Indien: Die Abschiedsbriefe der Selbstmordbauern
Begründungen für Suizide aus Not
von P. Sainath
10.05.2010 — ZNet
Ramachandra Raut wollte, dass sein Brief an den Premierminister und den Präsidenten authentisch wirkt. Er schrieb ihn mit Sorgfalt und benutzte kein Gerichtsformular sondern einen Brief, der oben mit einem gültigen 100-Rupien-Schein frankiert war*. Er fügte einige weitere Adressen hinzu - an die Dorfverwaltung (sarpanch) und die Polizei. Dann schickte er den Brief ab - in der Hoffnung, er würde irgendwie sein Ziel erreichen. Anschließend beging Raut Selbstmord. Angesichts von nahezu 250 Bauernselbstmorden in den vergangenen 4 Monaten in Vidarbha ist sein Fall nichts Besonderes. Aber dieser verzweifelte Dorfbewohner wollte, dass man die Gründe für seine Tat erfuhr: "Zwei Jahre hintereinander Ernteausfall sind der Grund". Dennoch seien "Angestellte der Bank zweimal zu mir nach Hause gekommen, um die Kredite an mich zurückzuholen" (obwohl die Regierung angeordnet hatte, dass in einer Region, die von Ernteausfällen, Krisen und (in letzter Zeit) Dürren heimgesucht wird, Rückzahlungen langsamer eingefordert werden sollen).
Rauts Selbstmord ereignete sich in dem Ort Dhotragoan, im Washim-Distrikt. Es war schon der dritte Selbstmord innerhalb eines Monats in dieser Ortschaft. Es liegt dem Dorf viel daran, dass sich die Welle nicht ausbreitet. "Wir versuchen es so einzurichten, dass wir jeden Abend für eine Stunde zusammenkommen - alle, jeder, der kommen will", sagt Nandkishore Shankar Raut aus Dhotragaon. "Dahinter steht die Idee, die Menschen moralisch zu stärken". Das Dorf Dhotragaon berät sich selbst. Der Brief von Ramachandra Rau war gleichzeitig ein Appell. Er wollte vermeiden, dass falsche Schlüsse gezogen werden. "Belästigt niemanden in meinem Haus", schreibt er in seinem Brief, hinsichtlich der Polizei. "Ich selbst trage die volle Verantwortung für meine Tat". Der Rupienschein trägt den Stempel des stellvertretenden Schatzkanzlers von Mangrulpir tehsil (Datum: 29. März), und er trägt den Stempel des Briefmarkenverkäufers, der Raut das frankierte Papier am 7. April verkauft hatte. Raut schrieb seinen Brief und beging noch am selben Tag Selbstmord.
Die Familie schuldet der Bank umgerechnet $3285. Das Dorf führte eine Spendensammlung durch - für das dreizehntägige Beerdigungsritual - denn Rauts verschuldeter Familie sollten weitere Kosten erspart bleiben.
Einzigartig
Die Bauernselbstmorde in Vidarbha sind auf der einen Seite einzigartig. Einige Selbstmörder schickten Selbstmordankündigungen an den Premierminister, an den Ministerpräsidenten oder den Finanzminister. Im Juli 2006 war Indiens Premierminister Dr. Manmohan Singh in die Region gereist. Einen Monat später, im August, schrieb Rameshwar Lonkar, aus Wardha, dem Premier: "Nach dem Besuch des Premierministers und Berichten über neue Kreditvergaben für (den Anbau von) Feldfrüchte(n) dachte ich schon, ich könnte wieder leben", schrieb er. Doch als er versucht habe, einen Kredit zu erhalten, habe man ihn jedesmal abgewiesen. Im gleichen Jahr schrieb auch Sahebrao Adhao seinem 'letzten Willen'. Darin ging es um Wucher, Schulden und Landraub.
Im November 2006 schrieb der Baumwollbauer Rameshwar Kuchankar aus Yavatmal an den damaligen Ministerpräsidenten des Bundesstaates Maharashtra - Vilasrao Deshmukh. Er kritzelte eine kurze Notiz zusammen und brachte sich einige Sekunden später um: "Wir haben die Schnauze voll von den Verzögerungen bei der Bearbeitung und angesichts rapide sinkender Preise... Herr Ministerpräsident, geben Sie uns unseren Preis". Außerdem warnte er Inneminister RR. Patil: Falls der Preis nicht umgehend steige, würde die Selbstmordrate steigen .Kuchankar behielt Recht.
"Diese Notizen sind der letzte verzweifelte Aufschrei von Menschen, die ihrer Regierung sagen wollen, warum die Landwirte so verzweifelt sind", sagt Ksihor Tiwari. Er ist Vorsitzender der Vereinigung 'Vidarbha Jan Andolan Samiti' (VJAS), die sich für die Rechte der Bauern einsetzt. "Wir stellen Expertenkomitees zusammen, die für uns herausfinden solllen, weshalb sich die Bauern umbringen. Schließlich legen Sie uns ihre Gründe in ihren Selbstmordnotizen ja sehr deutlich dar". In den Selbstmordankündigungen ist oft von Verschuldung die Rede, von steigenden Produktionskosten in der Landwirtschaft, von hohen Lebenshaltungskosten und schwankenden Preisen. Einige schimpfen über die Zurückhaltung der Politik und den Einbruch der Kredite, wodurch in den letzten zehn Jahren Tausende Bauern in der Region ruiniert wurden. Ernteausfälle und Zeiten der Trockenheit gaben vielen den Rest, deren Existenz bereits auf der Kippe gestanden hatte.
Wenn es in einem einzelnen Agrardistrikt zwei Jahre lang Ernteausfälle gibt, kann das bedeuten: 34 Monate kein Einkommen. Die Region Vidardha profitierte kaum von dem 'Kreditschuldenerlass für Bauern' von 2008, da das Gesetz nur Bankschulden berücksichtigte. Bauern mit mehr als 5 Acres (circa 225 Ar) wurden überhaupt nicht berücksichtigt. Es wurde auch nicht zwischen trockenen und bewässerten Farmen unterschieden. In West-Vidarbha ist es für die Bauern eher üblich, zu einem Geldverleiher zu gehen als zu einer Bank. In dieser Region gibt es kaum künstliche Bewässerung. Im Durchschnitt besitzt ein Bauer dort rund 7 Acres (1 Acre entspricht circa 40,5 Ar).
Zweidrittel der Bauernselbstmorde in Indien ereigneten sich in fünf Bundestaaten. Absoluter Spitzenreiter war Maharashtra. Gemäß der 'Nationalen Kriminalitätserfassungsbehörde' (NCRB) wurden zwischen 1997 und 2008 in Maharashtra 41 404 Fälle von Bauernselbstmorden registriert. Das sind mehr als ein Fünftel aller Selbstmorde (in diesem Zeitraum) in ganz Indien (circa 200 000). 12 Jahre Datenerfassung durch die NCRB belegen, dass der Zeitraum zwischen 2006 und 2008 mit Abstand der schlimmste war und Vidarbha das Zentrum der Tragödie.
Zurück auf Null
Es hat den Anschein, als wiederhole sich die Situation von 2005/2006, der Zustand, bevor Premierminister Manmohan Singh die Region besuchte. Nachdem es zu einer Welle von Selbstmorden gekommen war, fühlte sich die Regierung des Bundesstaates Maharashtra unter Druck. Sie sprach mit verschiedenen Zungen. Mitte 2005 gab sie die Zahl 141 heraus. Lediglich 141 Menschen sollten sich in dem Bundesstaat seit 2001 in einer Stresssituation das Leben genommen haben. Vor Gericht wurde dies angefochten. Daraufhin hieß es, die Zahl liege bei 524 Selbstmorden. Im gleichen Jahr besuchte ein Team der 'Nationalen Bauernkommission', unter Leitung von Dr. M.S. Swaminathan, die Region und fand heraus, dass es allein im Distrikt Yavatmal 300 Selbstmorde gegeben hatte. Die endgültige Zahl aller Selbstmorde im Jahr 2005 im Bundesstaat Maharashtra legte die NCRB schließlich bei 3 926 Fällen fest.
"Eine Zeitlang", so Mr. Tiwari von VJAS, "veröffentlichte der Bundesstaat die echten Zahlen auf der Webseite von 'Vasantrao Naik Farmers' Self-Reliance Mission'", einer Selbsthilfeorganisation von Bauern. "Das war, weil Premierminister Singh die Region besucht hatte und weil Gerichte hart durchgriffen". Die Zahlen lagen sogar höher, als alles, was selbst die VJAS registriert hatte. In diesem Jahr (2010) ist die Sparte auf der Webseite von 'Vasantrao...' bislang leer geblieben. Das Agrarministerium antwortete auf eine Frage aus dem Parlament, die sich auf Behauptungen des Bundesstaates bezog, dass es vom Januar bis zum 8. April 2010 nur 23 Bauernselbstmorden gegeben habe.
Dies wurde behauptet, obwohl andere Bereiche der Regierung (sowie der Oppositionsführer) Zahlen vorlegen, die um das Zehnfache höher liegen. 'Vasantrao..' veröffentlichte unterschriebene Dokumente, die 62 Todesfälle - allein seit Januar - belegen (allerdings stellt die Organisation sie nicht auf ihre Webseite).
Es ist schon Routine, die Zahlen zu schönen, indem man Hunderte von Selbstmorde als "nicht echte" (non-genuine) Selbstmorde klassifiziert. Das bedeutet, es müssen keine Kompensationen gezahlt werden. Ziel ist es, dem Staat Ausgaben für trauernde Familien zu ersparen. Durch diese Praxis wurde schon viel Schaden angerichtet. Ein hoher Offizieller sagte: "Wir machen uns selbst etwas vor" und "kein Wunder, dass Ramachandra Raut glaubte, es sei das Beste, seinen Brief an den Premierminister und den Präsidenten auf vorfrankiertes Papier zu schreiben. Er wusste, hier in Maharashtra nimmt man nichts ernst".
Anmerkung d. Übersetzerin
*Im Orgininalartikel finden Sie (auf Seite 2) eine Abbildung des Briefes, der zur Hälfte aus einem 100-Rupien-Schein und im unteren Teil aus dem Abschiedsbrief des Bauern Raut besteht.
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