Kolumbianische Angriffe
Lateinamerikanische Regierungen verteidigigen territoriale Souveränität und verurteilen die Angriffe Kolumbiens
von James Suggett
05.03.2008 — venezuelanalysis / ZNet
Caracas. Lateinamerikanische Regierungen und regionale Organisationen erklären ihre Solidarität mit der nationalen Souveränität Ecuadors und der Einheit der Region. Viele verurteilen den Angriff kolumbianischer Streitkräfte auf die FARC (Revolutionary Armed Forces of Colombia), der sich am frühen Samstagmorgen auf ecuadorianischem Gebiet ereignete. Bei diesem Angriff wurden 16 Rebellen getötet - unter ihnen auch Raúl Reyes, ein führendes Mitglied und Diplomat der FARC.
Ecuadors Präsident Rafael Correa appellierte am Sonntag im Fernsehen an die internationale Solidarität. Er sprach von einem "planvollen Luftangriff" durch Kolumbien. Die 60 kolumbianischen Infanteriesoldaten, die danach eindrangen, hätten eine "inakzeptable Aggression" begangen, so Correa. Sie "waren sich voll bewusst, dass sie gegen unsere Souveränität verstoßen".
Correa informierte die Presse, dass er mit Führern von mehr als einem Dutzend lateinamerikanischer Staaten, mit der OAS (Organisation Amerikanischer Staaten), mit Spanien und den USA gesprochen habe, um "eine Internationalisierung des Konfliktes in Kolumbien zu vermeiden" und um zu betonen, wie schwerwiegend dieser "schlimmste Akt der Aggression" gegen Ecuador, so Correas Worte, durch die Regierung Uribe gewesen sei.
Offizielle Mitglieder des ecuadorianischen Militärs und der Regierung, die den Vorfall untersuchten, "bestätigten unwiderlegbar", so Correa, dass der kolumbianische Angriff ein geplantes "Massaker" 10km innerhalb des ecuadorianischen Staatsgebietes gewesen sei.
Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe und der kolumbianische Außenminister Fernando Araújo erzählten eine andere Geschichte. Kolumbianische Hubschrauber, die sich über Südkolumbien befanden, seien aus Ecuador unter Beschuss geraten. Der anschließende Angriff sei als "legitime Verteidigung" gerechtfertigt gewesen. Der Angriff sei von kolumbianischem Gebiet aus erfolgt.
Correa sagte, ein ausländischer militärischer Akt der Aggression auf ecuadorianisches Gebiet sei durch Nichts zu rechtfertigen. Kolumbien habe sich "über die Wahrheit und über das ecuadorianische Volk lustiggemacht". Kolumbien habe gegen bilaterale Verträge und das internationale Recht verstoßen, "am meisten jedoch gegen den Respekt und das Vertrauen, das zwischen Bruderländern existieren sollte".
Der kolumbianische Außenminister Araújo appellierte an die ecuadorianische Regierung, den Angriff als einen Akt der Verteidigung gegen "Terroristen" im Sinne beider Länder zu sehen. Die "Terroristen" nutzten ausländisches Territorium als illegale Zuflucht und fügten der dortigen Bevölkerung Schaden zu.
Correa antwortete, "Kolumbien sei eine souveräne Nation - ebenso wie wir es sind -, internationales Recht erfordert (von Kolumbien), dass man uns informiert und dass öffentliche ecuadorianische Kräfte die Gefangennahme durchführen. So war es in der Vergangenheit vielfach und stets im absoluten Einbenehmen mit den Menschenrechten", so Correa. Er betonte erneut, dass Ecuador die FARC nicht unterstütze. Er sei nicht einverstanden mit den "Aktionen und Methoden" der FARC.
Ecuadors Botschafter in Venezuela, René Vargas Pazzo, erklärte im venezolanischen Regierungsfernsehsender VTV, der kolumbianische Angriff auf das schlafende Camp der Guerilla, sei "militärisch nicht gerechtfertigt" gewesen. Es handle sich eher um "eine Provokation durch Leute oder Regierungen, die weder Frieden noch Integration wollen sondern Krieg. Gegen diesen Weg muss sich Südamerika stellen. Ganz Lateinamerika will Frieden, Einheit und Integration."
Das 'Anden-Parlament', die diplomatische Organisation der Gemeinschaft der Andenstaaten, bestätigte Pazzos Analyse. Der kolumbianische Militärapparat sei manipuliert durch die Interessen des Pentagon. Die Vertrauensbrüche vonseiten kolumbianischer Offizieller verzögerten "die Herstellung einer Einheit der Völker des Südens".
Die Angriffe (Kolumbiens) stünden "im Widerspruch zu den elementarsten Prinzipien der Internationalen Menschenrechtsgesetze.", so ALDHU (Lateinamerikanische Vereinigung für Menschenrechte). Diese internationale Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Ecuador besteht seit 28 Jahren. Sie arbeitet mit mehr als 20 Nationen zusammen und ist eine wichtige Komponente des Anden-Parlamentes. Juan de Dios Parra ist der Generalsekretär der ALDHU. Im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen spricht er von einer "Invasion" und einem "Massaker". Dies stelle einen Verstoß "gegen sämtliche internationale Normen, die den Respekt gegenüber (fremden) Grenzen regeln", dar.
Chiles Präsidentin Michelle Bachelet sagte gegenüber der chilenischen Presse: "Wir können dieser Nichtrespektierung von Grenzen nicht zustimmen und beklagen, dass Ecuador angegriffen wurde". Sie sprach persönlich mit Präsident Correa. Präsidentin Bachelet betonte: "Landesgrenzen basieren auf internationalen Abkommen", daher sei deren Überschreiten, "mit welcher Zielsetzung auch immer - ob legitim oder illegitim - extrem delikat".
Auch die Regierung Brasiliens gab ihre Statements ab. Brasilien wolle eine multinationale diplomatische Anstrengung initiieren, kündigte sie an, mit der "die Spannungen maximal reduziert und die Initiative für eine humanitäre Übereinkunft erneuert" werden sollen. Brasiliens Präsident Lula da Silva hat sich angeblich mit den Präsidenten Argentiniens, Chiles, Ecuadors, Kolumbiens und Venezuelas beraten. Der brasilianische Staatsekretär für Außenbeziehungen sagte seine für diese Woche geplanten diplomatischen Termine in Sao Paolo ab und konzentrierte sich auf den Konflikt. Der Präsidentengesandte Marco Aurelio García sagte, der Konflikt "beeinflusst die Destabilisierung der Region". Daher "kann unser Prinzip der Nichteinmischung nicht Gleichgültigkeit bedeuten".
Das Statement, das aus dem Argentinischen Ministerium für Auslandsbeziehungen kam, lautete: "Argentinien ist enttäuscht und sehr besorgt über die offensichtliche Verletzung der territorialen Souveränität eines Landes der Region". Argentinien werde "in aktivem und konstanten Kontakt..." bleiben, "um eine gemeinsame Position zu koordinieren".
Der paraguayische Präsident Nicanor Duarte erklärte: "Paraguay fördert die Souveränität der Nationen, die Selbstbestimmung der Völker. Es (Paraguay) verurteilt Aggression von außen, jegliche Anmaßung und jegliche Absage an die territoriale Souveränität von Nationen".
Ähnlich lautete die Reaktion des peruanischen Präsidenten Alan García . Er zeigte sich "extrem besorgt" und verurteilte Kolumbiens Eindringen auf ecuadorianisches Gebiet als "inakzeptabel". Er forderte das dringende Handeln der OAS.
Auch das Bolivianische Ministerium für Auslandsbeziehungen brachte seine enorme Besorgnis in einem Statement zum Ausdruck. Verstöße gegen die nationale Souveränität eines Landes seien "nicht zu rechtfertigen". Das Statement forderte eine "friedliche, langfristige und humanitäre" Lösung, basierend auf "einem Klima des Verständnisses und des wechselseitigen Respekts". Bolivien bot seine Vermittlerrolle in dem Konflikt an - auf Grundlage "der friedlichen Tradition, wie sie in den Bolivianischen Verfassungsvorschriften zum Ausdruck kommen".
In ähnlicher Weise drängt auch Mexikos Präsident Felipe Calderón auf Dialog. Er sprach persönlich mit Uribe und Correa. Falls beide einverstanden seien, so Calderón, werde er eine Vermittlerrolle übernehmen.
Kubas Ex-Präsident Fidel Castro diagnostizierte die Situation unumwunden als "Konsequenz der genozidalen Pläne des Yankee-Imperiums". Nach einer langen Geschichte von Angriffen dieser Art durch die USA und deren Verbündeten, seien "die Kriegstrompeten im Süden unseres Kontinents (nun wieder) mächtig zu hören ... Es ist nichts Neues! Es war vorhersehbar!"
José Miguel Insulza, Generalsekretär der OAS, kündigte am Montag eine Sondersitzung seiner Organisation an - zusätzlich zum normalen Dienstags-Treffen der OAS. Auf Bitten des ecuadorianischen Präsidenten wird es bei diesem Treffen um den Konflikt (Kolumbiens Angriffe) gehen.
Insulza sagte, dies "ist ein Problem zwischen Mitliedsstaaten, der die fundamentalen Werte unserer konstitutionellen Charta betrifft". "Bis die Staaten sich am Dienstag austauschen können", so Insulza, werde er sich eines weiteren Kommentares enthalten.
*Quelle: http://www.venezuelanalysis.com/news/3229
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