Mitternacht an Bord der Mavi Marmara
Das Buch zum israelischen Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte
von Ron Jacobs
23.08.2010 — Counterpunch
Nahezu die ganze Welt war geschockt, als der israelische Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte, der sich am 31. Mai 2010 ereignete, bekannt wurde. Seit jenen ersten Tagen hat sich der Schock etwas gelegt. Nicht gelegt hat sich die tägliche Verzweiflung und das Gefühl der Erniedrigung, das viele Bewohner/innen von Gaza empfinden. Auch wenn offizielle Vertreter der UNO mit der israelischen Führung nun über die Parameter für eine angeblich 'unabhängige Untersuchung' diskutieren, ändert sich nichts an der Situation im Gefängnis 'Gaza'. Wie bei früheren Untersuchungen - der schlimmeren Exzesse der Regierung in Tel Aviv, die sich auf einem Kreuzzug zur Vernichtung der Idee 'Palästina' befindet (man denke nur an Dschenin, Libanon 1982 und 2006 sowie an die Bombardierung Gazas 2008) -, gilt auch hier: Je länger es dauert, bis Ermittlungen eingeleitet werden, desto geringer sind die Chancen, dass etwas dabei herauskommt. Entweder ist ein Teil der Beweise schon verschwunden oder eine PR-Kampagne (der Israelis und deren Speichellecker in den internationalen Medien) wird dafür sorgen, dass alle Fakten die entdeckt werden, als irrelevant abgetan werden.
Aus diesem Grund ist das Buch 'MIDNIGHT ON THE MARVI MARMARA' so wichtig. Es wird von dem (neuen) Projekt O/R Books herausgegeben. Das Buch ist eine Sammlung aus Berichten, Artikeln und Essays - von Menschen, die dabei waren bei dieser Hilfsaktion ebenso wie von bekannten Kommentatoren des israelisch-palästinensischen Konflikts. Herausgeber ist der Autor und Lehrer Moustaf Bayoumi, der auch das Vorwort verfasst hat. Das Buch handelt von der Gaza-Flotte, von dem israelischen Angriff, von der Reaktion der Welt und davon, was dieser Angriff mit der Gaza-Blockdade zu tun hat. Zu den Autoren zählen international bekannte Autorinnen/Autoren, Aktivisten/Aktivistinnen, Politiker/innen, aber auch ganz normale Menschen, die etwas tun wollen gegen Tel Avivs unmoralische, illegale Bestrafung des palästinensischen Volkes.
Einige Beiträge stammen von Menschen, die mit an Bord der Flotte waren. Sie berichten, wie sie den israelischen Angriff erlebt haben. Egal, wie oft man sich die Details durchliest, es fällt schwer, nicht wütend (oder überrascht) zu sein - angesichts der arroganten israelischen Haltung und des arroganten, brutalen israelischen Vorgehens. Einige der Autoren geben zu: Ja, wir haben uns und unsere Mitpassagiere verteidigt, nachdem die Israelis das Schiff angegriffen hatten. Keiner der Autoren oder Autorinnen, die an Bord der Schiffe waren, kritisiert die Verteidigung durch diese Leute. Schließlich taten sie es, um zu verhindern, dass die Israelis weitere Menschen töten konnten. Alle, die über diesen Aspekt der Geschehnisse schreiben, sind sich einig: Die Aktionen dieser Einzelpersonen haben Leben gerettet.
Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass diese und andere Aktionen, deren Ziel es war, die Gaza-Blockade zu brechen, nicht notwendig geworden wären, hätte sich die israelische Regierung weniger starrsinnig gezeigt und hätten die meisten Regierungen dieser Welt nicht geschwiegen. So erinnert die US-Autorin Alice Walker in ihrem Beitrag die Leser/innen daran, dass in den 50ger und 60ger Jahren viele Menschen, die für die Abschaffung der Apartheid-Gesetze in den USA kämpften, wie eine Person agiert hätten. Gemeinsam seien sie gegen das unmoralische System vorgegangen - während die US-Regierung nichts unternommen hätte oder die Gegener/innen (der Diskriminierung) angewiesen hätte, die "angemessene Kanäle" zu benutzen, um ihre Ziele zu erreichen. Doch bereits zu der Zeit, als die Gegner/innen der Sklaverei in Amerika das Ende der Sklaverei forderten, wurde ihnen gesagt, sie sollten abwarten und sich kompromissbereit zeigen. Schließlich müsse man auf die Gefühle der (Sklavenhalter) Rücksicht nehmen, die ihr Eigentum und ihre Macht einbüßten. Wenn das Buch 'Midnight on the Mavi Marmara' eine Botschaft hat, dann diese: Die Zeit des Wartens ist vorbei. Die Zeit des Schein-Friedensprozesses ist abgelaufen, er wird nicht funktionieren, und die Geduld, die die Mächtigen einfordern, ist verschlissen. Wer es sich zur Aufgabe gemacht hat, die amerikanisch-israelische Unterdrückung der Palästinenser nicht länger zu dulden, sollte von allen unterstützt werden, die gegen Besatzung, Unterdrückung und Diskriminierung sind.
Doch, was können sie tun? Der beste Weg, nicht nur die Gaza-Blockade zu beenden sondern den Prozess der Entmenschlichung der Palästinenser insgesamt, ist, sich an dem so genannten BDS (Boykott, Divestment und Sanktionen) zu beteiligen. Die BDS-Bewegung wurde 2005 von einem Bündnis aus mehreren palästinensischen Organisationen gegründet. Wie einst die internationale Bewegung gegen die Apartheid in Südafrika hoffen die BDS-Unterstützer/innen heute, die israelische Regierung dazu zwingen zu können, die Besatzung der Palästinensergebiete aufzugeben. Mehrere Autoren und Autorinnen des Buches 'Midnight on the Mavi Marmara' unterstützen die BDS-Bewegung nicht nur, sondern preisen sie als das beste Instrument, um jenen Wandel zu bewirken, den die Gegner der israelischen Besatzung und die Unterstützer 'Palästinas' wollen.
'Midnight on the Mavi Marmara' ist das Vermächtnis der Passagiere der von Israel attackierten Flotte und bietet darüber hinaus einen Einblick, wie Israel mit Gaza, der Westbank und deren Bewohnerinnen und Bewohnern verfährt. Doch in erster Linie - und das ist vielleicht der wichtigste Aspekt - ruft dieses Buch zum Handeln auf.
Anmerkung d. Übersetzerin:
*'Midnight on the Flotilla', herausgegeben von Moustaf Bayoumi (O/R Books)
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