"Pufferzone" in Gaza
Die Zahl der Opfer steigt
von Eva Bartlett
02.07.2009 — The Electronic Intifada
"Es gab eine Explosion - circa 20 Meter entfernt - gleich darauf eine zweite. Ich erkannte, dass es mich erwischt hat", sagte Saleh Ahmad al-Medani. Er verschiebt den Kragen seines Shirts und zeigt eine von drei Eintrittswunden an seinem Körper. Saleh wurde von Metallpfeilen, so genannten "Flechettes", getroffen. Sie sind rasierklingenartig, aus Metall und sehen aus wie Stahlpfeile. Eine einzige Granate enthält Tausende dieser circa 5cm langen Pfeile.
Am 3. Juni 2009, kurz nach Mitternacht, befand sich der 17jährige Saleh zu Fuß auf dem Heimweg. Er kam vom Haus eines Freundes in Umm al-Nassir. Der Ort Umm al-Nassir besteht aus mehreren Zelten und kaputten Häusern. Er liegt im Nordwesten des Gazastreifens, etwas mehr als einen Kilometer von der Nordgrenze zu Israel entfernt.
Einige Tage nach den Explosionen heilen Salehs Wunden immer noch nicht. Noch immer steckt ein Pfeil in seinem Genick, in seiner Schulter, seinem Fuß. "Der Arzt sagt, er werde nicht operieren, um die Pfeile zu entfernen, es sei denn, die Schmerzen sind zu groß", so der Junge. "Ich habe noch immer leichte Schmerzen, aber was soll ich tun?"
In Gaza - wo Israel immer wieder Flechette-Bomben einsetzt -, ist dies durchaus nichts Ungewöhnliches. Die Pfeile sind so geformt, dass sie tief in ihr Ziel eindringen - ganz gleich, ob es sich um einen Körper, ein Stück Metall oder Beton handelt. Der "Schwanz" des Pfeiles bricht beim Eindringen meist ab (so dass man den Pfeil nicht herausziehen kan). Dies führt zu multiplen Verletzungen. Fast immer können die Pfeile nur durch Extraktionsoperationen entfernt werden, bei denen - auf der Suche nach dem Pfeil - weiterer Schaden zugefügt wird. In den meisten Fällen entscheiden sich die Ärzte daher gegen eine Operation und lassen die Pfeile einfach im Körper der Opfer stecken.
Zu dem Zeitpunkt, als Saleh al-Medani getroffen wurde, "war nichts los", sagt er. "Ich war mit meinem Freund Ahmad zusammen. Die Gegend war ruhig - bis die beiden getroffen wurden. Der 17jährige Ahmad Abu Hashish wurde nicht so schwer verletzt wie sein Kumpel. Ein Pfeil traf seinen Fuß. Beide Teenager wurden sofort in das nahegelegene Krankenhaus Kamal Adwan in Beit Lahiya gebracht. Da Saleh al-Medanis Verletzungen ernster waren - vor allem der Pfeil in gefährlicher Nähe seiner Halswirbelsäule - wurde eine Verlegung in das al-Shifa-Hospital in Gaza-Stadt nötig.
Das 'Palästinensische Zentrum für Menschenrechte' (PCHR) hat al-Medanis Aussagen über seine Verletzungen durch eine Flechette-Bombe in ihren wöchentlichen Report aufgenommen. PCHR: "Kurz nach Mitternacht bezog die IOF (Israelische Besatzungstruppe) Stellung an der Grenze zwischen Gaza und Israel. Sie feuerten 4 Flechette-Granaten auf ein Beduinen-Dorf im nördlichen Gazastreifen ab. Die Granaten schlugen in der Nähe mehrerer palästinensischer Zivilisten ein, die neben ihren Häusern standen. Dies geschah circa 1000 Meter von der Grenze entfernt".
Am gleichen Tag, dem 3. Juni, feuerten israelische Soldaten in der Region um Beit Hanoun auf mehrere palästinensische Bauern. Zwei Personen wurden verletzt. Laut PCHR befanden sie sich rund 1km von der Grenze entfernt und arbeiteten auf ihren Feldern. Die beiden verletzten Bauern sind Mitte 60. Sie sind zwei der aktuellsten Opfer des israelischen Beschusses bzw. Granatbeschusses - seit dem dreiwöchigen israelischen Angriff auf Gaza im Dezember/Januar.
Seit beinahe einem Jahrzehnt setzt Israel an der israelischen Grenze zu Gaza unilateral ein Niemandsland durch - ausschließlich auf palästinensischem Gebiet. Diese "Pufferzone" ist an manchen Stellen 50 Meter breit, an manchen Stellen im Norden, mehr als 2km. Am 25. Mai 2009 verkündeten die israelischen Behörden offiziell, dass die Pufferzone auf 300 Meter ausgeweitert würde. Alle, die sich in diesem Bereich bewegten, würden Ziele und von den Israelis beschossen.
Nach dieser Erklärung - aber auch schon zuvor - schossen und schießen israelische Soldaten immer wieder Granaten und Kugeln über die 300-Meter-Grenze hinaus. Sie zielen auf unbewaffnete palästinensische Zivilisten und Bauern aus der Nachbarschaft.
Am ersten Tag des Waffenstillstands (18. Januar) erschossen israelische Soldaten den 23jährigen Maher Abu Rjaila aus dem Dorf Khozaa im Südosten des Gazastreifens. Er wurde von scharfer Munition in die Brust getroffen und starb. Seitdem wurden zwei weitere Palästinenser getötet (darunter ein Kind); 18 Personen wurden verletzt. Das alles geschah in Regionen, die nahe der "Pufferzone" liegen. In allen Fällen hatten israelische Soldaten ihre Granaten oder Kugeln gezielt abgefeuert.
Einen Monat - und mehrere Opfer - später wurde die 17jährige Wafa al-Najjar in dieser Region von einem israelischen Soldaten ins Knie geschossen. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Mädchen circa 800 Meter von der israelischen Grenze entfernt. Dies geschah am 24. Februar. Al-Najjars Kniekapsel wurde komplett zerschmettert. Monatelange Rehabilitation ist nötig, bevor sie vielleicht wieder gehen kann.
Am 5. Juni befand sich Khaled Jahjuh mit seinem siebenjährigen Sohn im Süden des Gazastreifens - in der Region Shoka, östlich von Rafah. Sie wollten gerade mit ihrem Truck ihr Land verlassen, das 1,5,km von der israelischen Grenze entfernt liegt, als israelische Soldaten das Fahrzeug beschossen und den Vater trafen. Die Kugel eines israelischen Soldaten durchschlug das Metall des Trucks und drang in Khaleds Rücken ein. Sie traf sein Rückenmark. Er kann nicht mehr gehen.
Die Narben seines Sohnes sind psychischer Natur.
Viele Menschen, die bei israelischen Angriffen verletzt wurden, wissen nicht, ob sie wieder gesund werden oder wie ihre Zukunft aussieht. Mit der zusätzlichen Ausweitung der "Pufferzone" wird die Zahl der Opfer weiter steigen.
Eva Bartlett ist eine Menschenrechtsvertreterin und freie Journalistin aus Kanada. Sie kam im November 2008 nach Gaza (auf der dritten Überfahrt eines Schiffes der Bewegung 'Free Gaza'). Sie ist eine Freiwillige der Internationalen Solidaritätsbewegung (ISM) und dokumentiert die israelischen Angriffe auf Palästinenser in Gaza, die weigergehen. Während der Angriffe auf Gaza vor einigen Monaten (Dezember/Januar) fuhren sie und andere ISM-Freiwillige in Ambulanzen mit und berichteten über die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen.
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