Kinder aus Gaza besuchen die USA. Wir warteten seit Monaten. Unser Austauschkind heißt Sobhi. Er sollte am 30. Mai eintreffen.
Meine Familie war aufgeregt und ein wenig nervös. Ich bemerkte, dass meine Frau keine Gelegenheit ausließ, um die Neuigkeit über unseren außergewöhnlichen Gastes zu verbreiten. Wir telefonierten ein paarmal mit Sobhis Familie und stellten fest, dass es für Eltern eine beunruhigende Sache sein kann, das Kind in ein fremdes Land zu schicken, wo es in einer fremden Familie leben wird. Ich denke, unsere Gespräche von Zeit zu Zeit haben alle beruhigt.
Mit der Zeit lernten wir immer mehr über Sobhis Leben und das seiner Familie in Gaza. Manche Information veränderten sich im Laufe der Zeit oder wurden korrigiert. Zuerst hieß es, er sei 11 Jahre alt. Jetzt ist er plötzlich 15. Ursprünglich hieß es, seine Familie lebe in der Kleinstadt Khan Yunis. Dann erfuhren wir, er stammt aus Beit Lahia, einer Stadt im Norden. Er sei verstümmelt worden, als das Haus seiner Familie bei den israelischen Angriffen im Januar 2009 zerstört wurde, hatten wir erfahren, doch dann hieß es wieder, sein Bein sei von einer israelischen Panzergranate weggeschossen worden, als die Israelische Armee das Feuer auf seine Familie eröffnete, die gerade ihre Felder bestellte. Tag für Tag erfahren wir mehr über das tragische Schicksal dieses feinen Jungen.
Es ist eine Schande. Immer mehr Kinder werden - so wie Sobhi - dauerhaft verstümmelt, verkrüppelt oder getötet. Es reicht nicht, dass die Weltmedien - und somit das Gewissen der Welt - sich irgendwie abwenden, noch schlimmer, der Zugang zu medizinischer Hilfe wird verweigert.
Sobhi ist eines von vielen Kindern aus Gaza, die der 'Palestinian Children's Relief Fund' unter seine Fittiche genommen hat. Der PCRF ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in den USA, die medizinische Austauschprogramme organisiert und verletzte Kinder, die in Palästina keinen Zugang zu medizinischer Behandlung erhalten, zu einer Behandlung ins Ausland vermittelt. Umgekehrt werden medizinische Teams - für kurze, medizinische Einsätze - nach Palästina geschickt.
Ich kann nicht genug betonen, wie sehr ich die unermüdliche Arbeit des PCRF-Teams schätze, wie dankbar ich bin. Dennoch bin ich - so kurz vor Sobhis Ankunft - nicht blind für die Ironie. Der unschuldige, bescheidene Sohn eines Bauern aus Gaza, dessen Leben durch eine Panzergranate - abgeschossen von Israelis und subventioniert von den USA - für immer verändert wurde, reist allein durch die Welt, um in den Genuss eines weiteren Artikels 'made in USA' zu kommen: einem Kunstbein aus Plastik. Und als ob dies nicht schon schlimm genug wäre, steht es um Sobhis Reise schlecht.
Aus dem Gazastreifen kommend muss er über die Grenze bei Rafah. Dort beginnt seine Reise nach Kairo. Aber Ägypten will Sobhi nicht einreisen lassen. Es ist ein Dilemma, dem sich so viele Menschen aus Gaza seit den Januar-Massakern gegenübersehen: Die Krankenhäuser liegen in Trümmern; es gibt kaum Medikamente; alles unterliegt den Embargos (von Arzneimitteln bis zu medizinischem Gerät und medizinischen Teams (Teams aus der ganzen Welt bevölkern die Grenze bei Rafah in hellen Scharen)).
Obama sprach am 4. Juni in Kairo. Die nächste, größere (palästinensische) Stadt war Gaza. Massen von Kindern überfluteten die Grenze. Sie flehten den Führer der USA an, Druck auf Israel auszuüben, damit die Grenze geöffnet und die Blockade, die eine ganze Bevölkerung seit fast zwei Jahren gefangen hält, aufgehoben wird. Die Kinder hielten Transparente hoch, auf denen 'Ein Licht der Hoffnung für die Kinder von Gaza' oder 'Gazas Kinder bitten um Hilfe' stand. Eine der Teilnehmerinnen an der Demonstration war das Mädchen Sahar Abu Foul, 9. Die Kinder von Gaza wollen, so Sahar, dass Obama ihnen hilft, "damit wir ein sicheres Leben haben können wie alle anderen Kinder auch". Aber Obamas Terminplan war eng. Er konnte keinen Besuch an der Grenze einschieben, um vor jener jungen Menge zu sprechen. Kurz vor seiner Ankunft (in Ägypten) investierte der Kongress weiteres Geld, um die Grenzregion noch mehr zu befestigen. 50 Millionen Dollar wurden zusätzlich bereitgestellt, um die Grenze bei Rafah zu sichern. Das macht Sobhis Einreise noch unwahrscheinlicher.
Tage vergehen. Ich telefoniere mit Sobhi. Er hört sich am Telefon sehr höflich und erwachsen an. Er erkundigt sich nach meiner Gesundheit und nach der meiner Familie. Er bittet Gott, uns ein gesundes Leben und andere Wohltaten zu schenken. In seiner medizinischen Akte steht, er habe seine Depression überwunden und wolle einfach nur seinem Vater auf dem Feld helfen. Seine Ziele sind unkompliziert, und seine Bitte scheinbar einfach: ein künstliches Bein. Sein Vater spricht mit leiser Stimme. Er ist ein wenig schüchtern. Er scheint sich mit der pessimistischen Möglichkeit abzufinden, dass sein Sohn jetzt doch nicht in die USA kommen wird.
Ich ermutige ihn weiter. Aber auch ich habe das Gefühl, dass dieser außergewöhnliche, besondere Austausch zu gut sein könnte, um wahr zu werden. Sobhi sagt, er hoffe, er könne dieses Jahr bei der Olivenernte mithelfen. Doch an einem Ort wie Gaza ist Hoffnung manchmal verlässlicher als eine Rettungsleine.
Twitter
RSS Feed

Der Iran an Abgrund?