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Haiti: Was läuft schief in der Medienberichterstattung?

Großes Fernsehen - schlechter Journalismus

von Robert Jensen

26.01.2010 — ZNet

— abgelegt unter:

Anderson Cooper - Star-Moderator von CNN - berichtet live über eine chaotische Straßenszene in Port-au-Prince. Ein Junge wird von einem Stein am Kopf getroffen. Ein Plünderer hatte den Stein von einem Dach herunter geworfen. Cooper hilft dem Jungen, an den Straßenrand zu kommen. Dort stellt er fest, dass der Junge desorientiert ist und nicht mehr in der Lage, weiter zu gehen. Cooper legt seine Digitalkamera weg (während ein anderer CNN-Kameramann weiter filmt). Er trägt den Jungen und hievt ihn über eine Barrikade - in Sicherheit, wie wir hoffen.

"Wir wissen nicht, was aus dem kleinen Jungen wurde", sagt Cooper in seinem Bericht. "Alles, was wir wissen, ist, dass die Straßen von Haiti blutig sind". (Wenn Sie die ganze Story sehen wollen, gehen Sie auf http://www.youtube.com/watch?v=7Unh4v1IFU0.)

Das ist großes Fernsehen, aber kein großer Journalismus. Im Grunde ist es unverantwortlicher Journalismus.

Cooper setzt seinen Bericht fort, indem er darauf hinweist, dass es in Port-au-Prince nicht viele Plünderungen gegeben hat und die Gewalt, die die Zuschauer soeben sahen, wohl eher die Ausnahme sei. Stellt sich die Frage: Wenn diese Gewalt nicht repräsentativ ist, warum hat CNN sie überhaupt gezeigt? Die Haitianer haben sich zum großen Teil selbst organisiert - in so genannten 'Viertel-Komitees' - wo sie sich umeinander kümmern, da es keine funktionierende Zentralregierung gibt. Ist die gewalttätige Szene (die Cooper gezeigt hat) daher nicht als isolierter Einzelfall zu bewerten, der die allgemeine Wirklichkeit verzerrt?

Cooper versucht, seinen Bericht zu retten, indem er darauf hinweist, wie schlimm es wäre, wenn sich Gewalt dieser Art allgemein ausbreiten würde - was sie zwar nicht tue, aber... "Es ist die Angst, vor dem, was passieren könnte". Die wahrscheinlichere Variante ist allerdings, dass die Menschen, die diese dramatischen Bilder sehen, sie in Erinnerung behalten - und nicht etwa Coopers unbeholfenen Versuch, die Bilder in den richtigen Kontext zu stellen.

Leider ist es kein Einzelfall bei CNN/Cooper, großes Fernsehen mit schlechtem Journalismus zu verbinden. Die TV-Nachrichtenberichterstattung geht immer wieder in die Falle: Dramatische, visuell ergreifende Storys werden durch Bildmaterial zusätzlich betont - auf Kosten wichtiger Informationen, die zwar etwas komplizierter sein mögen, aber eben entscheidend.

Auch in der Berichterstattung der Printmedien fehlt häufig der entscheidende historische und politische Bezug: Selten werden Fakten, Analysen und Meinungen miteinbezogen, die wichtig sind, damit US-BürgerInnen die Ereignisse begreifen können. Hier ein Beispiel: In der vergangenen Woche hörten wir immer wieder, endlos, wie Journalisten sagten, Haiti sei das ärmste Land in der westlichen Hemisphäre. Kam es denn keinem Redakteur in den Sinn, seine Reporter nachfragen zu lassen, warum das so ist?

Die unmittelbare Not auf Haiti ist die Folge einer Naturkatastrophe, doch diesem Leid liegt eine weitere, zweihundertjährige, politische Katastrophe zugrunde. Ein erheblicher Teil der Verantwortung für diese Katastrophen liegt nicht (nur) bei den haitianischen Eliten sondern bei der US-Politik.

Manche Journalisten weisen darauf hin, dass die Gründung Haitis als unabhängiger Staat im Jahre 1804 auf einen Sklavenaufstand zurückging. En passant weisen sie darauf hin, dass die nachfolgenden "Kompensationsforderungen" der Franzosen, die sie für ihr verlorenes Eigentum (sprich: Sklaven) erhoben, Haitis Wirtschaft mehr als ein Jahrhundert lang verkümmern ließen. Einige Journalisten weisen sogar darauf hin, dass Amerika die brutale Politik Frankreichs unterstützte und Haitis Unabhängigkeit nicht anerkannte, solange es selbst ein Sklavenstaat war. Erst mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg änderte sich dies. Hin und wieder wird auch auf die US-Invasion, unter dem "liberalen" Präsidenten Woodrow Wilson, im Jahre 1915 und die anschließende Besatzung, die bis 1934 dauerte, hingewiesen. In den Jahrzehnten danach unterstützten Regierungen der USA nacheinander zwei brutale Diktaturen auf Haiti (den berüchtigten "Papa Doc" Duvalier und danach dessen Sohn "Baby Doc"), die das Land von 1957 bis 1986 verheerten. Allerdings wird selten darüber diskutiert, was die damalige Politik mit den Problemen des heutigen Haiti zu tun haben könnte.

Noch offensichtlicher ist die fehlende Debatte über die Beziehungen zwischen Haiti und Amerika in jüngerer Zeit - vor allem, wenn es um die Unterstützung der USA für die beiden Staatsstreichs auf Haiti (1991 und 2004) geht. Beides Mal wurde der demokratisch gewählten Präsident Jean-Bertrand Aristide gestürzt. 1990 gewann Aristide mit erstaunlicher Mehrheit die Wahlen, denn er verlieh den Hoffnungen der Ärmsten auf Haiti eine Stimme. Sein populäres Wirtschaftsprogramm irritierte sowohl die Eliten Haitis als auch US-Politiker. Offiziell verurteilte die US-Regierung unter Bush 1 zwar den Militärputsch von 1991; stillschweigend unterstützte sie die Generäle jedoch bei diesem Vorhaben. Präsident Clinton unterstützte Aristides Rückkehr an die Macht in Haiti. Das war im Jahre 1994. Allerdings entschied sich Clinton erst zu dem Schritt, nachdem man Aristide gezwungen hatte, vor der wirtschaftsfreundlichen Politik, die die USA forderten, in die Knie zu gehen. Im Jahre 2000 gewann Aristide wieder die Wahl. Er setzte sein Engagement für die einfachen Menschen Haitis fort. Die US-Regierung unter Bush 2 blockierte äußerst wichtige Kredite für die haitianische Regierung und unterstützte außerdem die brutalen, reaktionären Kräfte, die Aristides Partei angriffen. Diese Politik erreichte ihren traurigen Abschluss im Jahre 2004, als das US-Militär Aristide praktisch kidnappte und außer Landes flog. Heute lebt Jean-Bertrand Aristide in Südafrika. Die USA verhindern, dass er in sein Land zurückkehren kann, wo er noch immer viele Anhänger hat und beim Wiederaufbau helfen könnte.

Wie viele Zuschauer und Zuschauerinnen von Coopers CNN-Berichterstattung über Heldentum vor einem Massenpublikum wissen wohl, dass US-Politiker eine aktive Rolle bei der Unterminierung der haitianischen Demokratie gespielt haben und sich gegen die äußerst erfolgreiche politische Graswurzelbewegung, die es auf Haiti gibt, stellten? Während der ersten Tage der Berichterstattung über das Erdbeben auf Haiti konzentrierten sich die Nachrichtensender auf die aktuelle Krise. Verständlich. Aber welche Entschuldigungen haben diese Journalisten eine Woche später noch?

Sollten berühmte Fernseh-Gurus sich nicht hinstellen und von den USA verlangen, die Verantwortung für unseren Teil der Schuld an der aktuellen Situation zu übernehmen? Unsere Politiker äußern sich besorgt über die verelendeten Haitianer und bedauern die Abwesenheit einer kompetenten Regierung auf Haiti, die die Katastrophe managen könnte. Sollten unsere Journalisten daraufhin nicht fragen, weshalb diese Politiker das haitianische Volk in der Vergangenheit im Stich ließen? Bill Clinton und George W. Bush wurden berufen, die humanitären Bemühungen zu leiten. Sollten Journalisten ihnen nicht die offensichtliche - wenn auch unhöfliche - Frage stellen: Wie groß ist der Anteil dieser beiden ehemaligen US-Präsidenten an der Not der Haitianer?

Wenn Mainstream-Journalisten es wagen, die politische Vergangenheit zu erwähnen, reinigen sie sie normalerweise zunächst von hässlicheren Aspekten und sprechen die US-Politiker von jeder Schuld frei - wenn es um die "Schnittmenge" der gemeinsamen Vergangenheit ("star crossed relationship") zwischen den beiden Nationen geht, wie es ein Reporter der Washington Post ausgedrückt hat. Wenn Nachrichtenreporter versuchen, Haitis Probleme als das Ergebnis einer hausgemachten "politischen Dysfunktion" wegzurationalisieren, wie es jener Reporter der Washington Post getan hat, sind die Leser und Leserinnen nämlich eher bereit, die offen reaktionären Argumente der Leitartikelschreiberlinge und Redakteure zu akzeptieren. Diese Journalisten geben einer angeblich auf Haiti herrschenden "Kultur der Armut" die Schuld (Jonah Goldberg in der Los Angeles Times) oder "den Einflüssen einer Kultur, die sich dem Fortschritt widersetzt" und die im Voodoo-Kult verankert sei (David Brooks in der New York Times).

Wir lernen dazu, wenn wir mitverfolgen, wie unabhängige US-Medien über Haiti berichten (wie es z.B. 'Democracy Now!'  in aller Ausführlichkeit getan hat, siehe www.democracynow.org) oder wenn wir die Auslandspresse mitverfolgen (wie zum Beispiel jene politische Analyse von Peter Hallward in der britischen Tageszeitung The Guardian, siehe http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2010/jan/13/our-role-in-haitis-plight ).

Wann werden wir es erleben, dass Journalisten der kommerziellen, amerikanischen Konzernmedien dieselben ehrlichen Berichte veröffentlichen?

Natürlich bleibt es den Nachrichten-Medien überlassen, worüber sie berichten. Aber als Bürger und Bürgerinnen haben wir das Recht, mehr zu erwarten.

Robert Jensen ist Journalistikprofessor an der University of Texas in Austin und Vorstandsmitglied des 'Third Coast Activist Resource Center'. Sein neues Buch heißt:

'All My Bones Shake: Seeking a Progressive Path to the Prophetic Voice' (Soft Skull Press, 2009).

Er ist Autor von 'Getting Off: Pornography and the End of Masculinity' (South End Press, 2007) und vielen anderen Büchern. Sie erreichen ihn unter rjensen@uts.cc.utexas.edu Seine Artikel finden Sie unter http://uts.cc.utexas.edu/~rjensen/index.html

Übersetzt von: Andrea Noll
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Desinformation.

Kommentar von flora am 30.01.2010 10:35
Der Artikel deckt die Hintergründe auf die eine informative deutsche Berichterstattung über Haiti verhindern. Die Berichterstattung über die Zustände in Haiti heute und in der Vergangenheit wird von den USA gesteuert (bestimmt) die spätestens seit 1915 den kleinen Karibikstaat als ihr Protektorat behandeln. Zwischen dem Katastrophenhandling in New Orleans und Port au Prince besteht für die kein Unterschied! Das ist aus deren Sicht eine inneramerikanische Angelegenheit! Nicht ohne Grund hat der Friedensnobelpreisträger Obama die „Spezialisten“ Bush (New Orleans) und Clinton (Ruanda) zu seinen Haiti-Gesandten gemacht!!!! Die USA verteidigen mit Zähnen und Klauen ihren Einfluss in ihrem Satrapenstaat weil sie fürchten ihn in dieser Katastrophe vielleicht doch zu verlieren wie sie Cuba verloren haben oder auch Venezuela und andere aufmüpfige ehemalige Vaslallen-Staaten "vor ihrer Haustür". Darum schicken sie auch das Militär „zur Hilfe“ und nicht Hilfsgüter und zivile Helfer wie alle anderen, besonders Frankreich und China. Es geht ihnen nicht darum den Menschen zu helfen, sondern sie zu vergewaltigen. Ein Dominanzgehabe (Revierverhalten) wie man es bei Hähnen oben auf dem Misthaufen (Trümmerhaufen) beobachten kann. Hilfe verweigern, andere Helfer behindern oder verjagen, das Militär schicken, warten bis die Menschen vor Hunger, Durst und Schmerz wahnsinnig werden und dann alles militärisch im Griff haben ist eine Überfallstrategie die nur sehr schwer der Weltöffentlichkeit als wohldurchdachte Hilfeleistung zu verkaufen ist! Man muss schon total senil sein um das als eine kluge und energische Hilfeleistung zu interpretieren. (Peter Scholl Latour im TV). Mit solcherart kräftiger Beihilfe ALLER deutscher Medien scheint aber das Unmögliche trotzdem zu gelingen. Niemand in Deutschland fragt ernsthaft nach, warum die so professionelle Hilfe der Deutschen diesesmal, wie in New Orleans, "total versagte". Selbst das ist bis heute erfolgreich verheimlicht worden! Nur die fast übermenschlichen Anstrengungen einselner deutscher Helfer durften herausgestellt werden, weil sie nicht zu verheimlichen waren. Das ist Desinformation vom Feinsten. Wie Berichterstattung in Deutschland über Haiti manipuliert wird zeigt ein Beispiel aus 2004, als die USA Haiti zum letzten male überfielen: Anfang 2006 beging der kommandierende General der UN-Truppen Urano Teixeira da Matta Bacellar Selbstmord. Wahrscheinlich beging er deswegen Selbstmord, weil ihm klar geworden war, dass die UNO unter Kofi Annan ein reiner Erfüllungsgehilfe der USA ist, der für das Elend auf Haiti mit verantwortlich ist, und nicht nur auf Haiti, wo der Herr Annan hilft die Besatzungskosten des US-Imperiums zu minimieren. Ein anderer UN-Geschädigter, der UN-General aus Kanada der den UN-Einsatz in Ruanda leitete, leidet bis heute unter einem Trauma und weist der UNO, also auch sich selbst, die Verantwortung an dem dortigen Völkermord zu, und dort speziell Koffi Annan. Und das belegt er lückenlos in einem Buch! Haiti wurde 2004 von den USA in einem feindlichen und völkerrechtswidrigen Akt besetzt um es in das US-Imperium wieder fest einzureihen, nachdem es für Jahre gezielt in den Zustand eines so genannten „zerfallenen Staates“ versetzt wurde. Diese Form des Imperialismus erhält im überfallenen Land eine Fassade der nominellen Unabhängigkeit aufrecht und reduziert damit die politischen Kosten und Gefahren des Kolonialismus. Und das ging im Falle Haiti so: An dem Morgen der der Nacht folgte, in der die USA ihren durchgedrehten Schützling Präsident Aristide aus dem Lande brachten, im Jahre 2004, berichtete der Korrespondent eines deutschen Regional-Radiosenders VOR ORT vormittags (0600 Uhr Haitizeit), dass während der letzten Nacht, wie erwartet, die Rebellen Port-au-Prince besetz hätten, ohne das ein einziger Schuss gefallen sei. Alles sei zivilisiert über die Bühne gegangen und nun hätte Haiti zum ersten male die Chance, ohne einen Handlanger der USA als Präsidenten hinnehmen zu müssen, seine eigenen Interessen wahrzunehmen und wirklich frei zu werden. (welch ein Träumer, dieser Journalist). Denn zwei Stunden später, der US-Botschafter in Deutschland hatte wohl ein paar ernste Worte mit dem Intendanten des norddeutschen Radiosenders gewechselt, berichtete der selbe Sender nun, anscheinend ohne jegliche Skrupel, dass seit einer halben Stunde US-Luftlandetruppen in großer Zahl über Port-au-Prince abspringen, UM DEN GRAUENHAFTEN MASSAKERN AN DER ZIVILBEVÖLKERUNG WÄHREND DER LETZTEN NACHT UND DEN SCHIEßEREIEN ENDLICH EIN ENDE ZU SETZEN. Die marodierenden Rebellen würden in großer Zahl vernichtet. Die USA hätten aber nicht die geringste Absicht das Land zu besetzen, (hat Hillerie Clinton letzte Woche auch als allererstes behauptet, als sie auf Haiti erschien) geschweige denn gar zu ANNEKTIEREN. Nein, nein, niemals! Diese "Drecksarbeit" (dieses Verbrechen) erledigt seit längerem bereits die UNO für die Supermacht. Natürlich auch aus Kostengründen und um des politischen Erscheinungsbildes wegen. (Neokolonialismus) Und genauso ist es dann auch gekommen, Herr Annan hat erwartungsweise gespurt, nur leider hat sich der kommandierende UN-General als „Weichei“ erwiesen und sich umgebracht, als er begriff was er da auf Haiti wirklich machte, UND VOR ALLEN DINGEN FÜR WEN ! C. Pichlo