Ölpest im Golf: Was der renommierte Meeresbiologe Carl Safina dazu sagt
Interview zu den Folgen für die Region und die Welt
von Amy Goodman
27.05.2010 — Democracy Now!
Unser Gast:
Carl Safina - Der renommierte Meeresbiologe ist Gründer und Präsident des 'Blue Ocean Institute' und Autor zahlreicher Bücher über die Ökologie der Meere (z.B. 'Song for the Blue Ocean').
Im Rahmen unserer Themas Ölverschmutzung/BP werden wir uns nun den ökologischen Langzeitschäden der Ölpest zuwenden. Unser nächster Gast (Carl Safina) sagte in der vergangenen Woche vor dem US-Kongress aus. Er warnte: Weite Teile der Welt könnten die Folgen der Verschmutzung zu spüren bekommen. Carl Safina ist heute bei uns in New York (...)
Willkommen bei Democracy Now!
Carl Safina: Danke für die Einladung.
Welche Botschaft haben Sie dem US-Kongress übermittelt?
Nun, dass dies nicht nur eine regionale Katastrophe ist - das ist sie ganz sicher - aber gleichzeitig ist der Golf ein unglaublicher Motor des Lebens und eine Zone, in der sich Lebewesen sammeln. Tiere, die im offenen Meer (Atlantik) leben, strömen in den Golf, um zu brüten. Millionen Tiere kommen in den Golf - auf ihrem Zug nach Norden - und sammeln sich dort. Anschließend breiten sie sich über weite Gebiete Nordamerikas, über die kanadische Arktis, die Ostküste und die kanadischen Meeresgebiete aus und bevölkern diese Regionen. Wir haben es hier also mit einem echten Hotspot zu tun - wirklich, ein schrecklicher Ort für eine Katastrophe.
Was ist mit dem Thunfisch?
Der Blauflossen-Thunfisch kommt fast überall im Nordatlantischen Ozean vor. Es gibt zwei Laichgebiete. Die eine Thunfisch-Art laicht im Mittelmeer, die andere im Golf von Mexiko. Alle Thunfische der Ostküste (Amerikas), der maritimen Gewässer Kanadas und des Golfstroms, ja sogar Einige, die bis in die Nordsee schwimmen, gehören der zweiten, westlichen Art an, die ausschließlich im Golf von Mexiko laicht. Zurzeit haben sie Laichsaison. Sie ist bald vorüber. Ihr Laich und ihre Larven schwimmen also in einer Giftbrühe aus Öl und Öl auflösenden Chemikalien.
Sagen Sie uns bitte etwas zu Corexit.
Nun, diese Dispergatoren sind toxisch und verschmutzen die Umwelt. Millionen Gallonen (1 Gallone entspricht circa 3,78 Liter) davon wurden eingesetzt. Meiner Meinung nach hat dies massiv zu einer Verschärfung der Situation beigetragen. Ich denke, es ist grundsätzlich falsch, Öl auflösende Substanzen auszubringen. Aber dies ist Teil des Musters - des Kaschierungsversuchs von BP, die Leiche sozusagen verschwinden zu lassen. Sie wollen, dass man nicht sieht, wie viel Öl... also haben sie sich um das Öl gekümmert, das sich auf der Wasseroberfläche konzentriert und "lösten" es auf. Es ist jedoch nach wie vor vorhanden - und noch giftiger. Es hat nun keine Klumpenform mehr, sondern kann sich, in aufgelöster Form, ausbreiten. Es rinnt in die Kiemen und läuft den Tieren ins Maul. Zuvor befand sich unter dem Öl, das an der Oberfläche trieb, Wasser. Nun befindet sich dort eine Giftbrühe. Ich denke, das ganze Muster, mit dem BP versucht, den Menschen zu verhehlen, was dort vor sich geht - die Idee mit den Chemikalien -, war der Versuch, die Leiche zu verstecken. Doch das Öl wird dadurch noch toxischer. Zudem wird eine unglaubliche Menge dieses an sich schon unglaublich toxischen, umweltschädlichen Stoffes freigesetzt.
Sie sprachen gerade davon, dass viele Meerestiere und Vögel in ihrer Brut- oder Laichzeit sind. Welche Folgen hat das für die Vögel - die Vögel, die brüten wollen oder vielleicht schon brüten?
Ja, es gibt dort nicht nur brütende Vögel - Pelikane, einige Möwenarten und Seeschwalben. Für diese Vogelarten wird die Brutsaison sicher zur absoluten Katastrophe, denn es geht nicht nur um die Vögel am Strand und in den Nestern. Die Eltern schaffen die Nahrung ran und tauchen dabei ins Wasser ein. Es gibt keine Alternative. Man kann 20 Fuß hohe Ausleger errichten. Sie werden trotzdem hinausfliegen, um sich ihr Futter zu holen. Als ich vor Ort war, sahen wir auf den Chandeleur-Inseln einige Seeschwalben, die schon leicht verölt waren. Sie werden mit der Zeit immer mehr Öl abbekommen. Man kann das Gebiet um die Nester noch so gut beschützen, Tatsache ist, dass die Elternvögel sehr, sehr große Probleme bekommen werden. Viele von ihnen werden schlicht sterben.
Wir sahen auch Sanderlinge, Steinwälzer und Schwarzbauch-Kiebitze sowie ein Dutzend anderer Arten, die sich dort nicht ständig aufhalten. Sie bewegen sich hin und her oder sind auf der Durchreise. Ihre Winterquartiere liegen bis hinunter in den Süden Südamerikas. Sie brüten in der kanadischen Tundra und im hohen arktischen Norden. Diese Tiere gehören zu den Zugvögeln, die am weitesten fliegen. Das schaffen sie aber nur, wenn ihr Federkleid intakt ist. Wenn ihre Federn verkleben, schaffen sie es nicht. Sie werden unterwegs abstürzen. Dann gibt es noch die Wanderfalken aus Yucatan. Sie sind auf dem Weg zu ihren Brutplätzen in der Arktis - Entschuldigung in Grönland. Man wird diese gefährdeten Vögel speziell herauspicken - die eine höhere Dosis des Öls abbekommen werden. Es ist wirklich schrecklich, dass so eine Sache gerade hier passieren musste - an einem Ort, an dem sich die Tiere auf ihrer Wanderung oder auf ihrem Zug versammeln.
Was halten Sie von dem Vorschlag, das Leck, von dem das Öl ausströmt, zu bombardieren?
Es heißt, BP wolle dies nicht, weil sie dann alles neu aufbauen müssten, falls sie hier je wieder Offshore-Bohrungen durchführen dürfen. Welchen Effekt hätte (eine Bombardierung)?
Oh, nun, ich bin kein Bohrspezialist. Keine Ahnung, ob das funktionieren kann. Aber ich denke, einen Teil des Meeresbodens dort zu bombardieren, wäre ökologisch nicht so schlimm - abgesehen von den Auswirkungen des Lärms auf Meeressäuger wie Delfine und Wale. Ich denke, wenn ein oder zwei Explosionen ausreichen würden, um die Quelle zu schließen, wäre es den Versuch wert. Keine Ahnung, ob das funktionieren könnte.
Wer sollte, Ihrer Meinung nach, die Operation leiten - ich meine die Reinigungsarbeiten?
Nun, BP hat einen Mietvertrag (Leasing) für Bohrungen - keinen Mietvertrag für die Verschmutzung des Golfs von Mexiko. Sie haben auch keinen Vertrag, der es ihnen erlauben würde, Öl in die Umwelt sprudeln zu lassen. Sie haben keinen Vertrag, Dispergatoren einzusetzen und dies zu kaschieren. Sie haben auch keinen Vertrag für Reinigungsarbeiten. Sie haben keinen Vertrag, der es ihnen erlauben würde, Fischer krank zu machen. Sie haben keinen Vertrag, der es ihnen erlauben würden, den USA zu sagen: "Wir werden weiter zersetzende Substanzen einsetzen, die in Europa verboten sind, auch wenn ihr uns sagt, hört damit auf". Schon am zweiten Tag hätte man BP beiseiteschieben sollen. Es hätte ein Kriegsrat einberufen werden sollen - bestehend aus allen Ölfirmen, die wissen, wie man Bohrungen durchführt. Dieser Rat hätte sich auf die Frage konzentrieren sollen, wie man es verhindern kann, dass weiteres Öl aus dem Leck strömt. Was BPs Verantwortung angeht, so tragen sie die Verantwortung. Aber offensichtlich wissen sie nicht, was zu tun ist. Sie können es nicht und tun es nicht. Daher sollte sich ihre Verantwortung auf das konzentrieren, was sie sehr gut können, nämlich zahlen. Sie sollten Geld an die USA bezahlen. Sie befinden sich auf unserem Territorium, in unseren Gewässern. Es sind unsere Menschen, die sie krank machen. Sie zerstören unsere Natur. Zahlt - und lasst die USA weitermachen.
Es geht rund um das Thema: Bohren in Gebieten, die so tief liegen, dass man im Falle eines Unglücks nicht rankommt, um den Schaden zu beheben. Wissen Sie, für mich klingt das wie Three Mile Island (Atomkatastrophe in Harrisburg) oder Tschernobyl. Es ist, als ob... Immer wird den Menschen garantiert, dass so etwas nie geschehen könnte, und wenn es dann doch geschieht, wird einem erst klar, welche Risiken für potentielle Katastrophen geschaffen wurden. Was wird - Ihrer Meinung nach - die Zukunft der Meeresbohrungen sein? Ich meine, welche Lehre werden die Menschen in den USA und auf der Welt daraus ziehen?
Richtig. Nun, dies war nicht die erste Explosion (Blowout) eines Bohrlochs, und es gab auch schon vorher Ölverschmutzung. Im Unterschied zu Tschernobyl wussten wir, dass so etwas passieren würde. Es passiert. Es ist schon vorher passiert. Es wird wieder passieren. Es passiert jetzt, in diesem Moment gerade. Wissen Sie, sie hatten offensichtlich keinen Plan für diesen Fall in der Schublade. Sie haben 30 000 Löcher in den Meeresboden des Golf von Mexiko gebohrt und betreiben 50 000 Bohrinseln. Gleichzeitig kommt es ihnen nicht in den Sinn zu sagen, "oh, was machen wir, wenn plötzlich aus einem der Löcher Öl auslaufen sollte? Das ist ja schon früher an anderen Orten passiert." Nein, sie waren völlig unvorbereitet. Sie verfügen nicht über die nötige Ausrüstung. Sie haben Ausleger, die in offenen Gewässern eingesetzt werden könnten. Die offensichtliche Lehre aus all dem ist: Wir können nicht damit umgehen. Wir können Löcher bohren. Wir kommen mit verschiedenen Problemen zurecht, von denen wir wissen, dass sie vorkommen können, weil sie schon vorgekommen sind, aber wir haben weder die nötige Technologie, noch die nötige Ausrüstung, noch die nötigen Ausleger (die auch in aufgewühlter See eingesetzt werden können) und so weiter. Nein, wir versuchen, auch noch den letzten Tropfen eines zur Neige gehenden Rohstoffes abzupumpen. Dies ist wirklich der rechte Zeitpunkt, um zu sagen, das Öl geht zur Neige, wir brauchen eine nationale Energiepolitik, die über die Zeit hinausreicht, an dem das Öl versiegen wird. Wissen Sie, BP hat einmal gesagt, sein Name bedeute "Beyond Petroleum" (jenseits des Öls). Heute könnte man sagen, BP bedeutet "Beyond Pathetic" (mehr als lächerlich). Nein - wir müssen wirklich vom Öl wegkommen.
Was halten Sie von "Beyond Persecution" (immun vor Strafverfolgung)? Sind sie das? Sollte man sie strafrechtlich verfolgen?
Natürlich sind sie (BP) im strafrechtlichen Sinne verantwortlich. Sie wollten alles schnell, schnell erledigen. Wenn es auf einer Bohrinsel Streit gibt, wie schnell und in welcher Weise vorgegangen werden soll, dann sollte man seinen Leuten nicht sagen: "Macht schnell, schnell!" Ich meine, das ist doch absolut kriminell. Und - wissen Sie - wir fragen immer noch: "Oh, dürfen wir reingehen? Dürfen wir Atemschutzgeräte verwenden." Das ist doch geisteskrank.
Die 'Atlantis' - eine Bohrinsel, die weit größer ist, als die explodierte 'Deepwater Horizon' - hat ihren Betrieb eingestellt, oder?
Ich weiß nicht, ob sie noch in Betrieb ist oder nicht.
Wurden alle Offshore-Bohroperationen eingestellt? Oder nicht?
Nein, nicht alle. Leider hat die Regierung Obama hier meiner Meinung nach auf ganzer Linie versagt. Wir hatten (die Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner) Sarah Palin mit ihrem Spruch: "Bohr, Baby, bohr!" (Drill, Baby, drill!) Das wollten wir nicht; wir wählten Obama. Und was bekamen wir: "Bohr, Baby, bohr!" Genau das haben wir bekommen. Sie (die Regierung) unternahm Schritte, um das Moratorium bezüglich (neuer) Offshore-Bohrungen, das seit Generationen besteht, aufzuheben. Nun sind sie mit dieser Sache in der Sackgasse gelandet - denn keiner ist in der Lage, etwas so Vernünftiges zu sagen wie: "Wissen Sie was? Wir haben einen Fehler gemacht". Sie würden ihr Gesicht verlieren. Also heißt es, nein, wir müssen unser Gesicht wahren. Es ist offensichtlich, dass das Verbot neuer Bohrungen richtig war. Es ist richtig. Wir wissen nicht, wie wir mit diesen Problemen umgehen sollen. Wir müssen damit aufhören. Wir müssen dafür sorgen, dass dies der Augenblick Entscheidung ist und wir zum ersten Mal eine nationale Energiepolitik bekommen werden, die langfristiger denkt und die fossilen Energien langsam auslaufen lässt. Denn, diese Energieträger töten Menschen; sie machen Menschen krank und zerstören die Umwelt.
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