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Exklusiv: Filmemacher Michael Moore äußert sich zu den Zwischenwahlen, zur 'Tea Party' und zur Zukunft der Demokraten

Nach den Wahlen in den USA

von Amy Goodman

03.11.2010 — Democracy Now!

 

Er zählt zu den bekanntesten Autoren, Filmemachern und Aktivisten der letzten 20 Jahre: Michael Moore. Als Dokumentarfilmer ist er einer der provokantesten, erfolgreichsten und politisch aktivsten seiner Branche. Gestern Abend kam er zu uns ins Studio (Special Live Election Night), um über die Ergebnisse der Zwischenwahlen, die Tea-Party-Bewegung und die Zukunft der Demokratischen und der Republikanischen Partei zu diskutieren.

 

Unser Gast: Michael Moore

 

Er ist Filmemacher, Aktivist und Autor. Zu seinen Filmen zählen 'Roger & Me', 'Fahrenheit 9/11', 'Bowling for Columbine' (für den er mit dem 'Oscar' ausgezeichnet wurde). Sein neuester Film heißt: 'Capitalism: A Love Story'

 

Amy Goodman:

Wir wenden uns nun dem bekannten Aktivisten, Filmemacher und Autor Michael Moore zu. In den vergangenen 20 Jahren war er einer der politisch aktivsten, provokantesten und auch erfolgreichsten Dokumentarfilmer seiner Branche. In seinem Film 'Roger & Me' geht es um den Konzern General Motors, in 'Fahrenheit 9/11' um Bush und den (Irak-)Krieg, in 'Bowling For Columbine' um Waffengewalt. Für diesen Film wurde er mit dem 'Oscar' (Academy Award) ausgezeichnet. Sein Dokumentarfilm 'Sicko' beschäftigt sich mit dem Gesundheitswesen. Sein aktueller Film heißt: 'Capitalism: A Love Story'.

 

Gestern - am späten Abend - kam Moore zu uns ins Studio, um sich an unserer Sondersendung zu den Wahlen zu beteiligen. Zunächst hatte Michael Einiges zu Präsident Obama und den Zwischenwahlen zu sagen.

 

(Einblendung)

Michael Moore:

Morgen früh wird Präsident Obama eine Pressekonferenz halten - und den falschen Weg einschlagen. Er wird sagen: Was wir jetzt brauchen, ist mehr Zusammenarbeit zwischen den beiden Parteien und mehr Kuschel-Wuschel. Doch die Gegenseite will das gar nicht. Ich weiß wirklich nicht - ich weiß nicht, wie viele Schläge einer einstecken muss, um zu begreifen, dass der Kerl, der ihn vermöbelt, nicht vorhat, damit aufzuhören.

 

Werfen wir einen Blick in die Kristallkugel: Was wird 2012 passieren? Wenn die 'Tea Party' so weiter macht und die Moderaten vertreibt, stehen ihre Chancen gut, dass sie in den nächsten Vorwahlen (für die Präsidentschaft) eine(n) der ihren nominieren kann: Sarah Palin vielleicht oder Rand Paul. Das ist gar nicht so unwahrscheinlich. Das wird... Falls es nicht klappen sollte, falls ein Republikaner der Mitte zum Kandidaten gekürt wird, werden sie vermutlich aus lauter Frust einen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken - als Kandidat einer dritten Partei. Das Risiko, dass es zu einer Spaltung (der Republikanischen Partei) kommen wird, ist potentiell sehr hoch. Das würde bedeuten: Zwei Kandidaten aus dieser Ecke kandidieren für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten.

 

Falls Obama den (Afghanistan-)Krieg weiterführt und ausweitet und falls er Wallstreet nicht an die Kandare nimmt und zu Boden ringt, falls wir innerhalb der nächsten 10 Jahre noch einen Crash erleben, weil Obama seinen Job nicht macht (und es Leuten wie Geithner und Summers überlässt, uns in den nächsten Crash zu führen),  besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die Linke mit einem Herausforderer à la Ralph Nader aufwarten wird - vielleicht noch nicht bei den Vorwahlen, vielleicht wird diese Person erst später, als unabhängiger Kandidat / als unabhängige Kandidatin, ins Rennen eintreten. Also werden wir 2012 womöglich (zum zweiten Mal innerhalb der letzten 150 Jahren) vier Präsidentschaftskandidaten / -kandidatinnen haben. Abraham Lincoln war der Erste, der gegen drei Kandidaten antreten musste. Er gewann mit 30 und ein paar Zerquetschten. John - wissen Sie es genau?

 

John Nicholas:

...39

 

Michael Moore:

... mit 39% der Stimmen. 1948 trat Harry Truman gegen Dewey, Strom Thurmond und Henry Wallace an. Vielleicht wird die nächste Präsidentenwahl die einzige zu unseren Lebzeiten sein, bei der ein Linker mit einer Stimmenmehrheit zum Präsidenten der USA gewählt wird. Das ist die eine Seite. Andererseits würde dies bedeuten, dass Obama seine zweite Amtszeit nicht antreten kann. Anstatt uns, die Basis, zu kritisieren, wie das die Demokraten und Präsident Obama in den letzten beiden Monaten ständig getan haben... Wenn er nicht endlich ernst nimmt, WARUM wir losgezogen sind und uns für ihn eingesetzt haben, damit er gewählt wird... Es ist also sehr wahrscheinlich, dass es zu einer solchen Konstellation der Herausforderer kommen wird. Sie sollten sich Gedanken darüber machen - morgen, übermorgen - ob sie wirklich noch weiter nach rechts abdriften wollen, um sich über Wasser zu halten. Die Rechte befindet sich auf einer sehr verkehrsreichen Schnellstraße Richtung 2012. Er (Obama) ist nicht auf diese Straße angewiesen. Er müsste nur seinen eigenen Weg solide ausbauen und die Dinge erledigen, die wir erledigen müssen -, dann schafft er die zweite Amtszeit.

 

Amy Goodman:

Was halten Sie hiervon: Der Republikaner Mitch McConnell aus Kentucky ist neue Führer der Minderheit im Senat, aber auch der neue Rebell (der Republikaner) Rand Paul kommt aus Kentucky. Sie mögen einander nicht. Rand Paul ist von der 'Tea Party', der andere ein (traditioneller) Republikaner. Vielleicht haben Sie tatsächlich ins Schwarze getroffen, als Sie vorhin sagten, (die Republikaner) würden sich spalten. Dann ist da noch Sarah Palin. Hat sich Ihre Meinung zu Sarah Palin irgendwie geändert?

 

Michael Moore:

Nur insofern, als ich ihr sehr gute Chancen für die Präsidentschaftskandidatur 2012 einräume. Ansonsten nein. Ich fand die Verliererrede von Christine O'Donnell heute Abend sehr interessant. Ich weiß nicht, ob ihr sie mitverfolgt habt - hier drinnen - aber sie wird sicher noch auf YouTube gesendet werden... Das war wirklich etwas für den Spaßkanal - mehr als alles andere. Schaut's euch an, es ist wirklich sehr interessant. Sie bekam 40% und hat dennoch verloren. Die Frau, die sagte, "ich bin keine Hexe" bekam 40%. In so einem Land leben wir. Sie kritisierte die Demokraten und drohte dem (demokratischen) Kandidaten, der sie an der Urne geschlagen hat, verhohlen - so nach dem Motto: Ich würde Ihnen raten, das oder jenes zu machen. Doch erst als sie gegen den Republikaner wetterte, wurde der Applaus im Saal wirklich laut. Sie griff die Republikaner an.

 

Wenn diese Leute der Meinung sind, sie investierten viel Zeit, um gegen uns und unsere Anliegen zu arbeiten, so sind sie schief gewickelt, denn sie sind sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie führen ihren eigenen Bürgerkrieg. Ich könnte mir denken, falls Sarah Palin oder Rand Paul das Präsidentenamt anstreben, wird man sich innerhalb der Mitte des republikanischen Lagers für einen intelligenten Kandidaten (falls es intelligente Republikaner überhaupt gibt) entscheiden  - oder vielleicht für Mike Bloomberg (Bürgermeister von New York). Auf alle Fälle wird ein Republikaner antreten, der sagt: "Okay, das alles ist Blödsinn. Das ist ein Haufen Spinner; wir brauchen einen erwachsenen Kandidaten - sonst wird Obama eine zweite Amtszeit bekommen".

 

Amy Goodman:

Ralph Nader sagte auf 'Democracy Now!', Mike Bloomberg werde - im Unterschied zu ihm -

ernst genommen, weil Bloomberg Milliardär sei, eine Art Ross Perot. Bloomberg wäre ein Kandidat für eine solche dritte Partei.

 

Michael Moore:

Yeah, und er hat diese netten Stühle und Tische aufstellen lassen - mitten auf dem Broadway.

Wissen Sie, er hat viele nette Dinge getan - zum Beispiel Fahrradwege anlegen lassen -, und er will, dass es an den Schulen kein Soda mehr gibt.

 

Amy Goodman:

In den Diskussionen der TV-Gurus geht es darum...

 

Michael Moore:

... ja...

 

Amy Goodman:

... wie sich Obama den Rechten anbiedern könnte - als ob er das nicht schon die ganze Zeit getan hätte. Sie meinen, beim Thema 'Freihandelsabkommen' sei er zu Konzessionen bereit. Außerdem arbeiten die Republikaner darauf hin, dass die Reform des Gesundheitswesens  (sie sprechen von "Obamacare") rückgängig zu machen.

 

Michael Moore:

Richtig. Stattdessen sollte Obama morgen vor die Fernsehkameras treten. Er sollte direkt in die Kamera schauen und sagen: "Meine amerikanischen Mitbürger und Mitbürgerinnen, ihr seid die arbeitende Bevölkerung dieses Landes. Ihr seid die Mehrheit, und ich repräsentiere euch. Ich werde für euch kämpfen. Wir werden - wir werden uns die Kontrolle über das Land zurück erkämpfen. Sie wird wieder in unseren Händen liegen - in den Händen des Volkes. Dieses Land wurde nicht für Milliardäre und die oberen 1 Prozent geschaffen. Ich weiß, diese Leute werden Einiges von dem, was ich sage, nicht gerne hören, aber wir werden es durchziehen und es schaffen".

 

Ich denke, er sollte... Er hat das Repräsentantenhaus verloren, aber er hat immer noch zwei von drei Pfeilern der Macht - den Senat und sein eigenes Amt. Er sollte in den Ring steigen und  die Wählerinnen und Wähler inspirieren, Druck auf das Repräsentantenhaus auszuüben, damit die ihre Arbeit tun. Wenn sie es nicht tun, werden sie bei der nächsten Wahl auch einen 'Wandel' erleben. Dazu bräuchte es echten Mumm und echte Führungsqualitäten. Und, wissen Sie, ich meine das jetzt positiv, er ist wirklich ein netter Kerl, aber ich glaube...

 

Amy Goodman:

Sie waren ein großer Unterstützer Obamas.

 

Michael Moore:

Nun ja. Ich denke, ich denke, als er ins Amt kam, hatte er ein gutes Herz. Ich denke, er wollte wirklich den Olivenzweig (des Friedens) hinreichen. Ich glaube nicht, dass das ein Trick war. Ich glaube, er ist tatsächlich so. Ich denke, er ist ein lässiger, gutmütiger Typ. Doch die Dinge gleiten ihm ständig aus den Händen. An einem bestimmten Punkt muss jemand wie ich zugeben: "Okay, ich habe es versucht, aber jetzt muss er sich in den Ruheraum zurückziehen, und der Rest von uns - die Mehrheit des Landes - muss die Show übernehmen".

 

Laura Flanders:

Doch in diesem Fall könnte er nicht länger der Kandidat der Wallstreet sein. Oder ist schon so viel Wallstreet-Geld an die andere Seite geflossen, dass für Obama nichts mehr übrigbleibt? Ich meine, wenn er  sich wirklich mit den Bankstern anlegen will - wie anno 1936 Franklin D. Roosevelt - darf er sich nicht an Larry Summers halten. Hat sich in dieser Hinsicht etwas geändert?

 

Michael Moore:

Nein, aber ich sage Ihnen, Sie bringen mich da auf eine Idee. Kommen wir zurück auf seine (fiktive) Rede an das amerikanische Volk. Wenn Obama sich jetzt, in diesem Moment, verpflichten würde: "Weder ich noch die Demokraten werden von der Wallstreet auch nur einen halben Dollar für die Wahl 2012 annehmen. Wir verpflichten uns hiermit, kein dreckiges Geld mehr von ihnen anzunehmen. Ihr Geld hat zum Zusammenbruch dieses Landes geführt, zum Kollaps der Mittelschicht. Diese Typen sind daran schuld, dass Sie nicht sicher sein können, ob Sie den Job, den Sie jetzt haben, in einem Jahr noch haben werden oder dass das Haus, in dem Sie wohnen, während Sie dies hier schauen, in einem Jahr noch ihr Zuhause sein wird. Niemand ist mehr sicher. Alle haben Angst. Niemand weiß, was passieren wird. Nun, ich bin Derjenige, der für euch kämpfen wird, und ich werde ihr dreckiges Geld nicht annehmen". Jaaaa, wenn er das sagen würde, würde ich aufwachen - und die Leute würden aufwachen. Es würde sie aus der Depression reißen.

 

Damit meine ich nicht nur die Wirtschaftsdepression. Ich spreche von der Depression, die über einen kommt, wenn man ständig strampeln muss, um über Wasser zu bleiben. Dann denkst du nicht mehr über Wahlen nach. Heute denken die Menschen nicht mehr... sie denken an den Zweitjob, den sie gerade antreten mussten. Sie überlegen, wie Sie... die Kinder müssen heimkommen. Sie können nur noch auf das örtliche College, weil sie die Studiengebühren für das nächste Semester an der tollen Uni nicht mehr aufbringen können. Darüber grübeln die Menschen nach. Sie haben Todesangst, wenn sie darüber nachdenken, was ihnen noch bevorsteht. Und, Junge, das wäre genau der richtige Zeitpunkt für eine Person, für einen mutigen Charakter, der nach vorne tritt. Er könnte ja ruhig der nette Kerl bleiben, der er ist. Er müsste nicht so daherreden wie ich. Ich meine, er könnte es auch anders ausdrücken....

 

Amy Goodman:

Michael Moore - was halten Sie vom neuen Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner?

 

Michael Moore:

Zieht ihm sein Schräubchen auf und lasst ihn losrasen. Die Leute - die 55 bis 60 Prozent, die heute nicht zur Wahl gegangen sind -, werden schon noch merken, was der Typ vorhat. Sehr wahrscheinlich werden sie (die Republikaner) sich übernehmen, weil sie sich übertrieben ins Zeug legen.

 

Um es noch einmal zu sagen: Wir müssen unsere Botschaft klipp und klar rüberbringen. Wir können nicht... sie können nicht... Was ich meine, ist, wir bewundern die Republikaner, weil die wissen, wie man redet. "Stimulus" - was zur Hölle ist ein Stimulus? Das klingt wie ein Begriff aus der Gynäkologie. Was ist ein Stimulus? Woher haben sie dieses Wort nur? Steuererleichterungen und Konjunkturpakete für Jobanreize - das ist gemeint. Das bedeutet Stimulus. Es ist durchaus kein Orwellscher Begriff. Das wurde ja auch umgesetzt, und es hat auch halbwegs funktioniert, aber es war nur eine halbe Sache - wie all die anderen halben Sachen auch. Er (Obama) hat sich gesagt, basteln wir ein wenig am Gesundheitswesen herum, stimulieren wir ein wenig, was auch immer. Es hat nicht funktioniert. Als Letztes möchte ich noch sagen, wir besitzen etwas, was die Leute auf der anderen Seite des Zaunes nicht haben. Wir haben eine Kultur, die das Volk motiviert und die vor allem die jungen Menschen tief bewegt. Wir haben am Wochenende eine Kostprobe davon erlebt: Jon Stewart und Stephen Colbert. Aber das geht viel, viel weiter. Denken wir nur an die Bewegungen der Vergangenheit - an die Bürgerrechtsbewegung, die Frauenbewegung, die Antikriegsbewegung: Kultur, Musik, Filme, Bücher, Dichtkunst. Auch Radio und Fernsehen waren Teil davon. Alles war ein Teil davon. Auf unserer Seite des Zaunes gibt es so viele kreative Menschen, die viele positive Dinge tun. Es sollte der Allgemeinheit zugutekommen und den höheren Werten. Stattdessen lässt man es brachliegen. Obama macht keinen Gebrauch davon. Man wirft ihm vor, er sei "Mr. Hollywood". Ich frage mich andererseits, warum entwirft Hollywood keine großartigen Spots, die den Leuten erklären könnten, was tatsächlich Sache ist. Wissen Sie, bei allem schuldigen Respekt gegenüber den Republikanern, sehen wir die Sache realistisch: Sie sind nicht wirklich lustig - und sie haben nicht viele Rock-and-roll-Bands in ihren Reihen. Beim Hip-Hop hinken sie sehr hinterher. Sie jammern: "Oh, alles, was heutzutage im Kino läuft, sind Dokumentarfilme von Michael Moore, Morgan Spurlock und all den andern - ihr wisst schon, all diesen Linken. Wieso gibt es keine anderen Filme?" Weil sie keine Filme machen. Sie bringen keine Filme zustande. Ja, ab und zu produzieren sie einen, aber den will kein Mensch sehen, weil er, nun, äh....

 

Amy Goodman:

Was halten Sie davon, dass der Krieg nicht wirklich erwähnt wurde?

 

Michael Moore:

... überhaupt nicht erwähnt wurde.

 

Amy Goodman:

.. bei den...

 

Michael Moore:

... überhaupt nicht...

 

Amy Goodman:

... bei den Zwischenwahlen.

 

Michael Moore:

Richtig, Chance vertan.

 

Amy Goodman:

Die Talkshows am Sonntag... WikiLeaks - das größte Leck des Militärgeheimdienstes in der Geschichte der USA - war das große Thema der Woche, aber in den maßgeblichen Talkshows der Sender stand nicht zur Debatte...

 

Michael Moore:

... yeah.

 

Amy Goodman:

... was da im Irak und in Afghanistan passiert ist.

 

Michael Moore:

Richtig.

 

Amy Goodman:

Wenn Moderatoren darauf angesprochen wurden, sagten sie, "wir reden jetzt über die Zwischenwahlen".

 

Michael Moore:

Stimmt.

 

Amy Goodman:

Sind Wahlen nicht auch ein Referendum über die wichtigsten politischen Themen?

 

Michael Moore:

Ja.

 

Amy Goodman:

... über außen- und innenpolitische Themen?

 

Michael Moore:

Richtig. Wissen Sie, was ich WIRKLICH dazu sagen möchte, sage ich lieber nicht.

 

Amy Goodman:

Solange Sie nicht fluchen - wir wollen es nämlich senden.

 

Michael Moore:

Äh, nein, ich will nicht fluchen. Ich möchte eine tiefgründige Frage stellen: Wer sind wir eigentlich? Ohne Witz - wer sind wir? Als Amerikaner, als Volk? Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir für so viel Tod und Zerstörung an verschiedenen Orten dieser Welt verantwortlich sind. Unsere Seelen werden für viele Jahre ein schwarzes Mal tragen. Aber wir wollen nur verdrängen, nicht daran denken, es vergessen, möglichst viel Abstand dazu gewinnen. Wissen Sie, es geht um sehr viel Schuld an diesen Kriegen - sehr viel Schuld - unter den Liberalen. Viele Liberale waren für diese Kriege. Die meisten Liberalen, die ich kenne, waren für den Einmarsch in Afghanistan, gleich nach dem 11. September. Und wenn ich an den Irakkrieg denke - an dessen Beginn (wir haben ja schon öfter darüber gesprochen), so waren Leute dafür, die meine Filme mitfinanziert haben, wie etwa die Weinstein-Brüder. Nach einer gewissen Zeit waren sie dann dagegen. Mein Hollywood-Agent - der üble Ari Emanuel - war für den Krieg.

 

Amy Goodman:

Der Bruder von Rahm (Emanuel).

 

Michael Moore:

Der Bruder von Rahm. Auch Al Franken unterstützte den Krieg mit Worten. Ich meine, ich könnte eine ganze Liste von Leute nennen, an die wir uns nicht allzu gerne zurückerinnern. Doch das ist die Wahrheit. Jene, die sich gegen den Krieg aussprachen, vor allem die Prominenten unter ihnen, wurden deshalb zu Schurken erklärt. Dabei gingen einen Monat vor dem Krieg buchstäblich Millionen von Menschen in Amerika auf die Straße - in Großstädten, Kleinstädten und Dörfern. Insgesamt war es die größte Antikriegsdemonstration in der Geschichte unserer Nation. Dennoch traten Liberale wie Al Franken auf MSNBC auf oder Nick Kristof in der 'New York Times', oder denken wir an den Redakteur Raines oder an den Kolumnisten Keller. Alle sprachen sich für den Krieg aus. Was die 'New York Times' selbst angeht, so hatte sie Judith Miller, die mithalf, uns in den Krieg zu lotsen. Aus diesem Grund bin ich der Meinung, dass Liberale eine Menge Schuld auf sich geladen haben, und ich denke, das ist einer der Gründe, weshalb darüber nicht diskutiert wird.

 

Was WikiLeaks angeht, so habe ich einen Kritikpunkt. Es geht wieder einmal darum, dass wir manche Dinge schlechter erledigen als die Rechten, als die Konservativen. WikiLeaks veröffentlichte diese unglaublichen 400 000 und mehr Dokumente an einem Freitagabend. Sie veröffentlichten diese Dokumente also zu einem Zeitpunkt, den man eigentlich nur dann wählt, wenn man nicht will, dass eine Sache Beachtung findet. Ich konnte es nicht fassen. Ich reagierte ungefähr so: "Was?" Wo oder wann erfahren wir, was eigentlich vor sich geht? Vielleicht sollten wir Lehrgänge einrichten, auf denen man lernt, wie so etwas gemacht wird. Es ist doch wirklich nicht so schwer. Ich wiederhole, ich habe großen Respekt vor WikiLeaks. Ich bewundere diese Leute sehr. Trotzdem sage ich es. Ich unterstütze sie sowohl moralisch als auch finanziell - auch Bradley Manning und andere Personen, die strafrechtlich verfolgt werden, weil sie die Wahrheit gesagt haben. Doch wir müssen uns wirklich zusammenreißen und dürfen nicht mehr wie die Katze um den heißen Brei herumschleichen - wie wir im Mittleren Westen sagen. (Ende)

 

Amy Goodman:

Das war der Filmemacher - Oscar-Preisträger - und Autor Michael Moore. Von GritTV war uns gestern die Moderatorin Laura Flanders zugeschaltet. Sie war Ko-Moderatorin unserer gestrigen Sondersendung zum Wahlabend.

 

 

 

Übersetzt von: Andrea Noll
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