Stimmen aus den Lagern Haitis
von Bill Quigley
19.02.2010 — ZNet
Laut UNO leben derzeit 1,2 Millionen Menschen in "spontanen Siedlungen" beziehungsweise Obdachlosen-Lagern rund um Port-au-Prince. Der Autor sprach mit Drei von ihnen - bevor der Starkregen einsetzte.
JEAN DORA, 71 Jahre
Mein Name ist Jean Dora. Ich wurde 1939 geboren. Ich wohne auf einem Platz vor der Kirche St. Pierre in Petionville (vor den Toren von Port-au-Prince). Ich lebe hier gemeinsam mit zwölf Angehörigen. Wir alle haben unser Heim verloren.
Wir besitzen eine Plane aus grünem Plastik, um uns vor der Sonne zu schützen. Wir haben unseren Raum durch einige Betttücher rundum abgegrenzt.
Meine kleinen Enkel leben hier bei mir. Auch mein Sohn und meine Töchter leben bei mir.
Meine Tochter wird bald ein Kind gebären. Wenn die Zeit für das Baby gekommen ist, wird sie in das Rot-Kreuz-Zelt gehen.
Ich habe 36 Jahre lang in der Chinesischen Botschaft gearbeitet. Ich machte deren Büros sauber. 2007 ging ich in Rente. Bis zu diesem Erdbeben lebte ich mit meiner Familie in einem Apartment. Das Gebäude wurde zerstört.
Nachts legen wir einen Teppich auf die Erde. Wir legen Decken darauf und versuchen zu schlafen. Wenn es regnet, dringt Wasser ein.
Wir holen uns Flaschen, die wir mit Wasser füllen, aber wir haben sehr wenig zu essen.
Es gibt in diesem Park keine Toiletten. Wir müssen hinter die Kirche gehen.
Mein Sohn hat gearbeitet und uns versorgt. Er ist ein guter Koch. Er arbeitete in einem Restaurant des Hotel Montana. Das Restaurant wurde zerstört. Er hat seinen Arbeitsplatz verloren. Es gibt keine Arbeit.
In all meinen Jahren habe ich so etwas noch nicht gesehen. Ich kann nicht wirklich sagen, was als Nächstes geschehen wird. Ich denke, die Dinge werden sich nicht ändern. Ich hoffe, dass es besser wird, aber ich glaube es nicht.
Mein Sohn hat keinen Job mehr und kann unsere Familie nicht unterstützen. Wenn mein Sohn Arbeit bekommt, können wir alle aufstehen. Wenn er nicht arbeitet, liegen wir darnieder.
Die Zukunft ist ungewiss. Es sieht düster aus für uns.
NADEGE DORA, 28 Jahre
Mein Name ist Nadege Dora. Ich bin 28 Jahre alt. Ich habe drei Jungen und ein Mädchen. In diesem Monat soll mein Baby kommen.
Ich lebe mit dem Rest meiner Familie auf diesem Platz hier in Petionville. Unser Haus wurde zerstört. Früher habe ich auf der Straße Brot verkauft, um etwas Geld zu verdienen. Der Vater meiner Kinder unterstützt uns nicht. Es ist, als existierten wir für ihn nicht.
Wir versuchen einfach nur zu überleben. Keiner in der Familie hat Arbeit. Es gibt keine Arbeit.
Wenn du eine (Lebensmittel-)Karte kriegst, kannst du dir einen Sack Reis abholen. Aber ich bin eine schwangere Frau, ich kann nicht mit der Menge um eine Karte kämpfen. Ich habe es versucht, aber die Leute haben mich eingequetscht, und ich hatte Angst, niedergeschlagen und zerquetscht zu werden.
Meine Nichte hat einer Frau geholfen, Reis aus Delmas (einem anderen Stadtviertel von Port-au-Prince) zu holen. Sie hat den Reis mit uns geteilt. Wir haben bis noch ein wenig davon, aber wir haben kein Öl, kein Fleisch, keine Milch - nichts als Reis. Wir haben kein Geld, um andere Zutaten zu kaufen.
Seit dem Erdbeben hatte ich noch nie eine vollwertige Mahlzeit.
Wenn mein Baby kommt, werde ich zum Roten Kreuz gehen und es gebären. Ich war dort, um zu einem Doktor zu gehen. Sie gaben mir ein paar Pillen. Die Pillen machten mich krank.
Der Bürgermeister war hier und fragte die Leute, ob sie Verwandte auf dem Land hätten. Man würde uns helfen, dorthin zu kommen. Aber wir wollen nicht aufs Land. Wir kennen dort keinen. Wir brauchen ein besseres Leben - besser als das hier.
GARRY PHILIPPE, 47 Jahre
Ich heiße Garry Philippe und bin 47 Jahre alt. Ich lebe neben dem Eingang zum Flughafen. Ich habe mir ein eigenes Zelt gebaut. Ich band ein Tuch an einen Baum und steckte Stecken in die Erde, um weitere Tücher befestigen zu können.
Ich lebe hier mit meinen fünf Kindern. Meine Frau wurde bei dem Vorfall (Erdbeben) in unserem Haus getötet. Das Haus gehörte mir. Ich habe über vier Jahre daran gebaut - Schritt für Schritt, wie ich eben Geld hatte. Ich war im Freien, als es passierte. Meine Mädchen standen an der vorderen Haustür. Sie rannten heraus. Meine Frau rannte zurück, um den Jungs zu helfen und starb.
Es gab keine Beerdigungsfeier für meine Frau, weil wir kein Geld für eine Beerdigung hatten. Ich habe sie selbst beerdigt - auf einem Friedhof (nahe dem Armenviertel) Cite Soleil.
Die Kinder können nicht begreifen, dass ihre Mutter einfach weg sein soll. Sie denken immer an sie.
Wir haben keine Betten. Wenn es Zeit zum schlafen ist, legen wir unsere Taschen auf die Erde. Wir legen unsere Decken auf die Taschen und schlafen.
Wir waschen uns mit Wasser, das wir zuvor in eine Flasche gefüllt haben. Wir stellen uns in einen Topf und schütten das Wasser über uns.
Als es einmal regnete, gingen wir an einen Ort, wo ein Plastikzelt stand. Wir blieben dort, bis der Regen wieder aufhörte. Mehr als 20 Menschen befanden sich in dem Zelt.
Früher arbeitete ich als Mechaniker in einer Autowerkstatt. Aber mein Arbeitsplatz ist zerstört. Seit dem Erdbeben gibt es keine Arbeit mehr.
Wir haben gehört, dass es in anderen Lagern Reissäcke geben soll. In unserem Lager gibt es nichts. Ich bitte Freunde um Nahrung. Manchmal gibt uns jemand etwas zu essen.
Wir haben keine Toiletten hier im Lager. Wenn wir aufs Klo müssen, nehmen wir eine Tasche. Wir bringen die Tasche an den Rand des Lagers. Er ist circa eine Minute zu Fuß entfernt.
Wir sehen, wie die Laster in den Flughafen hinein fahren und wieder heraus. Es sind viele Laster, aber sie halten nicht für uns.
Hier ist es nicht sicher. Doch was kann ich tun? Ich akzeptiere es. Es ist Gottes Werk. Im Lager beten wir gemeinsam.
Niemand ist bislang zu uns gekommen, um uns zu sagen, was geschieht. Wir wissen nicht, wo es Zelte oder Planen gibt. Es gibt keine Schule für die Kinder.
Ich kann Ihnen nicht genau sagen, was als Nächstes passieren wird. Ich bin nicht Jesus. Ich denke, es wird für uns noch schlimmer kommen in den Lagern. Wir brauchen Zelte und Nahrungsmittel. Wir brauchen Wasser und eine Schule und Arbeit. Wir brauchen Hilfe, um einen Platz zu finden, an dem wir bleiben können. Bald wird der Regen kommen. Das Wasser wird kommen, und die Babys werden sterben.
Bill Quigley (quigley77@gmail.com) ist der Leiter der Rechtsabteilung des amerikanischen 'Center for Constitutional Rights' und ein langjähriger Menschenrechtsanwalt. Dieser Artikel entstand mit Hilfe von Vladimir Laguerre in Port-au-Prince.
Twitter
RSS Feed
