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Interview über Barbara Ehrenreich neues Buch

'Bright-Sided...'* Die unsägliche Macht des 'positiven Denkens'

von Amy Goodman und Barbara Ehrenreich

13.10.2009 — Democracy Now!

In ihrem neuen Buch schreibt Barbara Ehrenreich über die, ihrer Ansicht nach, "destruktive Macht" der Bewegung des positiven Denkens in Amerika. Es geht um Themen wie Brustkrebs und Jobs, Wirtschaft und die Politik im allgemeinen. Im ersten Teil schreibt sie über ihre eigenen Erfahrungen mit der Brustkrebs-Kultur. Sie selbst bekam die Diagnose 'Brustkrebs' im Jahr 2000 gestellt. Ehrenreich sagt, die Kultur, des positiven Denkens, die in den USA vorherrsche, dränge Patientinnen, keine Wutgefühle zu zuzulassen und der Krankheit einen Sinn, ja sogar etwas Positives abzugewinnen. Sie schreibt: "Die extremste Einschätzung lautet: Brustkrebs ist überhaupt kein Problem, nicht einmal eine Unannehmlichkeit - vielmehr ein 'Geschenk', für das wir uns von Herzen bedanken sollten".

Barbara Ehrenreich:

'Bright-Sided: How the Relentless Promotion of Positive Thinking Has Undermined America', lautet der Titel des Buches. Es ist ihr 17. Buch Buch. Eines ihrer berühmtesten ist 'Arbeit pur' ('Nickle and Dimed'). Sie schreibt regelmäßig für Harper's und The Nation und verfasst Kolumnen für die New York Times und das Time Magazine.

Sharif Abdel Kouddous:

Der Oktober ist in den USA der Monat, in dem wir an Brustkrebs erinnert werden. Tausende tragen rosa Schleifchen. Im ganzen Land finden Veranstaltungen und Märsche statt, um auf die Krankheit aufmerksam zu machen.

Nun, das Buch unseres nächsten Gastes beginnt mit einer Analyse der Brustkrebs-Kultur in Amerika (...)

Amy Goodman:

Zu Beginn ihres Buches schreibt Barbara Ehrenreich über ihre eigenen Erfahrungen mit der Brustkrebs-Kultur. Sie bekam die Diagnose im Jahr 2000 gestellt (...)

In ihrem neuen Buch dokumentiert Ehrenreich die "destruktive Macht" der Bewegung des positiven Denkens in Amerika. Sie beschreibt diese Macht bei Themen wie Brustkrebs und Jobs, Wirtschaft und Politik im allgemeinen.

Barbara Ehrenreich ist uns nun im Firehouse-Studio zugeschaltet.

Willkommen bei Democracy Now! Es ist toll, Sie bei uns zu haben.

Barbara Ehrenreich:

Schön, bei Euch zu sein.

Amy Goodman: Sagen Sie uns bitte etwas über Ihre Erfahrungen mit Brustkrebs. Sprechen wir über den ersten Teil Ihres Buches, in dem Sie schildern, wie Sie von ihrer Diagnose erfuhren.

Barbara Ehrenreich: Okay. Dieses Buch sollte eigentlich den Titel tragen: 'Was ich durch meinen Brustkrebs gelernt habe, um die heutige finanzielle Kernschmelze besser verstehen zu können".

Ich wurde vor acht Jahren diagnostiziert und begann - was wohl natürlich war -, im Internet nach Informationen und Unterstützung zu suchen, nach all diesen Dingen. Doch ich fand etwas ganz anderes. Ständig diese Aufforderungen, positiv zu denken, fröhlich zu sein, ja sogar die Krankheit als Geschenk dankbar anzunehmen. Ich meine, wenn Sie das unter einem Geschenk verstehen, streichen Sie mich bitte von Ihrer Geschenkliste für Weihnachten. Ich war verwirrt. Das Ganze war verbunden mit der Idee, es werde mir nicht besser gehen, solange ich nicht all mein positives Denken mobilisiere - und das ständig. Glücklicherweise kann ich Ihnen sagen: An der Sache ist nichts dran. Ich meine, es gibt heute genügend wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass Stimmungen nicht ausschlagend dafür sind, ob es einem besser geht oder nicht. Aber stellen Sie sich vor, wie groß die Belastung für Leute ist, die an einer schweren Krankheit leiden. Ständig sollen sie sich Gedanken über ihre Stimmungen machen und daran arbeiten. Wissen Sie, das ist wie eine zweite Krankheit.

Sprechen wir über die Forschung. Was Sie sagen, wird manche überraschen. Ich meine, vor ein paar Jahren waren Sie selbst noch Biologin an der Rockefeller University.

O ja. Schließlich hat es sich doch noch als ganz nützlich erwiesen. Was ich meine, ist Folgendes: Es gibt diese weitverbreitete Idee - sie kommt einem so bekann vor, dass sie einem gar nicht mehr auffällt: Das Immunsystem verbessere sich, sobald wir positiv denken, heißt es. Nun, da ist nicht viel dran. Es gibt wenig, was dafür spricht. Hinzu kommt - um zum Kern der Sache zu kommen -, dass es noch nicht einmal bewiesen ist, dass das Immunsystem überhaupt mit Krebs zusammenhängt - hinsichtlich der Frage, ob wir Krebs bekommen und hinsichtlich der Frage, ob wir uns von ihm erholen. Nun, ich glaube, in gewissem Maße hatte auch ich diese Ideen akzeptiert. Das ist ja das Ideologische daran. Du findest es in sehr vielen Bereichen des amerikanischen Lebens: Kontrolliere die Dinge mental - mit der richtigen Einstellung, mit den richtigen Gedanken. Nichts in der äußeren, der materiellen Welt, schafft deine Probleme. Du selbst bist es, der sie erzeugt.

Sharif Abdel Kouddous: Wie konnte diese Ideologie, diese Bewegung des positiven Denkens, die amerikanische Gesellschaft so durchdringen? Sie dokumentieren den Aufstieg, den diese Ideologie in unserer Kultur hatte.

Nun, ich war schon immer geschichtlich interessiert. Daher bin ch zurückgegangen bis ins 19. Jahrhundert. Doch der eigentliche Aufstieg, der große Aufstieg, fand in den 80ger und 90ger Jahren des letzten Jahrhunderts statt, denn damals begann die Konzernwelt, sich für diese Dinge zu interessieren. Es war die Zeit des "Downsizings", des Arbeitsplatzabbaus. Auf diese Weise konnte man der Person, die ihren Job verlor, sagen: "Das alles hängt mit deinem Denken zusammen. Du weißt, du kannst es schaffen. Wenn du - wenn dir etwas Übles zustößt, liegt das an deiner negativen Haltung. Und wenn du willst, dass alles wieder in Ordnung kommt, musst du nur deine Gedanken neu - positiv - ausrichten, dann wirst du wieder okay sein". Genau so etwas wird auch Brustkrebs-Patientinnen gesagt.

Ich kann Ihnen nicht sagen, wie oft ich damals in der Zeitung las, wie Leute, die während der Rezession ihres Job verloren, sagten: "Aber ich versuche doch so sehr, positiv zu sein". Nun, vielleicht gibt es gar keinen Grund, positiv zu sein. Vielleicht sollten Sie lieber zornig sein? Ich denke, es gibt in dieser Welt einen Platz für Zorn.

Amy Goodman: Verlassen wir für einen Moment das Thema Brustkrebs. Sie vergleichen Brustkrebs mit Prostatakrebs. Sie vergleichen die Erwartungshaltung an Frauen mit Brustkrebs, wenn es darum geht, wie sie darauf reagieren sollen - rosa Bändchen, Teddybären - und Sie beschreiben die Erwartung, die an Männer herangetragen wird, wenn es darum geht, mit ihrer Krankheit umzugehen.

Yeah. Ich hatte wirklich so meine Schwierigkeiten mit den rosa Teddys. Das war eines der ersten Dinge, die mir kurz nach meiner Diagnose begegneten. Es gab auch eine Anzeige, bei der es um das Thema ging - mit einem pinken Brustkrebs-Teddy. Das war nun wirklich nicht das, was ich fühlte.

Hinzu kamen diese netten Täschchen, die die Krebsstiftung allen Frauen mit Brustkrebs schenkt, die  in New York behandelt werden. Ich habe auch eine bekommen, obwohl ich nicht in New York City behandelt wurde. In der Tüte befanden sich Kosmetika, Feuchtigkeitscremes und Billigschmuck sowie ein Kästchen mit Stiften. Ich rief die Stiftung an und sagte: "Das ist ja wirklich nett, aber was soll ich mit den Stiften?" Die Frau sagte: "Nun, falls Sie einige Ihrer Gedanken niederschreiben wollen". Ich sagte: "Ich bin Autorin. Ich benutze keine Stifte". Wissen Sie, es war so infantilisierend. Wissen Sie, das wäre, wie wenn ein Mann, der an Prostatakrebs erkrankt, kleine Matchbox-Autos geschenkt bekommt, mit denen er spielen soll. Wissen Sie, ich fand das so beschämend und beleidigend.

Amy Goodman: Welche Antworten erhielten Sie, als Sie online gingen und sich an spezielle Seiten wandten?

Nun, als ich damals online ging, versuchte ich mich an die Infoseite der Komen-Foundation zu wenden. Das ist eine große Stiftung für Brustkrebs. Ich gab das Wort "wütend"  ein. Ich sprach meine Krankenversicherungsprobleme an. Ich sagte: "Was ist das für eine Krankheit - in aller Kürze - was ist das für eine Krankheit? Warum leiden soviele Frauen daran, ohne dass wir den Grund kennen, und warum gibt es keine Behandlung, die sie heilt? Dann erwähnte ich die pinken Bändchen, wissen Sie. Für mich passt das nicht.

Ich erhielt Nachrichten von Frauen - die auch an Brustkrebs erkrankt waren. Sie schrieben mir Dinge wie: "Gehen Sie schleunigst zum nächsten Therapeuten - nicht gehen sondern rennen", oder: "Es wird Ihnen nicht besser gehen, solange Sie Ihre Haltung nicht ändern". Ich fühlte mich sehr allein. Dann schrieb ich diese Erfahrungen nieder. Ich schrieb über meine ganze Krebserfahrung. Ich sprach über meine Abscheu angesichts der Kultur des positiven Denkens, die die Kontrolle übernommen hat. Die Reaktionen waren toll. Im Grunde hieß es: "Ah, Gott sei Dank, endlich hat es jemand ausgesprochen!"

Sharif Abdel Kouddous: Nun, Einige würden argumentieren: Was ist falsch daran, optimistisch zu sein - wenn es hilft, sich mental aufzurichten? Ist es - an und für sich - nicht harmlos? Wie würden Sie antworten?

Ich würde antworten: Schauen Sie sich das vergangene Jahr an. Schauen Sie sich zum Beispiel die finanzielle Kernschmelze an. Ich glaube, Sie wissen, dass dabei mehrere Faktoren eine Rolle gespielt haben - Gier und anderes mehr. Aber einer der Faktoren war die weitverbreitete Kult des positiven Denkens. Es funktionierte auf der Ebene der Normalos, die beispielsweise eine Hypothek aufnehmen wollten, zuvor aber immer eine Ablehnung erhalten hatten. Vielleicht gingen sie anschließend einem dieser Reichtums-Prediger, einem dieser Gospel-Prediger auf den Leim, der ihnen sagt: "Gott will, dass du ein großes Haus hast. Schau, der Herr hat dich mit einer erstaunlichen Hypothek gesegnet, ist dir das klar? Ganze ohne Bargeldbesitz und ohne Einkommensprüfung usw...."

Doch noch viel wichtiger ist, was am anderen Ende vor sich ging. Ich denke, es wird einmal Gegenstand einer der interessantesten Forschungen werden. Auf was ich anspiele, ist der Wandel in der Konzernkultur in den letzten circa 15 Jahren, denn damals hat das positive Denken die Kontrolle übernommen und begonnen, logische, analytische Ansätze zu verdrängen, die sich an 'unteren Grenzen' orientiert hatten. Jetzt galt die Vorstellung, dass wir praktisch nichts mehr falsch machen können. Die Häuserpreise können nicht purzeln. Die Börsenmärkte können nicht mehr nach unten gehen - nur, weil ich denke, dass es so richitg ist, vor allem, wenn ich Manager bin und $20 Millionen im Jahr verdiene. Ich denke, es war - es wurde zu einer Massenillusion.

Amy Goodman: Zum Thema Wirtschaft. Sie glauben, was wir brauchen, ist eine neue Herangehensweise. Was meinen Sie mit "wütend werden"? Warum denken Sie, das wäre etwas Gesundes?

Zunächst einmal meine ich, es wäre falsch, seine eigene Wut, seine Trauer, seine negativen Gefühle und seinen Gram in etwas anderes zu verwandeln. Es ist sehr schlecht, einfach nur ein Smiley drüber zu kleben. Seit zehn Jahren sagt man den Amerikanern, die ihre Jobs verlieren: Setzt ein heiteres Gesicht auf - und auf geht's. Aber es gibt einen Zeitpunkt, an dem du sagen musst: "Moment mal, das ist es nicht, was ich fühle. Das ist nicht meine Haltung. Das kommt von außen. Wir müssen verstehen, was es ist und versuchen herauszufinden, wie wir es gemeinsam verändern können". So lautet mein Ansatz.

Amy Goodman: Glauben Sie, die Motivationstrainer werden das tun?

Oh nein.

Amy Goodman: Reden wird über ihre Erfahrungen mit der National Speakers Association.

Oh ja. Ich habe viele Motivationsredner interviewt. Wissen Sie, die meisten dieser Leute haben Konzerne als Kunden - also als ihre wichtigsten Kunden. Man lädt die Redner zu Verkaufsveranstaltungen ein sowie zu allen möglichen allgemeineren Konzerntreffen. Und immer wieder lautet die Botschaft: Du kannst kriegen, was du haben willst, solange du deine Gedanken darauf fokussierst, weißt du, solange du es wirklich, wirklich, wirklich willst". Ich halte das, ehrlich gesagt, für Humbug. Auf diese Weise erreichen wir den Wandel in der Welt nicht, wissen Sie. Veränderung erreichen wir durch Planung, Nachdenken und indem wir zusammenkommen.

Sharif Abdel Kouddous: Sehen Sie Parallelen zwischen der Bewegung für positives Denken und der politischen Führung Amerikas?

Nun, Bush - George W. Bush - war sicher der optimistischste Präsident seit Reagan. Ich meine, das war so ziemlich die ganze Rolle, in der er sich sah. Auf dem College war er Cheerleader gewesen. Seine Präsidentschaft sah er als Fortsetzung dieser Rolle: Vor allen Leuten gegenüber Optimismus ausstrahlen.

Ich weiß, dass Obama viel über Hoffnung geredet hat. Ich erwarte von einem Präsidenten aber eher, dass er über seine Pläne spricht, anstatt über seine Hoffnungen. Doch ich denke, er ist eine sehr nachdenkliche Person. Ich denke, er lässt sich nicht von seinem Weg abbringen. Wissen Sie, es spricht sehr viel dafür, dass er die Probleme durchdenkt.

Sharif Abdel Kouddous: Sie haben - 2006 - geholfen, die Gruppe 'United Professionals' auf den Weg zu bringen.

Ja.

Sharif Abdel Kouddous: Was macht diese Gruppe? Und wie geht es der Mittelklasse Amerikas - in diesem Moment?

Nun, die Mittelklasse. Es gibt sie kaum noch - wissen Sie, sie wurde zu sehr ausgepresst. Es macht fast keinen Sinn mehr, eine bestimmte Grenze zu ziehen. Viele Menschen, die denken, sie gehörten der Mittelschicht an, stehen heute an einer Suppenküchen an oder beantragen 2009 Lebensmittelkarten.

Oder... In einem anderen Teil (des Buches), den ich recherchiert habe, in dem ich berichte, geht es um die Katastrophe, die eintritt, wenn jemand seine Krankenversicherung verliert usw.. Aber wenn sie den Fernseher einschalten, bekommen sie - nicht auf Democracy Now! aber in anderen Programmen - immer wieder das Gleiche zu hören. Und es gibt derart viele Bücher über Motivation. Ein großer Erfolg war 2006 'The Secret'. Darin heißt es, du kannst alles haben, was du willst, wenn du nur deine Gedanken darauf konzentrierst. Sie werden mit dieser Vorstellung eingewickelt: Du musst nur dein Denken ändern, dann kannst du alles bekommen. Meine Alternative zum positiven Denken ist nicht negatives Denken oder Verzweiflung. Vielmehr geht es um Realismus - sich klar zu machen, was wirklich Sache ist und wie wir daran etwas ändern können.

Amy Goodman: Wir befinden uns mitten in einer Gesundheitsdebatte. Barbara Ehrenreich - zum Schluss unserer Diskussion -, wie denken Sie darüber?

Nun, meine Haltung zur Gesundheitsreform ist vielleicht etwas altmodisch, wenn ich sehe, wie sich die Dinge so entwickeln. Ich denke, wir - die wir denken, wir stünden auf der progressiven Seite -, sollten an der Idee eines Gesundheitsfonds (single payer) festhalten und keine Kompromisse im Zusammenhang mit einer 'öffentlichen Option' eingehen. Dank einiger Demokraten haben wir in dieser Hinsicht ja ohnehin bereits verloren. Ich kann es einfach nicht fassen. Ich halte es für besser, an seinen Prinzipien festzuhalten, und wenn dann ein Kompromiss tatsächlich nötig wird, sollte er sich an diesen Prinzipien orientieren.

Amy Goodman: Vielen Dank, dass Sie bei uns waren, Barbara Ehrenreich. Ihr neues Buch heißt:

'Bright-Sided: How the Relentless Promotion of Positive Thinking Has Undermined America'

Anmerkung d. Übersetzerin:

*Erscheint demnächst in deutscher Übersetzung unter dem Titel 'Brightsided'

Übersetzt von: Andrea Noll
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