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Radioaktive Fliegen an der brasilianisch-uruguayischen Grenze freigesetzt

von Michael Fox

15.03.2009 — ZNet

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Vier Tage in der Woche werden nahe der norduruguayischen Stadt Artigas zweimal täglich 1500 Kisten in ein Frachtflugzeug geladen. Der Jet fliegt sehr hoch, bevor die Kisten auf die grünen Felder abgeworfen werden. Über hundert Kilometer erstreckt sich die Region an der uruguayisch-brasilianischen Grenze. Jede Kiste enthält 1800 Fliegen. Doch es sind keine normalen Fliegen. Sie wurden mit Caesium 137 sterilisiert. Dabei handelt es sich um ein radioaktives Isotop, das in der Natur nicht vorkommt. Es entsteht bei Atomexplosionen oder beim Betrieb eines Nuklearreaktors.

Die Freisetzung der Fliegen ist Teil eines neunwöchigen Projektes in der Region, mit dem die Population einer Bremsenart (mosca-da-bicheira) reduziert werden soll. Diese Bremse ist groß und hässlich-grün. Ihre Bisse sind sehr unangenehm. Die Fliege fügt der wichtigen industriellen Tierproduktion der Region bedeutende Verluste zu, da die Fliegenlarven häufig in die Wunden von Herdentiere eindringen und zum Tod führen können.

Laut der aktuellen Studie kreuzen sich die radioaktiv sterilisierten Fliegen mit ihren natürlichen Artgenossen und produzieren unfruchtbare Eier. Dadurch wird ein Großteil der regionalen Bremsenpopulation kontrolliert oder sogar die ganze Population ausgeschaltet.

Das Fliegen-Projekt hat Halbzeit. Bis jetzt scheint es zu funktionieren. Fast ein Drittel der Fliegeneier, die in letzter Zeit in der Region gefunden wurden, waren steril. In den kommenden Wochen wird noch mit einer Zunahme dieser Zahlen gerechnet.

"Alles läuft wie erwartet, im Grunde waren wir sogar ein wenig positiv überrascht, weil andere Länder, in denen die Technik eingesetzt wurde, diese Resultate nicht sofort in diesem Maße hatten", so der Koordinator für Brasilien, Joal Pontes. Er ist Regionalsupervisor der Abteilung für Tierproduktion im brasilianischen Landwirtschaftsministerium in Alegrete, im Bundesstaat Rio Grande do Sul.

Falls Sie dies für einen eigenwilligen Weg halten, um Parasitenpopulationen zu kontrollieren, sollten Sie noch einmal darüber nachdenken.

Viele Menschen haben vielleicht noch nie etwas über die Technik zur Sterilisierung von Insekten (SIT) gehört. Diese Technologie wurde in den 20ger Jahren in den USA entwickelt. Damals setzte man radioaktive Strahlung ein, um Insektenlarven zu sterilisieren. Seit den 50ger Jahren ersetzen radioaktive Isotope die Strahlung. Seither kommt die Technik an vielen Orten der Welt zum Einsatz - vor allem aber in den USA, in Mexiko und Zentralamerika.

Laut der FAO (UNO-Organisation für Ernährung und Agrikultur) nutzten die USA die Methode, um die Ausbreitung der Mittelmeerfruchtfliege in Hawaii und Kalifornien zu kontrollieren oder auszuschalten und die Ausbreitung der Karribischen Fruchtfliege in Florida. Kontrolliert werden soll auch die Mexikanische Fruchtfliege, der lila Spulwurm, die Baummotte (Schwammspinner), die Motte des Apfelwurms, der Baumwollkäfer, die gemeine Stechfliege, der Tabak-Hornwurm und das Viehfieber.

Anfang der 90ger Jahre wurde diese Technik in den USA noch immer eingesetzt, um die Mexikanische und Karribische Fruchtfliege, den lila Spulwurm, die Baummotte, den Tabakspulwurm und das Viehfieber zu kontrollieren.

In seinem Buch 'Nuclear Energy' schreibt Prof. Raymond L. Murray über nukleares Engineering. Anhand des Einsatzes dieser Technologie gegen die parasitäre Schraubwurmfliege auf Curacao, auf Puerto Rico und im Südwesten der USA beschreibt er den "klassischen Fall" von SIT. "Nachdem man Anfang der 60ger Jahre die Zahl der Fliegen reduzieren konnte, kamen sie aus Mexiko wieder - was eine Wiederholung der Operation erforderte. 350 Millionen sterilisierte Fliegen wurden jede Woche freigesetzt. Die Infektionsrate sank von 100 000 auf 0. Pro Jahr sparte die tierproduzierende Industrie circa $100 Millionen". Wie die Bremse legt auch die Fliege des Schraubwurms ihre Eier in die Wunden von Tieren. Die Larven ernähren sich vom Fleisch dieser Tiere.

In dieser Weise wird in den USA und Indien auch gegen Moskitos vorgegangen. In Libyen bekämpft man den Schraubwurm, in Sansibar und anderen Teilen Afrikas die Schlafkrankheit, die durch die Tsetsefliege übertragen wird.

Pontes sagte Anfang der Woche: "Diese Technik ist mehr als bewiesen".

Aber ist sie auch sicher?

Geht man quer durch das Internet auf Suche, so stößt man auf hunderte von Dokumente und Seiten, die auf SIT bzw. dessen erfolgreiche Anwendung auf unserem Planeten hinweisen. Viele benutzen gleich zu Beginn das Wort "umweltfreundlich". Die möglichen negativen riskanten Folgen für die Gesundheit, wenn Milliarden radioaktiv verseuchte Käfer in die Umwelt freigesetzt werden, werden nicht diskutiert. Man versucht es erst gar nicht.

Pontes lacht über die Vorstellung. "Es gibt keine Gesundheitsrisiken für Menschen oder für die Umwelt. Wollte man die Radioaktivität messen, so strahlt eine Banane weit mehr als all unsere Fliegenkisten", sagt er.

"Es ist wissenschaftlich unseriös, 100rad Hintergrundstrahlung (natürliche Strahlung) mit 100rad Caesium 137 zu vergleichen, weil sich diese Strahlungen unterschiedlich auf den Körper auswirken", so Joseph Mangano, Exekutivdirektor des 'Radiation and Public Health Project' mit Sitz in New Jersey. "Zu sagen, es sei aufgrund der niedrigen Dosis nicht so gefährlich, ist wirklich, als würde man Äpfel mit Orangen vergleichen".

Es gibt verschiedene Formen von Radioaktivität, so Mangano. Hintergrundstrahlung findet sich in Felsgestein, im Boden und in der kosmischen Strahlung. Die Röntgenstrahlung wurde in den 90ger Jahren des 19. Jahrhunderts erfunden, die Strahlung von Atombombenexplosionen und Atomreaktoren kennen wir seit den 40ger Jahren des letzten Jahrhunderts.

"Es gibt einiges, was man vergleichen kann, aber auch viele Unterschiede. Nehmen wir Caesium 137. Man findet es nicht in der Hintergrundstrahlung, man findet es nicht in der Röntgenstrahlung. Man findet es, wenn man ein Uran-235-Atom spaltet", so Mangano.

Die Fliegen für das brasilianische Experiment werden in einer Anlage in Chiapas/Mexiko mit Caesium 137 sterilisiert. Auch Kobalt 60 wird in der SIT-Technologie eingesetzt, um Parasiten zu sterilisieren.

Sowohl Caesium 137 als auch Kobalt 60 entsteht ausschließlich durch Kernspaltung - durch eine Atombombenexplosion oder beim Betrieb eines Kernreaktors.

Caesium 137 hat eine Halbwertszeit von 30,2 Jahren. Wird der menschliche Körper einer entsprechend hohen Dosis ausgesetzt, kann dies zu Mutationen, Krebs und Geburtsfehlern führen. Caesium 137 wird zudem beim Reproduktionsprozess weitergegeben. Kobalt 60 hat eine Halbwertszeit von 5,2 Jahren. Wird der menschliche Körper diesem Element ausgesetzt, kann dies zu Krebs führen. Kobalt 60 wird häufig in der Strahlenmedizin eingesetzt. Beide Isotope wurden bei der Bestrahlung von Nahrungsmitteln eingesetzt.

Das Projekt an der brasilianisch-uruguayischen Grenze kostet eine Million Dollar. Finanziert wird es von der Inter-American Development Bank (IDB). SIT wird von FAO und IFAD ('Internationaler Fonds für Agrikulturelle Entwicklung'), von der UNDP ( 'Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen') und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) gefördert.

"Dies ist sehr gut untersucht. Es ist eine sehr sichere Technik", sagt Pontes. Doch die Zahl der Krebserkrankungen auf unserem Planeten steigt. Laut des kalifornischen Krebsregisters ist die Zahl invasiver Krebserkrankungen im Goldenen Staat in den letzten drei Jahrzehnten um fast 20% angestiegen.

Ich weiß nicht viel über Schraubwürmer oder Fruchtfliegen", so Mangano. "Aber eines weiß ich: Es gibt keine radioaktive Dosis, die völlig harmlos ist. Das wissen wir... Ich will nicht sagen, dass es sich um schreckliche Dinge handelt. Sie machen Sinn, aber man muss die Risiken begreifen. Im echten Leben ist dies natürlich nicht so einfach".

Übersetzt von: Andrea Noll
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reinard sagt
17.03.2009 21:58

Aus dem Artikel geht nicht hervor, ob die Fliegen mit der Strahlenquelle Cäsium _bestrahlt_ wurden oder ob sie Cs inkorpiert bekamen, dh. dass sie wirklich selbst strahlen. Das ist ein grosser Unterschied!