Palästinensisches Mitglied der Knesset erhält Todesdrohungen
Hanin Zoabi ist eine Überlebende des Angriffs auf die Gaza-Hilfsflotte
von Amy Goodman
10.06.2010 — Democracy Now!
Hanin Zoabi war an Bord der Mavi Marmara - dem Flaggschiff der Gaza-Flotte, auf dem 9 Aktivisten getötet wurden. Sie sah, wie Menschen verbluteten. Als sie nach Israel zurückkehrte, um vor der Knesset zu sprechen, wurde sie von mehreren Parlamentariern verbal angegriffen, weil sie sich an der Flotte beteiligt hatte.
Unsere Gästin:
Hanin Zoabi - Palästinensische Knesset-Abgeordnete. Sie war die erste Frau, die als Vertreterin einer arabischen Partei in das israelische Parlament (Knesset) gewählt wurde.
Amy Goodman:
Wenden wir uns nun wieder der Situation im Nahen Osten zu. Auf dem Regionalgipfel in Istanbul wurde der tödliche israelische Überfall auf die Hilfsflotte für Gaza von fast zwei Dutzend Nationen verurteilt. Bei dem Überfall, der in der vergangenen Woche in internationalen Gewässern stattfand, hatten israelische Kommandos 9 Aktivisten getötet und über 100 verletzt. Bei dem Gipfel in Istanbul handelte es sich um ein Treffen der 'Conference on Interaction and Confidence-Buildung Measures in Asia'. Der türkische Staatspräsident verlas ein Statement, in dem er den Überfall verurteilte. 21 der 22 Konferenzteilnehmer stimmten dem Statement zu. Nur ein Teilnehmerland - Israel - stimmte nicht zu.
Auch der russische Premierminister Wladimir Putin war auf dem Gipfel. Er sagte gegenüber Reportern, er werde das Thema in den Vereinten Nationen zur Sprache bringen. Die UNO solle die israelische Attacke untersuchen. Das israelische Militär kündigte eine eigene interne Untersuchung an. Das Militär weißt die Forderungen nach einem internationalen Tribunal zurück. Am 4. Juli will es seine Ermittlungsergebnisse bekanntgeben.
Mittlerweile ist Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas in Washington eingetroffen. Heute wird er sich mit Präsident Obama im Weißen Haus treffen.
Gestern sprach ich mit einer Überlebenden des israelischen Überfalls auf die Gaza-Flotte. Hanin Zoabi ist eine palästinensische Knesset-Abgeordnete - als Vertreterin einer der arabischen Parteien. Sie war an Bord der Mavi Marmara - dem Flaggschiff der Flotte, auf dem alle 9 Aktivisten getötet wurden. Sie sah mit an, wie einige von ihnen verbluteten. Als sie nach Israel zurückkehrte, um vor der Knesset zu sprechen, wurde sie von mehreren Abgeordneten verbal angegriffen, weil sie sich an der Flotte beteiligt hatte. Ich habe gestern mit ihr gesprochen. Sie ist in Jerusalem. Zunächst sprach sie über die Geschehnisse während des israelischen Überfalls.
Hanin Zoabi:
Um 4 Uhr 30 morgens sah ich 14 israelische Schiffe auf uns zukommen, begleitet von Helikoptern. Auf jedem Schiff befanden sich Dutzende Soldaten. Ich dachte noch, mit dieser Art Gewalt werden sie uns nicht stoppen können. Wir sind 600 Passagiere. Doch dann wurde mir klar, dass weniger als ein Viertel, weniger als zehn Prozent, von ihnen uns sehr, sehr leicht aufhalten konnten. Ich hatte - vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben - Angst um mein Leben. Ich hatte große Angst. Ich dachte, dies wird nicht... dies wird ein tragisches (unverständlich) Ende nehmen. Es wird am Ende nicht ohne Tote abgehen.
Wir wurden von einem Hubschrauber angegriffen beziehungsweise von einem Hubschrauber mit Soldaten - ich habe sie nicht gezählt... es wurde geschossen. Es waren 10, 20 Soldaten - vielleicht 10 - die aus den Hubschraubern kamen. Ich konnte sie nicht zählen. Sie fingen an zu schießen - nicht die Soldaten in den Hubschraubern schossen, sondern die Soldaten auf den Schiffen, die die Marmara umkreist hatten, fingen mit dem Schießen an. Ich weiß nicht, ob es scharfe Munition oder Lärmgranaten waren. Ich weiß es nicht, aber wir waren in Panik. Alle von uns hatten Angst. Die meisten gingen nach drinnen in einen Raum.
Nach 10 Minuten wurden zwei Verletzte - Schwerverletzte - hereingebracht. Sie saßen auf dem Boden und starben nach einer Weile. Nach 20 Minuten wurden drei weitere Personen hereingebracht. Einer starb nach einer Weile. Sie hatten Nacken-, Kopf- und/oder Bauchverletzungen (unverständlich). Der vierte und der fünfte Mann starben nicht sofort. Sie verbluteten langsam.
Ich ging auf die israelischen Soldaten mit einem Poster zu, auf dem ich sie, auf Hebräisch, um medizinische Hilfe für die beiden Verletzten bat, die verbluteten. 20 Minuten lang versuchte ich, an sie heranzukommen und sie zu fragen. Ich versuchte es auf zwei Arten - verbal und mit meinem beschrifteten Plakat. Sie weigerten sich - sie weigerten sich auch nur diese Hilfe zu gewähren. Die beiden Männer starben nach ungefähr einer halben Stunde.
Amy Goodman:
Können Sie uns beschreiben, was passierte, als Sie in die Knesset kamen - in die erste Sitzung nach dem Überfall des israelischen Kommandos auf das Schiff, auf dem Sie gewesen waren? Wie ging es Ihnen dabei?
Hanin Zoabi:
Während der ersten Sitzung kam es zu massiver Aggressionen. Sie bezeichneten mich als "Verräterin" und "Terroristin". "Wo sind die Messer? Wo haben Sie die Messer versteckt?" Sehen Sie - die machten sogar sexuelle Bemerkungen. Sie spielten auf mein Alter an. Selbst die Tatsache, dass ich Single bin, wurde erwähnt. Ich bin eine unverheiratete Frau. Sie sagten: "Geht nach Gaza! Du bist 38. Geh - und wir werden sehen, ob du in Gaza zurechtkommst, als unverheiratete Frau von 38 Jahren". Es war absolut unter der Gürtellinie. Die Bemerkungen waren nicht nur unethisch und inhuman, sie waren noch unter diesem Niveau. So etwas hätte ich im Parlament nie für möglich gehalten. Es war unglaublich.
Auf politischer Ebene konnten sie sich nicht mit mir auseinandersetzen. Meine politischen Behauptungen und meine Diskussionslinie konnten sie nicht anfechten. Ich bin politisch aktiv. Ich bin gegen Belagerungen. Ich bin gegen Besatzungen. Nicht das, was sich auf der Flotte ereignet hat, ist ja das große israelische Verbrechen sondern die Besatzung und die Belagerung. Ich bin gegen... es ist mein Recht, aktiv zu sein. Aus diesem Grund bin ich in der Knesset. Die Leute haben mich nicht gewählt, damit ich nur herumsitze und die israelische Politik abnicke. Ich habe ein Programm. Ich habe eine demokratische Vision. Ich bin eine Bürgerin und nehme meine Staatsbürgerschaft ernst. Meine Vision ist es, dass Araber, Palästinenser und Juden in Israel die gleichen Rechte haben werden.
Amy Goodman:
Hanin Zoabi, wurden sie bei dieser ersten Sitzung in der Knesset physisch geschubst?
Hanin Zoabi:
Niemand konnte mich berühren, weil Dutzende Bodyguards um mich herum standen. Sobald ich die Knesset betrat, kamen die Bodyguards auf mich zu und umstellten mich. Viele Knesset-Abgeordnete näherten sich - Frauen und Männer. Ich denke, wäre ich ein Mann gewesen, hätten die beiden Knesset-Abgeordneten, einer vom Likud, einer von Yisrael Beiteinu, nicht nach mir gegriffen und wären mir nicht nahegekommen. Aber weil ich eine Frau bin, mischten sich sogar die weiblichen Knesset-Abgeordneten ein. Zuerst (unverständlich). Aber weil die Knesset-Bodyguards um mich herumstanden, kamen sie nicht an mich ran.
Amy Goodman:
Kam es zu einer Abstimmung im House Committee der Knesset, um Ihnen einige Ihrer Privilegien, als Knesset-Abgeordnete, zu entziehen?
Hanin Zoabi:
Ja, ja. Mein Diplomatenpass wird mir entzogen werden. Die Knesset wird zudem meine Anwaltsrechnung nicht bezahlen. Falls meine Immunität als Abgeordnete aufgehoben wird und es zu strafrechtlichen Ermittlungen kommt, wird die Knesset meine Anwaltskosten nicht übernehmen. Hinzu kommt, dass ich eine staatliche Sondergenehmigung einholen soll, sobald ich ins Ausland reise. Das ist nicht praktikabel - eine nicht praktikable Sanktion. Die beiden praktikablen Sanktionen sind die Aufhebung meines Diplomatenpasses und die Nichterstattung meiner Anwaltskosten, falls meine Immunität im Rahmen strafrechtlicher Ermittlungen aufgehoben werden sollte.
Amy Goodman:
Warum haben Sie sich an der Flotte beteiligt?
Hanin Zoabi:
Im Grunde war es eine Selbstverständlichkeit. Die richtige Frage müsste meiner Meinung nach lauten: Warum hat sich jemand nicht an der Flotte beteiligt? Ich habe bei dieser Flotte mitgemacht, weil ich dagegen bin, dass Menschen in ein großes Gefängnis eingesperrt werden. Ich bin dagegen, dass 1,5 Millionen Menschen in einem nicht überdachten Gefängnis leben müssen und nicht ins Ausland reisen können, dass sie kein Recht auf Nahrung haben und dass es kein Recht gab, das sie davor bewahrte, dass die Israelis - während des Gaza-Angriffs - ihre Häuser zerstören konnte. 165 Schulen wurden zerstört, und aufgrund der Belagerung haben die Palästinenser keine Möglichkeit, diese Häuser, Schulen und Manufakturen wiederaufzubauen. Es ging also um die Würde des Menschen. Es geht um die Würde von Männer, Frauen und Kindern. Es geht darum, ein normales Leben zu führen. Es geht um die Freiheit von Menschen, leben zu dürfen. Menschen sollten nicht unterdrückt werden - darum geht es.
Amy Goodman:
Hanin Zoabi - auf einer Facebook-Seite haben 500 Menschen einen Exekutionsaufruf gegen Sie unterschrieben. Haben Sie derzeit bewaffneten Schutz?
Hanin Zoabi:
Ja, Ja - ich habe zwei Bodyguards, die mir folgen.
Amy Goodman:
Fürchten Sie sich?
Hanin Zoabi:
Das kann ich weder verneinen noch bejahen. Ich denke nicht darüber nach. Ich denke nur an die Verantwortung, die ich habe. Zum Beispiel, wenn ich Ihnen ein Interview gebe, denke ich nicht die ganze Zeit an meine politische Verantwortung oder an die menschlichen Werte, denen ich mich verpflichtet fühlen sollte. Ich denke an die 9 Getöteten. Ich fühle Verantwortung - ich fühle mich ihnen gegenüber verantwortlich. Ich fühle, dass sie nicht hätten sterben sollen - wegen nichts - und dass es meine Aufgabe ist, ihre Geschichte zu erzählen. Ich habe auch das Gefühl, dass ich eine größere Verantwortung habe als die anderen 600 Passagiere, die mit an Bord waren, weil ich ja Immunität besitze. Man wollte sie mir nehmen, weil ich eine Knesset-Abgeordnete bin, weil ich eine Parlamentarierin bin. Aber ich besitze dieses Instrument (noch), und daher habe ich mehr Verantwortung als die anderen, die auf dem Schiff waren. Ich bin froh darüber - ich glaube an meine Verantwortung und will ihr, ohne zu zögern, gerecht werden.
Amy Goodman:
Tut es Ihnen leid, dass Sie sich der Gaza-Flotte angeschlossen haben?
Hanin Zoabi:
Was glauben Sie? Überhaupt nicht. Überhaupt nicht. Und falls sie mich wieder einladen, würde ich es wieder tun. Ich würde wieder teilnehmen.
Amy Goodman:
(...) Hanin Zoabi sprach mit uns aus Jerusalem. (...)
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