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Israelischer Bestseller bricht nationales Tabu

Die Idee eines jüdischen Volkes ist erfunden, sagt der Historiker

von Jonathan Cook

09.10.2008 — ZNet / antiwar.com

— abgelegt unter:

Keiner ist mehr überrascht als Shlomo Sand, dass seine letzte akademische Arbeit seit 19 Wochen auf Israels Bestsellerliste steht – und dass der Professor für Geschichte solch einen Erfolg hat, obwohl sein Buch Israels größtes Tabu bricht.

Dr. Sand behauptete, dass die Idee einer jüdischen Nation --die dringend einen sicheren Hafen benötigte, ursprünglich dazu verwendet wurde, um die Gründung des Staates Israel zu rechtfertigen – ein Mythos ist, der erst  seit gut 100 Jahren besteht. Dr. Sand, ein Experte der europäischen Geschichte an der Tel Aviver Universität, machte gründliche historische und archäologische Untersuchungen, um nicht nur seine Behauptung zu bestätigen, sondern noch einige mehr – die  alle gleich kontrovers sind. Außerdem behauptet er, dass die Juden niemals aus dem Heiligen Land vertrieben worden waren, dass die meisten der heutigen Juden gar keine historischen Verbindungen zum Land, das Israel genannt wird, haben, und dass die einzige politische  Lösung  für den Konflikt des Landes mit den Palästinensern der wäre, den jüdischen Staat abzuschaffen. Der Erfolg des „Wann und wie wurde das jüdische Volk erfunden?“ wird sich wahrscheinlich rund um die Erde wiederholen. Eine französische  Ausgabe kam im letzten Monat heraus und wird so schnell verkauft, dass es schon eine dritte Auflage gibt. Übersetzungen in ein Dutzend Sprachen, einschließlich arabisch und englisch wurden schon in Angriff genommen. Aber er sagte  bereits eine scharfe Reaktion von Seiten der Pro-Israel-Lobby voraus, wenn es von seinem englischen Verleger Verso im nächsten Jahr in den USA herausgegeben wird. Im Gegensatz dazu sind die Israelis – wenn auch nicht gerade hilfreich -  so doch wenigstens neugierig auf seine Argumente gewesen. Tom Segev, einer der führenden Journalisten des Landes, nannte das Buch „faszinierend und herausfordernd“. Überraschenderweise schreckten seine akademischen Kollegen in Israel zurück, sich mit  seinen Argumenten aus einander zu setzen, sagte er. Eine Ausnahme sei Israel Bartal, ein Professor für jüdische Geschichte an der hebräischen Universität in Jerusalem. In Haaretz der israelische Tageszeitung gibt er sich keine große Mühe, Dr. Sands Behauptungen zu widerlegen. In seinem Artikel geht es ihm weniger darum, seinen Beruf  zu verteidigen: er meint, dass die israelischen Historiker  über das Wesen  der jüdischen Geschichte nicht so ignorant seien, wie Dr. Sand es behauptet. Die Idee zu diesem Buch sei ihm schon vor vielen Jahren gekommen, sagte Dr. Sand, aber er wartete damit und begann es erst vor kurzem. „Ich kann nicht behaupten, dass ich besonders mutig bin, das Buch  erst jetzt zu veröffentlichen, “ich wartete damit bis ich Ordinarius bin. Man muss in der israelischen akademischen Welt  für Ansichten dieser Art einen Preis bezahlen.“ Dr. Sands Hauptargument ist, dass bis vor etwas mehr als einem Jahrhundert, Juden  sich selbst  nur als  Religionsgemeinschaft verstanden. Zur Jahrhundertwende des19./20. Jahrhundert stellten zionistische Juden  diese Idee in Frage und begannen eine nationale Geschichte mit der Idee zu erfinden, dass es abgesehen von einer jüdischen Religion auch ein jüdisches Volk  gebe. Genauso war den Juden die zionistische Idee, dass Juden verpflichtet seien, aus dem Exil in das „verheißene Land“ zurückzukehren , ganz fremd, fügte er hinzu. „Der Zionismus veränderte die Idee von Jerusalem. Vorher waren die heiligen Stätten nur als Orte der Sehnsucht angesehen, nicht als solche, an denen man leben sollte. 2000 Jahre lang blieben Juden von Jerusalem weg, nicht weil sie nicht zurückkehren konnten, sondern weil es ihnen ihre Religion verwehrte, bevor der Messias kommt.“

Die größte Überraschung während seiner Nachforschungen kam, als er nach den archäologischen Beweisen aus der biblischen Ära zu suchen begann. „Ich war nicht als Zionist großgezogen worden, aber wie alle andern Israelis nahm ich es als selbstverständlich, dass die Juden ein Volk waren, das in Judäa lebte und dass alle von den Römern im Jahre 70 n.Chr. vertrieben worden waren.

„Aber als ich begann, nach den Beweisen zu schauen, entdeckte ich, dass die Königreiche von David  und Salomo Legenden waren. „ So ähnlich ist es mit dem Exil. Tatsächlich kann man das Judentum nicht ohne das Exil erklären. Aber als ich damit anfing, nach Geschichtsbüchern zu suchen, die die Ereignisse dieses Exils beschreiben, konnte ich nichts finden, nicht eines. „ Und zwar deshalb, weil die Römer keine ganzen Völker vertrieben hatten. Tatsächlich waren Juden in Palästina vor allem Bauern, und aller Wahrscheinlichkeit nach blieben sie deshalb auf ihrem Land.“

Stattdessen glaubt er, dass eine alternative Theorie plausibler ist: das Exil war ein Mythos, der von den frühen Christen erfunden wurde, um die Juden dem neuen Glauben zuzuführen. „Die Christen wollten, dass spätere Juden glaubten, ihre Vorfahren seien als Strafe Gottes vertrieben worden ( weil sie Jesus nicht als Messias angenommen hatten R.). Wenn es also kein Exil gab, wie ist es dann möglich, dass es so viel Juden über den ganzen Globus  zerstreut  gab, bevor der moderne Staat Israel damit begann, sie zur „Rückkehr“ zu ermutigen? Dr. Sand sagte, dass in den Jahrhunderten vor und nach der christlichen Ära, die jüdische Religion eine missionarische Religion war, die sich sehr um neue Anhänger bemühte. Dies wird in der römisch-lateinischen Literatur jener Zeit erwähnt.“ Juden reisten in andere Regionen und versuchten Konvertiten zu gewinnen, besonders im Yemen und unter den Berbern in  Nordafrika. Jahrhunderte später konvertierte das Volk der Khazaren im Süden Russlands en masse zum Judentum  und wurden so der Ursprung der aschkenazischen Juden Mittel- und Osteuropas. Dr. Sand weist auf den seltsamen Zustand der Leugnung hin, in dem die meisten Israelis leben, und  macht auf Zeitungen  aufmerksam, die vor kurzem ausführlich von der Entdeckung der Hauptstadt des Khazaren-Königreichs nahe des Kaspischen Meeres berichteten. Ynet, die Internetside von Israels meist gelesener Tageszeitung Yedioth Ahronoth hat die Überschrift: „Russische Archäologen finden die seit langem verlorene jüdische Hauptstadt.“ Doch  keine der Zeitungen – so fügt er hinzu – hat die Bedeutung dieses Fundes zu den üblichen Berichten jüdischer Geschichte berücksichtigt.

Eine weitere Frage legt Dr. Sands Bericht nahe, wie er selbst bemerkt: wenn die meisten Juden nie das Heilige Land verlassen haben, was wurde aus ihnen?

„Es wird nicht in israelischen Schulen gelehrt, aber die meisten frühen zionistischen Führer, einschließlich David Ben Gurion glaubten, dass die Palästinenser die Nachkommen der ursprünglichen Juden des Gebietes waren. Sie glaubten, dass die Juden später zum Islam konvertierten. Dr.Sand schreibt seinen  Kollegen (zu große) Zurückhaltung zu, um sich mit ihm zu einer stillschweigenden Anerkennung durch viele zu engagieren, damit das ganze Gebäude der „Jüdischen Geschichte“, wie sie noch an den israelischen Universitäten gelehrt wird, wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Das Problem mit dem Fach Geschichte in Israel  hängt mit einer Entscheidung in den 30er-Jahren zusammen, wo man die Geschichte in zwei Disziplinen teilte: allgemeine Geschichte und jüdische Geschichte. Man nahm an, dass jüdische Geschichte ein eigenes Studienfach benötige, weil die jüdische Erfahrung als einzigartig betrachtet wurde. „Es gibt keine jüdische Abteilung für Politik oder Soziologie an den Universitäten. Nur Geschichte wird  auf diese Weise gelehrt und hat so Spezialisten jüdischer Geschichte erlaubt, in einer insularen und konservativen Welt zu leben, in der sie nicht von modernen Entwicklungen der historischen Forschung berührt wurden.

„Ich bin in Israel  dafür kritisiert worden, weil ich über jüdische Geschichte schreibe, obwohl mein Fachgebiet europäische Geschichte ist. Aber ein Buch wie dieses braucht einen Historiker, dem die üblichen Konzepte  historischer Nachforschungen der akademischen Welt von überall vertraut sind.

Anmerkungen

Dieser Artikel erschien ursprünglich in The National, die in Abu Dhabi veröffentlicht wurde. www.antiwar.com/cook

Übersetzt von: Ellen Rohlfs
Artikelaktionen
1
peson sagt
25.10.2008 18:02

Hallo,
ich will hier nicht das Für und Wider der oben dargestellten Theorie erörtern. Dafür weis ich einfach nicht genug über die Problematik Bescheid.
Aber ehe nun ideologische Grabenkämpfe ausbrechen, sollte man das Problem, wenn man es denn Ernst meint, mit modernen gentechnischen Methoden angehen.
Nachdem man in den letzten Jahren mit vergleichenden Genanalysen die Abstammungslinien der Mammuts und Auswanderungswellen der eiszeitlichen Indianer-Populationen sowie vieles mehr gelöst hat, sollte die Klärung der obigen Fragen eigentlich nur eine Fleißarbeit sein.

Insgesamt erscheint mir aber die Problematik für die Friedensbewegung im nahen Osten recht interessant zu sein.
Es kommen mir in dem Zusammenhang Isaaks Söhne Esau und Jakob in den Sinn.

2
flora sagt
29.10.2008 13:32

Wenn man das gewaltige neue jüdische Lügengebäude betrachtet, in dessen Schatten nun seit 60 Jahren der schleichende Völkermord an den Palästinensern durchgeführt wird, wundert einen auf diesem Gebiet überhaupt nichts mehr.
Die Glaubwürdigkeit israelischer Politiker und Historiker und Medien ist darum sowieso gleich Null!
Wer sich mit der Geschichte des Nahen Ostens beschäftigt und sich auch Gedanken über die Herkunft der Juden in der Diaspora macht, der muß zwangsläufig auf Ungereimtheiten stoßen. Wenn man sich die sogenannte offizielle Jüdische Geschichte näher ansieht, können bohrende Zweifel garnicht ausbleiben. Das hier gezielte Geschichtsklitterung vorliegt, läßt sich garnicht übersehen, auch wenn man sich Mühe gibt!
Deswegen sind die Erkenntnisse von Prof. Shlomo Sand garnicht überraschend, im Gegenteil; sie klären zum ersten male eine Menge Zweifel auf und machen so manches an der "Jüdischen Geschichte" erst schlüssig.
Das eigendlich ungeheuere Verbrechen der UNO, den Palästinensern ein fremdes Volk mit einem eigenen Staat ins eigene Land zu setzen, dass sich auch noch sofort als absoluter Killerstaat entpuppt, kann nur ertragen werden, wenn die Wahrheit über diese Ungeheuerlichkeit hinter Lügen verborgen wird, auch für die Juden! (Jüdisches Volk kann man ja wohl kaum sagen, wenn man sich die so unterschiedlichen Ethnien ansieht, die sich zum "jüdischen Volk" rechnen, da braucht man garkeinen Gen-Test machen, das ist per Augenschein leicht zu erkennen)
Der Staat Israel gründet auf einer unsäglichen Lüge? Mit großer Sicherheit.

Sofort kommen Parallelen zum Staat Polen hoch, der etwa zur selben Zeit, durch die selben Mächte ebenfalls auf einem verlogenen Fundament (neu) gegründet wurde was sein Terrotorium auf deutschem Staatsgebiet angeht.
Auch dem polnischen Volke wurde eingebleut, dass es in Ostpreußen z.B. oder in Pommern oder Schlesien auf "urpolnischem Gebiet" säße und dass diese Gebiete 1945 leere Landschaften waren. Nach polnischer Geschichtsschreibung hat es Ostpeußen oder Schlesier nie gegeben, weder als Personen noch als preußische Provinzen.

Das erinnert exakt an die jüdische Geschichtsklitterung und dient auch dem selben Zweck!
Wenn ganze Länder auf solchen Lügen basieren, kann das niemals gut gehen, ganz besonders nicht für deren Bevölkerungen, die eines Tages sowieso die wahre Geschichte entdecken werden!
Nur die Palästinenser und auch die Ostpreußen und all die anderen Opfer solcher Geschichtslügen, denen man das Leben, die Existenz und auch noch die Identität genommen hat(Juden behaupten dass es Palästinenser nie gegeben hat), die leiden weiter!
C.Pichlo

3
Anonymous sagt
30.10.2008 13:42

http://www.zmag.org/znet/viewArticle/19090

chapu