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Tödlicher Angriff auf den Hilfskonvoi für Gaza

Betroffene berichten

von Amy Goodman und Juan Gonzalez

03.06.2010 — Democracy Now!

— abgelegt unter:

Huwaida Arraf und Ann Wright befanden sich bei dem Angriff auf einem der Schiffe der Flotte. Sie sind uns nun zugeschaltet, um den Angriff zu beschreiben und etwas zu ihrer anschließende Haft in einem israelischen Gefängnis zu sagen. Wir werden zudem mit Sawsan Zaher sprechen. Sie gehört dem Anwalts-Team von 'Adalah' (Zentrum für die Rechte der Arabischen Minderheit in Israel) an und hat mit vielen der Aktivisten während ihrer israelischen Haft gesprochen.

Unsere Gäste:

Huwaida Arraf - Mitbegründerin der 'Internationalen Solidaritätsbewegung' (ISM) und Vorsitzende der Bewegung 'Free Gaza'. Sie befand sich auf dem Schiff Challenger 1.

Sie ist uns jetzt aus Ramallah zugeschaltet.

Ann Wright - pensionierte Frau Oberst der US Army. Sie gehörte 29 Jahre lang dem US-Militär an. Danach war sie hochrangige Diplomatin im US-Außenministerium. 2001 half sie bei der Wiedereröffnung der US-Mission in Afghanistan. 2003 gab sie ihren Posten im Außenministerium auf, um gegen den Krieg im Irak zu protestieren. Sie befand sich auf einem der Schiffe der Flotte und wurde vor kurzem in die Türkei abgeschoben.

Sawsan Zaher - Stammanwältin im Team von 'Adalah' (Legal Center for Arab Minority Rights in Israel).

Juan Gonzalez:

Die Leichname der 9 von israelischen Soldaten getöteten Aktivisten sind am Donnerstagmorgen in der Türkei eingetroffen. Die Aktivisten hatten sich bei einer Flotte befunden, die Hilfe nach Gaza bringen wollte. Wie die Nachrichtenagentur Anatolia berichtete, handelt es sich bei 8 der Toten um Türken. Der neunte Tote war ein Amerikaner türkischer Abstammung. Forensikexperten in der Türkei haben bestätigt, dass alle 9 Personen mit Gewehren erschossen wurden.

450 der Aktivisten sind ebenfalls in der Türkei eingetroffen. Sie waren aus israelischer Haft entlassen worden. Die meisten Aktivisten wurden aus Israel ausgeflogen, ohne irgendetwas von ihrer Habe mitnehmen zu dürfen (außer Pass und Kleidung). Mehrere tausend Menschen versammelten sich im Zentrum von Istanbul und feierten die Rückkehr der Aktivisten. Gleichzeitig landeten drei 'fliegende Ambulanzen' auf einem türkischen Militärstützpunkt in Ankara. An Bord befanden sich verletzte Aktivisten. Sie wurden in ein Krankenhaus in Istanbul gebracht. Offizielle Stellen in Israel behaupten, 700 Aktivisten aus 42 Ländern, die auf der Flotte, die Hilfe für Gaza bringen wollte, festgenommen worden waren, seien mittlerweile freigekommen.

7 der Aktivisten, die bei dem israelischen Angriff verletzt wurden, werden angeblich immer noch in einem israelischen Krankenhaus behandelt.

3 Aktivisten - 1 Ire und 2 Frauen (aus Australien und Italien) - befinden sich noch immer in israelischer Haft. Wie Haaretz berichtet, befinden sich auch mehrere israelische Staatsangehörige weiterhin in Haft.

Amy Goodman:

Inzwischen wiegelt der israelische Premierminister, Benjamin Netanjahu, Kritik an der Aktion der israelischen Kommandos (gegen die humanitäre Flotte, die sich in internationalen Gewässern befunden hatte) ab. Er bezeichnet sie als "Heuchelei". In einer im Fernsehen übertragenen Rede sagte er, die israelischen Soldaten hätten in Notwehr gehandelt. Während er dies sagte, beschloss der UN-Menschenrechtsrat eine unabhängige, internationale Untersuchung, die ermitteln soll, was bei der Enteraktion geschah.

Inzwischen wendet sich die Aufmerksamkeit dem nächsten Schiff auf dem Mittelmeer zu, das versucht, die israelische Gaza-Blockade zu durchbrechen*. Das Schiff heißt 'Rachel Corrie' - zum Gedenken an die amerikanische Friedensaktivistin, die 2003 von einem israelischen Militärbulldozer zerquetscht wurde, als sie versuchte, das Haus einer palästinensischen Familie vor dem Abriss zu retten. Auf dem neuen Schiff sollen sich rund 11 Personen befinden - unter ihnen die irische Friedensnobelpreisträgerin Mairead Corrigan Maguire.

Huwaida Arraf ist Vorsitzende des Free Gaza Movement. Sie befand sich auf einem der Schiffe der Flotte, als der Angriff stattfand. Sie wurde am Dienstag aus israelischer Haft entlassen. Sie ist uns per Telefon aus Ramallah/Westbank zugeschaltet.

Huwaida, willkommen bei Democracy Now! Können Sie uns etwas zu den neuesten Entwicklungen sagen bzw. zum Kommentar des israelischen Premiers?

Wir versuchen, Huwaida an die Strippe zu bekommen. Wenden wir uns zunächst einer anderen Gästin zu. Auch sie ist am Telefon: Sawsan Zaher gehört zum festen Anwalts-Team von 'Adalah' (Zentrum für die Rechte der Arabischen Minderheit in Israel). Sie sprach mit vielen der verhafteten Aktivisten. Sie ist uns jetzt per Telefon aus Südisrael zugeschaltet.

Sawsan, was haben Sie von den Aktivisten - Hunderten - erfahren, die in Haft waren? Mit wem haben Sie gesprochen? Was sagten sie über das, was an Bord der Flotte geschah?

Sawsan Zaher:

Ja, nun, zunächst einmal: Guten Tag Ihnen allen.

Ich möchte eines betonen. Bevor es uns überhaupt gelang, zu den Aktivisten vorgelassen zu werden, war es ein langer Weg; wir mussten viele Hindernisse - vonseiten der israelischen Behörden -, überwinden. Wir hatten von den ersten 16 Verhafteten erfahren, die sich in israelischem Gewahrsam - in Haft - befanden. Sie wurden bereits am Montag festgenommen. Als wir davon erfuhren, stellten wir Anträge, um zu ihnen gelassen zu werden. Doch die ganze Zeit wurden wir abgewiesen. Gleich, als wir erfuhren, dass die Flotte angekommen war, dass die Flotte, oder ein Teil der Flotte, im Hafen von Ashdod lag, ging ich hin und bat, zu den Verhafteten vorgelassen zu werden. Schließlich hatten diese das Recht auf juristischen Beistand, um über ihre gesetzlichen Rechte informiert zu werden und so weiter. Auch ich wurde abgewiesen. Das Argument lautete: Der gesamte Hafen sei - im Rahmen der Aktion - zu einer geschlossenen militärischen Zone erklärt worden. Niemand dürfe hinein.

Man sagte uns, wir könnten erst am nächsten Tag kommen - am nächsten Tag, wenn sie alle ins Gefängnis gebracht würden. Das taten wir. Am nächsten Morgen kamen wir wieder. Wir waren um 9 Uhr 30 da. Leider sagten sie uns - im Widerspruch zu dem, was sie am Tag zuvor geäußert hatten -, dass keine Anwälte zugelassen würden. Dieser Tag sei für die Diplomatie reserviert. Keine Organisation dürfe sich einmischen. Ich bin heute sehr froh, dass wir nicht locker gelassen haben. Wir blieben dort - trotz ihrer Antworten. Gegen 13 Uhr durften wir rein. Sie ließen uns trotzdem noch rund 2 Stunden schmoren. Wir hatten viele Hindernisse zu überwinden, dann schafften wir es endlich, hinein zu kommen. Wir begannen...

Amy Goodman: Sawsan, bevor wir Ihre Geschichten hören... wir haben jetzt Huwaida Arraf wieder in der Leitung...

Sawsan Zaher:

Ja, natürlich.

Amy Goodman: ... es ist sehr schwer, zu ihr durchzukommen, daher möchte ich jetzt zu Huwaida übergehen. Sie befanden sich bei der Hilfsflotte. Beschreiben Sie uns, was mit Ihnen und den anderen Verhafteten geschah. Was haben Sie gehört? Was wird mit dem Schiff geschehen, das jetzt unterwegs ist?* Es ist ja ein Teil der Hilfsflotte.

Huwaida Arraf:

Sicher. Ich werde Ihnen sagen, was ich kann. Danke, dass Sie mich eingeladen haben, Amy.

Ich befand mich auf der Challenger. Dieses Schiff fuhr unter amerikanischer Flagge. Es war eines der 6 Schiffe der Flotte. Gegen Mitternacht nahm die israelische Marine Funkkontakt zu uns auf. Sie wollten Informationen. Wir gaben sie ihnen. (Sie wollten wissen), wer wir seien, unter welcher Flagge wir segelten, woher wir kämen und wohin wir wollten. Dann fingen sie an, uns zu bedrohen. Sie forderten uns auf abzudrehen. Sie sagten, sie seien gewillt, alle nötige Gewalt anzuwenden, um die Blockade von Gaza aufrechtzuerhalten.

Darauf antworteten wir, wir seien unbewaffnete Zivilisten und hätten lediglich Hilfsgüter an Bord. Aus diesem Grund gäbe es keine Rechtfertigung für Gewalt gegen uns. Wir drängten sie immer wieder, keine Gewalt gegen uns anzuwenden, wenn wir weiter Richtung Gaza fahren.

Einige Stunden später - ungefähr gegen 4 Uhr oder 4 Uhr 30, es war immer noch dunkel -, sahen wir, wie sich ihre Marineschiffe in schneller Fahrt näherten und unsere Schiffe dicht umkreisten. Auf unserem Schiff befanden sich rund 17 Leute - 5 davon amerikanische Staatsbürger. Wir gingen nach draußen, denn unser Plan war es gewesen, sie davon abzuhalten, an Bord des Schiffes zu kommen. Wir wollten tun, was wir konnten - aber nur mit unseren Körpern. Weil ich nach draußen ging, konnte ich sehen, was auf dem türkischen Schiff, der Mavi Marmara, vor sich ging. Wir waren ziemlich gleichauf mit ihr - (wir befanden uns) auf der linken Seite der Mavi. Ich sah jetzt Zodiac-Boote, voller bewaffneter Kommandos, die auf das Schiff zukamen. Dann hörte ich mehrere Explosionen, die ich für Tränengas - Entschuldigung, für Schockgranaten oder Lärmgranaten - hielt. Dann wurde... das Feuer eröffnet. Da wir auf unseren Schiffen keine Waffen oder Gewehre hatten, muss das Feuer von den israelischen Kommandos gekommen sein. Auch ein Helikopter flog über uns. Was die Leute auf dem Schiff (Mavi Marmara) betrifft, so konnte ich erkennen, dass sie zunächst nur Wasserschläuche einsetzten, um die israelischen Soldaten am Vorrücken zu hindern. Das ist alles, was ich sehen konnte. Dann beschloss unser Schiff, möglichst schnelle Fahrt aufzunehmen.

Obwohl wir ursprünglich vereinbart hatten, alle zusammen zu bleiben und einander beizustehen, sagte der Kapitän der Mavi Marmara, wir sollten weiterfahren. Wir sollten versuchen, Funksprüche zu versenden und der Welt mitzuteilen, was hier vor sich ging, dass wir angegriffen worden seien. Also nahm unser Schiff volle Fahrt auf. Wir versuchten zu verhindern oder wenigstens zu verzögern, dass sie an Bord kamen. Leider gelang es uns nicht zu funken, weil unser Satellitenkommunikationssystem lahmgelegt wurde. Nach 10 bis 15 Minuten gelang es ihnen, unser Schiff einzukreisen und an Bord zu kommen.

Wir versuchten, (ihnen) den Weg mit unseren Körpern zu verstellen. Wir wiederholten: Dies ist ein Schiff unter amerikanischer Flagge, wir sind unbewaffnete Zivilisten, kommen Sie nicht an Bord. Sie trugen Masken und hatten Gewehre bei sich. Sie rückten weiter gewaltsam vor. Sie warfen Schockgranaten auf das Schiff. Sie taserten Leute, die einfach nur versuchten, sich ihnen in den Weg zu stellen. Wir hatten - wir versuchten, sie daran zu hindern, an Bord zu kommen. Sie zerbrachen die Glastüren und verschafften sich so Zugang zum Steuerhaus. Wer sich ihnen in den Weg stellte, wurde niedergeschlagen. Ein junger belgischer Freiwilliger hatte ein ganz blutiges Gesicht. Nur, um Ihnen ein Beispiel zu geben, wie sie mit uns umgingen: Sie packten mich bei den Haaren und schlugen meinen Kopf gegen das Deck. Sie traten mir auf den Kopf, um mir die Hände hinter dem Rücken mit Handschellen zu fesseln. Dann zogen sie mir einen Sack über den Kopf. So brutal wurden wir von ihnen behandelt. Israel sagt, yeah, sie seien so gewaltfrei wie möglich vorgegangen; sie seien Diejenigen gewesen, die angegriffen wurden.

Sie suchten sofort nach allen Aufnahmegeräten, nach Medien/Ausrüstung, nach Telefonen, Kameras und konfiszierten diese Dinge. Dann machten sie ihre eigenen (Kamera-)Aufnahmen, die zeigen, wie sie das Schiff übernahmen.

Juan Gonzalez: Huwaida, ich stelle ihnen die folgende Frage, weil sie so umstritten ist und die israelische Regierung den Sachverhalt vehement leugnet. Es geht um die erste Explosion auf dem Hauptschiff - die Sie ja gehört haben. Erfolgte sie, bevor irgendein Israeli an Bord kam?

Huwaida Arraf:

Ja, ja, Wissen Sie, auf unserem Schiff hielt immer eine Person Wache - einfach, damit wir wussten, wenn sie kamen. Sobald wir gerufen wurden - "ihre Marineboote kommen" -, gingen wir nach draußen, auf das Deck unseres Schiffes. Also sah ich, wie die Zodiac-Boote sich der Marmara näherten und schließlich gleichauf waren. Gleich danach erfolgten die Explosionen. Das war noch bevor... das war fast im selben Moment, als wir hörten, beziehungsweise sahen, dass sich die Boote näherten. Sie hatten wirklich keine Zeit, vor diesen Explosionen zu entern. Es handelte sich nicht nur um Schockgranaten. Sie haben auch das Feuer eröffnet. Ich kann Ihnen nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es sich um Gummigeschosse oder um scharfe Munition, also Stahlkugeln, handelte. Das weiß ich nicht genau, aber das Feuer wurde definitiv eröffnet, bevor sie auf das Schiff kamen.

Amy Goodman: Huwaida, wann erfuhren Sie, dass auf dem anderen Schiff Menschen getötet worden waren?

Huwaida Arraf:

Das war erst viel später - als sie uns in den Hafen von Ashdod schleppten. Als wir das Schiff verließen, protestierten wir immer noch. Wir sagten zu den israelischen Soldaten, wir fühlten uns gehijackt. Wir seien in internationalen Gewässern angegriffen worden. Wir waren noch 70 Meilen von der Küste Gazas entfernt gewesen - und nicht einmal in der Nähe von israelischen Gewässern. Wir wollten nicht nach Israel. Also hoben sie uns an Händen und Füßen hoch - eine Person nach der andern. Einige gingen zu Fuß, aber die andern wurden von Bord geschleppt. Dann wurden wir voneinander getrennt. Daher habe ich anschließend keinen meiner Kollegen mehr gesehen. Ich durchlief verschiedene Verhörstufen. Es war einer der Offiziere, der mir sagte, dass es Opfer gegeben habe. Zu diesem Zeitpunkt erfuhren wir nicht, wie viele es waren. Wir sind im Grunde immer noch dabei, die volle Wahrheit herauszufinden: Wer ist betroffen, wie viele sind es?

Amy Goodman: Wir haben aus den türkischen Medien erfahren, dass es 9 Tote gegeben hat. 8 von ihnen lebten in der Türkei, einer war US-Staatsbürger. Entspricht das Ihrem Informationsstand?

Huwaida Arraf:

Ja. Ja, das ist der letzte Stand meiner Informationen. Wir ermitteln weiter, um sicherzugehen, aber das ist der aktuelle Informationsstand, den auch ich habe. Wissen Sie, es ist wichtig, darüber zu sprechen, denn ich weiß, wie die israelische Lügenfabrik funktioniert. Sie werden versuchen zu behaupten, wir hätten uns brutal verhalten, und die Opfer seien allein unsere Schuld. Nur ein paar Bemerkungen. Erstens, SIE waren die ursprünglichen Aggressoren. Zweitens, sie hätten nicht angreifen müssen, denn sie wussten ja, dass wir keine Bedrohung für wen auch immer waren. Wir haben ihnen immer wieder gesagt, dass wir unbewaffnete Zivilisten seien. Wir sagten ihnen, dass man uns in dem Hafen, von dem wir aufgebrochen waren, durchgecheckt hat. Wir sagten ihnen auch, dass wir mit zusätzlichen Durchsuchungen durch eine neutrale Organisation einverstanden wären - durch die UNO oder das Internationale Rote Kreuz. Wir haben nichts, gar nichts, verheimlicht. Aus diesem Grund gibt es absolut keine Rechtfertigung für diese Gewalt gegen uns. Ich meine, sie sandten bewaffnete Kommandos, um unbewaffnete Schiffe anzugreifen, die lediglich Hilfsgüter an Bord hatten und in den Gazastreifen wollten.

Juan Gonzalez: Huwaida, wie hat man die israelischen Bürger, die auf den Schiffen waren, behandelt? Offensichtlich ging man mit ihnen noch härter um als mit den Internationalen an Bord. Haben Sie irgendwelche Informationen hierzu?

Huwaida Arraf:

Ja. Nun, ich weiß, dass sie versuchten - dass sie Schritte unternommen haben -, um die 4 Palästinenser mit israelischem Pass (an Bord), strafrechtlich zu verfolgen, zum Beispiel eine junge Frau namens Lubna, die eine der Organisatorinnen der Bewegung 'Free Gaza' ist. Sie erhoben Anschuldigungen gegen sie, sagten, sie hätte Gewalt angewendet und so weiter. Doch ich denke, dass sie schließlich erkannt haben, dass dies keine stichhaltige Anschuldigung abgeben würde - ebensowenig wie ihre Anschuldigung gegen uns, wir hätten Waffen an Bord gehabt. Später rückten sie von solchen Behauptungen wieder ab und sagten, es habe keine Waffen auf unseren Schiffen gegeben. Ebenso würde es sich auch als nicht stichhaltig erweisen, wenn sie diese Vier beschuldigten, sie hätten Gewalt angewendet. Es gab da dieses Gefühl der Solidarität zwischen den Menschen, die an der Mission teilnahmen. Leute, die verhaftet wurden und von den Anschuldigungen gegen diese 4 Personen erfuhren, weigerten sich, das Land zu verlassen, bevor nicht auch diese Vier freigelassen worden wären. Gestern fand am Flughafen eine große Demo statt. Vor allem die türkischen Aktivisten weigerten sich, in die Flugzeuge zu steigen, bevor nicht klar war, dass auch die 4 palästinensischen Bürger/innen Israels freikommen würden. Heute morgen sollen sie freikommen.

Amy Goodman: In den USA lautet die große Frage in den Medien - in den Medien, die darüber berichten: Warum haben sie keine Durchsuchungen erlaubt, damit sie (die Israelis) sich davon überzeugen konnten, dass es sich um humanitäre Güter handelt? In einem Interview, das Sharif Abdel Kouddous gestern mit dem stellvertretenden israelischen Botschafter bei der UNO führte und das wir ausgestrahlt haben, sagte er, dass sie das Recht hätten, an Bord von Schiffen in internationalen Gewässern zu gehen, wenn es sich um eine Bedrohung handele, so der Botschafter, sie könnten das machen, es sei legal.

Huwaida Arraf:

(Unverständlich) .... (sie) fragten nicht einmal, nie, ob sie an Bord kommen und unser Schiff durchsuchen dürften. Stattdessen boten sie uns an, ihnen unsere Fracht zu überlassen. Sie würden sie nach Gaza bringen. Dazu sind zwei Dinge zu sagen: Erstens, es ist wirklich dumm, so etwas zu sagen, denn unsere Fracht ist genau die Art von Fracht, die sie seit mehr als drei Jahren NICHT nach Gaza lassen - obwohl es sich lediglich um Güter der Grundversorgung handelt, die in Gaza dringend benötigt werden, zum Beispiel Systeme zum Filtern von Wasser, Universitätsliteratur, Papier für Schulen, Baumaterial für den Wiederaufbau, Fertighäuser. Sie lassen diese Fracht nicht durch ihren so genannten 'humanitären Korridor'. Die israelische Blockade von Gaza ist so umfassend. Sie wollen die Palästinenser im Grunde einfach nicht leben und nicht sterben lassen, so dass niemand behaupten kann, sie würden tatsächlich verhungern. Aber ein Leben ist es auch nicht. Sie haben Gaza in eine Situation versetzt, in der 80 Prozent der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Und Israel lässt die humanitäre Hilfe hineintröpfeln.

Es liegt also nicht in unserem Interesse, diesen Kreislauf fortzusetzen. Wir müssen uns für ein Ende dieser Politik einsetzen, die Palästinenser von humanitärer Hilfe abhängig macht. Aus diesem Grund genügt es nicht - durch Verhandlungen mit Israel - Hilfsgüter zu übergeben. Wir müssen diese Politik stoppen, damit die Palästinenser wieder Zugang zur Außenwelt haben, damit sie wieder importieren, produzieren und exportieren können, damit sie eine Wirtschaft aufbauen und ein Leben in Würde führen können - und nicht länger auf Almosen angewiesen sind. Das zu erkennen, ist somit sehr wichtig. Ihnen (den Israelis) die Fracht zu überlassen, damit sie sie (angeblich) hineinbringen, hätte aus zwei Gründen nicht funktioniert. Erstens hätten sie die Fracht nicht wirklich hineingebracht. Zweitens geht es darum, die Politik zu ändern.

Amy Goodman: Huwaida, haben die Passagiere auf Ihrem Schiff darüber diskutiert, ob man den Kommandos in irgendeiner Form Widerstand leisten sollte? Waren Sie auf diese Reaktion der Kommandos an Bord gefasst? Auf ihre Aktionen?

Huwaida Arraf:

Nun, wir, als Bündnis, haben uns verständigt. Es gab mehrere Organisationstreffen, bevor wir die Flotte letztlich in See stechen ließen. Wir, als Organisations-Komitee, waren übereingekommen, keinen gewaltsamen Widerstand irgendwelcher Art zu leisten. Wir würden versuchen, unsere Schiffe zu verteidigen, so gut es ginge und unter Einsatz unserer Körper. Wir kamen auch überein, dass der Einsatz von Wasser, oder Wasserschläuchen, okay sein würde, um sie fernzuhalten. Aber wir würden erstens keine - keine Waffen irgendwelcher Art auf dem Schiff mitführen und zweitens keine physische Gewalt anwenden, um sie abzuwehren.

Das haben wir auf unserem Schiff auch genau befolgt. Wir versuchten, uns mit unseren Körpern in den Weg zu stellen. Deshalb haben sie uns zusammengeschlagen, aber wir haben nicht reagiert, indem wir die Soldaten angriffen. Zum Zeitpunkt des Angriffes war ich nicht auf der Marmara, daher kann ich nicht sagen, was dort genau ablief. Allerdings würde es mich nicht wundern, wenn sich einige Leute nicht an die Übereinkunft des Bündnisses oder der Mitglieder des Organisationskomitees gehalten hätten. Ich meine, wir sprechen von einem Schiff mit 560 Menschen. Die meisten hatten ein Training absolviert und sich orientiert, aber wenn mitten in der Nacht mehrere Kommandos auftauchen und das Feuer auf dein Schiff eröffnen und aus der Luft auf dein Schiff herabsteigen.... Es wäre möglich, dass Einige sich gefühlt haben, als müssten sie sich verteidigen. Doch sie verteidigten sich nicht mit Waffen, nicht mit Gewehren. Die Israelis hatten Waffen. Sie waren Diejenigen, die zuerst angriffen. Der Versuch, einige Leute zu kriminalisieren, die vielleicht Stühle geschwungen haben oder was auch immer, um sich zu verteidigen, ist ziemlich fehl am Platze.

Juan Gonzalez: Was sagen Sie dazu, dass einige Leute offenbar auch Kinder dabei hatten? Was sagen Sie zu der Kritik, dass die israelische Regierung Kinder in eine so riskante Situation gebracht hat?

Huwaida Arraf:

Ich verbrachte mehrere Tage auf der Mavi Marmara, nachdem auf unserem Schiff einige kleinere technische Probleme aufgetreten waren. Es gab dort nur ein einziges Kind. Der Erste Schiffsmaat der Marmara  hatte seine Frau und seinen kleinen Sohn mit an Bord. Sie waren fast die ganze Zeit im Quartier des Kapitäns. Generell ist es gemäß internationalem Recht erlaubt, dass der Erste Maat und der Kapitän ihre Familien mitnehmen. Ob diese Entscheidung weise war oder nicht - ich fühle mich nicht befugt, dies zu kommentieren. Aber außer dieser Familie, diesem einen Kind, gab es keine Kinder an Bord.

Amy Goodman: Huwaida - was ist mit dem Bild, das auf dem Video (des israelischen Militärs) zu sehen ist: Man sähe, wie das Kommando von Männern mit Stangen (oder Stöcken, das ist nicht klar) angegriffen worden sei, heißt es in der Beschreibung.

Huwaida Arraf:

Wie gesagt, es fällt mir schwer, etwas dazu zu sagen, denn ich war nicht auf dem Schiff, als es passierte. Aber es gibt zwei Aspekte, die mich ein wenig - die mich daran zweifeln lassen.

Erstens, ich habe gesehen, wie sie uns - auf unserem Schiff - behandelt haben. Wir hatten keine Stöcke oder Derartiges. Trotzdem waren sie sehr gewalttätig und beeilten sich, alle Aufnahmegeräte, und Ausrüstung dieser Art, die wir dabei hatten, zu entfernen. Daher ist alles Bildmaterial von uns weg. Dann machten sie sich daran, ihre eigenen Videos zu produzieren. Aus diesem Grund würde ich deren Authentizität in Zweifel ziehen.

Aber nehmen wir einmal an, es wäre authentisch und einige Leute hätten tatsächlich Stangen oder was immer sie hatten, eingesetzt. Wir müssen uns immer wieder die Tatsache vor Augen halten, dass Israel den ersten Angriff startete. Sie fingen an, auf das Schiff zu feuern - bevor die Soldaten auch nur an Bord kamen. Wir hatten ein Übereinkommen - wir, als Bündnis - dass wir uns nicht durch Kampf verteidigen würden und keinen physischen Widerstand irgendwelcher Art leisten würden. Aber manchmal hat man keine Kontrolle über Menschen - darüber, wie Menschen auf Gewalt reagieren. Es könnte passiert sein. Aber die Menschen, die sich auf diese Weise gewehrt haben könnten, sollten nicht kriminalisiert oder verurteilt werden - sie nicht. Schließlich wusste Israel, dass es einen massiven Angriff gegen unbewaffnete Schiffe und unbewaffnete Zivilisten durchführt. Ich weiß nicht, was sie (die israelischen Soldaten) - was sie dachten. Dachten sie, die Leute würden sie willkommen heißen auf dem Schiff, nachdem sie geschossen hatten und Masken trugen? Sie haben ihre Masken nie abgenommen. Sie trugen M16 (Maschinengewehre) und andere Waffen bei sich. Keine Ahnung, was sie erwartet haben. Die israelische Politik trägt die Schuld an den Opfern, wirklich.

Amy Goodman: Zum Schluss noch etwas zu den Schiffen, die noch unterwegs sind*. Denis Halliday, ein ehemaliger Assistent des UNO-Generalsekretärs, der für den Irak zuständig war** ist auf dem einen Schiff, ebenso die Friedensnobelpreisträgerin Mairead Maguire. Sie nähern sich Gaza. Was ist der Plan?

Huwaida Arraf:

Ja, sie befinden sich auf dem Motorschiff 'Rachel Corrie'. Es war von Anfang an geplant, dass es in unserer Flotte mitfährt. Doch es hatte technische Probleme - ebenso wie ein zweites Schiff, das zu der Flotte gehören sollte. Es hatte ebenfalls technische Probleme. Leider kamen sie zu spät. Zunächst wollten wir keinen Sabotageverdacht äußern. Wir sagten nichts, versuchten einfach, mit der Situation fertigzuwerden (unverständlich)... vor zwei Tagen aber protzte Israel, es habe Sabotage an unseren Schiffen verübt. Trotz alledem, es wird sie nicht fernhalten. Wir konnten es beheben. Die MV Rachel Corrie hat abgelegt. Sie befindet sich jetzt im Mittelmeer. Die Persönlichkeiten, die Sie erwähnt haben, sind an Bord. Wir - als Organisation und Bündnis - machen uns Gedanken über den strategisch optimalen Zeitpunkt und die beste Art und Weise, wie sich das Schiff Gaza nähern sollte. Wir sind noch immer mit den Opfern und den Folgen des Angriffs auf unsere letzte Flotte beschäftigt und wollen sicherstellen, dass diese Fahrt möglichst gut dokumentiert und geschützt verläuft. Wir tun unser Möglichstes, damit sie die bestmögliche politische Unterstützung - für einen Erfolg - erhalten, die wir bereitstellen können. Das Schiff macht sich für seine Reise nach Gaza bereit - es wird Gaza wohl in ein bis zwei Tagen erreichen*. Gleichzeitig überlegen wir, ob wir es zurückhalten sollen, bis wir mehr Unterstützung zusammentrommeln können. Wir wollen sicherstellen, dass der MV Rachel Corrie und den Schiffen, die nach ihr kommen werden, nicht dasselbe passiert wie der letzten Flotte. Im Moment ist die Empörung groß, und die Leute sind bereit, mehr Schiffe und mehr Fracht zur Verfügung zu stellen, so dass wir unsere Bemühungen aufrechterhalten können - unsere internationalen zivilen Bemühungen, die Belagerung von Gaza zu brechen. So - wir werden versuchen, euch möglichst auf dem Laufenden zu halten.

Amy Goodman: Wir danken Ihnen, Huwaida Arraf, dass Sie am Telefon bei uns waren. Huwaida Arraf ist Gründerin der 'Internationalen Solidaritätsbewegung' (ISM) und Vorsitzende des Free Gaza Movement. Sie war bei der "Freedom Flotilla". Auf dem Weg nach Gaza landeten israelische Kommandos und griffen die Flotte an. Hier ist Democracy No!. Wir sind in einer Minute zurück.

(Pause)

Amy Goodman: Wir setzen unser Gespräch über die Flotte mit Hilfsgütern fort - Juan?

Juan Gonzalez:

Wir haben jetzt eine Person in der Leitung, die an Bord des Schiffes war: Ann Wright ist eine pensionierte Frau Oberst der US Army und eine ehemalige Diplomatin. Sie war 29 Jahre lang beim Militär und später mehrere Jahre hochrangige Diplomatin im Dienst des US-Außenministeriums. 2001 überwachte sie die Wiedereröffnung der US-Mission in Afghanistan. 2003 kündigte sie im Außenministerium, um gegen den Krieg im Irak zu protestieren. Sie war auf einem der Schiffe der "Freedom Flotilla" und wurde gerade in die Türkei abgeschoben.

Amy Goodman: Frau Oberst Wright, willkommen bei Democracy Now!.

Ann Wright:

Hallo, Amy, hallo, Juan.

Amy Goodman: Sagen Sie uns, was Ihnen widerfahren ist?

Ann Wright:

Nun, ich befand mich ebenfalls (wie Huwaida Arraf) auf der Challenger 1. Lassen Sie mich Huwaida und allen anderen Mitgliedern der Free-Gaza-Bewegung gegenüber ein großes Kompliment aussprechen. Es war eine unglaublich, unglaublich tolle Leistung, diese Bewegung aufzubauen (und eine Flotte) aus 6 großen Schiffen zusammenzustellen, die nach Gaza aufbrachen. Ich kann Ihnen sagen, es war enorm spannend zu sehen, wie diese Boote sich im Wasser bewegten, wie diese Zivilisten die Regierungen der Welt herausforderten, die behaupten, die Belagerung - mit der 1,5 Millionen Menschen in Gaza stranguliert werden -, sei notwendig. Doch die Bürger/innen dieser Welt widersprechen mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen.

Juan Gonzalez: Sagen Sie uns, was Sie gesehen haben und wie Sie von den israelischen Soldaten behandelt wurden.

Ann Wright:

Nun, ich sah den Angriff auf die Marmara. Ich sah auch, wie die Helikopter über uns flogen und wie die Soldaten abgeseilt wurden. Ich sah die Zodiac-Boote, die seitlich anlegten, sah ihre Gischt aufspritzen. Dann teilte uns der Kapitän der Marmara mit, wir sollten möglichst weit weg fahren, denn unser Schiff war das schnellste. Doch - wie schon Huwaida akkurat beschrieben hat -, kamen sie auch auf unser Schiff. Die Menschen wurden auf Deck geworfen. Fenster wurden eingeschlagen. Schockgranaten wurden eingesetzt. Eine unserer Journalistinnen wurde mit einer Art Elektroschocker berührt. Ich weiß nicht, ob es sich um einen Taser handelte. Sie weiß es noch immer nicht. Eine der Frauen wurde von Bällen, die mit einer Flüssigkeit gefüllt waren, im Gesicht getroffen. Sie gingen extrem brutal, extrem gewalttätig, vor, während sie versuchten, das Schiff zu verlangsamen, es zum Stillstand zu bringen. Dabei hatten wir schon gestoppt. Sie haben uns nicht gestoppt - keineswegs. Wir lagen still auf dem Wasser. Dennoch setzten sie all diese Gewalt gegen uns ein.

Amy Goodman: Frau Oberst Wright, würden Sie bitte kommentieren, was Vizepräsident Biden sagte? Er war gestern Abend in der Charlie Rose Show und stellte die Frage, warum es eine so großartige Sache sei, humanitäre Hilfe direkt nach Gaza zu bringen. Hier seine Aussage:

(Einblendung)

US-Vizepräsident Joe Biden:

Man mag darüber streiten, ob Israel diese Leute (Soldaten) auf dem Schiff hätte absetzen sollen oder nicht, aber die Wahrheit ist doch, dass Israel ein Recht hat zu wissen - es befindet sich ja im Krieg mit der Hamas - ein Recht hat zu wissen, ob hier Waffen eingeschmuggelt werden. Und, Charlie, was ist bis jetzt passiert? Sie (die Israelis) haben gesagt: "Das geht so. Ihr befindet euch im Mittelmeer. Wenn ihr euch ein wenig nördlicher (Richtung Israel) wendet, könnt ihr ausladen, und wir werden das Zeug nach Gaza schaffen". Warum ist das also so eine großartige Sache? Was ist so großartig daran, darauf zu bestehen, sie (die Fracht) direkt nach Gaza zu bringen? Es ist legitim, wenn Israel sagt: "Keine Ahnung, was auf dem Schiff ist. Diese Typen (Hamas) schießen 8 -  3000 Raketen auf unsere Leute ab". (Ende)

Amy Goodman: Das sagte unser Vizepräsident Biden gestern Abend. Was antworten Sie darauf, Frau Oberst?

Ann Wright:

Nun, meiner Meinung nach sollte unser Vizepräsident sich die Sache noch einmal genauer ansehen. Die Schiffe wurden vorher inspiziert - und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch der Mossad seine kleinen Spitzel überall vor Ort hatte. Die beteiligten Gruppen sind humanitäre Gruppen. Sie bringen Güter, die gebraucht werden zu den Menschen von Gaza. Sie wurden wirklich oft inspiziert.

Zum Thema Gewalt. Die Hamas hat sicher keine 3000 Raketen in Gaza. Die Israelis hingegen griffen (Gaza) 22 Tage lang an und töteten 1 400 Menschen. Weitere 5 000 wurden verletzt. 50 000 sind obdachlos. Ein Jahr und 4 Monate später lassen die Israelis noch immer kein Baumaterial für den Wiederaufbau rein. Und nun, da das Material für den Wiederaufbau per Schiff kommt, warten sie nicht ab, bis... sie haben eine Zone, die sie schützen. Wenn ein Schiff in diese Zone gerät, wird es gestoppt.

Es gibt Mittel und Wege, sie (die Schiffe) zu stoppen, ohne Menschen zu töten.

Es gibt Mittel und Wege, um selbst Passagierschiffe, wie beispielsweise eine Fähre, (friedlich) zu stoppen - und ganz bestimmt ein so kleines Schiff wie das unsere, das nur 30 Fuß lang war. Der Einsatz von Kommandos ist unnötig. Ich meine, natürlich kann man Kommandos einsetzen, die mit exzessiver Gewalt vorgehen, so wie sie das tun, doch - ganz ehrlich -, es gäbe andere Wege, falls man vorhat, sich einen gewissen Sinn für zivilisiertes Benehmen und Menschlichkeit zu bewahren und sich an das internationale Recht halten will.

Wer sich nicht an die Richtlinien hält - in internationalen Gewässern... Sie sind Piraten - das sind sie. Sie sind Piraten. Sie entführen Leute und stehlen ihr Gut. Sie haben ganz sicher Kameras, Computer und Handys im Wert von mehr als einer Million Dollar gestohlen. Ich befinde mich hier in Istanbul. Wir sind hier am frühen Morgen eingetroffen. Ein paar Gepäckstücke sind hier. Sie sind vollkommen leer. Sie haben alles genommen. Das israelische Militär erklärte: "Oh, ja, wir müssen das zählen. Wissen Sie, wir müssen das an uns nehmen". Was haben sie getan? Sie haben es gestohlen. Wenn wir Freunde in Israel haben, dann bitte ich sie, sich auf dem Schwarzmarkt nach unserem Besitz umzusehen, denn irgendjemand macht einen riesen Reibach damit.

Juan Gonzalez: Ann Wright, als Sie in israelischer Haft waren - wie wurden Sie und die anderen Gefangenen behandelt?

Ann Wright:

Nun, wir kamen in ein nagelneues israelisches Gefängnis. Niemand war vor uns in diesem Gefängnis in Bersheba. Die Behandlung ging einigermaßen. Aber als wir am Flughafen ankamen, habe ich eine Erfahrung gemacht: Ich habe noch nie erlebt, dass so genannte Gesetzeshüter andere Menschen derart respektlos behandelt haben. Sie lachten, kicherten und machten sich über die Toten und Verwundeten lustig. Es war wirklich ein jämmerliches Verhalten für Gesetzeshüter. Und ich denke, was wir, als internationale Ausländer, hier erlebt haben, ist nur die Spitze des Eisbergs, verglichen mit dem, was die Palästinenser Tag für Tag mit diesen Typen, diesen offiziellen Gesetzeshütern, erleben.

Amy Goodman: Frau Oberst Ann Wright - vielen Dank, dass Sie uns zugeschaltet waren. Sie sprach mit uns aus Istanbul, wo sie nach ihrer Abschiebung soeben angekommen ist (...) Sie befand sich mit Huwaida Arraf bei der "Freedom Flotilla".

Anmerkung d. Übersetzerin

*Am Samstag, den 5. Juni, wurde die MV Rachel Corrie von der israelischen Marine im Mittelmeer gestoppt und in die israelische Hafenstadt Ashdod gebracht.

**Denis Halliday (und ebenso sein Nachfolger, der deutsche UNO-Diplomat Hans von Sponeck) traten von ihrem Posten als Assistenten des UNO-Generalsekretärs zur Überwachung der UNO-Sanktionen im Irak während der 90ger Jahre zurück, als sie sahen, dass diese Sanktionen vor allem der Zivilbevölkerung immens schadeten.

Übersetzt von: Andrea Noll
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