Zehn Jahre nach Seattle
Nur durch Aktionen wird Wahrheit zu Realität
von Walden Bello
29.11.2009 — YES! / ZNet
Weltwirtschaftsgipfel 1999. Die Globalisierung schien sich so rasch zu vollziehen, dass sie alles vor sich herschob, auch die Wahrheit. Doch in Seattle machten Frauen und Männer - durch kollektive Aktionen - die Wahrheit real.
Dass die Globalisierung hinsichtlich ihrer drei Versprechungen - Eliminierung der Armut, Reduzierung der Ungleichheit und Beendigung der Stagnation von Staaten - gescheitert ist, wird heute allgemein akzeptiert. Die Wurzeln der aktuellen globalen Abwärtsspirale liegen in einer von den Konzernen vorangetriebenen Globalisierung plus einer Finanzliberalisierung und einer Ideologie des Neoliberalismus, die Beides legitimierte. Der Abwärtstrend hat der Globalisierung ihren letzten Sargnagel verpasst.
Vor zehn Jahren war die Situation noch eine ganz andere. Ich erinnere mich an die triumphale Stimmung, die rund um das erste Ministertreffen der Welthandelsorganisation, das 1996 in Singapur stattfand, herrschte. Damals sagten uns die Vertreter der USA und anderer "entwickelter" Nationen, die Globalisierung - mit den Konzernen als Motor - sei unausweichlich. Sie sei die Zukunftswelle. Die einzige Aufgabe, die es noch zu bewältigen gäbe, wäre eine "kohärentere" Politik von Weltbank, Internationalem Währungsfonds (IWF) und WHO. Dies sei nötig, um die neoliberale Utopie einer integrierten, globalen Wirtschaft schneller umzusetzen.
Die Geschwindigkeit, mit der sich die Globalisierung entwickelte, schien alles vor sich herzutreiben - auch die Wahrheit. In dem Jahrzehnt, das dem Treffen von Seattle voranging, gab es viele Studien - inklusive Berichte der Vereinten Nationen - die infrage stellten, dass die Globalisierung und die Politik des Freien Marktes tatsächlich zu nachhaltigem Wachstum und Wohlstand führten. In Wirklichkeit legte die Datenlage nahe, dass die Globalisierung und die Politik des Freien Marktes Ungleichheit und Armut förderten und wirtschaftliche Stagnation - vor allem im globalen Süden - konsolidierten. In den Augen der Gelehrten, der Presse und der Politiker, die pflichtschuldigst das neoliberale Mantra wiederholten, dass Wirtschaftsliberalisierung das Wachstum und den Wohlstand fördere, waren diese Zahlen jedoch "Annahmen" und nicht Tatsachen. Die orthodoxe Sicht, die in den Medien, in Klassenzimmern und politischen Kreisen bis zum Erbrechen wiederholt wurde, lautete: Die Kritiker der Globalisierung sind moderne Maschinenstürmer (Ludditen). Sie verhielten sich wie jene, die während der Industriellen Revolution die Maschinen zerstörten. Oder man bezeichnete uns als Leute, die glaubten, die Erde sei flach - wie uns Thomas Friedman voller Verachtung brandmarkte.
Dann kam Seattle. Nach jenen aufregenden Tagen war in der Presse auf einmal von "der dunklen Seite der Globalisierung" die Rede, von Ungleichheit und Armut, geschaffen durch die Globalisierung. Wir erlebten auf spektakuläre Weise, wie Leute das Lager der neoliberalen Globalisierer verließen - wie etwa der Finanzier George Soros, der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz oder der Starökonom Jeffrey Sachs. Der Rückzug der Intellektuellen aus der Globalisierung erreichte seinen Höhepunkt vor zwei Jahren, als ein Gremium von neoklassischen Ökonomen, unter Vorsitz von Angus Deaton (Princeton) und Ken Rogoff (ehemaliger Chefökonomen des IWF), einen umfassenden Report verfasste, der sich sehr ernsthaft mit der Entwicklungsabteilung der Weltbank befasste - von der die meisten Behauptungen stammten, dass die Globalisierung und die Aufhebung von Handelsbeschränkungen zu weniger Armut, einem nachhaltigeren Wirtschaftswachstum und weniger Ungleichheit führen würden. In dem Report steht, diese Abteilung der Weltbank habe bewusst Daten manipuliert und/oder unbewiesene Dinge behauptet.
Stimmt - viele Ökonomen und Technokraten befinden sich nach wie vor auf dem neoliberalen Holzweg. Doch bereits vor dem jüngsten globalen Finanzkollaps büßte der Neoliberalismus einen Großteil seiner Glaubwürdigkeit und Legitimität ein. Was war geschehen? Nicht so sehr Untersuchungen und Debatten machten den Unterschied - sondern Aktionen. Die Antiglobalisierungs-Aktionen auf den Straßen von Seattle - mit Massen von Menschen - waren nötig. Sie interagierten auf synergetische Weise mit dem Widerstand der Repräsentanten der "'Entwicklungsländer", die sich im Sheraton Convention Center befanden und mit der Randale durch die Polizei. So kam es in Seattle zu jenem spektakulären Kollaps eines Ministertreffens der Welthandelsorganisation. Aus Annahmen wurden Fakten - und Wahrheit. Das intellektuelle Debakel der Globalisierung durch Seattle hatte sehr reale Konsequenzen, denn heute gibt sogar der oberste Avatar der neoliberalen Ökonomie, die Zeitschrift 'Economist' , zu, dass "die Integration der Weltwirtschaft an fast allen Fronten auf dem Rückzug ist". Ein Prozess der "Deglobalisierung" habe eingesetzt, der zuvor undenkbar gewesen sei, heißt es.
Seattle war etwas, was der Philosoph Hegel als "welthistorisches Ereignis" bezeichnet hätte. Die langfristige Lehre, die daraus zu ziehen ist, lautet: Wahrheit ist nicht nur irgendetwas da draußen, das objektiv und permanent existiert. Wahrheit wird durch Aktionen endgültig geformt, realisiert und ratifiziert. In Seattle verwirklichten einfache Frauen und Männer die Wahrheit durch kollektive Aktionen. Auf diese Weise brachten sie ein intellektuelles Paradigma zu Fall, das der Kontrolle durch die Konzerne in ideologischer Hinsicht als Schutze gedient hatte.
Anmerkung d. Übersetzerin
Auf der Originalseite finden Sie viele Links in englischer Sprache
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