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Tagebuch: Leben in Gaza – jede Familie hat eine Geschichte

von Eva Bartlett

30.01.2009 — Live from Palestine

— abgelegt unter: ,

Die Geschichte einer Familie

Es gibt viele Geschichten. Jeder Bericht – jeder Ermordete, jede verletzte Person, jedes ausgebrannte oder zerstörte Haus, jedes zerbrochene Fenster, jede verwüstete Küche, jede zerrissene Kleidung, jedes auf den Kopf gestellte Schlafzimmer, jede von Kugeln oder Granaten durchlöcherte Wand, jedes israelische beleidigende Graffiti an der Wand – alles ist wichtig.

Ich möchte mit dem Erzählen der Geschichte von Ezbet Abbed Rabu aus dem östlichen Jabalya beginnen, wo die Häuser an der Nord-Süd-Straße, die Salah-al-Din-Straße, von Kugeln, Bomben und /oder Soldaten heimgesucht worden waren. Wenn sie nicht zerstört worden waren, dann wurden sie besetzt und in ihnen herumgeballert. Oder sie wurden besetzt und dann zerstört. Die Armee war sehr kreativ beim Zerstören, im Verunstalten des Eigentums ( anderer) mit ihren Beleidigungen. Kreativ auch wie sie die Fäkalien in den Räumen und Möbeln verteilten. Das Haus von oben bis unten zu durchwühlen, durch einander zu bringen und zu zerbrechen, zu zerstören war für sie Routine: die Küchen- und Kleiderschränke, den Fernseher, den Computer, die Fensterscheiben und den Wassertank.

Das erste Haus, das ich besuchte, war das meiner lieben Freunde, bei denen wir oft die Abende verbrachten, bevor die Landinvasion begann, mit denen wir uns im Keller zusammendrängten, als die Nachbarschaft rund herum willkürlich von Raketen pulverisiert wurde. Ich machte mir ständig Sorgen um den Vater. Aber nachdem ich ihn lebend antraf, ging ich durchs Haus. Der unterste Raum, der Zufluchtsort war am wenigsten betroffen: trotzdem mitgenommen, Erdhaufen unter den Fenstern durch spätere Bombardements des Abhangs hinter dem Haus, Matratzen übereinander und herumliegend Sachen. Dieser Raum war noch der sauberste und am wenigsten beschädigte.

Eine Etage höher herrscht vollkommene Unordnung. Fäkalien auf dem Boden. Alles zerbrochen. Offene Konservendosen des Militärs. Löcher in den Wänden. Gestank.

In der 2. Etage liegen die Wohnungen der Söhne und ihrer Familien. Noch größeres Chaos und noch mehr Gestank. Hier war die Hauptbasis der Soldaten. Hier fand man die Reste von vielen Konserven, vorgepackten Mahlzeiten, Nudeln, Dosen mit Schokolade und in Plastiktüten gepackte Brotschnitten. Ja, sogar Kleidung der Besatzer. Ein Paar Soldatenhosen in der Badewanne voller Fäkalien.

F. sagte mir: „Der Gestank war entsetzlich. Überall Lebensmittelreste. Ein scheußlicher Geruch. In den Spülbecken Fäkalien, überall lagen die Haufen. Unsere Kleidung lag überall herum. Als sie uns das letzte Mal überfielen (März 2008) war es einfach. Sie zerbrachen alles und wir brachten es irgendwie wieder in Ordnung. Aber dieses Mal lagen überall Fäkalienhaufen: in den Schränken, in den Betten, mein Bett ist voller Shit.

Sie ist eine starke Frau und konnte bis jetzt mit allen Invasionen irgendwie fertig werden. Aber dieses Mal hat sie die Schändung des Hauses fertig gemacht.

„Vor einer Minute hatte Sabreen ihren Kleiderschrank aufgemacht. In ihm stand eine Schale mit Shit. Sie verwendeten unsere Schränke als Toiletten. Sie brachen die Badezimmertür auf und warfen sie in unser Zimmer. Warum nur? Die Tür liegt im Schlafzimmer auf dem Boden. Es sieht aus, als wäre ein Tornado durchgezogen. „Sie räumten meinen Wäscheschrank aus und zerstreuten die Wäsche überallhin,“, fährt sie fort und zählt die persönliche Betroffenheit auf, die schmerzlicher ist, als der finanzielle Schaden.

Während A. fortfährt, das von den Soldaten hinterlassene Chaos in Ordnung zu bringen, erzählt sie, was ihre Familie denkt und meint. „Abed, ihr jüngerer Neffe, hat Angst. Er will wegen der Drohnen weg, die ständig über ihre Köpfe fliegen – trotz der am 18. Januar von Israel einseitig verkündigten angeblichen Feuerpause, die Israel aber ständig verletzt.

„Eine professionelle Armee“

Als ich zwei Tage später das Haus wieder besuchte, war das Haus viel sauberer, aber immer noch voll des hartnäckigen Gestanks der Soldaten. „Wir haben es so gut wie möglich gereinigt. Aber es ist sehr schwierig. Wir haben noch immer kein fließendes Wasser. Wir müssen Wasser von der Stadtversorgung in Gefäße füllen. Und ich weiß, wie schwer es schon ohne Last ist, über die sandigen Wege zu gehen, geschweige denn mit schweren Krügen beladen oder mit Karren voller Wassergefäße; der Weg war vorher schon ungeteert und schwer zu begehen und nun ist das Land rund herum von israelischen Panzern und Bulldozern aufgerissen.

Vom Küchenbalkon aus sehe ich rund herum verwüstetes Land, bombardierte Häuser, den einen Baum dort drüben, zwar verbrannt –aber er steht irgendwie noch in den Ruinen. Der Zementwassertank, der einige Überfälle überlebt hat und der im letzten Monat noch dort stand, ist nun durch Angriffe aus der Luft auch zerstört worden.

Vom Wohnzimmerfenster aus schauen wir auf die Hügelkette. F. hatte schon erklärt, dass die israelischen Soldaten in der Vergangenheit von hier aus in Massen einfielen. Dieses Mal kamen eine Menge Panzer und bauten aus Erde eine Arena, in die die israelischen Soldaten verhaftete Palästinenser brachten. Einer der Nachbarn, 59, erzählte, wie er und sein Sohn 19, mit vorgehaltener Waffe dorthin gebracht und bis auf die Unterwäsche ausgezogen wurden. Die Besatzungssoldaten umringten sie mit Panzern, „Wir hatten nichts Falsches getan,“ sagte F. später. Sie wurden in Israel drei Tage lang in Einzelhaft gefangen gehalten, mit verbundenen Augen, die Hände in Handschellen, immer wieder verhört, geschlagen und wieder verhört: „Hast du einen Tunnel unter deinem Haus? Wo sind die Kämpfer? Wo sind die Qassamraketen? Weißt du irgend etwas von der Hamas? Wir werden dein Haus zerstören, wenn du etwas weißt ( und nicht sagst).

F.s Schwester A. beschreibt die 17 Tage in der Foka-Schule, nachdem sie ihr Haus verlassen hatte. Die Schulen, die ein sicherer Platz schienen – in Wirklichkeit es aber nicht waren, wie man es bei der Al-Fakhoura-Schule und bei anderen UN-Schulen sah - die wurden bombardiert und ziemlich sicher von weißem Phosphor getroffen wurde, war keine YMCA-Gebäude und hatte nicht die notwendigsten Einrichtungen, keine Heizung, keine heißen Getränke, keine ruhigen Nächte. „Wir konnten die ganzen Nächte nicht schlafen, Wir hatten alle Angst. Es gab keine Sicherheit. Wohin sollten wir gehen? Wir waren 35 Leute in einem kleinen Klassenzimmer. Es gab keine Matratzen, keine Decken. Es war nachts kalt, sehr kalt . Es gab auch keinen Strom, kein Wasser. Die wenigen Toiletten mussten für Hunderte sein. Sie waren überfüllt und schmutzig. Unsere Verwandten konnten uns nach den ersten vier Tagen Decken bringen, dann war es besser. Doch hatten wir nicht genug zu essen, nur ein bisschen Brot, das nicht einmal für eine Familie reichte und ein wenig Fleisch in einer Konservendose.

Eva Bartlett, eine kanadische Menschenrechtlerin, freiberuflich tätig, lebte 8 Monate in der Westbank, vier Monate in Kairo und an der Rafahgrenze. Sie war mit dem 3. Free-Gaza-Movement-Schiff im November 2008 nach Gaza gekommen. Sie hatte mit ISM zusammengearbeitet, begleitete Ambulanzen, dokumentierte die israelischen Angriffe aus der Luft und die Bodeninvasion.

Orginalartikel: Dieser Artikel ist NICHT auf www.zmag.org erschienen!
Übersetzt von: Ellen Rohlfs
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