Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Sicherheit und Versöhnung im Irak unvereinbar
Artikelaktionen

Sicherheit und Versöhnung im Irak unvereinbar

von Nicola Nasser

17.10.2009 — ZNet

— abgelegt unter: ,

Unsicherheit im Irak ist eingebaut in die von den USA ersonnene konfessionsgebundene und „föderale“ Verfassung. [1] Diese war nach der US-geführten Invasion von 2003 als Teil eines politischen Prozesses verfasst worden, der von der US-amerikanischen Besatzungsmacht in Gang gesetzt worden war, um auf konfessioneller und föderaler „Verfassungsgrundlage“ nach Saddam ein sicheres pro-amerikanisches Regime und die daraus resultierende konfessionelle Politik zu installieren – obwohl sich vermutlich mit mehr Recht sagen ließe, dass auch diese konfessionelle Politik von den Invasionsarmeen importiert wurde. Und [das Regime?!] kämpft sieben Jahre später immer noch darum, einen möglichen Rückzug der USA zu überleben im Rahmen eines in sich widersprüchlichen, selbstzerstörerischen und sicherheitsorientierten US-Plans für eine irakische Versöhnung, der wiederum eine Vorbedingung dafür darstellt, dass der Irak als Verbündeter der USA (wenn schon nicht [/ oder auch] als Marionettenregime) erhalten bleibt.

„Sechseinhalb Jahre nach der Einnahme Bagdads durch amerikanische Truppen am 9.4.2003 ist nichts gesichert.“ „Ohne Versöhnung werden all die Errungenschaften … in großer Gefahr sein verlorenzugehen, wenn amerikanische Truppen nicht mehr länger vor Ort sind.“ Das ist die „warnende“ Botschaft, die US-Präsident Barak Obama, der momentane und der vorige US-Botschafter, Christopher R. Hill und Ryan C. Crocker, und der momentane und vorige US-Militärbefehlshaber, Gen. Ray Odierno und Gen. David H. Petraeus, wiederholt von sich gegeben haben. „Was Mr. Obama tun würde, wenn im Zuge des fortschreitenden Abzugs der amerikanischen Truppen nächsten Frühling und Sommer Chaos um sich griffe, könnte sich als eine der größten Prüfungen seiner Präsidentschaft erweisen, und das umso mehr, als es offensichtlich ist, dass die meisten Amerikaner und amerikanischen Gesetzgeber … sich darauf festgelegt zu haben scheinen, dass Amerika die Bürden des Iraks schon lange genug getragen hat und Afghanistan Vorrang eingeräumt werden sollte“, so John F. Burns, der Hauptauslandskorrespondent der New York Times, der vor, während und nach der US-geführten Invasion vor Ort in Bagdad war.

Das Autobombenattentat am 11. Oktober in Ramadi, der Hauptstadt der westlichen Provinz des Iraks, auf einem Parkplatz direkt neben dem Gebäude, in dem ein Treffen zu Versöhnungsbemühungen stattfand, war das letzte blutige Beispiel für die Unvereinbarkeit von Sicherheit und Versöhnung im Irak. An dem Treffen hatte ein Vertreter des Nationalen Versöhnungskomitees (NVK) teilgenommen, das von Premierminister Nuri Kamel al-Maliki ins Leben gerufen worden war.

Alle Bemühungen um Versöhnung vonseiten der US-Besatzungsmacht, von arabischen Ländern kollektiv über die Arabische Liga oder im Alleingang, oder von regionalen Mächten sind gescheitert. Während Obama nach einem taktischen Rückzug aus dem Irak sucht zugunsten einer langfristigen strategischen Einbindung daselbst, scheint die „Irakisierung“ [Nationalisierung] dessen, was er als „Krieg der Wahl“ gegen den Irak bezeichnet hat, der von ihm ins Auge gefasste Weg zu sein. Eine Vorbedingung für die „Irakisierung“ ist die Einrichtung einer effektiven „irakischen“ Regierung in Bagdad. Eine Vorbedingung für eine solche Regierung ist die nationale Versöhnung des Iraks, und hier tickt Obamas Stunde der Wahrheit ihrem Ende entgegen.

Biden und al-Maliki nicht in der Lage

Die Anhebung des Ranges des Überwachers einer konfessionellen Versöhnung vom Außenminister oder Verteidigungsminister zum Vizepräsident, sprich die Betrauung Joe Bidens mit dieser gescheiterten Mission, wird die Sache nicht zum Erfolg machen. Biden hat den Irak in diesem Jahr dreimal besucht, aber das Ergebnis ist mehr Unsicherheit und Instabilität. Innerhalb des Iraks ist Biden am besten bekannt als Mitautor des „Biden-Gelb-Plans“ von 2006, der forderte, „so viel reale Macht wie möglich von der irakischen Zentralregierung in Bagdad auf drei Ministaaten zu verlagern, die das Land entlang ethnischer und religiöser Linien trennen würden.“ Helena Cobban zitierte am 6. Juli einen irakischen Demonstranten gegen Bidens zweiten Besuch, der einem Reporter der McClatchy News gegenüber geäußert habe, dass „Bidens Besuch uns das Signal gegeben hat, dass der Irak geteilt werden wird. Bidens Hintergrund gestattet ihm nicht, eine Rolle bei der Versöhnung zu spielen.“ Reidar Visser, ein norwegischer Analyst der irakischen Politik, kam zu dem Schluss, dass Bidens „Lösung“ sich auf eine Aufteilung von Machtanteilen zwischen den drei ethno-religiösen Gruppen der „Kurden, Sunniten und Schiiten“ beschränken würde. Der anhaltende Misserfolg zeigt, dass Biden der falsche Mann für die Mission einer „nationalen“ Versöhnung im Irak war.

Noch ist al-Maliki der richtige Mann für die Mission. Ihm den Rücken zu stärken heißt vielmehr, ihm ein Veto gegen die Versöhnung einzuräumen. Seine lebenslange Baath-feindliche Einstellung und seine Verbindung zum Iran nebst den entsprechenden konfessionellen und politischen Loyalitäten halten ihn in einer Anti-Baath-Obsession gefangen, die ihn während Bidens zweitem Besuch sogar vor laufenden Kameras zu der unklugen Aussage verleitete, dass Versöhnung eine „interne Angelegenheit“ des Iraks war und ist, mit der Biden nichts zu tun habe. Al-Malikis Version von Versöhnung besteht darin, Irak aus seiner arabischen geopolitischen Einbindung herauszureißen entsprechend der iranischen und kurdischen Position, dass die pan-arabischen Bande sich nur auf die Araber im Irak beziehen (ungeachtet dessen, dass die Araber ja die große Mehrheit der Iraker stellen) und folglich den Beziehungen zu den USA oder dem Iran Priorität haben. Daher die neuliche Verschlechterung von al-Malikis Beziehungen zu Syrien und das Zögern Saudi-Arabiens, einen Botschafter nach Bagdad zu entsenden. Intern war al-Malikis einzige Hoffnung, so etwas wie den Anschein einer nichtkonfessionellen Wählerschaft vor den kommenden Wahlen am 16. Januar zu formen, darauf fixiert, die Unterstützung der sunnitischen al-Sahwa(Erwachen)-Miliz für sich zu gewinnen. Diese Miliz hatten die USA finanziell dafür gewinnen können, al-Qaeda mitten in ihrer sunnitischen Machtbasis zu bekämpfen. Jedoch hat der Stammesführer der al-Sahwa, Scheich Ahmad Abu Risha, vor kurzem bekanntgegeben, dass er sich nicht al-Malikis Parteienkoalition anschließen werde. (irakische Tageszeitung al-Zaman vom 13.10.2009)

Derweil ist Irans Version von Versöhnung erklärtermaßen konfessionell und entsprechend ineffektiv, sei es für nationale Einheit oder die innere Sicherheit. Teheran ist es gelungen, fast alle pro-iranischen schiitischen Milizen in einem Parteienbündnis zu vereinen - ein Rezept für mehr blutigen konfessionellen Krieg und die weitere Zersetzung des Landes auf konfessioneller Basis. Die Bombenattentate in Bagdad vom 19. August gegen die souveränen ministerialen Symbole von al-Malikis „Staat“ [2] waren die blutige Manifestierung des Machtkampfs „bis zum Tode“ zwischen den zwei konfessionellen Blöcken. Beide Blöcke sahen den besten Weg, um die nationale und internationale Aufmerksamkeit von ihrer eigenen Verantwortung (und indirekt auch der des Irans) abzulenken, darin, Syrien zu bezichtigen, dass es die mutmaßlichen Schuldigen der Bombenanschläge beherberge, und zu drohen, es vor den UN-Sicherheitsrat zu bringen.

Der frühere Stabschef der Britischen Armee, General Richard Dannatt, der Ende August zurücktrat, begründete in einer Rede vorm Royal United Services Institute „unser Scheitern“ im Irak zum einen mit „einem frühen Wechsel zum sparsamen Umgang mit Streitkräften zugunsten von Afghanistan“, das jetzt bei Obama strategische Priorität hat, und zum anderen damit, dass die US-geführten Koalitionsstreitkräfte kurz nach der Invasion „eine Möglichkeit der Übereinkunft“ übersehen hätten, mit der man auf Iraks Sicherheit und grundlegende Bedürfnisse hätte eingehen können. Diese Unterlassung gestattete „das Aufkommen der Milizen, die so zynisch von den Iranern unterstützt werden“. Dannatt war nicht weit weg davon zu sagen, dass Sicherheit und Versöhnung im Irak unumkehrbar unvereinbar miteinander geworden sind.

Im Februar letzten Jahres war die Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi vom CNN-Reporter Wolf Blitzer über den Erfolg der Truppenverstärkung nebst -offensive im Irak befragt worden: „Die Erfolge haben nicht den erhofften Effekt gebracht, nämlich die Versöhnung im Irak. Das bedeutet Misserfolg. Das bedeutet Misserfolg.”, antwortete sie. Verteidigungsminister Robert Gates gab Mitte März offen zu, dass ohne „konfessionelle Versöhnung“ zwischen den Irakern die „Strategie nicht funktionieren wird“. In der Tat war die ganze Idee der Truppenverstärkung um 30.000 die Herbeiführung von Versöhnung, indem man, wie Gates es ausdrückte, „den Irakern Zeit verschafft“. Gates irrte - was erforderlich ist, ist eine nationale Versöhnung, keine konfessionelle. Konfessioneller Unfrieden war „das“ erwartete Ergebnis der Entfernung eines nationalen Regimes per Invasion, nicht anders herum.

Weniger als sieben Jahre später hat sich der „politische Prozess“ schon als gescheitert erwiesen. Dieselben Akteure, denen das Weiße Haus, ob nun unter der Regierung von Obama oder seines Vorgängers George W. Bush, vor den Vereinten Nationen und wichtiger noch vor ihren arabischen Brüdern und regionalen Nachbarn Legitimität zu verschaffen versucht hat, verurteilten es zum Scheitern und werden auch weiterhin alle Versuche torpedieren, zu retten, was zu retten ist, um ihn doch noch zum Erfolg zu führen. Dieser „Prozess“ strebt danach, die unversöhnbaren, Partei gewordenen Milizen zu versöhnen, deren doppelte Loyalität mehr dem Iran und den USA geschuldet ist als ihrem eigenen Volk, die mehr von dieser doppelten Loyalität und ihren Partikularinteressen getrieben sind als von den nationalen Interessen des Irak, die ununterbrochen ihre US-amerikanischen und iranischen Mentoren gegeneinander ausspielen und die jederzeit dazu bereit sind, sich wieder als Milizen zu verhalten und ihr Gehabe als zivilisierte politische Parteien aufzugeben, sobald nur ihre eng gefassten Partikularinteressen in Gefahr geraten oder ihre Anteile in dem US-gelenkten „politischen Prozess“ abnehmen oder ganz zu verschwinden scheinen.

De facto vier Regierungen

Ironischerweise hat der Irak jetzt zwei selbsternannte konfessionelle Regierungen. Die eine ist die schiitische, von den USA eingesetzte und -unterstützte in Bagdads schwer befestigter Grünen Zone. Die zweite ist al-Qaedas sunnitischer „islamischer Staat Irak“ („Dawlat al-'Iraq al-Islamiyya“ auf Arabisch) im Untergrund. Beide befinden sich im erklärten Kriegszustand zueinander, aber keine hat wirkliche Autorität über alle Gebiete, die zum Irak gehören. De facto ist ein dritter theokratischer pro-iranischer schiitischer Staat im Südirak entstanden, bei dem es nicht mehr möglich ist zu sagen, ob die Zentralautorität nun Bagdad oder Teheran ist. Es verwundert nicht, dass man sich hier für eine „föderale“ Selbstverwaltungsregion wie die kurdische im Norden des Landes ausspricht. Schließlich herrscht eine vierte kurdische Regierung de facto im irakischen Kurdistan, aber auch sie hat keine „nationale“ Autorität. Die Legitimität der vier Regierungen wird intern wie extern infrage gestellt. Obamas Strategie zeigt wie schon die seines Vorgängers Bush keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass er etwas anderes anstrebt, als diesen tragischen Status Quo im Irak aufrecht zu erhalten.

Es gibt in diesem internen Machtkampf keine Gruppe, die sich als klar dominant bezeichnen ließe. Die neue „irakische Armee verhält sich meist wie eine schiitische Miliz“, und „die letzte Chance für irgendeine Art Stabilität mag in der Zerspaltung des Iraks in drei nationalitätenbasierte unabhängige Staaten liegen“, so Michael Dougall Bell in Globe and Mail am 30.9. Die Zerstückelung regionaler Staaten in kleinere aufgrund religiöser oder ethnischer Erwägungen ist nun schon so lange ein erklärtes Ziel israelischer Strategen, um als unrealistische israelische Strategie abgetan zu werden. Der Autor allein könnte sagen, wie sehr er von dieser israelischen Ansicht beeinflusst worden ist, schließlich war er kanadischer Botschafter in Israel und Vorsitzender des Geberkomitees des internationalen Fonds für den Wiederaufbau des Irak. Jedoch steht Bell mit seiner Meinung nicht allein da. Der Think Tank „Fund for Peace“ betitelte diesen Monat seinen neunten Bericht zum Irak „Ein Ausweg: Die Union irakischer Staaten“. Die Auflösung des Iraks ist jetzt eine so realistische Drohung wie niemals zuvor.

Das NVK war widerstrebend unter dem Druck der US-amerikanischen und arabischen Forderung geschaffen worden, um die konfessionelle (schiitische) Regierung al-Malikis und das pro-iranische konfessionelle Regime, das ihn an die Macht gebracht hat, mit der nationalistischen und pan-arabischen Mehrheit zu versöhnen, deren Machtbasis nach Einschätzung ihrer US-Mentoren die Sunniten sind, die seit der US-geführten Invasion 2003 marginalisiert und blutig aus dem öffentlichen Leben und öffentlichen Institutionen herausgedrückt worden sind - angeblich weil sie die Machtbasis des Regimes vor der Invasion waren, aber tatsächlich aus konfessionellen Gründen, wie die letzten sieben Jahre gezeigt haben - und die das Herz des Iraks in Bagdad sowie die nördlichen und westlichen Provinzen bevölkern, insbesondere al-Ramadi mit der größten Landfläche und der größten strategischen Bedeutung, weil es an drei arabische Länder grenzt, nämlich Syrien, Jordanien und Saudi-Arabien. Es überrascht daher nicht, dass diese Mehrheit der Brutkasten und ihre Provinzen das Grundgestein des irakischen nationalen Widerstandes waren, die das Weiße Haus bisher der Möglichkeit beraubt haben, den „Sieg“ im Irak zu erklären. „Ich bin nicht sicher, ob wir jemals jemanden den Sieg im Irak erklären sehen werden, weil erstens, ich bin mir nicht sicher, ob wir es auf 10 oder 5 Jahre wissen können“, teilte General der US-Armee und Oberkommandeur der US-Truppen im Irak Ray Odierno den Reportern bei einer Pressekonferenz des Pentagon am ersten Oktober mit. Desillusioniert angesichts der US-Versprechen von Sicherheit, Demokratie und Entwicklung wie auch der hehren Versprechungen einer konfessionellen Lösung seitens des Irans, nimmt die schiitische Mehrheit im Südirak erneut Zuflucht zu ihren nationalen und pan-arabischen Werten; und die am oder vom Islam motivierte Ablehnung ausländischer Vorherrschaft, sei es die der USA oder des Irans, trägt zunehmend zu dieser Desillusionierung bei, ob nun im Süden oder im Norden, was den Weg für eine Ausdehnung des irakischen Widerstandes nach Süden langsam, aber merklich bereitet hat.

Initiativen aus der Region nebenrangig

Im weiteren Verlauf dieses Jahres soll sich Washington laut Medienberichten auf die Ausrichtung einer Konferenz zur irakischen Versöhnung vorbereiten, der Obama selbst vorsitzen soll und die von mehreren arabischen Ländern besucht werden soll, von denen erwartet wird, dass sie ihre [„good offices“] oder ihren „Einfluss“ oder beides nutzen um sicherzustellen, dass der irakische Widerstand gegen eine US-Militärbesatzung, der hauptsächlich von Baathisten geleitet wird, seine Waffen zur Seite legt und sich in den „politischen Prozess“ einfügt im Austausch für eine größere Beteiligung an Entscheidungen, „falls es ihnen gestattet wird, als legitime politische Partei aufzutreten“. Die ägyptische Wochenzeitung Al-Ahram berichtete vor kurzem, dass Joe Biden al-Maliki dazu gedrängt habe, den Baathisten zu gestatten sich zu sammeln, zu einer politischen Partei zusammenzuschließen und an den für Anfang nächsten Jahres vorgesehenen Wahlen teilzunehmen.

Die „sechste“ Konferenz der Nachbarländer des Irak, die im ägyptischen Sharm el-Sheikh am Roten Meer am 14. Oktober zusammentrat - vor dem Hintergrund nicht bestehender Beziehungen zwischen dem Irak und Saudi-Arabien und der eskalierenden Krise zwischen Syrien und dem Irak - und an der die Innenminister der Türkei, des Irans, Syriens, Saudi-Arabiens und Kuwaits regulär und Ägypten, Bahrain und die Arabische Liga als Beobachter teilnehmen, wird nach wie vor ein Nebenschauplatz bleiben. Sie hat mehr die Aufgabe, die negativen Konsequenzen der US-Militärbesatzung einzudämmen, als es zur Sicherheit oder Versöhnung des Landes beiträgt, wie das von den USA in ihren siebenjährigen Anstrengungen, die Teilnehmerländer hierzu einzuspannen, gehofft wird. Hier stehen zum Beispiel angesichts ihres eigenen „Kurdenproblems“ die Sorgen der Türkei vor den Auswirkungen des praktisch unabhängigen kurdischen Staats im Nordirak entgegen, oder Irans Sorge, dass es seiner eigenen Errungenschaften aus dem US-Krieg gegen den Irak verlustig gehen könnte, insbesondere seiner strategische Position als Sicherheitssubunternehmen der USA im Irak, ganz zu schweigen von den Interessenkonflikten unter den teilnehmenden Ländern, oder den konfessionellen Auswirkungen, die das konfessionelle Regime im Irak auf andere Staaten in seiner Umgebung hat. Dieser „regionale Faktor“ wird von der US-Besatzungsmacht und dem politischen Regime, das sie zu immer noch in der „Grüner Zone“ zu installieren versuchen, immer noch eher als Teil des Sicherheitsproblems denn als Teil seiner Lösung angeführt. Die neuliche Eröffnung der NATO-Missionsbüros in Bagdads Grüner Zone und der Amtsantritt des Leutnantgenerals der US-Armee D. Barbero als Leiter des Multinationalen Sicherheits-Übergangs-Kommandos Irak ist der neueste Beweis, dass die Besatzungsmacht niemanden als sich selbst mit der Sicherheit im Irak betrauen kann - alle regionalen Beiträge, die eingeworben werden können, werden nachrangig bleiben.

Die Strategie der USA bleibt jedoch das eigentliche Problem, und nicht nur ein Teil davon. In dieser Strategie wurden fünf Ziele verfolgt, die den eigenen Erfolg unmöglich machen, nämlich 1. die Stärkung eines pro-US-amerikanischen Regimes, das sich als machtlos dabei erwiesen hat, mit der überwältigenden Ablehnung der US-Besatzung und ihrer Handlanger im Irak fertig zu werden 2. die Abschaffung konfessioneller Milizen mittels der Schaffung der zusätzlichen konfessionellen Miliz al-Sahwa 3. die Errichtung eines „demokratischen“ politischen Prozesses, der „verfassungsmäßig“ die demokratischen Rechte der arabischen Bevölkerungsmehrheit verneint 4. der hoffnungslose Versuch, ein „Zentralregime“ auf den Trümmern der verheerten zentralen Infrastrukturen des irakischen Staates aufrecht zu erhalten und 5. die Aufrechterhaltung des Scheins einer territorialen Einheit des Landes bei gleichzeitiger Unterstützung von „Ministaaten“, die einer solchen Einheit früher oder später zum Verhängnis werden müssen.

Viele US-Offizielle haben die ursprüngliche Strategie der USA im Irak kritisiert. Die Entwicklungen im Lande im Verlauf der letzten sieben Jahre haben ihnen Recht gegeben. Direkt nach der Invasion implementierte Lewis Paul Bremer III - der erste US-Verwalter des Irak nach der Invasion von 2003, der hauptsächlich dem Verteidigungsministerium Bericht erstattete - seine dreizackige Strategie 1. die zentralstaatlichen Infrastrukturen abzuschaffen, um sie mit losen „föderalen“ dezentralisierten Regierungen ersetzen zu können, die sich über Macht und Reichtum „an die Gurgel gehen“ 2. den irakischen „nationalen“ Konsens zum Widerstand gegen die Invasionsarmeen der Besatzungsmacht zu neutralisieren, indem die große schiitische Minderheit (der gegenüber die irakischen Kurden und Sunniten zusammen die Mehrheit darstellen) mit dem Köder gelockt wurde, dass ihnen ihr jahrhundertealter, vom Iran angeheizter Traum ihrer ausschließlichen Herrschaft über den Irak auf konfessioneller Basis versprochen wurde, trotz der historischen Lehre, dass der Irak von keiner einzelnen Sekte regiert werden kann, und 3. die damit einhergehende Neutralisierung des Iran durch den Anreiz, eine konfessionelle Beteiligung am Iran zu haben, die dem Irak einerseits gestatten würde, eine regionale Macht zu werden, und andererseits, seine alten Rechnungen mit dem Irak zu begleichen, die seit dem Waffenstillstand von 1988 unbeglichen waren.

Der realistische Ausweg

Bremer hatte allerdings in dreifacher Hinsicht Unrecht, doch Obama scheint entschlossen, auf seinem Vermächtnis aufzubauen. Jemand schrieb vor kurzem: „Tatsächlich kann, wie der amerikanische Sieg in der Tet-Offensive 1968 gezeigt hat, ein militärischer Erfolg sogar zur politischen Niederlage beitragen.“

Das Ergebnis nach mehr als sechs blutigen Jahren ist, „dass im Irak weiterhin Sicherheit, Stabilität, lebensnotwendige Dienstleistungen und die nichtkonfessionellen Institutionen eines souveränen Staats fehlen“, und ein „Fehlen von politischer Versöhnung, sprich, anhaltendes Sektierertum“, wie sich Eyad Allawi, Premierminister des Irak von Mai 2004 bis April 2005 am 4. Juli gegenüber der Golf News äußerte. Er schloss: „Es besteht bereits seit dem Krieg ein Machtvakuum“, ein Machtvakuum, das Obamas Herangehensweise erhalten zu wollen scheint und „das von einer der im Irak beteiligten regionalen Mächte gefüllt werden muss, entweder Saudi-Arabien oder Iran“, so Allawi, der kein Interesse daran hat, die einzige mögliche heimische Alternative dazu anzuerkennen, und zwar eine nationale Koalition des Widerstandes unter Führung einer gehärteten, aber weiseren Baath-Partei, der einzigen erfahrenen und glaubwürdigen „nichtkonfessionellen Institution“ im heutigen Irak. Aber natürlich ist es unrealistisch, von einer der Mächte, die im Laufe der letzten sieben Jahre im und um den Irak aktiv an einer Entbaathifizierung des Landes gearbeitet haben, zu erwarten, dass sie diese Realität des Lebens im heutigen Irak anerkennt. Und so geht der Kampf weiter, und Sicherheit und Versöhnung werden so trügerisch bleiben wie immer seit 2003.

Die US-Regierung hat sich vor kurzem in realistischer Weise bewegt und indirekt die Rolle der Baath-Partei als vereinigende Macht anerkannt, die für die Sicherheit wie für die Versöhnung unabdingbar ist, aber leider in der Herangehensweise des Teile und Herrsche, die darauf abzielt, die breite Masse der Partei und des von ihr einst kontrollierten Militärs zu neutralisieren oder unter Kontrolle zu bekommen. Die Regierung(en) scheinen inoffiziell die beiden schweren Fehler einzugestehen, die Paul Bremer begangen hat, indem er die irakische Armee aufgelöst hat, die die nationale Einheit für ca. einhundert Jahre verkörperte und beschützte, und die Entbaathifizierung der irakischen Verwaltung, die das Land seiner zusammenhaltenden säkularen Arbeitskräfte beraubt hat. Der Teile und Herrsche-Ansatz erweist sich jedoch als kontraproduktiv. Am Ende könnte es sich für die Vereinigten Staaten als der einzig mögliche Weg aus dem Irak heraus erweisen, die Rückzugsstrategie der USA mit der Baath-Partei und dem irakischen Widerstand zu verhandeln, dem eigentlichen Feind.

Anmerkungen des Übersetzers:

[1] Der folgende Text hat aufgrund extrem langer Sätze und teils unkonventioneller Grammatik ein überdurchschnittlich hohes Maß an Interpretation bei der Übersetzung erfordert. Ich habe entsprechend nicht wie sonst Anmerkungen zu einzelnen Übersetzungsproblemen gemacht. Hier sei nur darauf verwiesen, dass das Wort „sectarian“ konsistent in seiner im Text hauptsächlich gemeinten Bedeutung „konfessionsgebunden“ übersetzt worden ist.

[2] Bomben gingen unter anderem vor Finanzministerium und dem Außenministerium hoch, und auch das Parlament wurde beschädigt. Insgesamt starben fast 100 Menschen.

Übersetzt von: Benjamin Brosig
Artikelaktionen