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Herausforderung für Mitchell

Nach Gaza, fünf Fragen zu palästinensischen und israelischen Realitäten

von Sandy Tolan

30.01.2009 — Tomdispatch/Znet

Die Ironie des israelisch-plästinensischen „Friedensprozesses“ wurde mir zum ersten Mal bewusst, als ich 1996 durch die West Bank von Hebron nach Jerusalem fuhr. Ich war von der mit Schlaglöchern übersäten Hauptstraße, die durch die palästinensischen Dörfer und Flüchtlingslager führt, abgebogen und fuhr nach Westen nach Kiryat Arba. In dieser israelischen Siedlung hatten Bewunderer von Baruch Goldstein, dem Siedler aus Brooklyn, der 1994 in der Grotte der Patriarchen neunundzwanzig Palästinenser mit einem Gewehr getötet hatte, ein Denkmal errichtet. An dem unheimlichen, von Kerzen erleuchteten Schrein der Siedlung bog ich nach Norden ab und befand mich bald auf einer ruhigen, glatten „Umgehungs“straße. Diese Straße war, wie ich erfuhr, eine von vielen, welche die Israelis, neben neuen und expandierenden Siedlungen, bauen und die es den Siedlern ermöglichen, unbehelligt von ihren West Bank-Inseln zum „Festland“ des jüdischen Staates zu kommen.

Wie seltsam, dachte ich naiv, als ich an einem grauen Winternachmittag diese einsame Straße Richtung Jerusalem entlang fuhr. Ist das nicht ein Tail des Landes, das die Palästinenser für ihren Staat benötigen? Warum gaben dann die israelischen Behörden mitten im Friedensprozess von Oslo – kaum drei Jahre nach dem berühmten Handschlag von Rabin und Arafat auf dem Rasen des Weißen Hauses – die Bauerlaubnis für etwas, was deutlich die Anwesenheit der Siedler auf palästinensischem Gebiet zementierte?

Zwölf Jahre später haben diese in der Zeit nach Oslo geschaffenen „Tatsachen vor Ort“ den traditionellen Pfad zum Frieden beinahe zum Scheitern verdammt. Die Zwei-Staaten-Lösung, auf der seit 1967 das Hauptaugenmerk aller Bemühungen zur Beendigung der Tragödie von Israel und Palästina lag, wurde unterminiert von der immer sichtbarer werdenden Realität der rot gedeckten israelischen Siedlungen, den militärischen Außenposten, Überwachungstürmen und dem Netz der den Siedlern vorbehaltenen Straßen, auf denen die Israelis von ihren Wohnungen auf der West Bank zum Gebet in die Altstadt von Jerusalem oder zum Einkaufen und an den Strand von Tel Aviv brausen. Bis 2009 wurde die Präsenz der Israelis so groß und das palästinensische Leben – sowohl physisch wie politisch – so zersplittert, dass es nun einer todesmutigen geistigen Anstrengung bedarf sich vorzustellen, wie eine Zwei-Staaten-Lösung je implementiert werden könnte.

Fünf Fragen zur israelisch-palästinensischen Zukunft

George Mitchell, der ehemaliger Mehrheitsführer im Senat und Obamas respektierter, unparteiischer Nahost-Beauftragter wird seine beträchtlichen Fähigkeiten für dieses immer entmutigendere Problem einsetzen. Seitens einiger Hardliner der pro-Israel-Lobby und der christlichen Zionisten[1], die sich, unter George W. Bush, daran gewöhnten zu bekommen, was immer sie wollten, hat Mitchells allgemein anerkannte Unparteilichkeit bemerkenswerte Kommentare[2] hervorgerufen, was allein schon ein Zeichen dafür ist, dass Obamas Herangehensweise an die Region tatsächlich einen Bruch mit der Vergangenheit darstellen könnte.

Dass die Zwei-Staaten-Lösung nun am Tropf hängt, wird einem Vermittler[3] wie Mitchell, für den die Tatsachen und die Ziele beider Völker anscheinend tatsächlich von Bedeutung sind, wohl schnell klar werden. Er täte also gut daran, unvoreingenommen und bereit zu sein, ein paar harte Fragen zu stellen. Das könnten unter anderem folgende sein:

1. Was bedeutet die Tatsache, dass die israelischen Bauarbeiten unaufhörlich weiter gehen, für ein „lebensfähiges zusammenhängendes“ Palästina?

Nur durch eine Fahrt durch die West Bank kann man die vielen, der Zwei-Staaten-Lösung beigebrachten Schnitte wirklich verstehen. Seit 1994 habe ich diese Landschaft oft und oft kreuz und quer durchfahren, aber nie war die konkrete Präsenz der Siedlungen und der militärischen Kontrollen so dicht. Seit Beginn des „Friedensprozesses“ von Oslo 1993 stieg die Zahl der jüdischen Siedler in der West Bank von 109.000 auf 275.000 – und darin sind die jüdischen „Vorstädte“ in Ostjerusalem nicht enthalten, die die Gesamtzahl der Siedler auf fast eine halbe Million erhöhen. Etwa 230 Siedlungen und strategisch plazierte „Außenposten“[4] sind nun quer durch die West Bank auf den höchsten Punkten der Hügel verteilt und überragen weißgetünchte palästinensische Dörfer.

Die willkürlich plazierten Außenposten, streng genommen unter israelischem Gesetz verboten[5], aber von einigen Regierungsmitgliedern unterstützt, sollen an größere Siedlungen anschließen und eine dauernde jüdische Präsenz auf palästinensischem Land bilden. Es ist nicht läger möglich, größere Stecken in der West Bank zu fahren, ohne auf Siedlungen, Militärposten, Siedlerstraßen, Wachtürme, Straßensperren, stationäre oder „fliegende“ Kontrollpunkte zu treffen. In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der Barrieren in der West Bank (Straßensperren, Kontrollpunkte und andere Hindernisse) um beinahe 70 Prozent gestiegen und beträgt nun über 625 – und das in einem Land, das ungefähr so groß ist wie Delaware (ca. 5000 km²; d. Ü.).

Wie all das[6] wieder rückgängig gemacht werden kann, um einen „lebensjähigen zusammenhängenden“ Staat Palästina zu schaffen, scheint zunehmend eine Frage ohne Antwort zu sein. In den Camp-David-Gesprächen im Jahr 2000, und in jüngerer Zeit in Gesprächen zwischen dem israelischen Premierminister Ehud Olmert und dem Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde PNA Mahmoud Abbas, wurde viel über große, zusammengeschlossene „Siedlungsblöcke“ und Landtausch geredet, um ein zusammenhängendes Palästina zu ermöglichen.

So weit ein ungeteiltes Palästina je möglich war – und hinter den Kulissen gab es diesbezüglich viele Gespräche, selbst damals 2000 unter amerikanischen Unterhändlern in Camp Davis – haben die, von Israel bewusst geschaffenen, Fakten vor Ort das nun praktisch fraglich gemacht. Die Landkarten[7] der vielen „Lösungs“vorschläge[8] zeigen die zerstückelte West Bank[9], zerschnitten von Mauern, Siedlungen, Militärposten und „Sicherheitszonen“. Weit entfernt von der Zwei-Staaten-Lösung, die man sich im Gefolge des Kriegs von 1967 vorstellte, sehen die Landkarten von heute eher wie Werbung für einen Science-Fiction-Film mit dem Titel „Das unglaublich schrumpfende Palästina“ aus.

2. Wie kann ein lebensfähiger palästinensischer Staat existieren, wenn es in seiner Mitte eine Stadt mit 20.000 Einwohnern gibt?

Die jüdische Siedlerstadt Ariel[10]) wurde 1978 entgegen US-amerikanischen und internationalen Bedenken im Herzen des West Bank-Distrikts Salfit gegründet. Ein ganzes Drittel der Stadt ragt in palästinensisches Land hinein. Israels „Sicherheitszaun“ (von den Palästinensern „Apartheid-Mauer“ genannt), der angeblich der Grenze zwischen Israel und der West Bank folgt, tut das in Wirklichkeit nicht. Bei Ariel biegt er elf Meilen (17,7 km; d. Ü.) scharf nach Osten ab, um die ganze Siedlung zu umschließen. Deshalb sagt Ariels Führung selbstbewusst, dass ihre Siedlung, im Grunde genommen eine Schlafstadt für Tel Aviv mit eigener Universität und Industriegelände, „hier bleiben“ wird.

Die Räumung von Ariel – eine unverhandelbare Position der Palästinenser – war tatsächlich praktisch in keinem der auf Camp David zurückgehenden Friedenspläne enthalten, den informellen Friedensplan von Genf 2001[11], der vom israelischen und amerikanischen Friedenslager groß propagiert wurde, eingeschlossen. Deshalb schicken Ariels Stadtväter ruhigen Gewissens ihren jungen „Direktor der Aliyah der Gemeinde[12] (jüdische Auswanderung nach Israel)“, den in West Orange, New Jersey aufgewachsenen Avi Zimmerman quer durch die USA, um mehr amerikanische Juden zu einem Umzug in die Siedlung zu bewegen. „Das ist das Einsammeln der im Exil Lebenden“, sagte Zimmerman zu mir auf einem Hügel über Ariel. „Man muss sicher stellen, dass der Strom nicht abreißt.“

Für die in der Umgebung lebenden Palästinenser macht die Existenz von Ariel und anderer Siedlungen Fahrten in andere Orte zum Alptraum. Osama Odeh, der in dem Dorf Bidya[13] (auf Arabisch „Olivenmahlstein“) geboren wurde, erzählte mir, dass er für einen Besuch bei Freunden in einem fünf Meilen entfernten Dorf erst nach Osten, dann nach Süden und dann nach Westen fahren muss, durch viele israelische Militärkontrollstellen, an denen er seine Papiere herzeigen, den Kofferraum aufmachen muss und sich mit Fragen über seine Absichten und vergangene Aufenthalte konfrontiert sieht. Die Fahrt kann eine Stunde dauern. Oder zwei, oder drei. „Aus drei oder vier Kilometern werden vierzig,“ sagt er. „Das ist lächerlich. In Namen der Sicherheit können sie dein Leben zur Hölle machen.“

Für die vielen Dorfbewohner ohne Auto ist die Fahrt praktisch unmöglich geworden, was die politische und soziale Abkoppelung begünstigt. „Sie breiten sich immer weiter aus,“ sagt Odeh über die Siedlungen. „Man fühlt sich wie in einer Falle. Dörfer, die seit Hunderten von Jahren hier bestanden haben, sind nun wie zerstückelt.“ Landkarten der UN[14] zeigen, dass die Palästinenser zu ungefähr 40 Prozent der West Bank nur eingeschränkten Zutritt haben, und gleichzeitig die Mehrheit der palästinensischen Städte im Grunde genommen wie isolierte Kantone funktionieren.

Einige israelische Unterhändler, unter ihnen Otniel Schneller, stellvertretender Sprecher der Knesset und langjähriger Anführer der Siedlerbewegung, haben israelische Ingenieure aufgefordert, Lösungen zu finden. Ihre Antwort war ein Netzwerk von Tunneln, Straßenüberführungen und Brücken, um die Palästinenser unter den Siedlungen durch und um sie herum zu führen. Für Schneller bedeuten diese Lösungen aus Beton, dass in „Judea und Samaria“ eine deutlich sichtbare jüdische Präsenz erhalten bleibt, während man den Palästinensern angeblich „Bewegungsfreiheit“ durch streng kontrollierte Schneisen erlaubt. Was nicht gerade das ist, was sich die Palästinenser in ihrem jahrzehntelangen Befreiungskampf vorgestellt hatten.

3. Welcher palästinensische Staat hätte gerne seine Hauptstadt in einem Dorf fern von Jerusalems Altstadt und praktisch abriegelt von einem Großteil der West Bank?

Die Palästinenser haben immer auf Ostjerusalem als Hauptstadt bestanden, einschließlich der Teile der Altstadt, in denen die heiligen Stätten der Moslems liegen. In Camp David lehnte PLO-Anführer Yasser Arafat 2000 ein amerikanisch-israelisches Angebot für einen „souveränen Präsidentenbezirk“ neben den heiligen Stätten der Moslems ab. Er verspottete das als „eine kleine Insel umgeben von israelischen Soldaten“. In jüngerer Zeit haben israelische Unterhändler ihre Absicht wiederholt[15], die Altstadt und ihre heiligen Stätten zu behalten. Sie schlugen sogar vor, dass die eigentliche palästinensische Hauptstadt in einem der arabischen „Viertel“ Ostjerusalems eingerichtet werden sollte – kleinen Dörfern, die für die Palästinensern nie Teil von Jerusalem waren, die aber nun, dank der von israelischen Städteplanern neu gezogenen Verwaltungsgrenzen, zu Großjerusalem gehören.

Selbst wenn die palästinensische Hauptstadt in der Altstadt liegen sollte, wäre sie nicht in Lage, von hier aus das übrige Palästina zu regieren. Seit Israel 1967 Ostjerusalem eroberte, hat die israelische Regierung rund um das arabische Ostjerusalem einen Ring von jüdischen „Vorstädten“ gebaut. Heute leben dort fast 200.000 Israelis. Praktisch riegelt dieser Ring Ostjerusalem von Bethlehem, Hebron und den palästinensischen Dörfern im Süden ab.

Eine der letzten Stellen, an denen der Ring zuschnappte, ist Har Homa, eine Siedlung, die auf einem Hügel zwischen Jerusalem und Bethlehem gebaut wurde, der bei den Palästinensern als Jabal Abu Ghneim bekannt ist. Ich erinnere mich an den Hügel, wie ich ihn 1996 von Bethlehem aus sah. Damals hatten israelische Kettensägen und Maschinen für Erdbewegungen schon Schneisen in den Koniferenwald auf dem Hügel geschlagen, was ihm sozusagen einen schlechten Haarschnitt verpasste. Palästinensische Aktivisten, die diesen Teil der West Bank auf keinen Fall aufgeben wollten, hatten ein Notlager errichtet, das rundum die Uhr besetzt war, mit der Absicht, ihren friedlichen Protest erst nach der Aufgabe des Anspruchs durch Israel aufzugeben.

Heute sind die Bäume verschwunden und durch lange Reihen weißer Häuser für Israelis ersetzt. „Das ist der letzte Ort, von dem aus man die Nabelschnur zwischen Bethlehem und Jerusalem etablieren kann“, sagte Jad Isaac, Direktor der palästinensischen Denkfabrik Applied Research Insitute in Bethlehem. „Der Bau von Har Homa zerstört also den Friedensprozess. Wenn Har Homa nicht total zerstört und an die Palästinenser zurück gegeben wird, wird es keinen Frieden geben.“

Für Bewohner von Bethlehem wie Isaac werden die palästinensischen Bestrebungen für einen zusammenhängenden Staat durch den Keil von Har Homa und anderen „Vorstädten“ von Ostjerusalem praktisch zunichte gemacht. Falls es diesbezüglich noch Zweifel gab, wurden sie von Israels Trennmauer beseitigt.

Am nördlichen Rand von Bethlehem ist die siebeneinhalb Meter hohe Betonmauer mit zwei schmalen einspurigen Gassen für Fußgänger in die Landschaft getrieben. Jede Gasse ist ungefähr viereinhalb Kilometer lang und von Stahlstäben umgeben, die vom Betonboden bis zur Metalldecke reichen. Die wenigen Palästinenser mit einer Erlaubnis zum Verlassen von Bethlehem haben deshalb unweigerlich das Gefühl, durch eine Viehgasse zu gehen. (Die Palästinenser ziehen eine Analogie mit Geflügel vor und nennen die Gassen „ma´aatet al-jaaj“, die Hühnerrupfmaschine.) Als ich diesen Weg entlang ging und am anderen Ende am Südrand von Jerusalem auf die Nordseite der Mauer zurückblickte, war ich sprachlos über das Banner unterhalb des Geschützturms und des Wachturms. Es stammt aus dem Tourismusministerium und erklärt auf Hebräisch, Englisch und Arabisch: „Friede sei mit dir.“

4. Wie kann man einen lebensfähigen Staat bilden, wenn man nur mit dem geschwächten Vertreter einer der palästinensischen Fraktionen verhandelt?

Selbst wenn alle oben beschriebenen Hindernisse auf wunderbare Weise verschwänden, könnte die überholte amerikanische Strategie, nur mit Fatah und ihrem Anführer, Mahmud Abbas, zu verhandeln, George Mitchells Arbeit ernsthaft behindern. Als „moderater“ Palästinenser wurde Abbas lange von den Amerikanern unterstützt, im Gefolge der jüngsten israelischen Offensive in Gaza hat er aber bei den Palästinenser praktisch jegliche Glaubwürdigkeit verloren. (Seit dem 9. Januar ist er auch technisch gesehen nicht mehr palästinensischer Präsident.)

Trotz der Toten und der Zerstörung dieser letzten Wochen gewinnt für immer mehr Beobachter aus der Region die Hamas in der West Bank an Einfluss, während sie gleichzeitig in Gaza die Macht fest in Händen hält. „Die islamistische Bewegung wird gegenüber den rivalisierenden palästinensischen Fraktionen, einschließlich Fatah und die Palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah, politisch gestärkt aus diesem Krieg hervorgehen“, schrieb der kluge politische Analyst und ehemalige palästinensische Arbeitsminister Ghassan Khatib in einem Kommentar für bitterlemons[16], eine Website von israelischen und palästinensischen Analysten. Er fügte hinzu: „Der israelische Krieg gegen Gaza, der die öffentliche Sympathie für Hamas vergrößert hat ... [hat] das Machtgefüge auf der West Bank weiter zu Ungunsten von Fatah verschoben und die Palästinensische Autonomiebehörde politisch sehr verletzlich gemacht.“

Einige Leute von der West Bank, die nicht für Hamas plädieren, wiederholen, was viele Libanesen nach dem Krieg in Libanon 2006 über Hisbollah sagten: „Sie haben 22 Tage lang Widerstand geleistet – und die Führung von Fatah hat weder etwas gesagt noch getan“, schrieb mir der palästinensisch-amerikanische Journalist Lubna Takruri diese Woche aus Ramallah. „Die Menschen in der West Bank sind immer noch wütend, dass die Palästinenser an den Kontrollstellen von den Kräften der Fatah von Protesten gegen Israel abgehalten wurden, während sie all die Proteste überall in der Welt sahen. Das war enorm. Dadurch hatten die Leute das Gefühl, dass die PA [Palästinensische Autonomiebehörde] die Arbeit für die Israelis erledigte, während Israel seine Geschäfte in Gaza abwickelte.“

Erste Anzeichen deuten stark darauf hin, dass Obamas Team mit der bisherigen Strategie fortfahren und Abbas stützen wird, mit einer die Glaubwürdigkeit zerstörenden „Hilfe“ durch den CIA, und gleichzeitig solange nicht mit Hamas verhandeln wird, bis diese Israel anerkannt haben. Die Charta der Hamas ist eindeutig verachtenswert. Sie beschreibt die Juden als „die Weltherrschaft“ anstrebend und es wird erklärt, dass die Auslöschung Israels eine historische Parallele zur Niederlage der Kreuzritter durch Saladin darstelle.

Aber offizielle Stellen der Amerikaner und der Israelis haben leise Signale von Hamas ignoriert – die schließlich in freien und fairen Wahlen an die Macht kam –, dass sie sich an den von den Palästinensern ausgedrückten Wunsch einer Koexistenz mit Israel halten werde. Eines der stärksten Signale war das „Gefangengen“dokument 2006, initiiert von Anführern der Hamas und dem inhaftierten ehemaligen Fatah-Führer Marwan Barghouti, in dem im Streben nach Frieden Verhandlungen mit Israel gefordert wurden. Die Regierung Bush stellte sich auf die Seite von Israel, das darauf bestand, dass es „keinen Friedenspartner“ gebe, und zog es vor, solche Zeichen zu ignorieren. Sie unterminierte so jegliche Bemühungen für eine Einheitsregierung aus Fatah und Hamas.

Für Mitchell wäre es ein Desaster, wenn er den selben Weg einschlagen würde. Hamas wird nicht verschwinden. Die vergangenen Wochen haben den israelischen Traum zunichte gemacht, Gaza zu besiegen, und alle Versuche, nur mit der brüchigen Hülle von Fatah zu verhandeln, werden sicherstellen, dass die USA dieselben trostlosen Ergebnisse erzielen werden. Tatsache ist, dass die Einbeziehung von Hamas ein viel besserer Weg sein wird, um die Raketen am Schweigen zu halten.

5. Ist angesichts dieser immensen Hindernisse, ein lebensfähiger, zusammenhängender, souveräner Staat Palästina überhaupt noch möglich? Und wenn nicht ...

Angesichts der ungeheuren Schwierigkeiten für eine Zwei-Staaten-Lösung wird eine starke amerikanische Verhandlungsführung notwendig sein, von der Art, wie es sie seit ... naja, nie gab. Das Wahrzeichen der letzten acht Jahre (und zu einem Großteil auch der vorhergehenden acht Jahre unter Clinton) war das völlige Fehlen jeglichen amerikanischen Drucks auf Israel. Das hat niemandem gedient, auch nicht Israel.

Ehud Olmert sprach 2008 – offensichtlich ehrlich gemeint – davon, dass Israel sich aus den „meisten oder allen“ Siedlungen in der West Bank zurückziehen müsse. Dafür erhielt er keinerlei Unterstützung durch Washington. In diesem durch die amerikanische Regierung hervorgerufenen Vakuum kapitulierte Olmert vor dem Siedlerblock in seiner Regierungskoalition. Daher die Ankunft von noch mehr vor Ort geschaffenen Tatsachen in der West Bank. Diese amerikanische Regierung muss viel mehr zustande bringen.

Die letzten 16 Jahre waren auch von der Unfähigkeit gekennzeichnet, den israelisch-palästinensischen Krieg durch andere als israelische Augen zu betrachten. Mitchell wird nun, hoffentlich, Bereitschaft mitbringen, die sechs Jahrzehnte währende, aus zwei unterschiedlichen Zielsetzungen resultierende Tragödie zu verstehen, was unbedingt nötig sein wird, wenn ein gerechter, dauerhafter Friede geschlossen werden soll. Das muss auch eines der verzwickesten Probleme von allen einschließen, nämlich das Problem der 4,4 Millionen palästinensischen Flüchtlinge und die Forderung von vielen von ihnen, dass sie in ihre ursprüngliche Heimat, dem heutigen Israel, zurückkehren dürfen. Für die Israelis, die darauf beharren, dass das „Recht auf Rückkehr“ das Ende ihres Staates bedeuten würde, ist das natürlich nicht verhandelbar.

Mitchell wird bei all dem eine Offenheit und Kreativität zeigen müssen, wie sie die amerikanische Diplomatie seit der gewaltsamen Geburt Israels und der palästinensischen Katatstrophe von 1948 nicht besaß. Die Koexistenz wird zunehmend neu gesehen und die Möglichkeit eines dritten Weges erkundet, von kleinen Gruppen von Palästinensern, einer Handvoll Israelis und selbst motivierten Außenseitern wie dem libyschen Präsidenten Muammar Qaddafi[17]. Die Alternativen sind sehr unterschiedlich: Einige fordern eine Ein-Staaten-Lösung[18], andere einen binationalen Staat[19], wieder andere eine israelisch-palästinensische Konföderation[20]) oder eine Nahost-Union[21]).

Die Wörter „einziger Staat“ lösen bei vielen Israelis, die das auch als das Ende des jüdischen Staates sehen, eine innere Angst aus. Aber die Träume von dem was Albert Einstein eine „verständnisvolle Kooperation“ zwischen „den zwei großen semitischen Völkern“ nannte, sind zu großen Teilen in der Geschichte der progressiven Zionisten verwurzelt, die, wie Einstein und der große jüdische Philosoph Marin Buber, zutiefst an eine gerechte Koexistenz glaubten. Buber propagierte einen binationalen Staat einer „gemeinsamen Souveränität“, mit „völliger Gleichheit der Rechte zwischen den zwei Partnern“, basiend auf „der Liebe zu ihrem Heimatland, das diese beiden Völker teilen.“

Für viele bleibt die Zwei-Staaten-Lösung, in den Worten des ehemaligen Nahost-Unterhändlers der USA Aaron Miller, Autor von „The Much Too Promised Land“[22], „die am wenigsten schlechte Alternative“. Sollte jedoch George Mitchell nach einem ehrlichen Blick auf die immensen Hindernisse, die nun mit einer Zwei-Staaten-Lösung verbunden sind, beschließen, dass sie unüberwindbar sind, täte er gut daran, für andere Möglichkeiten offen zu bleiben und Albert Einsteins Worte nicht vergessen.

„Kein Problem“, sagte Einstein, „kann von der Bewusstseinsebene aus gelöst werden, die es hervorbrachte.“

Anmerkungen

Dieser Artikel erschien zuerst auf Tomdispatch.com (http://www.tomdispatch.com/), einem Weblog des Nation Institute mit vielen alternativen Quellen, Nachrichten und Kommentaren von Tom Engelhardt, einem langjährigen Verleger, Mitgründer des American Empire Project (http://www.americanempireproject.com/), Autor von The End of Victory Culture (http://www.amazon.com/dp/155849586X/ref=nosim/?tag=nationbooks08-20) und Herausgeber von The World According to Tomdispatch: america in the New Age of Empire (http://www.amazon.com/dp/1844672573/ref=nosim/?tag=nationbooks08-20).

Fussnoten

[1] http://www.onenewsnow.com/Politics/Default.aspx?id=392908

[2]http://www.washingtonmonthly.com/archives/individual/2009_01/016549.php

[3]http://www.newsweek.com/id/180938

[4]http://www.peacenow.org.il/data/SIP_STORAGE/files/5/2035.jpg

[5]http://www.csmonitor.com/2008/1128/p07s04-wome.html

[6]http://www.peacenow.org.il/data/SIP_STORAGE/files/6/1016.jpg

[7]http://www.fmep.org/maps/redeployment-final-status-options/west-bank-final-status-map-presented-by-israel-jul-2000/west_bank_final_status_map.gif/image_view_fullscreen

[8]http://www.fmep.org/maps/redeployment-final-status-options/projection-of-the-clinton-proposal-dec-2000/projection_clinton_proposal.gif/image_view_fullscreen

[9]http://www.fmep.org/maps/redeployment-final-status-options/israels-disengagement-options-mar-2004/disengagement_options_2004.gif/image_view_fullscreen)

[10]http://go.ariel.muni.il/ariel/en/index.php?option=com_content&task=view&id=3&Itemid=29

[11]http://www.fmep.org/maps/redeployment-final-status-options/projection-of-the-abu-mazen-beilin-plan-mar-2001/abu_mazen-beilin.gif/image_view_fullscreen

[12]http://go.ariel.muni.il/ariel/en/index.php?option=com_content&task=section&id=7&Itemid=599

[13]http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=16506897

[14]http://domino.un.org/UNISPAL.NSF/cf02d057b04d356385256ddb006dc02f/0fdeb2117237384e852572f30047059f%21OpenDocument

[15]http://web.israelinsider.com/Articles/Diplomacy/8398.htm

[16]http://www.bitterlemons.org/

[17]http://www.nytimes.com/2009/01/22/opinion/22qaddafi.html?em

[18]http://imeu.net/news/article007179.shtml

[19]http://www.icahd.org/eng/articles.asp?menu=6&submenu=2&article=478

[20]http://www.aboutipc.org/AboutUs.htm

[21]http://www.icahd.org/eng/articles.asp?menu=6&submenu=2&article=132

[22]http://www.amazon.com/dp/0553384147/ref=nosim/?tag=nationbooks08-20

Orginalartikel: Mitchell's Challenge
Übersetzt von: Eva-Maria Bach
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flora sagt
16.02.2009 15:04

Wie Herr Tolan auf die Idee kommen kann sich darüber Gedanken zu machen, wie eine Zweistaatenlösung in Palästina aussehen könnte, ob sie überhaupt noch machbar ist, nachdem er die dortige Geschichte der letzten 60 Jahre betrachtet (hoffentlich hat er das getan), ist mir ein Rätsel.
Ich bin mir sicher: er stellt eine rhetorische Frage, anders kann es garnicht sein, besonders jetzt, nach dem Morden in Gaza!
Wer jetzt noch nicht begriffen hat was schleichender Völkermord ist, der wird es nie begreifen! Selbst wenn der letzte Palästinenser vertrieben oder ermordet ist, werden solche Leute noch immer weiter nach Zweistaatenlösungen oder anderen Lösungen suchen und darüber diskutieren. Nur um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie Zeuge eines ungeheueren Verbrechens an der Menschheit werden und nichts unternehmen können, um das zu stoppen.
Während ich das hier schreibe, läuft die Kriegshetze gegen das palästinensische Volk im Deutschlandfunk munter weiter; es wird frech behauptet, dass der Raketenbeschuss durch die Palästinenser anhält, aber Israel weiter auf Friedensverhandlungen setzt!
Nein, der Frieden für Palästina hat nicht die geringste Chance, selbst die Zweistaatenlösung, als eine wenn auch furchtbare Möglichkeit, hat es nie gegeben und wird es nie geben!
C.Pichlo