Palästina: Mir wird schlecht
von Damon Ramsey
14.05.2008 — ZNet
Ich bin Medizinstudent. Im vergangenen Monat war mir ständig sehr, sehr übel, und es scheint nicht weg zu gehen. Ich habe keine Begleitsymptome - weder Unterleibsschmerzen noch Durchfall noch andere Symptome von Bedeutung. Meine Vitalzeichen sind stabil, ich kontrolliere sie regelmäßig. Ich habe weder Fieber noch Nachtschweiß noch Gewichtsverlust. Bevor dieser Zustand des Unwohlseins einsetzte, war ich topfit. Ich bin 22 Jahre alt, männlich und gesund, Doc.
Fragen Sie mich nach dem Zeitpunkt, an dem meine Befindlichkeitsstörungen einsetzten. Das bringt mich auf eine Idee. Es ging los nach den neuesten Ereignissen in den Besetzten Gebieten, die mich zutiefst betroffen machten. Je mehr ich über diesen Konflikt lerne und begreife, desto übler wird mir. Ich weiß, Doktor, sie haben keine Zeit, aber hören Sie mir wenigstens eine Sekunde zu.
In den Besetzten Gebiete ereignen sich Tag für Tag Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Als Medizinstudent betrachte ich Gesundheitsthemen als meine schwerpunktmäßige Aufgabe. Zahlreiche internationale Konventionen garantieren das universelle Recht auf Gesundheit. Besonders detailliert ist dies in Artikel 12 der 'Internationalen Konvention über Ökonomische, Soziale und Kulturelle Rechte' festgelegt. In dieser Konvention und in der 4. Genfer Konvention steht etwas über die Pflicht einer Besatzungsmacht in Fragen der Gesundheit. Diese Pflicht schließt den Schutz der Bewegungsfreiheit des medizinischen Personals und der Notfallpatienten mit ein sowie den Schutz von Kliniken, und es schließt die Bereitstellung einer medizinischen Versorgung auf dem Niveau, das den eigenen Bürgern bereitgestellt wird, mit ein.
Schon auf den ersten Blick wird klar, dass die aktuelle israelische Politik jeden Tag gegen diese internationalen Rechtsnormen verstößt. Eine israelische Militärdiktatur in Westbank und Gaza bedeutet unter anderem, dass weiterhin ein illegales System militärischer Checkpoints besteht, welches das Recht der Palästinenser auf Bewegungsfreiheit zerstört. Medizinisches Personal ist behindert, wenn es darum geht, Patienten in Not zu helfen. Interne Grenzen, die die IDF (Israelische Armee) innerhalb der Territorien errichtet hat, spalten die Städte und Dörfer praktisch in Gettos auf. Das Einzige, was diese noch verbindet, ist das Leid. Geschlossene Checkpoints, Militärrazzien, Ausgangssperren und viele zerstörte palästinensischer Häuser - das ist Teil des Alltags. Die systematische Zerstörung der palästinensischen Zivilgesellschaft wird immer schlimmer. Letzten Endes gerät das Recht der Palästinenser auf Gesundheit unter die Räder.
In einer Veröffentlichung vom April 2008 (1) beschreibt die Weltgesundheitsorganisation WHO ausführlich fünf besonders krasse Fälle: Patienten starben, während sie auf eine Ausreisegenehmigung aus ihren belagerten Gebieten warteten oder weil diese Genehmigungen ihnen illegalerweise (Symah & Salha 2008 (1)) verweigert wurden. In 27 weiteren Fällen geht es um Patienten, die keine Spezialbehandlung außerhalb von Gaza erhalten konnten. Der Bericht ist frei im Internet erhältlich.
Amir al-Yazji, 9, ist ein solches Beispiel. Er starb an Meningoenzephalitis, während er darauf wartete, dass die bürokratischen Mühlen des israelischen Genehmigungserteilungssystems mahlen. Leider nahm seine Krankheit keine Rücksicht auf reguläre Bürozeiten (9 bis 17 Uhr). In einem weiteren schrecklichen Fall wird beschrieben, wie der Vater (Mahmoud) eines Patienten (Kamal) von seinem sterbenden Sohn getrennt wurde. Kamal litt an Magenkrebs und wurde zur Behandlung nach Israel gebracht. Der Vater wurde einer Leibesvisitation unterzogen, verhört und zehn Tage lang eingesperrt, während sein Sohn in Israel alleine sterben musste. Die Familie in Gaza wurde nicht informiert. Apropos, Gaza. Es ist darauf hinzuweisen, dass immer mehr Überweisungen für Behandlungen ins Ausland benötigt werden. Warum? Bei der Belagerung Gazas hat Israel Importrestriktionen für viele essentielle Medikamente, für Geräte und Behandlungsmöglichkeiten verhängt. Immer mehr Patienten, die zur Behandlung lieber nach Ägypten gehen würden, müssen sich nun an Israel wenden, da die Grenze nach Ägypten bei Rafah von Israel komplett abgeriegelt wurde. Verglichen mit der Zeit vor 2007 lässt Israel mehr Patienten am Checkpoint Erez (nach Israel) herein. Die WHO weist jedoch darauf hin, dass die proportionale Zahl an Patienten, denen die Einreise verweigert wird, unverhältnismäßig gestiegen ist (IRIN 2008 (2)). Im Januar 2006 wurden lediglich drei Prozent zurückgewiesen, im Dezember 2007 waren es schon 36%. "Tragödien, die hätten verhindert werden können und sollen", so Ambrogio Manenti, Chef der WHO in Jerusalem. Er spielt damit auf Fälle von palästinensischen Patienten an, die auf der Warteliste für eine Behandlung außerhalb von Gaza starben.
Unter diesen Umständen ist es auch nicht verwunderlich, dass 20% der (palästinensischen) Kinder unter 5 Jahren anämisch sind (Studie der Al-Quds-Univeristäten und des John-Hopkins-Institut). 9,3% der Kinder sind unterernährt, 13,2% chronisch unterernährt (Abdeen, Greenough, Shahin & Tayback 2002 (3)). Laut einer Schätzung der Weltbank leben 60% der Bevölkerung von 2$ am Tag und somit unter der Armutsgrenze. Ihre Zahl hat sich in nur drei Jahren verdreifacht. Eine halbe Million Menschen (Palästinenser) sind vollständig von Nahrungsmittelhilfe abhängig, in mehr als der Hälfte der Haushalte gibt nicht einmal eine Mahlzeit am Tag.
Vor kurzem sagten die Vereinten Nationen, fast eine halbe Million Menschen würden weiter hungern, wenn die Konditionen der Blockade sich nicht änderten. John Ging ist Direktor der UNO in Gaza. Aufgrund der israelischen Treibstoffblockade könne die Lebensmittelhilfe nicht nach Gaza gebracht werden, sagte er kürzlich. "Wenn eine Seite unverantwortlich handelt, hebt dies die eindeutige rechtliche Verantwortungen der anderen Seite nicht auf", so Ging. "Gemäß internationalem humanitärem Recht hat Israel die Pflicht, für die Versorgung der zivilen Bevölkerung von Gaza zu sorgen." (Butcher, 2008 (4))
Das Gesundheitsministerium von Gaza sagt, die meisten Ambulanzen stünden aufgrund des Treibstoffmangels still (PCHR, 2008) (5). Das Ministerium kündigte zudem an, die begrenzten Treibstoffreserven zu nutzen, um Gesundheitszentren und wichtige Geräte am laufen zu halten. Das Ministerium warnt vor einer Lähmung des Gesundheitswesens und der wenigen noch fahrenden Krankenwagen, falls die letzten geringen Reserven auch noch ausfallen. Dies würde den Bürgern Gazas das Minimum an Gesundheitsleistungen auch noch entziehen. Die Kliniken und Medizinischen Zentren des Gazastreifens leiden zudem an personeller Unterbesetzung, da Mitarbeiter (häufig) nicht an ihre Arbeitsplätze gelangen. Der Weiterbetrieb dieser Einrichtungen ist gefährdet, ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da das israelische Militär seine Aktionen im Gazastreifen verstärkt. Hinzu kommen immer wieder Berichte, dass Ambulanzen, die Kranke transportieren, von Gewehrkugeln getroffen werden oder dass Ambulanzen lange aufgehalten werden, während die Fahrer und sogar Patienten verhört, durchsucht, bedroht und zum Schluss entwürdigt würden.
Diese Verstöße gegen internationales Recht wurden eindeutig dokumentiert - von Amnesty International, Ärzte für Menschenrechte - Israel, Human Rights Watch, B'Tselem und vielen anderen Menschenrechtsorganisationen mit seriöser Reputation (6). Kaum verwunderlich, dass Israel viele der Beschuldigungen zurückweist und der demokratisch gewählten palästinensischen Führung Hamas die Schuld gibt. Häufig lehnt Israel die Verantwortung für einen adäquaten Zugang der Palästinenser zu Gesundheitseinrichtungen mit der Begründung ab, seit dem Abkommen von Oslo liege die Pflicht für die Gesundheitsversorgung bei der PA in Westbank und Gaza bei der PA. Dabei wird der wichtigste Punkt außer acht gelassen: Israel hat de facto einen Großteil des palästinensischen Territoriums wieder besetzt.
Ein Vertreter von Human Rights Watch drückte es so aus: Israel hat "effektiv die Kontrolle über den Gazastreifen", und aus diesem Grund "muss es für das Wohl und Wohlergehen der Bevölkerung sorgen". (IRIN, 2008 (2)).
Kinder sterben sinnlos, weil es zu bürokratischen Verzögerungen kommt. Es geht nur um eine Stück Papier, eine Genehmigung, die cool über Leben und Tod entscheidet. Frauen sterben an einer Geburt, während sie an einer von Israelis geschlossenen Grenze warten. Ambulanzfahrer, Saniäter und Klinikärzte werden regelmäßig gefeuert. Wen wundern da meine Magenschmerzen? Können wir uns jetzt über meine Behandlung unterhalten, Doktor?
Ich habe Ihnen alle Faktoren genannt, die zu einer Verschlimmerung meiner Symptome beitragen. Je mehr ich über diese Gräuel lese, desto mehr scheint sich mein Befinden zu verschlechtern. Einen positiven Faktor darf ich Ihnen aber nicht vorenthalten. Vor kurzem habe ich beschlossen, nicht mehr über die dringliche Krise zu schweigen. Ich beteilige mich aktiv an einer machtvollen Kampagne, die das 'Recht auf Gesundheit' der Palästinenser unterstützt. Mit jede(m) Neue(n), der/die mitmacht, fühle ich mich ein wenig besser. Je mehr ich über Gruppen, Organisationen und Individuen, die zusammenarbeiten, um die Situation vor Ort zu verbessern, lese, desto besser fühle ich mich - immer ein wenig besser. Ich brauche kein Gravol, Doc. Deshalb komme ich zu Ihnen. Ich brauche Sie: Kommen Sie auf unsere Seite, werden Sie einer der besorgten Bürger und Mitarbeiter/innen des medizinischen Bereichs, die sich informieren und aktiv eintreten für eine Welt, in der solche Verstöße gegen das Recht auf Gesundheit nicht ohne Widerstand bleiben. Wenn Mitarbeiter des Gesundheitswesens - wie wir - das Menschenrecht auf Gesundheit nicht schützen, wer sollte es sonst tun?
Anhang
(1) Saymah, D., & Salha, D.: 'Access to health services for Palestinian people - Case studies of five patients in critical conditions who died while waiting to exit the Gaza Strip', West Bank & Gaza, 2008: World Health Organisation (WHO)'.
(2) IRIN. (2008). ISRAEL-OPT: 'WHO concerned about Gaza patients dying while awaiting treatment'.
(3) Abdeen, Z., Greenough, G., Shahin, M.,&Tayback,M. (2002): 'Nutritional Assessment of the West Bank and Gaza Strip'. CARE International
(4) Butcher, T. (2008, April 25). 'UN forced to halt Gaza food aid to a million', erschienen in Telegraph.co.uk
(5) PCHR. (2008). 'Gaza fuel cuts paralyze education, health and transport sectors.' Gaza: The Palestinian Center for Human Rights
(6) (2003) 'Harm to Medical Personnel: The Delay, Abuse, and Humiliation of Medical Personnel by Israeli Security Forces'. Jerusalem: B'Tselem & Physicians for Human Rights - Israel.
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(www.israelheute.com)
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